«Deutschland sitzt am Steuer»

Die ganze Krise dient nur dazu, «die Menschen Europas vom dritten Weltkrieg abzulenken.
Ein Krieg, der bereits begonnen hat, und der brutaler und gewaltiger sein wird, als der letzte …»

ev. Die scharfen Töne deutscher Politiker gegenüber der Schweiz erinnern an ungute Zeiten. Wer so daherkommt, hat «Rückendeckung» von «höherer Warte», betreibt jedenfalls nicht einfach nur Wahlkampf und Innenpolitik. Offenbar hat der grosse Bruder jenseits des Atlantiks Grösseres vor mit diesem neuen Deutschland. Dass Europa – und insbesondere Deutschland – eine zentrale Rolle in der amerikanischen Geopolitik spielt, ist kein Novum. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben die USA mit Zuckerbrot und Peitsche immer dafür gesorgt, dass sich Deutschland nicht zu sehr nach Osten orientiert: ein mit der Sowjetunion bzw. mit Russland alliiertes Deutschland würde nicht nur den Einfluss der USA auf Europa und ganz Eurasien einschränken, sondern, wie Zbigniew Brzezinski in seinem Buch «Die einzige Weltmacht – Amerikas Strategie der Vorherrschaft» unverblümt darlegt, auch die Weltmachtpläne der USA zunichte machen.
Nun sollen deutsche Politiker offenbar besondere Weihen des Empires in Empfang nehmen: Nachdem die jahrzehntelang in den Vordergrund gerückte Kriegsschuld Deutschlands politisch nicht mehr von Nutzen ist, darf Deutschland seine Grossmachtpläne unter Schirmherrschaft der USA im Rahmen der EU zu neuen Blüten bringen. So schreibt Timothy Garton Ash, Professor für Europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution (einem Think tank an der Stanford University, finanziert von grossen Unternehmen, der unter anderem George W. Bush vor seiner Wahl in internationalen Fragen unterrichtete) in der neuesten Ausgabe von Foreign Affairs, der Zeitschrift des Council on Foreign Relations, in einem Premium Artikel unter dem Titel «Die Krise Europas»:1

«Europäisches Deutschland, deutsches Europa»

«Deutschland ist der Schlüssel für Europas Zukunft, wie es das auf die eine oder andere Weise seit mindestens einem Jahrhundert gewesen ist. Die Ironie unbeabsichtigter Folgen ist dabei besonders fein. Wenn Kohl der erste Kanzler eines vereinigten Deutschlands seit Hitler war, so war François Hollande der erste sozialistische Präsident Frankreichs seit Mitterrand, und es ist das Erbe Mitterrands, mit dem er zu kämpfen hat. Die Währungsunion, die Methode, mit deren Hilfe Mitterand ein vereintes Deutschland auf seinem Platz zu halten beabsichtigte – als zweiter Fahrer neben Frankreich, der sich ihm gegenüber aber immer noch respektvoll verhielt –, hat schliesslich damit geendet, dass Deutschland am Steuer sitzt, während sich Frankreich als wütender Ehemann auf dem Beifahrersitz aufregt. (‹Links abbiegen, Angela, links abbiegen!›)» (S. 12)
    «Zur Zeit der deutschen Wiedervereinigung wurden deutsche Politiker nicht müde, ihr Ziel in den fein veränderten Worten des Schriftstellers Thomas Mann zu charakterisieren: ‹Nicht ein deutsches Europa, sondern eine europäisches Deutschland›. Was wir jedoch heute sehen, ist eine europäisches Deutschland in einem deutschen Europa. Dieses Deutschland ist ein beispielhaftes europäisches Land: zivilisiert, demokratisch, human, gesetzestreu und (obwohl Mann das wohl nicht gewertet hätte) sehr gut in Fussball. Aber die ‹Berliner Republik› steht auch im Zentrum eines deutschen Europas. Zumindest, wenn es um die Wirtschafts- und Finanzpolitik geht, gibt Deutschland den Ton an. (In der Aussen- und Verteidigungs­politik gilt nicht dasselbe, da sind Frankreich und das Vereinigte Königreich wichtiger.)» (S. 13)
    Und wohin wird uns dieses deutsche ­Europa führen? Es gibt ernsthafte Stimmen, die darauf hinweisen, dass die ganze Krise nur dazu diene, die Menschen Europas vom dritten Weltkrieg abzulenken. Ein Krieg, der bereits begonnen hat und der brutaler und gewaltiger sein werde als der letzte …
Das Projekt der US-vereinigten Staaten von Europa leuchtet den Bevölkerungen je länger, je weniger ein – die aktuelle Krise scheint nur gewisse Eliten, nicht aber die Völker Europas von einer angeblich ­«notwendigen politischen Union» zu überzeugen.    •

1    Timothy Garton Ash. The Crisis of Europe. In:
Foreign Affairs, September/Oktober 2012, S. 2–15.(Übersetzung Zeit-Fragen)