Fortschrittsglaube und Pioniergeist in der Schweiz

Von 1838 bis 1938 – hundert Jahre Eisenbahnbau im Engadin

thk. Wer schon einmal mit der Rhätischen Bahn von Tiefenkastel ins Engadin gefahren ist, behält meist ein Gefühl von Bewunderung, Begeisterung und grosser Faszination in Erinnerung. Was unsere Vorfahren bereits vor über 150 Jahren geleistet haben, kann nur höchste Anerkennung und Hochachtung ernten. Unter schwersten Bedingungen wurden Brücken über tiefste Schluchten gebaut, und um die Steigungen zu bezwingen, wurden kilometerlange Kehrtunnel mühsam in den Bündner Fels geschlagen. Auch der Eisenbahntunnel durch den Gotthard, natürlich nicht im Engadin, der 1880 den Durchstich erlebte, ist ein Zeichen dieses technischen Fortschritts, der die Schweiz besonders im Eisenbahnbau schon früh erfasst hat. Bis heute ist dieser Pioniergeist in unserem Land erhalten geblieben. Der Lötschberg-Tunnel oder die Neat mit dem 56 Kilometer langen Gotthard Basistunnel, die Durchmesserlinie in Zürich, die Alpen-Metro in Saas Fee sind bekannte Projekte aus unserer modernen Zeit.
Täglich werden Hunderte von grösseren und kleineren Tunneln von den Schweizerischen Bundesbahnen durchfahren, meist selbstverständlich für den Bahnreisenden. Diese ganze Entwicklung im Bahnbau zu beschreiben und zu dokumentieren wäre ein grosses Projekt.
Für die Bahngeschichte im Engadin hat dies ein Autorenteam verdankenswerterweise übernommen. Und nur dieser kleine Ausschnitt Schweizer Bahngeschichte füllt bereits ein dreihundertseitiges Buch.
Das Werk «Bahnvisionen im Engadin» von Marco Jehli, Heini Hofmann, Ernst Huber, Jon Duri Gross beschreibt auf eindrückliche Weise, wie das Engadin vom Eisenbahnfieber erfasst wurde und wie die fortschreitende Technisierung das Leben der Menschen verändert hat. Dazu gehört der Siegeszug des Automobils genauso wie die Eroberung weiter Regionen durch die Eisenbahn.
Dokumentiert wird in akribischer Kleinarbeit und mit teils unveröffentlichtem Bildmaterial die spannende Entstehungsgeschichte der Tal- und Bergbahnen im Engadin. Dabei werden sowohl gescheiterte Visionen als auch konkret umgesetzte Bahnprojekte genaustens beschrieben. Allein in der Zeit zwischen 1838, also noch vor der Entstehung des Bundesstaates, und 1938 gab es im Engadiner Hochtal 50 konkrete Eisen- und Bergbahnprojekte.
In dem Buch findet man zum Beispiel die ambitiöse Idee einer Gipfelbahn auf den Piz Bernina, den höchsten Berg der Bündner Alpen, die man nach der Einschätzung der Autoren zum Glück verworfen hat, wie ein ähnliches Projekt auf das Matterhorn oder den Montblanc. Andere Projekte wurden realisiert, besonders zu nennen ist hier der sukzessive und wohlüberlegte Ausbau der Rhätischen Bahn, der sich sowohl in das Puschlav als auch ins Unterengadin erstreckt und so auch den Bernina-Pass überwindet.
Neben dem technischen Fortschritt und dem Pioniergeist, der in der Schweiz geherrscht hat und der von bekannten Persönlichkeiten in konkrete Projekte umgesetzt worden ist, werden auch jene zahllosen Arbeiter gewürdigt, ohne deren Einsatz keine dieser Bahnlinien hätte erstellt werden können. Häufig mussten sie unter schwersten Bedingungen arbeiten, was sie in vielen Fällen mit Krankheit oder gar Tod bezahlen mussten. Auch ihnen ist ein würdiger Platz in dem Buch gegeben.
Das Buch ist ein Juwel für jeden Schweiz- und Eisenbahnbegeisterten. Es berichtet über die grossen Errungenschaften im Eisenbahnbau der letzten 150 Jahre im Engadin und lässt das Herz eines jeden Eisenbähnlers genauso höherschlagen wie beim Freund der Schweizer Bergwelt. Ein Buch, das begeistert, fasziniert, bildet und erfreut. Ganz nach dem Motto der Aufklärung «prodesse et delectare».     •