Das Ungarische Freilichtmuseum – auch im Herbst eine Freude

Ein Besuch im Ungarischen Freilichtmuseum ist allen zu empfehlen, die wissen möchten, wie die Menschen in Ungarns Dörfern und Marktflecken während der vergangenen zweihundert Jahre lebten.
Die Wohngebäude, die gemäss der traditionellen Dorfstruktur aufgebaut wurden, waren einst das Zuhause von Männern, Frauen und Kindern mit ihren sehr unterschiedlichen Schicksalen; und viele ihrer Namen sind uns bekannt. Die Gegenstände tragen die Spuren von Alltag und Festtag dieser Menschen und waren Zeugen des Lebens und Sterbens, der Arbeit, des Streits und der Liebe.
Das Freilichtmuseum vermag es, den Besuchern das ehemalige Dorfleben zu veranschaulichen, und die Art und Weise der Vermittlung ermöglicht über sinnliche Erfahrungen wie Farben, Stimmen, Gerüche und sogar Geschmack ein einmaliges Museums­erlebnis. Die Dauerausstellung zeigt die für die Regionen Ungarns typischen Eigenarten der Baukunst, der Wohnkultur, der Lebens- und Wirtschaftsweise.
Hier im Museum begegnen die Besucher täglich Menschen, die sich mit Arbeiten im und um das Haus beschäftigen. Sie erzählen gern, wie das Leinen in der Blaufärberei mit Indigo gefärbt wurde, was ein Maisspeicher ist oder wie das Leben in einem Rauchhaus ablief. In den Höfen lernen die Besucher mehr über Gemüse und Blütenpflanzen in den Gärten, aber auch über Ackergewächse oder die traditionellen ungarischen Haustierrassen.

Auf dem Gelände von fast 60 Hektar befinden sich 247 Ausstellungsgebäude, 5 km Spazierwege, Parkanlagen, Erholungsbereiche für Besucher, gelegen in einer wunderbaren, natürlichen Landschaft. Informationen und Karten dienen der Orientierung. In diesem Museumsführer finden Sie eine Karte, damit Sie Ihren Besuch planen können. Die Aufseher in den Gebäuden geben Ihnen gerne Auskunft, wenn Sie mehr über das Museum oder die Ausstellungen erfahren möchten. Informationen über aktuelle Programme finden Sie am Eingangsgebäude.
Das Museum ist in sieben regionale Einheiten aufgeteilt. Auch in diesem Buch sind die Beschreibungen der Sehenswürdigkeiten nach diesen Einheiten geordnet. Nicht nur über die Ausstellungen wird berichtet, neben der Beschreibung findet sich jeweils die Erläuterung eines interessanten Begriffs, eines Brauches oder Gegenstands.
Bei einem Museumsbesuch lassen sich Wanderfreude und Kulturerlebnis kombinieren. Das Freilichtmuseum als Teil des Duna-Ipoly Nationalparks ist ein Naturschutzgebiet. Wir bitten um Ihre Hilfe, um das Museum so zu bewahren, wie es unsere Vorgänger erträumt haben und wofür sich die heutigen Mitarbeiter einsetzen.

Das lebendige Museum

Das Freilichtmuseum hat nicht nur das Ziel, der Nachwelt die Werte der bäuerlichen Kultur «konserviert» zu überliefern. Vielmehr will es den Menschen von heute zeigen, was von dem traditionellen Wissen heute verwendbar ist und welche gemeinschaftlichen kulturellen Werte existieren. Die Freilichtausstellungen vermitteln den Besuchern realitätsnahe Eindrücke über die Dimensionen und Stimmungen des Dorflebens. Nicht nur die ausgestatteten Gebäude, die in verschiedenen Siedlungsformen wiedererrichtet wurden, vermitteln ein authentisches Dorfbild: die Wirtschaftsbauten (Ställe, Presshäuser Keller), die Werkstätten, Mühlen und Sakralbauten (Kirchen, Kalvarienberg, Wegkreuze), und nicht zuletzt die traditionell bearbeiteten Gärten, Wiesen und Äcker mit den für die Region typischen Pflanzen leisten ebenfalls ihren Beitrag. In den Gemüsegärten gedeihen zeitweise vergessene und heute wieder entdeckte Gemüsesorten wie der Tupinambur, es blühen Schlehdorn, Weissdorn und Perückenstrauch, auf dem Acker werden ungarische Weizensorten angebaut, und die Terrassen des Marktfleckens aus Oberungarn erinnern an die Weinberge von Tokaj. Die Umgebung des Baches Sztaravoda ist Teil des Duna-Ipoly Nationalparks. Damit ist ein bemerkenswerter Teil der ursprünglichen Fauna und Flora im Museum erhalten.
Da wir uns einer erlebnisorientierten Verbreitung von Kenntnissen verpflichtet fühlen, legen wir Wert auf die aktive Teilnahme der Besucher beim Kennenlernen unserer Ausstellungen. Durch die Ausstellungen, Veranstaltungen und Bildungsprogramme des Museums vermitteln wir den Gästen ganz praktisches Wissen, das sie zu Hause zum Beispiel bei der Gestaltung ihrer Umgebung gut anwenden können. Sie lernen traditionelle Baumaterialien und Technologien kennen oder auch die Grundlagen des Gartenbaus, die Anwendung von Heilpflanzen, die Weinherstellung oder die umweltbewusste Abfallwirtschaft.
Die alten Handwerksberufe oder die Musik- und Tanzvorführungen – an denen alle teilnehmen können – bieten Unterhaltung und erlauben es, die individuellen Ausdrucksformen zu bereichern. Unsere Festivals lassen Familienfeste und Dorffeiern der Vergangenheit wieder aufleben, die die Gemeinschaft und den Zusammenhalt zwischen den Generationen verstärken.
Osterfest, Pfingstspiele, Tage der Baukunst, Feiertag des Ackers, Winzerfest und Neuweinfestival am Tag des Heiligen Martin sind jährlich wiederkehrende Veranstaltungen, an denen viele Tausende Besucher teilnehmen. Den Besucherwünschen entsprechend ist das Museum teilweise sogar im Winter geöffnet. Das Freilichtmuseum nimmt auch seine Aufgabe wahr, dem gesellschaftlichen Dialog ein Forum zu bieten. Über die Deutung der Geschichte hinaus will das Museum in der Gestaltung der gegenwärtigen Gesellschaft eine aktive Rolle spielen. Eine seiner wesentlichen Tätigkeiten stellt seit Jahrzehnten die Ausbildung dar. Zahlreiche Schulen, Tausende von Schülern und Hunderte von Lehrern suchen unsere Ausstellungen und das Bildungszentrum Klara Csilléry jährlich auf, um sich das Wissen über die bäuerliche Lebensweise in ihren Heimatkunde-, Literatur-, Zeichen- oder Technik-, aber auch Sportstunden zunutze zu machen. Das Museum liefert einen wesentlichen Ansporn, ein Leben lang weiter zu lernen. Unsere Bildungstätigkeit gilt nicht nur den Schülern und den Schulen. Kinder in traditionellen Dorfgesellschaften erwarben Kenntnisse und Fertigkeiten vor allem in der Familie. Das Wissen über die Umwelt und das Wertesystem in sämtlichen Bereichen des privaten und Gemeinschaftslebens wurden vom Vater auf den Sohn, von Generation zu Generation vererbt. Heutzutage, im beschleunigten Lebensrhythmus der individualisierten Gesellschaft, ist die Modellrolle der Familie in den Hintergrund gerückt. Im Einklang mit seinem Auftrag wünscht das Freilichtmuseum auch zu einem Lernprozess im Familienkreis beizutragen, der kulturelle Werte aufrechterhält und verbreitet.    •

Ungarisches Freilichtmuseum Szentendre, Museumsführer. (Deutschsprachiger Führer ISBN 978-963-7376-54-2)