Die USA geben die Hoffnung auf einen «Deal» mit den Taliban auf

von Matthew Rosenberg und Rod Nordland

Nachdem der Höhepunkt der US-Truppenmassierung überschritten ist und die Taliban immer noch eine starke Bedrohung darstellen, geben amerikanische Generäle und zivile Beamte zu, dass sie das, was einst Grundstein ihrer Strategie zur Beendigung des hiesigen Krieges war, beinahe abgeschrieben haben: die Taliban in einen Friedensvertrag zu bomben.
Die einst ehrgeizigen Pläne zur Beendigung des Krieges werden nun durch das sehr viel bescheidenere Ziel ersetzt, den Weg dafür zu ebnen, dass die Afghanen in den Jahren, nachdem die meisten westlichen Truppen abgezogen sein werden, unter sich eine Vereinbarung aushandeln können, und sicherzustellen, dass Pakistan bei irgendeiner späteren Einigung mit im Boot ist.
Militärische und diplomatische Offizielle in Afghanistan und Washington sagten, dass sie trotz der Versuche, sich dieses Jahr direkt mit den Talibanführern zu treffen, nun damit rechnen, dass ein bedeutsamer Fortschritt erst nach 2014 erzielt werden wird, wenn der grösste Teil der Nato-Truppen das Land verlassen hat.
«Ich kann mir nicht vorstellen, dass das in den nächsten zwei Jahren passieren wird», sagte ein höherer Koalitionsoffizier. Er und eine Reihe anderer Beamter sprachen nur unter der Bedingung der Anonymität, weil die Bemühungen zur Eröffnung von Verhandlungen so heikel seien.
«Das ist ein sehr robuster Feind, und ich werde Ihnen nicht das Gegenteil sagen», meinte der Offizier. «Es wird ein fortwährender Kampf werden, und er wird Jahre dauern.»
Der Misserfolg beim Aushandeln sinnvoller Gespräche mit den Taliban unterstreicht die Fragilität der Gewinne, welche die grosse Anzahl der von Präsident Obama entsendeten US-Truppen 2009 für sich beansprucht hatten. Die 30 000 zusätzlichen Soldaten gewannen zwar von den Taliban gehaltenes Territorium zurück, es gelang ihnen aber gemäss allen Einschätzungen nicht, ihnen einen vernichtenden Schlag zu versetzen.
Kritiker der Obama-Administration sind der Meinung, die USA hätten mit ihrer Zustimmung zur «deadline» 2014 für ihre eigene Beteiligung an Kampfhandlungen ihre eigene Handlungsfähigkeit geschwächt und den Taliban damit freiwillig den Preis überlassen, den diese seit mehr als einem Jahrzehnt zu erringen suchten.
Die Administration Obama verteidigt diese Frist, denn sie sei entscheidend dafür, das afghanische Militär und die Regierung davon zu überzeugen, die volle Verantwortung für das Land zu übernehmen, und sie sei politisch unerlässlich für die des Krieges überdrüssigen Amerikaner, der ohnehin schon zum längsten des Landes geworden ist.
Unter den US-Generälen in Afghanistan von Stanley A. McChrystal über David H. Petraeus bis hin zum heutigen Kommandanten John R. Allen ist es ein oft wiederholtes Mantra, dass die Vereinigten Staaten ihren Weg aus Afghanistan nicht durch Totschlag erreichen werden. Sie sagen, dass der Afghanistan-Krieg wie die meisten Aufstände nur durch Verhandlungen zu beenden sei.
Nun erklären US-Vertreter, sie hätten ihre Ziele weiter reduziert – um geduldig das Fundament für spätere Friedensgespräche nach ihrem Abzug zu legen. Sie äusserten die Hoffnung, dass die Taliban die afghanische Armee als wehrhafteren Gegner vorfinden würden, als sie erwarten, und sich in den Jahren nach dem Nato-Rückzug gezwungen sehen, mit einer Regierung einen Vergleich zu schliessen, die sie jetzt als Marionetten­regierung ablehnen.
Vor diesem Zeitpunkt hatten die Vereinigten Staaten die Gespräche noch nicht aufgegeben. Letzten Monat vereinbarten sie, ein Komitee mit Pakistan einzusetzen, das mögliche neue Gesprächspartner der Taliban überprüfen sollte, und laut gegenwärtigen und ehemaligen Beamten überlegt die Obama-Administration, ob sie den Vorschlag eines Gefangenenaustauschs mit den Aufständischen wieder aufgreifen soll, um damit, so die Hoffnung der Beamten, die vorbereitenden Gespräche, die im März zusammenbrachen, wieder zu öffnen. Beides wird jedoch als eine längerfristige Bemühung angesehen.
Mit Beendigung der diesjährigen Kampf-Saison werden die Taliban den grössten Vorstoss überstanden haben, den die US-geführte Koalition gegen sie führt. Ein Drittel aller US-Truppen zog in diesem Monat ab und die meisten der 68 000 verbliebenen werden wohl im nächsten Jahr abziehen, mit dem Ziel, dass nur eine Resttruppe von Ausbildern und Spezialeinheiten bis Ende 2014 bleiben wird.
Pakistan an der Suche nach Taliban-Kontakten zu beteiligen sei auch eine unsichere Strategie, sagten US-Beamte. Die Details des neuen Ausschusses zur Sicherheitsüberprüfung müssen noch ausgearbeitet werden, und «wenn wir auf Pakistan angewiesen sind, so ist das nicht sehr zuverlässig», sagte einer der Beamten. «Wir wissen nie, ob sie es durchziehen.»
Die Verlagerung der USA auf eine eher periphere Rolle in punkto Friedensbemühungen repräsentiert einen weiteren Rückzug Washingtons von seinen einst umfassenden Plänen für Afghanistan, bei denen die Aufstockung [der Truppen] zusammen mit einer scharfen Eskalation der nächtlichen Überfälle durch Special Operations Forces auf Taliban- Feldkommandeure zum Teil darauf abzielten, die Taliban zu Verhandlungen zu zwingen, um einen westlichen Rückzug eher realisierbar zu machen.
Für einen kurzen Moment schien die Strategie zu funktionieren: Vorgespräche, während des ganzen Jahres 2011 sorgfältig geplant, begannen Anfang dieses Jahres in Katar am Persischen Golf.
Das Bemühen scheiterte, als die Obama-Regierung angesichts parteiübergreifender Opposition in Washington einen vorgeschlagenen Gefangenenaustausch nicht umsetzen konnte, bei dem fünf in Guantánamo Bay, Kuba, inhaftierte Taliban-Führer gegen den einzigen von den Rebellen gefangengehaltenen US-Soldaten, Sgt. Bowe Bergdahl, ausgetauscht worden wären.
Der Handel hätte eine erste vertrauensbildende Massnahme sein sollen, die zu ernsthafteren Gesprächen führen sollte. Falls die Regierung Obama ihn erneuert, dann erst nach der Präsidentschaftswahl, und das würde wahrscheinlich zu wenig Zeit lassen, um noch vor 2014 ein Abkommen zu erreichen, sagten einige amtierende und ehemalige US-Beamte.
In Washington, «hat sich die Tendenz der ganzen Diskussion zu einem weniger US-geführten Ansatz und in Richtung eines vermehrt afghanisch geführten Ansatzes verschoben, der aber über einen längeren Zeitraum bestehen wird», sagte Shamila N. Chaudhary, eine Südasien-Analystin der Eurasia Group, die als Direktorin für Pakistan und Afghanistan beim National Security Council beschäftigt war.
Die Amerikaner hofften immer noch, eine Rolle hinter den Kulissen zu spielen, sagte sie, aber es sei «nicht klar», in welcher Form das geschehen würde.
«Es liegt zu weit in der Zukunft», fügte Shamila Chaudhary hinzu.
Die Katarer sind allerdings weiterhin bereit, die Gespräche auszurichten, und einer der Taliban-Verhandlungsführer sagte noch in Katar, die Gespräche könnten wieder in Gang kommen, wenn der Gefangenenaustausch stattfände und es den Rebellen gestattet würde, ein Büro in Katar zu eröffnen, eine Aktion, der die Amerikaner zugestimmt hatten.
Wenn diese beiden Schritte «umgesetzt und von den Vereinigten Staaten von Amerika praktische Schritte eingeleitet werden, gehen die Gespräche weiter. Es gibt keine weiteren Hindernisse», sagte Sohail Shaheen, der Taliban Unterhändler, letzten Monat in einem Interview mit Japans NHK World TV [Auslanddienst der Japanischen Rundfunkgesellschaft].     •

Zur Berichterstattung trugen Eric Schmitt aus
Washington und Sangar Rahimi aus Kabul bei.

Quelle: © The International Herald Tribune vom 3.10.2012
(Übersetzung Zeit-Fragen)