Waadtländer Eltern wehren sich gegen seelisch-destruktive Pflichtlektüre

Im Kanton Freiburg musste das Buch «Même pas peur» auf Druck der Eltern aus der Primarschule entfernt werden

Lausanne, 17. Juni 2012

Liebe Eltern

Unser achtjähriger Sohn hat kürzlich von seiner Lehrerin ein Buch von Evelyne Reberg mit dem Titel «Nicht einmal Angst» [«Même pas peur»] als obligatorische Lektüre erhalten. Der Inhalt dieses Buches hat uns schockiert.
Obwohl die Association vaudoise de Parents chrétiens (Waadtländer Vereinigung Christlicher Eltern) vor zwei Jahren gegen dieses Buch protestiert und Jacques Neirynck, Nationalrat CVP, es (in «24 heures» vom 16. Juni 2009) als skandalös bezeichnet hat, was weitere Kritik in der Presse auslöste, zwingt das Departement für Bildung, Jugend und Kultur des Kantons Waadt unseren Kindern das Lesen dieses Buches, im Rahmen von HarmoS, während mehrerer Lektionen auf. Im Kanton Freiburg wurde dieses Buch infolge des Widerstandes von Eltern und Lehrern aus dem Curriculum entfernt.
Für jene, die es nicht gelesen haben, hier eine kleine Zusammenfassung des Werkes:
In diesem Buch bleibt ein kleines Mädchen von sieben Jahren, Irella, mit dem sich die Mädchen der ersten und zweiten Primarklasse identifizieren können, («mit einem gestörten Kopf, schmutzigen, steckengeraden Haaren, grossen Füssen» in der Nacht, die manchmal «schwarz ist wie der Tod», oft allein in einem Haus, das «einer Art Ruine» gleicht, «ohne Strom, abseits der Stadt». Sie spricht mit ihrer Puppe «Vamp». Ihre Mutter schminkt sich, bevor sie sich mit ihren Freunden amüsieren geht, und man sagt, dass ihre Augen, die zwei Löchern gleichen, «sont au beurre noir» [aussehen wie zwei «Veilchen» im Sinne eines blauen Auges], ihr Gesicht ist «bleich wie ein Grab» und ihre Fingernägel sind mit Krallen vergleichbar. Das Mädchen schwärmt vom Alleinsein, es kann kaum erwarten, dass die Mutter endlich geht – eine von unseren Kindern täglich erlebte Situation, nicht wahr? Während der Abwesenheit der Mutter «spielt Irella alle möglichen verbotenen Spiele» und schreit dabei: «Mir gehört die Freiheit!» Sie liest ihrer Puppe furchtbar gerne «grauenerregende Geschichten vor. Mordtaten, Erscheinungen, lecker, lecker … Ich hab’s so gern, wenn ‹Vamp› am ganzen Körper zittert, ich hab’s so gern, wenn sie mich anfleht: ‹Hör auf, Irella!›». An einem Freitag, dem 13., sieht Irella «eine dicke düstere Masse, die sich durch den unteren Flur schlängelt». Sie vermutet, dass es sich um den fliegenden Wolf handelt, von dessen Existenz sie durch das Lesen der Zeitung erfahren hat. Während der ganzen Nacht amüsiert sich der Wolf damit, dem Mädchen und der Puppe Schrecken einzujagen, die sich in einem Bett verstecken, das «nicht viel grösser als ein Sarg ist». Die Zeichnungen zeigen die beiden entsetzten Heldinnen, mit aufgerissenen Augen, gesträubten Haaren und offenem Mund. Irella versucht immer so zu tun, als hätte sie nicht einmal Angst vor diesem «Dummkopf» und diesem «Idioten» von fliegendem Wolf. Endlich kommt die Mutter zurück und teilt ihrer Tochter mit, dass sie ein Vampir sei, dass sie in der Nacht in der Stadt herumstreife, um die Leute zu erschrecken, und dass sie die Tochter dadurch, dass sie ihr die Geschichte des fliegenden Wolfes weismachte (die Mutter als «Vampirfledermaus»), die Initiations-Prüfung für Vampirkinder ablegen liess. Die letzte Seite des Büchleins erklärt uns die Moral der Geschichte: «Wie blöd doch diese Menschen sind! Wie ängstlich sie sind!»
Nachdem wir dieses Buch dreimal gelesen hatten, haben wir uns als Leser gefragt, was dessen Sinn sein sollte, und als Eltern, welche Werte durch diese obligatorische Lektüre vermittelt werden und warum die für die Bildung unserer Kinder Verantwortlichen sie gewählt haben.
Hier einige Schlussfolgerungen, die wir aus dieser Lektüre ziehen können:
1.    Die Angst wird ins Banale gezogen, und es ist nichts Schlechtes dabei, andere in Angst und Schrecken zu versetzen.
2.    Eine Mutter kann ihr Kind ohne weiteres dazu anstiften, Schlechtes zu tun (diese unrealistische Geschichte kann auf andere, viel realere Situationen übertragen werden).
3.    Negativ wirkende, üble oder fantastische Figuren (Vampire) werden positiv, sympathisch und real dargestellt.
4.    Die [Sub]kultur der Gothic1 wird aufgewertet (Beschreibung der Mutter und des kleinen Mädchens).
5.    Man kann in diesem Buch eine Anregung zu fantastischer, düsterer, abscheulicher, mystischer Lektüre sehen.
6.    Sadismus wird positiv dargestellt. Irella liebt es, ihrer Puppe Schrecken einzujagen, auch wenn diese sie verzweifelt anfleht, doch aufzuhören; die Mutter brüstet sich vor ihrer Tochter mit ihren nächtlichen Aktivitäten: «Ich habe richtig Panik verbreitet, das musst du mir glauben. Wenn du diese Autounfälle gesehen hättest, wie die Leute in Ohnmacht fielen… Und all das Geheul …», was beim kleinen Mädchen Gelächter hervorruft.
7.    Die Sprache ist armselig und stellt oft Bezüge zum Tod her.
8.    Die Ästhetik ist zweifelhaft, denn unserer Meinung nach sind die Zeichnungen uninteressant und hässlich; die Figuren gleichen jenen der «Familie Addams».2
Wir bitten Sie, liebe Eltern, zu kontrollieren, was Ihre Kinder in der Schule lesen. Danken Sie nicht ab! In diesem Zusammenhang informieren wir Sie auch, dass die Kinder in gewissen Schulen nicht das Recht haben, die Bücher nach Hause zu nehmen, damit diese nicht beschädigt würden. Man muss daher etwas Neugier an den Tag legen.
Wenn Sie unsere Meinung über «Nicht einmal Angst» oder andere Bücher wie «Die Prinzessin mit dem Gummi» [«La princesse à la gomme»] teilen, zögern Sie nicht, mit uns Kontakt aufzunehmen, damit wir gemeinsam bei Anne-Catherine Lyon [Regierungsrätin des Kantons Waadt, Departement Bildung, Jugend und Kultur] und den Direktoren der betroffenen Schulen intervenieren können, damit sie uns erklären, worin der Nutzen dieser Bücher für die Erziehung unserer Kinder bestehen soll und damit dieses Buch aus der Liste der obligatorischen Lesebücher des Kantons Waadt entfernt wird.
Gibt es nicht genug andere positive, lebensfrohe Bücher, die Werte vermitteln (Arbeit, Ausdauer, Liebe, Güte, Freundschaft, Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Freude an der Anstrengung), die man unseren Kindern vorlegen kann? Warum sollen sich die kleinen Romands mit dem Hässlichen vertraut machen müssen und sich mit den unrealistischen Geschichten von Vampiren auseinandersetzen? Wozu sich mehrere Wochen mit diesem Buch beschäftigen, was der Erarbeitung von etwa zwanzig Seiten im Arbeitsbuch entsprechen würde?
Vergessen wir nicht, dass wir der Schule das Kostbarste anvertrauen, was wir haben, nämlich unsere Kinder. Die ersten Erzieher sind die Eltern. Die Schule muss die Eltern in ihrer Aufgabe unterstützen und darf bei den Kindern keine Verwirrung darüber stiften, was gut und was böse ist.

Wir erwarten Ihre Unterstützung.
Haben Sie keine Angst zu reagieren!

Joanna und Andrzej Kondraccy, Lausanne

Dieser Brief an die Eltern war begleitet von einem Textvorschlag für je einen Offenen Brief an Regierungsrätin Anne-Catherine Lyon und an den jeweiligen Schulleiter.

Kontaktadresse: memepaspeur2012@yahoo.com

1    Gothic = Subkultur aus dem Umfeld von Punk und New Wave/Dark Wave, der Schwarzen Szene mit ihrer Faszination des Todes und der Selbstinszenierung. Der Name bezieht sich auf die Gothic Ficton, Schauerliteratur, die Red.
2    Die «Addams Family» ist eine Fernsehserie und die Kreation des US-amerikanischen Zeichners Charles Addams. Als satirische Umkehrung des Ideals der «amerikanischen Kleinfamilie» sind die Addams eine exzentrische Familie, die Freude an allem Grotesken und Makaberen findet und sich nie bewusst wird, dass andere Menschen diese Dinge als bizarr oder beängstigend empfinden. (vgl. Wikipedia)

(Übersetzung Zeit-Fragen)

Rechtlicher Schutz der Kinder vor Psychotechniken in der Schule gemäss eidgenössischem Recht

Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999

Art. 7 Menschenwürde
Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen.

Art. 11 Schutz der Kinder und Jugend­lichen
1    Kinder und Jugendliche haben Anspruch auf besonderen Schutz ihrer Unversehrtheit und auf Förderung ihrer Entwicklung.

Art. 13 Schutz der Privatsphäre
1     Jede Person hat Anspruch auf Achtung ihres Privat- und Familienlebens, […]

Art. 15 Glaubens- und Gewissensfreiheit
1    Die Glaubens- und Gewissensfreiheit ist gewährleistet. […]
4    Niemand darf gezwungen werden, einer Religionsgemeinschaft beizutreten oder anzugehören, eine religiöse Handlung vorzunehmen oder religiösem Unterricht zu folgen.

Schweizerisches Strafgesetzbuch vom 21. Dezember 1937
(Stand am 1. Oktober 2012)

Art. 181 Nötigung
Wer jemanden durch Gewalt oder Androhung ernstlicher Nachteile oder durch andere Beschränkung seiner Handlungsfreiheit nötigt, etwas zu tun, zu unterlassen oder zu dulden, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.

Psychotechniken: ein Akt der Gewalt und der Nötigung

«Viele Praktiken der New-Age-Pädagogik [Psychotechniken] sind ein rechtswidriger Angriff auf die Rechte der Schüler. Sie sind eine Form der Gewalt und der Nötigung (§ 249 StGB); sie beinträchtigen die Gesundheit, die körperliche Unversehrtheit, die Freiheit, das Selbstbestimmungsrecht und den Bewusstseinszustand des Betroffenen.»

Quelle: www.umweltjournal.de/AFA_familienrecht/14638.php