Weiss die eine Hand, was die andere tut?

US-Stimmen mahnen zu mehr Rationalität bei Einsätzen im Nahen Osten – die Sicherheit der Truppen im Einsatz ist immer mehr gefährdet – der Weg der Diplomatie nach einem Krieg ist ein steiniger Weg

ts. In den USA melden sich vermehrt besorgte Stimmen aus dem Militär, die mit der Zielsetzung der Militäreinsätze im Ausland Mühe bekunden. Hochrangige Offiziere bezeichnen die Abläufe in Syrien und im Irak und die US-Beteiligung als zunehmend irrational: Es geht um die Unterstützung jener Leute an einem Ort, die man an einem anderen Ort als Feinde bekämpft. So berichten uns die «New York Times» als auch «The Nation» aus dem Irak, wo die USA in den Widersprüchen eines Stellvertreterkrieges gefangen seien und dabei gleichzeitig die pro-iranische, schiitische Regierung Maliki im Irak im Kampf gegen die sunnitischen Aufständischen stützen würden. Andererseits würden die USA jenseits der Grenze zum Irak in Syrien die dort lebenden Sunniten gegen Assad aufrüsten – Assad, dem sie wiederum Iran-Anbindung nachsagen würden. Dass dabei unschuldige Menschen in den betroffenen Ländern als Opfer zu beklagen sind, ist das eine, dass auch Special Forces der US-Armee ins Fadenkreuz der rivalisierenden Gruppen geraten und froh sein können, ihre Haut zu retten, das andere.
Gravierend auch die Vorfälle in Afghanistan, wo die US-Truppen den schlimmsten Verlust seit Vietnam, wenn nicht gar seit dem Zweiten Weltkrieg, erlitten haben. 7% der Flugzeuge des Marine Corps mit einem Schlag durch in US-Uniformen agierende Taliban zerstört, darunter Flugzeuge mit modernsten elektronischen Aufklärungsmitteln. Ohne adäquaten Schutz aus der Luft sehen sich nun die in einem angrenzenden Stützpunkt stationierten Marines auf gefährlich-verlorenem ­Posten.
Wie schwierig es ist, einen geordneten Abzug nach einem Krieg zu bewerkstelligen, und welche Probleme eine Verhandlungslösung mitsichbringt, zeigt ein weiterer Artikel der «International Herald Tribune» auf. Wenn ein Gefangenenaustausch, der den Boden für Gespräche mit den Taliban in Katar hätte legen sollen, vom Parlament abgeblockt wird, sind dem Präsidenten die Hände gebunden, und die Männer draussen im Feld haben das Nachsehen.
Letzteres Beispiel zeigt, dass Diplomatie zwar eine Alternative, wenn nicht gar die Alternative zu kriegerischem Einsatz und irrationaler Taktiererei ist, nach einem jahrelangen Blutvergiessen aber eine langwierige Angelegenheit darstellt. Es ist den Beteiligten in und um Afghanistan zu wünschen, dass der Weg der Verhandlungen von Erfolg gekrönt sein möge. Der Boden dafür ist in den USA gelegt, nicht zuletzt wohl auch wegen der katastrophalen Finanzsituation des Staatshaushaltes.
Der Vietnam-Krieg ging wegen der inneren Opposition in den USA, also an der Heimatfront, verloren, heisst es. Sollte es nicht besser heissen: «Dank» der Heimatfront wurde dem sinnlosen Blutvergiessen ein Ende gesetzt und Energie freigelegt für einen Neuanfang zwischen den beiden Ländern? Dank besonnener Bürger, aber auch dank redlicher Offiziere, Soldaten und Kriegsveteranen, die einsahen, dass der Krieg nicht nur ein fremdes Land verheert, sondern auch enormen Schaden im eigenen Land, insbesondere im Gemüt der Beteiligten, hinterlässt. Wie der Diplomat aus Singapur und Verehrer der US-Werte, der US-Demokratie und der Marktwirtschaft, Kishore Mahbubani, sagt: Die übrige Welt reicht dem Westen gerne die Hand, schaut ihm aber auch ganz genau auf die Finger – und schätzt Ehrlichkeit in den internationalen Beziehungen hoch ein. Die Stimmungslage in US-Militärkreisen und US-Medien stimmt da hoffnungsvoll.