«Wo die wilden Kerle wohnen»

Theateraufführung in einer Kindergarten-Klasse – Bericht einer Mutter

da. Vor den Frühlingsferien kommt Naomi nach Hause und berichtet entsetzt, dass sie im Kindergarten ein Theaterstück spielen werden, worin der Bub Max seine Mutter anschreit: «Ich fress dich auf.» Er brüllt: «Ich bin der Max im Wolfspelz, und ich bin wild.» Er sticht mit der Gabel auf seinen Hund ein. Und als seine Mutter ihn ins Zimmer schickt, brüllt er: «Immer die blöden Erwachsenen, die es besser wissen wollen.»
Entsetzt suche ich nach dem entsprechenden Buch und den Kinderliedern im Internet. Unter www.evamarlin.ch finde ich die CD (Zytglogge Verlag) und höre die Liedanfänge. Das erste Einschlaflied der Mutter wird verhunzt, das zweite Max-Lied ist ein aggressiver Rap.
Um was geht es im Bilderbuch «Wo die wilden Kerle wohnen» von Maurice Sendak? Eines Abends zieht Max einen Wolfspelz über und treibt laut lärmend Unfug. Seine Mutter schickt ihn ob seines ungezogenen Treibens ohne Abendessen ins Bett. Aus seiner Wut wächst in seiner Phantasie ein Wald, der zu einem riesigen Urwald wird. Da sieht er ein Meer mit einem Schiff. Max segelt wochenlang auf dem Schiff bis zum Land, wo die wilden Kerle wohnen. Die rollen ihre Augen, fletschen ihre Zähne, brüllen ihr fürchterliches Gebrüll und zeigen ihre Krallen. Aber Max hat keine Angst vor ihnen, im Gegenteil, in seinen Grössen- und Machtphantasien zähmt er sie mit einem Zaubertrick. Sie bekommen Angst vor ihm, unterwerfen sich und verleihen ihm den Titel «wildester Kerl von allen»; sie küren ihn zu ihrem König. Irgendwann wird Max die Sache langweilig. Er fühlt sich einsam und sehnt sich nach jemandem, der ihn am allerliebsten hat. Da geht er wieder nach Hause und bekommt von seiner Mutter – als «Belohnung» für seine Phantasiereise in die gewaltträchtige Gegenwelt der wilden Kerle – eine warme Suppe. Soweit die Geschichte.
Naomi will beim Theater nicht mitmachen. Wir besprechen, dass sie die Mutter spielen könnte, weil diese im Theaterstück das einzig Richtige sagt. Damit ist sie einverstanden.
Ab Mai wurde intensiv geprobt. Zuerst spielte David den Max, als er sich weigerte, musste Sereina die Rolle übernehmen. Naomi und Sereina hatten ab da immer Streit. Mitte Juni nahmen die Aggressionen unter den Kindergartenkindern immer mehr zu. Sereina plagte Naomi, und spickte ihr, als sie im Sitzkreis sassen, ihren Haargummi ins Gesicht. Die Kindergärtnerin konfiszierte den Haargummi ohne weitere Konsequenzen. Später wollte auch Sereina den Max nicht mehr spielen, und so übernahm ein anderer Bub die Rolle von Max. Am Tag nach der Probe schlug David Naomi ins Gesicht. Einfach so? Er sagte zu ihr: «So, jetzt hast du ein Durcheinander im Kopf»
Der Parallel-Kindergärtnerin fiel auf, dass die Kinder in den Monaten Mai bis Juli immer unruhiger und aggressiver wurden. In den Pausen kam es zu massiven Vorfällen: Ein Bub schlug einen andern aus der Paral­lel­klasse so stark, dass dieser heulend am Boden liegen blieb. Die beiden Kindergärtnerinnen sprachen mit ihren Klassen darüber, dass niemand schlagen darf. Einige Tage später schlug ein anderer Bub ein Mädchen mit dem Stecken und machte den Stinkefinger, wieder während der Pause. Naomi sah dies und berichtete es der anderen Kindergärtnerin. Diese ermunterte sie, auch ihre eigene Kindergärtnerin zu informieren. Diese hörte sich alles an, gab ihrer Kollegin aber die Rückmeldung, Naomi sage nicht die Wahrheit. Sie spielte die Ag­gressionen auf dem Pausenplatz krass herunter. Kinder, welche ein ehrliches Rechtsempfinden haben, werden so im Stich gelassen.
In der Zeit von Mai bis Juli brachte Naomi nichts neu Gelerntes nach Hause, einzig ein Buch mit Texten und Zeichnungen zu «Wo die wilden Kerle wohnen». Die Kinder haben sich zwei Monate intensiv mit dem Theaterstück befasst.
Die Theateraufführung wurde von der Kindergärtnerin so eingeleitet: «Schön, dass Sie alle da sind. Wir gehen jetzt zusammen auf eine Reise. Dazu braucht es Mut. Manchmal überfällt einen auch Angst, aber zusammen überwinden wir sie.»
Die Kinder spielten und sangen die Texte und Lieder. Beim Lied «Wir sind die wilden Kerle» skandierte die Liedermacherin, die auch anwesend war, vor den Kindern kniend in vier Sprachen: «Wir sind Monster, und wir essen, was wir wollen, wir machen, was wir wollen …» Die Manipulation der Kinder zu stampfenden und brüllenden Monstern wurde dabei am besten ersichtlich. Es war abstossend.
Ein auffälliger, zu Schlägereien bereiter Bub, durfte die schreiende Möwe auf dem Meer spielen. Er war am Ende des Theaters so ausser sich, dass er nicht mehr still sitzen konnte und die Kindergärtnerin ihn packen und festhalten musste.
Naomi wurde von ihrer Kindergärtnerin gezwungen, wie alle andern auch einen Wilden auf der Insel zu spielen und das aggressive Lied mitzusingen.
Die Kinder wurden angeleitet, ein Buch über «Wo die wilden Kerle wohnen» zu machen. Dabei mussten sie alles wiedergeben, was Max seiner Mutter an den Kopf warf. Das sollten sie in die Sprechblasen schreiben. Sie wurden von der Kindergärtnerin gefragt, wie sie reagieren, wenn die Mutter sie ins Zimmer schickt, weil sie widersprechen. Ein Bild von Max wurde ins Buch gestempelt, und wer wollte, konnte sich auch den Unterarm stempeln lassen, ein Tattoo. Naomi und zwei jüngere Freundinnen waren die einzigen, die ohne Tattoo nach Hause kamen.    •