Zu viele Lebensmittel landen im Müll

Olma-Forum

von Michael Götz, freier Agrarjournalist LBB-GmbH, Eggersriet SG

Am Olma-Forum «Was läuft falsch, wenn Lebensmittel nur noch Müll sind?» gab es nicht nur eine lebhafte Diskussion darüber, was falsch läuft, sondern auch, was man besser machen könnte.

Etwa ein Drittel aller Lebensmittel landet gemäss einer Studie der Welternährungsorganisation FAO im Abfall. Doch wo in der Lebensmittelkette fallen diese Abfälle an? Claudio Beretta hat in seiner Masterarbeit an der ETH Zürich nicht nur nachgeforscht, was man darüber weiss, sondern auch 43 Unternehmen der Nahrungsmittelindustrie befragt. Wohl die Haupterkenntnis seiner Arbeit ist, dass annähernd 50% der Verluste beim Endverbraucher, dem Konsumenten, entstehen. «Das ist doch unglaublich», kommentiert der Referent und leitet daraus ab: «Der grösste Handlungsbedarf und die grösste Verantwortung liegen bei uns Endverbrauchern.» Gefolgt werden sie von der Verarbeitung mit etwa 30% und der landwirtschaftlichen Produktion mit etwa 20%. Das sind in etwa die Grössenverhältnisse.

Auch andere Ressourcen werden beeinträchtigt

Mit der Massenvernichtung, wie es der Referent ausdrückt, gehen nicht nur Lebensmittel verloren, sondern es werden auch andere wichtige Ressourcen beeinträchtigt. So braucht es für die Produktion von 1 kg Äpfel 700 l Wasser, für ein Kilogramm Fleisch sogar 15 000 l. Je mehr Fleisch anstelle pflanzlicher Nahrung wir essen, desto mehr Energie ist zur Nahrungsproduktion notwendig. Bei Fleisch werden nur noch etwa 6% der Kalorien, die den Tieren verfüttert wurden, in Form von Fleisch verzehrt. Würden wir ein Drittel weniger tierische Eiweisse essen, dann würde die Nahrung für 45% mehr Menschen genügen. «Essen ist keine Privatsache. Wir essen aus einem globalen Teller», verbildlicht der Referent die Bedeutung unseres Essverhaltens. Um unserer Verantwortung gerecht zu werden, schlägt er folgende Leitsätze vor: «Ich kaufe nur so viel ein, wie ich essen kann. Ich esse alle essbaren Teile. Ich esse ein Drittel weniger Fleisch.» Es sei gar nicht so schwer, diesen Leitsätzen nachzuleben, meint der Referent. Denn in unserer Wohlstandsgesellschaft sei es weniger die Menge, die befriedige, als die Art und Weise, wie wir essen. Je bewusster wir essen, desto mehr könnten wir das Essen auch geniessen.

Konsument wählt auch mit dem Auge aus

«Wie könnte die Landwirtschaft dazu beitragen, die Verluste zu reduzieren?», fragt Andi Melchior, der Gesprächsmoderator, den Präsidenten des Nationalrates und zugleich des Schweizerischen Bauernverbandes SBV. Hansjörg Walter stellt fest: «Wir haben sehr verwöhnte Konsumenten mit hohen Ansprüchen.» Die Landwirte müssen vor allem die Normen erfüllen, welche ihnen der Handel und die Grossverteiler stellen. Diese Normen zu ändern ist offensichtlich sehr schwierig, wie Christine Wiederkehr, Abteilungsleiterin Ökologie der Migros, ausführt. Im Offenverkauf zeige sich immer wieder, dass der Konsument mit den Augen einkaufe. Grosse und ins Auge fallende Früchte oder Gemüsearten werden vom Konsumenten gegenüber kleineren, unscheinbaren bevorzugt. Wenn ein Grossverteiler optisch weniger ansprechende Ware anbiete, dann weiche der Konsument zur Konkurrenz aus. «Einzelne können nichts ändern, weil sie immer den kürzeren ziehen», ist ihre Schlussfolgerung. Dies ist offensichtlich nur möglich, wenn in einem ganzen Land die Normen geändert werden, so geschehen in England, als es dort im ganzen Land eine sehr schlechte Kartoffelernte gegeben habe, wie Claudio Beretta erzählt. Indem man die Normen nach unten geschraubt habe, hätte es genügend Speisekartoffeln. Am weniger schönen Aussehen hätten sich die Konsumenten nicht gestört.
Auch Hansjörg Walter sieht die Lösung nicht darin, an den Normierungen zu schrauben, um weniger ansprechende Lebensmittel zu vermarkten. Das mache den Preis für das ganze Lebensmittel kaputt. Als Alternative sieht er, diese Lebensmittel technisch zu verarbeiten, zum Beispiel die Äpfel zu Apfelsaft oder die Kartoffeln zu Kartoffelstock, so wie es bisher gemacht werde.

Durch Information sensibilisieren

Tobias Sennhauser vom Verein «Tier-im-­Fokus» will ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft setzen. Indem die Lebensmittelläden heute alles anbieten, würden künstliche Bedürfnisse geschaffen. Als Protest ernährt er sich immer wieder von Nahrungsmitteln aus Abfallcontainern der Grossverteiler. Nicht zuletzt wohl auch aus Gründen der «Mitgeschöpflichkeit» der Tiere sieht er die Lösung der Wegwerfmentalität darin, sich vegan zu ernähren. Franziska Trösch, Präsidentin des Konsumentenforums, nimmt die Konsumenten in Schutz. Man müsse sie für das Problem des Wegwerfens sensibilisieren, das fange in der Schule an, wo man lehren müsse, dass Lebensmittel nicht nur einen finanziellen Wert haben. Einig waren sich die Podiumsteilnehmer darin, dass viele Lebensmittel zu früh entsorgt werden. Man müsse wieder mehr die Sinne und den gesunden Menschenverstand gebrauchen, um zu entscheiden, ob ein Produkt, bei welchem die Mindesthaltbarkeit oder das Verbrauchsdatum abgelaufen ist, noch geniessbar sei, meint die Konsumentensprecherin. Den Grossisten und Detaillisten seien sowohl aus gesetzlichen als auch aus organisatorischen Gründen die Hände gebunden, erklärt die Sprecherin der Migros, doch reduziere der Grossverteiler häufig kurz vor Ablauf des Verkaufsdatums den Preis.
Die Diskussion hat gezeigt, dass es viele Ideen gibt, aber keine ideale Lösung. Offensichtlich muss jeder das Seine dazu beitragen. Auf die Frage des Moderators, was er machen würde, wenn Aufwand und Kosten keine Rolle spielten, spricht sich Claudio Beretta für eine Informations- und Bewusstseins­offensive aus, damit wir wieder die wirkliche Qualität der Lebensmittel herausfänden.    •

(www.goetz-beratungen.ch)