«Für eine Wirtschaft zum Nutzen aller!»

Warum ich mich für diese eidgenössische Volksinitiative einsetze

von Pfarrerin Ursula Richner, Zürich

Ich bin in einer Lehrersfamilie aufgewachsen, in der viel über soziale Fragen diskutiert wurde. Meine Grossmutter, die mit uns lebte, war eine tiefgläubige Frau – für mich als Kind eine prägende Persönlichkeit. Ich ging liebend gern in die Sonntagsschule, und ich wusste bereits in den ersten Jahren des Gymnasiums, dass ich einmal Pfarrerin werde. Ich wollte als heranwachsendes Mädchen den Menschen helfen. Ich wusste, der Glaube gibt uns die Kraft, uns für den Nächsten einzusetzen. Immer war und ist es mein Ziel, den Menschen zu dieser Kraft, zu dieser Gewissheit zu verhelfen. Dann kann Wohlergehen, Gerechtigkeit und Frieden in unseren Gemeinden wachsen und gedeihen, die Grundlage für die Zukunft kommender Generationen.

Wie ich arbeite

Ich bin heute pensioniert, habe aber noch gute Kräfte, um mich für die Mitmenschen zu engagieren. Immer wieder fallen mir Menschen und Aufgaben zu, die mich voll in Anspruch nehmen. In unserer Wohnung können wir Menschen beherbergen, die es nötig haben. Ich darf Menschen in den verschiedensten Notlagen begleiten und Migrantenkindern Lernhilfe erteilen. Vor allem schreibe ich auch gerne kleinere Artikel, oder ich setze mich für ein gesellschaftliches Thema ein, das mir unter den Nägeln brennt! Ich habe ein reiches Leben, das immer wieder neu ausgefüllt wird!
Mein Herz schlägt da, wo es um die Not beziehungsweise um die Linderung der Not geht. Der Gang unserer globalisierten Wirtschaft bringt vermehrt Druck, Entlassungen, Arbeitslosigkeit und Unsicherheit. Der Griff zur Flasche oder zu einer anderen Droge ist dann nicht weit. Ich kann mich – wie erwähnt – nicht einseitig nur für den individuellen Menschen einsetzen, ohne nicht gleichzeitig dafür besorgt zu sein, dass dieser Mensch auch gerechte und gute Arbeitsverhältnisse und vernünftige Wirtschaftsstrukturen vorfindet. Politisches Denken gehört für mich mit in jede Beratungstätigkeit. Deshalb sammle ich Unterschriften für die Initiative «Für eine Wirtschaft zum Nutzen aller!».

Heute nützt unsere Wirtschaft nicht allen

Die Tatsache, dass nicht alle Menschen einen Arbeitsplatz finden und der Lohn ihrer Arbeit nicht ausreicht, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, zeigt die Defizite deutlich auf. Dazu kommt, dass auch in der Schweiz die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergeht. Ich weiss auch, dass einheimische Unternehmen, vor allem kleinere und mittlere Unternehmen, immer mehr unter dem Preisdruck der ausländischen Produzenten leiden und dadurch ihre Existenz verlieren. Wichtig ist mir auch die Sicherheit, und zwar in bezug auf die Qualität, Gesundheit und Versorgung.
Die Initiative hat ja einen starken Bezug zur Landwirtschaft. In der Schweiz produzieren die Bauern qualitativ hochwertige Nahrungsmittel und müssen dabei viel strengere Vorschriften einhalten. Ob im Ackerbau oder in der Milch- und Fleischwirtschaft, die Schweizer Bauern dürfen zahlreiche Mittel zur Produktionssteigerung nicht einsetzen, die im Ausland zugelassen sind. Dies führt zu weniger hohen Erträgen. Dazu kommen höhere Löhne und andere Kosten, so dass die Landwirte in der Schweiz für die Produktion von Milch, Fleisch, Gemüse, Kartoffeln und Obst höhere Kosten haben als die Landwirte im Ausland. Das ist auch mit ein Grund, warum die Lebensmittel in der Schweiz teurer sind als im Ausland. Durch Billigimporte aus dem Ausland kommen immer mehr Landwirte in unserem Land derart unter Druck, dass sie ihren Betrieb aufgeben müssen. Mit einem mass­vollen Schutz an der Grenze (Zölle oder Einfuhrbeschränkungen) könnten die einheimischen Betriebe – meistens Familienbetriebe – weiter bestehen. Die einheimische Nahrungsmittelproduktion ist von vielschichtiger Bedeutung. Sie gibt uns Versorgungssicherheit mit gesunden Nahrungsmitteln, fördert die Unabhängigkeit gegenüber dem Ausland, schützt zudem unsere Natur und trägt zu einer schönen Landschaft bei.

Was die Initiative erreichen will:

Zuerst einmal eine grundlegende Diskussion unter der Bevölkerung über das aktuelle Wirtschaften. Die Probleme sind offensichtlich. Immer nur mehr, schneller und billiger zu produzieren schadet den Menschen, der Natur und letztlich auch unserem Land. Der Glaube, der freie Markt werde den Menschen mehr Wohlstand bringen, ist angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise und der enormen Verschuldung der Staaten unhaltbar geworden.
Wir brauchen eine Neuorientierung, eine Wirtschaft, die sich wieder mehr am Gemeinwohl der Menschen orientiert und auch den Raubbau an der Natur stoppt. Und mich dünkt, die Neuorientierung betrifft dann neben der Wirtschaft verschiedene soziale und gesellschaftliche Bereiche. Sie beginnt bereits in der Erziehung in der Familie, geht weiter über die Volksschule und die Berufsbildung. Unsere Kinder müssen in Familie und Schule so gefördert werden, dass sie später den Anforderungen als Bürger, in der Familie und am Arbeitsplatz gewachsen sind. Der Werkplatz Schweiz braucht eine Zukunft, damit unsere Kinder eine Zukunft haben.

Der Staat hat die Interessen der Bürger zu schützen

Die Erhaltung und Förderung des Werkplatzes Schweiz hat daher hohe Priorität. Damit die Schweiz als gleichberechtigter Partner auf internationaler Ebene ernst genommen wird, muss der Staat die nationalen Interessen auf allen Gebieten wahren. Nur wer sich selber schützt, kann andern helfen.

Was besser würde, wenn die Initiative angenommen wird

Ich denke, im Vordergrund steht das Umdenken. Die Umsetzung der Initiative wird unter Umständen wieder mehr Eigeninitiative, Engagement für den andern, Eigenverantwortung und eine höhere Leistungsfähigkeit und -bereitschaft nach sich ziehen.
Der Staat wird uns das Arbeiten nicht abnehmen, aber er kann unsere Existenz und Zukunft durch sinnvolle Schutz- und Förderungsmassnahmen schützen. Ich erwarte auch einen nationalen Dialog unter den Menschen über unsere Zukunft und damit eine Belebung der direkten Demokratie. Die kleinen Strukturen, Dörfer und Quartiere, die Region, in der wir leben, dürften an Lebensqualität und Versorgungssicherheit gewinnen. Letztlich werden die betroffenen Menschen durch ihr Tun und Lassen bestimmen, was besser wird. So ist zu erwarten, dass wir uns von der Abfall-Wirtschaft verabschieden, indem wir Produkte mit längerer Lebensdauer herstellen und diese auch reparieren. Wir werden die Existenz vieler Arbeitsplätze und kleinerer und mittlerer Unternehmen im Gewerbe und in der Landwirtschaft am Leben erhalten und wohl insgesamt der Arbeit wieder mehr Sinn geben.     •

Die eidgenössische Volks­initiative «Für eine Wirtschaft zum Nutzen aller!» verdient Unterstützung

Diese wichtige Volksinitiative will im Sinne des Schutzes unseres einheimischen Gewerbes und unserer Landwirtschaft direkt in die Wirtschaftspolitik einwirken und gibt eine klare Antwort auf die negativen Folgen einer einseitigen Wachstums- und Globalisierungsstrategie.
Der unbeschränkte internationale Freihandel, der nicht durch nationale Gesetze geregelt wird, zerstört die Gesellschaft und Umwelt. Die Folgen sind: De-Industrialisierung auf Grund der Verlagerung der Produktion ins Ausland, Vernichtung von Arbeitsplätzen und einer lebensfähigen Landwirtschaft, Lohndumping, Verlust der Souveränität und sozialer Abstieg und Unfrieden.
Die Initiative beruht auf drei tragenden Säulen für eine verantwortungsvolle wirtschaftliche Entwicklung: «Schützen, entwickeln und weitergeben».
1. Schutz unserer Souveränität, indem wir grundlegende und uns wichtige Werte verteidigen.
2. Entwicklung einer Wirtschaft, die Rücksicht nimmt auf die natürliche Umwelt und auch die lokalen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen und den sozialen Frieden gewährleisten kann.
3. Weitergeben an die zukünftigen Generationen, was wir von unseren Vorfahren als Leihgabe erhalten haben. Diese Säule ist die wichtigste dieser Volksinitiative.
Mit der Unterzeichnung wird eine gesunde Volkswirtschaft auch für die kommenden Generationen gesichert. Auch unsere Kinder sollen die Möglichkeit haben, die Familienbetriebe, das Gewerbe und die Landwirtschaft mit Engagement und Freude weiterzuführen und so auch die dörflichen Strukturen und das Leben in den Gemeinden und in unserem Land aktiv mitzugestalten. Ihre Unterstützung dieser überparteilichen Volksinitiative ist wertvoll, die Zeit drängt.

Ablauf der Sammelfrist: 1. Mai 2013.

Beziehen Sie bitte die Unterschriften­bogen beim Hauptinitianten Willy Cretegny, Weinbauer im Kanton Genf (www.lavrille.­ch), oder direkt beim «Unterstützungskomitee Deutschschweiz», www.wirtschaft-zum-nutzen-aller.ch     •

Ludwig Lussi, Biobauer, Tägerwilen