«Frieden geht immer nur von Kleinstaaten und republikanisch organisierten Gemeinwesen aus»

Zum Werk «1813 – Kriegsfeuer» von Sabine Ebert – unter Berücksichtigung von Immanuel Kants «Zum ewigen Frieden» und den Erfahrungen der schweizerischen Eidgenossenschaft

von Tobias Salander, Historiker

In Zeiten des Cyberwars und der Kriegsführung mittels Drohnen sitzen die Söldner kriegsführender Staaten vermehrt auf bequemen Bürosesseln und agieren um den halben Planeten herum. Die Opfer, welche ihre Staaten zumeist ohne Kriegserklärung oder Gewährung des rechtlichen Gehörs zur Tötung freigegeben haben, sehen sie bestenfalls als Pünktchen auf einem Bildschirm oder gar nicht, so bei der Streuung von Computerviren wie Stuxnet, welche die Steuerung von Atomanlagen, auch Atomkraftwerken und anderen Infrastrukturanlagen lahmlegen können. Dennoch, trotz fehlenden «Feindkontakts», leiden viele der modernen Krieger an den gleichen posttraumatischen Stresssyndromen wie ihre Kollegen in früheren konventionellen Kriegen, wie die «New York Times», die «Frankfurter Allgemeine Zeitung», die «Neue Zürcher Zeitung» und andere berichten. Ein Beweis dafür, dass der Mensch sich nie ändern wird? Oder eher ein Zeichen der Hoffnung? Der Hoffnung, dass die Menschheit endlich einsehen möge, dass das Führen von Angriffskriegen – seit Nürnberg als schwerstes aller Verbrechen verboten – der menschlichen Sozialnatur diametral zuwiderläuft, dass der Mensch damit nicht fertig wird, und dass dieses Nicht-Aushalten-Können als Beleg dafür gedeutet werden kann, was der Mensch für seine seelische Gesundheit benötigt oder eben nicht brauchen kann? Wenn die Forschungen eines Michael Tomasello1, Kodirektor des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, und vieler anderer ernstgenommen werden, dass nämlich der Mensch gerne mit dem Mitmenschen kooperiert, schon die Kleinkinder vor dem Spracherwerb, sollten die Schlussfolgerungen auch für das Leben zwischen Staaten klar sein: Krieg als Mittel der Politik muss ausgeschlossen sein. Da er nie zu prosozialen und nachhaltigen Lösungen führte. So auch festgehalten in der Uno-Charta. Doch uns an der Gegenwart direkt Beteiligten, uns Zeitgenossen der US- und/oder Nato-geführten Kriege gegen Serbien, Afghanistan, den Irak, der Kriege einzelner Nato-Mitglieder gegen Libyen und Mali, fällt es oft schwer, einen klaren Kopf zu bewahren und die Befunde aus der modernen Anthropologie, Biologie und Psychologie auf die aktuellen Ereignisse zu übertragen – und die Charta der Vereinten Nationen ernst zu nehmen und ihr nachzuleben. Einer heftigen Propagandawalze ausgesetzt, sind wir allzu schnell bereit, bei jedem neuen Krieg davon auszugehen, dass dieses Mal nun wirklich «Krieg zur Beendigung aller Kriege», «Krieg zum Schutz des Friedens», «Krieg für die Menschenrechte», ja gar «Krieg für das Völkerrecht» geführt werden müsse. Immer ist die Wahrheit das erste Opfer eines neuen Krieges. Die Einsicht folgt oft erst später, zumeist zu spät.
Deswegen kann ein Blick in die Geschichte oft heilsam sein und die Augen für Heutiges öffnen. Der Blick zurück ist gerade bei längeren Zeiträumen oft deshalb so klärend, weil keine persönlichen Betroffenheiten die Sicht eintrüben oder einseitig einfärben, weil kein Auftrag zur propagandistischen Vernebelung läuft, weil die Natur des Menschen sich seit über 10 000 Jahren nicht mehr verändert hat, wir es also mit dem gleichen Wesen zu tun haben, welches heute aktiv ist: dem Homo sapiens sapiens. Und weil dem so ist, können wir uns in die Lage dieser Vorfahren versetzen, deren Handlungsweisen nachvollziehen und Schlüsse für heute ziehen. Eben zum Beispiel den, dass Kriege nicht der Natur des Menschen entspringen, sondern immer auf Grund von Interessen einflussreicher Kreise inszeniert werden. Und da sie von Menschen gemacht und immer auch wieder von Menschen beendet wurden, lassen sich auch heutige Kriege beenden beziehungsweise gar nicht erst beginnen.
Ein Beispiel, welches für uns Nachgeborene aus all den genannten Gründen äusserst lehrreich sein kann, ist die sogenannte Völkerschlacht von Leipzig von 1813, welcher heuer zum 200. Mal gedacht wird. Zu diesem Anlass werden in Leipzig diesen Herbst Feierlichkeiten stattfinden, und auf dieses Datum hin ist auch ein historisches Werk erschienen, welches die Abläufe plastisch werden lässt, da es einen personalen Ansatz gewählt hat: Es geht um den faktengetreuen historischen Roman von Sabine Ebert, welcher quellengestützt die Abläufe nachzeichnet, mit wenigen erfundenen Passagen, die dem Roman-Genre geschuldet sind, den Blick auf die Ereignisse aber keineswegs verstellen, ganz im Gegenteil klärend wirken. Anlass genug, dieses Werk zu würdigen und in den Zusammenhang einer personalen Geschichtsschreibung zu stellen, welche dem Frieden verpflichtet ist und seit Immanuel Kant und aus der Geschichte der schweizerischen Eidgenossenschaft weiss, dass Frieden immer nur von Kleinstaaten und republikanisch organisierten Gemeinwesen ausgehen kann, nie aber von Grossgebilden. Dass letztere die Gedenkfeierlichkeiten zu vereinnahmen versuchen werden, ist zu erwarten, würde die Geschichtsklitterung aber nicht weniger unverschämt machen. Als Schweizer ist man vorgewarnt: So versuchten gewisse Kreise beim 200. Jahrestag der Invasion der napoleonischen Truppen in die Schweiz von 1798 Napoleon als Begründer der modernen Schweiz zu verklären – den Gewaltherrscher, der das besetzte Land plünderte, zentralisierte und die jungen Männer als Kanonenfutter nach Russ­land zwang. Den Forschungen von Dr. René Roca2 und anderen ist es zu verdanken, dass diese Geschichtsklitterung richtiggestellt werden konnte, indem er auf die genossenschaftliche Tradition in der Schweiz hinwies, die schon lange vor der Bundesstaatengründung von 1848 den Keim der direkten Demokratie in sich barg.
So kann es auch 2013 nicht die Lehre aus der napoleonischen Zeit sein, dass der Friede in Europa durch einen neo-napoleonischen Moloch zu den Menschen komme. Dies, auch wenn das Grossgebilde von heute oder der Präsident eines sich permanent als im Kriegszustand bezeichnenden Landes den Friedensnobelpreis bekommen haben – von einem Komitee, deren jüngsten Entscheidungen wegen sich der Begründer Alfred Nobel gemäss Fredrik S. Heffermehl3 im Grabe umdrehen würde.

US-Strategen: Der Mensch als Gattungswesen will keinen Krieg

Die Aussage kommt von unverdächtiger Seite, von einem, der nicht als Friedenstaube, Idealist oder Pazifist bekannt ist: Der der Schule des «Neorealismus» zugehörige US-Amerikaner Kenneth N. Waltz4 vertritt mit seinem Ansatz des «anthropologischen Realismus» die Auffassung, dass die Ursache für Kriege zwischen Staaten nicht im Machtstreben des Menschen zu suchen sei, sondern im internationalen System, welches anarchisch strukturiert sei, mithin also über keine rechtsstaatlichen Einrichtungen und Traditionen verfüge. Da Staaten durchaus rationale Akteure seien, die überleben wollten, sei ein Gleichgewicht der Mächte anzustreben – heute auch mit Atomwaffen. Aussagen, die einerseits irritieren mögen, was die Proliferation von unterschiedslos tötenden Waffen anbelangt, andererseits wohltuend wirken, wird doch der Mensch vom Generalverdacht freigesprochen, er sei des Mitmenschen Wolf, er verfüge über einen Todestrieb oder Archetypen wie die eines Wotan und was der Hobbes’schen, vulgärfreudianischen und Jung’schen Auffassungen so sind. Dass der Mensch an sich ein friedliches Wesen ist, welches gerne mit seinen Mitmenschen kooperiert, zeigen die Studien von Tomasello in aller Klarheit. Dass der Mensch als soziale Frühgeburt auf den sozialen Uterus angewiesen ist und also Schutz benötigt, hat Adolf Portmann5 dargelegt.

Die Conditio humana: ein Zusammenspiel von Feingefühl und Robustheit

Kooperationswille, Schutzbedürfnis und Schutzgewähren gehen Hand in Hand. Die Sozialnatur des Menschen ist also immer ein Zwillingspaar aus Mitgefühl, Mitempfinden und Hilfeleistung einerseits und Abwehrwille gegen Machtanmassung, Verteidigung der menschlichen Würde gegen Usurpatoren und Aufstellen von Regeln zur Wahrung des Bonum commune. Diese zweifache Ausgestaltung der Conditio humana, auch als Zusammenspiel von Feingefühl und Robustheit zu umschreiben, durchzieht die Geschichte von uns Menschen seit Anbeginn. Gibt es in der Geschichte jedes einzelnen immer eine bunte Palette von reineren und weniger reinen Emotionen, Affekten und Bestrebungen, so reicht auch ein Überhang an destruktiven Tendenzen von Individuen zu Fehlgriffen, die durchaus schlimm sein können, wie Mord und Totschlag, Vergewaltigung und Hass usw. Nie aber erklären sich so Kriege, die über Jahre dauern und Tausende, Hunderttausende, ja Millionen Menschen das Leben kosten. Das besagt also nicht nur die realpolitische Schule des Neorealismus à la Kenneth N. Waltz, dies zeigen auch Briefe, Tagebucheinträge und in neuerer Zeit Zeitzeugeninterviews mit Betroffenen von kriegerischen Auseinandersetzungen. Der Mensch an sich will im Frieden leben, in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, ohne deswegen Feindschaft zu den Übrigen aufzubauen. Fällt er aber über den Mitmenschen her, und zwar in Massen und organisiert und uniformiert, stehen dahinter immer Manipulationen, Ideologien und Missbrauch des menschlichen Gestaltungswillens.

Die eigene Zeitgebundenheit wirkt zumeist blendend

Dies in der eigenen Gegenwart nachzuvollziehen, fällt nicht immer leicht, ist man doch unmittelbar in die Abläufe verstrickt und von starken Interessen beeinflusst. So lassen sich Kriege auch im 21. Jahrhundert leider zumeist immer erst im nachhinein als grosses Unrecht, verbunden mit Irreführung der Öffentlichkeit, aufdecken. Werden einem Kriege als Kampagnen verkauft, welche Kriege verhindern, welche die Menschenrechte gewährleisten, welche einen Massenmord verhindern sollen usw., und wird dies massenmedial breit gestreut und ständig wiederholt, schafft oft erst die zeitliche Distanz Klarheit. Die eigene Zeitgenossenschaft wirkt zumeist blendend und betäubend, auch will man oft gar nicht wahrhaben, dass ein doch durchaus ­positiv besetzter Politiker oder Staat Monströses tut. Da fällt es uns oft leichter, an Beispielen aus der Geschichte nachzuvollziehen, dass Kriege immer mit Lügen beginnen, dass zumeist Werte bloss Interessen kaschieren sollen, dass Monströses auch monströs ist. Wenn zum Beispiel ein Staatsmann sagt, der Tod von einer Million Menschen sei ihm egal, mag das in der zeitlichen Entfernung von 200 Jahren empören – sagt es aber eine Aussenministerin über 500 000 Kinder eines zuvor über Jahre durch die Medien dämonisierten und durch ein Embargo ausgehungerten Volkes, so fällt dies unkommentiert in das schwarze Loch des Vergessens oder bestenfalls des Verdrängens, bestenfalls, weil Verdrängtes die Angewohnheit hat, sich irgendwann doch wieder an die Oberfläche emporzuarbeiten. Oder warum empfinden wir die Aussage von Napoleon Bonaparte über seine Soldaten in Millionenzahl nicht gleich wie jene der damaligen US-Aussenministerin Madeleine Albright über die halbe Million Kinder aus dem Irak?

Seit 1999 haben wir den Respekt vor dem Krieg wieder verloren

Sind wir seit dem Kosovo-Krieg wieder auf Kriegspfad und haben gemäss dem kürzlich verstorbenen Divisionär Dr. iur. Hans ­Bachofner (1931–2012)6 den Respekt vor dem Krieg verloren, mag ein Blick in die Geschichte heilsam sein. Zum Beispiel auf ein Ereignis vor 200 Jahren. Die Rede ist von der erwähnten Völkerschlacht von Leipzig, wo sich eine halbe Million Soldaten verschiedenster Länder in der bis dahin grössten Schlacht der Menschheitsgeschichte gegenüberstanden.
Wer den neuen Roman mit dem Titel «1813 – Kriegsfeuer» von Sabine Ebert liest, der auf dem Studium von über 30 000 Seiten Primär- und Sekundärliteratur beruht und sich möglichst nahe an den historischen Gegebenheiten und Personen bewegt, legt das Buch immer wieder zur Seite und kommt ins Grübeln: Wozu dieser Wahnsinn? Warum dieses sinnlose Abschlachten von Zehntausenden zumeist sehr jungen Männern? Warum gelang es niemandem, der Tollheit Einhalt zu gebieten? Wie haben die Menschen damals überleben, wie die Greuel verarbeiten können? Und warum ging es dann weiter und weiter, über die ganzen Einigungskriege unter Bismarck, die Kriege in Norditalien, auf der Krim, im Balkan, um dann in den beiden Weltkriegen zu kulminieren und den über 100 Kriegen seither – mit der heutigen neokolonialen Kriegsführung unter dem Mäntelchen der «Menschenrechte». Wird die Menschheit denn nie klüger?

«Tutti fratelli» – ein halbes Jahrhundert vor Henry Dunant

Sabine Ebert hat nur wenige Figuren frei erfunden, vor allem eine ist aber bitter nötig, um nicht in Hoffnungslosigkeit, Apathie oder Zynismus und Sarkasmus zu fallen: Mit der Figur der Henryette Gerlach, Jette gerufen, schafft sie eine Lichtgestalt, die die christliche Tradition des barmherzigen Samariters aufgreift und eine Florence Nightingale vorscheinen lässt. Oft denkt man aber auch an Bertha von Suttner mit ihrem dialogisch aufgebauten Nobelpreisroman «Die Waffen nieder» und vor allem aber immer wieder an den Ausruf «Tutti fratelli», mit dem Henry Dunant7, der Gründer des Roten Kreuzes, in der Schlacht von Solferino im Lazarett von Castiglione zum Ausdruck brachte, dass jedem verletzten Soldaten, egal welcher Herkunft, geholfen werden muss, schlicht, weil es alles Menschen sind oder eben Brüder.

Damals der Korse, heute die untergehende Hypermacht?

Brüder tauchen in Eberts Roman auch in einem andern Zusammenhang auf, auf der Ebene der Herrschenden, und dies sind arg geheuchelte Beziehungen. Als «Bruder» bezeichnet der Imperator Napoleon den sächsischen König Friedrich August I., den er in eigentlicher Geiselhaft hält, ohne dies so zu benennen. Überhaupt dieses Sachsen: Von Napoleon nach der Niederlage in Jena und Auerstedt von 1806 mit dem Versprechen geködert, es nicht zu besetzen und zu plündern, es also anders und bevorzugt zu behandeln als das mitbesiegte Preussen, muss es seine jungen Männer wie so viele unterworfene Völker dem Hegemon für dessen Kriegszüge ausliefern. Ein Schicksal, welches in der Geschichte nicht neu, bis heute aber auch nicht überwunden ist: Wer nicht in der Lage ist, sich zu verteidigen, sei es aus Feigheit, Blauäugigkeit oder wieso auch immer, wird für den Sieger Krieg führen dürfen. Wer fremde Truppen auf seinem Territorium dulden muss, wird geplündert, ausgehungert und entehrt. Was in der historischen Distanz so deutlich wird, ist in der Gegenwart oft schwer zu erkennen. Aber hat nicht die nun abdankende Hypermacht USA ähnliche Züge wie das imperiale Gehabe des Korsen? Nur mit anderen, smarteren Begriffen kaschiert? «Koalition der Willigen» ist da schon fast zu offensichtlich, «Wertegemeinschaft» oder «die internationale Gemeinschaft» cleverer verpackt. «Vasall», «Brückenkopf», «Tributpflichtige», alles Begriffe, die der Geostratege Zbigniew Brzezinski8 in seinen Büchern verwendet, gemahnen doch eher an Napoleon. Und auch hier die Frage: Warum wehrt sich da keiner? Ist das nur Angst vor der Macht – oder schwingt auch Bewunderung und ein gewisses krankhaftes Anlehnungsbedürfnis an vermeintliche Grösse mit? Auch dabei sein zu wollen, wenn die Schönen und Reichen prassen?

Wer benennt den Megalomanen als solchen?

In Sachsen zur Zeit der Völkerschlacht sind all diese Abläufe exemplarisch nachzuvollziehen, von Sabine Ebert akribisch freigelegt. So wird zum Beispiel anhand der Abläufe um die Person der Sächsin Auguste Charlotte, Gräfin von Kielmannsegge, deutlich, wie Macht nicht nur für einfache Naturen und Gemüter immer auch «Sexappeal» zu versprechen scheint. Oder wie soll man das umschreiben und fassen, dass eine Frau einem Massenmörder huldigt, der auch die eigenen Untertanen schädigt, mithin also ihre Lebensgrundlage zerstört? Und sich ihm als Topspionin gegen die eigenen Landsleute aus der adeligen Oberschicht zur Verfügung stellt. Ist das die Folge des sogenannten Charismas des selbsternannten Kaisers Napoleon? Und wieso kann das derart greifen, dass man den Geisteskranken und Megalomanen in ihm schlicht nicht wahrhaben will?
Sabine Ebert beantwortet die implizit gestellten Fragen nicht explizit, lässt aber den Leser sinnierend zurück. Gerade weil sie die Geschichte aus der Perspektive einzelner Menschen der verschiedensten Nationen, Lager und sozialen Schichten darstellt, also einen personalen Ansatz wählt, kann sich der Leser einfühlen, ja oft auch einbeziehen. Erst so, durch den personalen Ansatz, wird Geschichte greifbar, nur so macht sie wirklich Sinn. Nie soll Auseinandersetzung mit Geschichte nur «l’art pour l’art» sein – natürlich darf dem Postulat der Aufklärer des «prodesse et delectare», des «nützen und erfreuen», stattgegeben werden. Und das gelingt Frau Ebert in vorzüglicher Weise: Man nehme sich eine Woche Zeit für die Lektüre und kann dann so richtig eintauchen – nie besteht die Gefahr, dass man sich verlieren könnte, weil sich Analogien zu heute von Seite zu Seite aufdrängen bzw. ergeben.

Ein literarisches Mahnmal für den «unbekannten Soldaten»

Mehr als einmal legt man das Buch auf seinen Schoss und beginnt zu sinnieren: «Frauen schenken Leben, Männer nehmen es» – stimmt das? Ohne radikalfeministisch zu wirken, löst die Autorin da ganze Gedankenabläufe aus: Frauen und Männer aus der Geschichte gehen einem dabei durch den Kopf, Sokrates, Jesus von Nazareth, Gandhi, Mutter Teresa, die bereits erwähnte Florence Nightingale, aber für die Schweiz auch Gilberte de Courgenay, die während des Ersten Weltkrieges die Soldaten in ihrem Restaurant an Mutters statt annahm und alle namentlich gekannt haben soll, «et tout les officiers», wie es im eigens zu ihren Ehren komponierten Lied so schön heisst. Und natürlich Henry Dunant. Aber auch Bertha von Suttner, Heinrich von Kleist mit seiner Novelle Die Marquise von O, die das Schicksal von Frauen in Kriegen, hier ebenfalls den napoleonischen, nachzeichnet, wenn eine Französin von einem russischen Offizier zwar zuerst vor der Schändung durch seine Soldaten gerettet, dann aber doch schwanger wird, ohne zu wissen, durch wen, und am Schluss aufgedeckt bekommt, dass es gerade ihr Beschützer war, der ihr als Engel vorgekommen war und sich als Teufel entpuppte. Kleist zeigt daran, wie der Krieg alles auf den Kopf stellt. Anders als sonst wird hier zuerst geboren, dann geheiratet ohne Gefühle, dann sich verliebt.
Wenn sich bei Ebert die Protagonistin Jette mit dem Feind einlässt, dann nicht aus Begehren, sondern aus Mitleid: Wie eine Mutter ihr Kind an sich zieht, um es zu trösten, zieht die junge Sächsin den Besatzungsoffizier zu sich, um ihm Trost zu spenden für den bevorstehenden Tod auf dem Schlachtfeld – in ihm liebt, besser ehrt sie aber gleichzeitig all die Männer, die sie kennengelernt hat, und zwar von den verschiedenen Parteien: da den preussischen, dort den französischen Offizier, schliesslich den Freischärler, der zu den Lützower Jägern strebt – man sieht vor dem geistigen Auge das Grabmal des «unbekannten Soldaten», dem die Autorin hier feinfühlig ein literarisches Mahnmal errichtet.

Jeder Mann dient in einer Armee: der eigenen oder einer fremden!

Ganz besonders ergreifend und nachdenklich stimmend sind all die Sequenzen, in welchen deutlich wird, was es bedeutet, von einer fremden Macht erobert zu werden: Da ziehen die besten der Sachsen mit dem Usurpator gen Moskau, werden dort auf dem Rückzug regelrecht verheizt, nur um dann erleben zu müssen, wie derselbe Machtmensch ihre Heimat zum Schlachtfeld macht, und zwar über Monate hinweg, bis das Land so völlig ruiniert ist, dass er es getrost, wie er zynisch formuliert, dem Feind überlassen kann, da sich da ja nichts mehr herausholen lasse. Dass sich einige der sächsischen Offiziere das nicht gefallen lassen und zur Gegenpartei überlaufen, am Schluss auch noch im Schlachtgetümmel der Völkerschlacht von Leipzig selber, hat zur Folge, dass Sachsen gegen Sachsen kämpfen, beide für ihr Vaterland. Dass ihr König laviert und taktiert, musste ihnen klar sein, weil dies alle taten. Wer für eine Idee antrat, sah sich immer verraten. So hatten etwa der preussische König und der Zar von Russ­land schon lange unter sich ausgemacht, dass bei einem Sieg über Napoleon Sachsen dem preussischen Reich einverleibt würde. Dass die stolzen sächsischen Patrioten, die gegen Napoleon kämpfen wollten und sich dazu den Preussen unterstellten, weil ihnen keine andere Wahl blieb, so gegen die eigenen Interessen kämpften, ohne es zu wissen, ist tragisch. Dass die Alliierten untereinander oft uneins waren, wurde von Napoleon vorausgesehen und ausgenutzt. Dass die Habsburger aber noch während der Schlacht von Leipzig mit ihrem Gegner Napoleon Geheimverhandlungen aufnahmen und ihm ohne das Wissen ihrer Alliierten und gegen deren Willen einen Fluchtweg garantierten, war einerseits blanker Verrat an der gemeinsamen Sache, andererseits Beweis dafür, dass diese gemeinsamen Interessen nur ephemer waren.

Zwischen Staaten gibt es keine Freundschaft, sondern nur Interessen

Oder um es mit den Worten Brzezinskis und anderer Geostrategen zu formulieren: Zwischen Staaten gab es noch nie Freundschaft, sondern nur Interessen. Und das Interesse Habsburgs war, Napoleon, dem Schwiegersohn von Kaiser Franz I. nicht die Existenzgrundlage zu entziehen, denn man brauchte ein starkes Frankreich, damit Preussen und Russland in der Nachkriegszeit nicht zu stark würden, frei nach dem Motto: «Im Krieg ist immer schon nach dem Krieg, und nach dem Krieg ist immer schon vor dem Krieg».
Aber auch all die polnischen Soldaten, Offiziere und Generäle im Dienste Napoleons sahen sich betrogen, denn von einem unabhängigen Polen träumten zwar sie, sonst aber niemand. Die Gemengelage war so komplex, die Bruchlinien auch innerhalb des alliierten Bündnisses klar spürbar, dass jeder ständig mit Verrat rechnen und ihn auch immer wieder erleben musste. Insbesondere all jene, die feststellen mussten, dass sie lediglich Kanonenfutter waren, sahen sich betrogen. Und natürlich lässt sich im nachhinein alles klarer sehen, doch wenn man mal im ganzen Schlamassel drinsteckte, war es schwer, wieder herauszufinden. Und doch: Als sich die 500 000 Mann in der Leipziger Ebene gegenüberstanden, ruhten die Waffen durchaus mal einen Tag, weil die Oberbefehlshaber keinen Angriffsbefehl gaben, aus diversen Gründen. Zeigt aber nur, dass Kriege jederzeit von Menschen zu stoppen sind, da sie auch menschengemacht sind. Oder aus Schweizer Perspektive: Besser lässt man sich gar nie auf solche Dinge ein.

Der Rat von Niklaus von Flüe von Immanuel Kant verstärkt

Dass dies möglich ist, zeigt das Beispiel der Schweizer Eidgenossenschaft. Als militärische Grossmacht im Mittelalter und der frühen Neuzeit lernte man rechtzeitig aus all den Verhängnissen, die sich auch in der Völkerschlacht von Leipzig zeigten: So wie in Leipzig Sachse gegen Sachse, Deutscher gegen Deutschen kämpfte, standen oft reislaufende Eidgenossen gegen Eidgenossen, Vater gegen Sohn; und als es eine Niederlage in Marignano absetzte, suchte man Rat bei einem weisen Mann: Bruder Niklaus von Flüe zeigte dann die Richtung, und unsere Vorfahren liessen sich die Richtung auch zeigen: Die beiden Empfehlungen sind bis heute wegweisend für die Schweiz und können es für alle Völker sein. «Machet den Zaun nicht zu weit» und «mischt euch nicht in fremde Händel» ist vom Gehalt genau das, was Immanuel Kant in seiner berühmten Schrift «Zum ewigen Frieden» aus dem Jahre 1795 den Menschen empfahl: Kleinstaaten statt Grossgebilde, Republiken statt Monarchien, nur so könne Frieden ent- und bestehen. Dass sich die Mehrzahl der Menschen in Eu­ropa diesem Gebot nicht anschliessen konnten, ist tragisch, heisst aber nicht, dass das Prinzip falsch gewesen wäre: Gepaart mit dem Genossenschaftsprinzip, dem Aufbau von unten nach oben, dem politischen Willen, in Freiheit zu leben und diese auch zu verteidigen, und zwar mit aller Kraft, aber eben immer nur defensiv, haben die Eidgenossen sich, dem Kontinent Europa und der Welt eine Insel des Friedens, auch des sozialen Friedens, und eine Instanz der Vermittlung und der friedlichen Streitschlichtung geschenkt.
Dies wäre auch heute der Weg in eine friedliche Zukunft: ein Europa der Vaterländer, die durchaus auch aus kleineren Gebilden bestehen dürften, wie zum Beispiel dem Freistaat Bayern9 oder dem Freistaat Sachsen. Es sage niemand, solche Staaten seien zu klein, um wirtschaftlich zu überleben. Der Erfolg der Kleinstaaten Europas wie der Schweiz strafen solche Aussagen Lügen.

Die Mär von der friedensstiftenden EU und Nato

Wer nun aber nach der Lektüre des Romans zur Völkerschlacht in Leipzig den Schluss ziehen möchte, um solche Schlächtereien künftig zu verhindern, brauche es noch grössere Gebilde als jenes Napoleons, zum Beispiel eine EU, die dann als Friedensmodell Europa den Frieden bringe, sieht sich durch die dramatische Eurokrise heute eines besseren belehrt: Prof. Hankel hat einen friedlichen Ausweg gezeigt, was die Wirtschaft und die Währungen betrifft10. Was den politischen Teil betrifft, bräuchte es Besinnung und die Frage, wie es kommt, dass grosse europäische Länder seit 1999 wieder Krieg führen. Auch wenn man den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen Serbien als Friedenskampagne verkaufen wollte, ebenso die Kriege gegen Libyen und in Mali, und dafür den Begriff der «humanitären Intervention», «R2P», den der «Schutzverantwortung», unter Auslassung der «Rechenschaftspflicht», bemühte: Es bleiben Verstösse gegen das Völkerrecht. Immer wieder gedeckt durch die Vormacht in der Nato, die USA. Und genau darin müss­te die Schlussfolgerung nach der Lektüre von «1813 – Kriegsfeuer» liegen: zu erkennen, dass immer noch und immer wieder europäische Völker sich fremdbestimmen und manipulieren lassen, einerseits von einem undurchschaubaren Machtklüngel in Brüssel, andererseits von einem ebenso dunklen Gebilde mit Sitz in Washington DC. So wie man Napoleon bei frühzeitiger und entschlossener Gegenwehr, was natürlich auch die Abschaffung der eigenen elitären Machtstrukturen des Feudalismus bedingt hätte, hätte stoppen können, oder, nachdem er den Zenit seiner Macht überschritten hatte, dies rechtzeitig hätte erkennen und dementsprechend handeln sollen, genauso liesse sich heute der taumelnde Hegemon abschütteln – in der Hoffnung, er möge sich besinnen und im eigenen Land für Ordnung im Chaos sorgen. Die Bürger der USA hätten das genauso verdient wie damals die Bürger Frankreichs, die ob all der Kriegszüge des Imperators in Europa verhasst waren. Doch was für herrliche Mitmenschen sind die Franzosen, ebenso die Amerikaner, wenn sie nur von Machtanmassung in Ruhe gelassen würden, die Manipulationsmaschinerie keine Nahrung mehr bekäme.

Kleine Republiken, die sich nicht in fremde Händel mischen …

Wäre Kant damals erhört worden, wäre Frankreich Republik geblieben und die umliegenden Feudalstaaten Republiken geworden, ohne den Drang, grosse Flächenstaaten bilden zu wollen, hätten sich alle für neutral erklärt, ohne sich deswegen entwaffnen zu lassen, so wie die Eidgenossen: Was für blühende Landschaften wären in Europa entstanden! Die Epoche des Imperialismus und dann der Weltkriege wären nicht nötig, auch nicht denkbar gewesen. Eine Utopie? Das Modell Schweiz und die Schrift Immanuel Kants beweisen das Gegenteil: Wenn dies die Schlussfolgerung nach der Lektüre des Buches von Sabine Ebert ist, hat sich die Lektüre gelohnt. Wenn das Heil aber in einem neo-napoleonischen Koloss mit Sitz in Brüssel oder Washington oder irgendwo gesucht werden sollte, war die grosse Arbeit der Autorin «für die Katz», wie man in der Schweiz sagt. Oder um im Kontext der Romanhandlung zu bleiben: Figuren wie die fiktive Jette Gerlach können auch als Vorbilder genommen werden: Ihr Wirken für den Frieden und die Barmherzigkeit mögen als Leitlinie dienen, nicht nur für Frauen. Henry Dunant und die Entwicklung der Bewegung des Roten Kreuzes weltweit ist das real existierende Beispiel dafür, dass es ginge, wenn man denn nur wollte! Wem das zu idealistisch erscheint, mag sich vom Realismus der Schweiz überzeugen lassen: Zum Feingefühl gehört die Robustheit, zum Roten Kreuz die immerwährende bewaffnete Neutralität: der realistische Blick auf die Welt und den Homo sapiens sapiens, der zwar zum Schlechten, wie viel mehr aber zum Guten fähig ist.     •

Literatur: Sabine Ebert. 1813 – Kriegsfeuer. Roman. München 2013. ISBN 978-3-426-65214-5

1    Michael Tomasello. Warum wir kooperieren. Berlin 2010. ISBN 978-3-518-26036-4
2    Roca, René. Wenn die Volkssouveränität wirklich eine Wahrheit werden soll … Die schweizerische direkte Demokratie in Theorie und Praxis – Das Beispiel des Kantons Luzern. Schriften zur Demokratieforschung, Band 6. Herausgegeben durch das Zentrum für Demokratie Aarau. Zürich 2012. ISBN 978-3-7255-6694-5. Vgl. Rezension in Zeit-Fragen Nr. 4 vom 21. Januar 2013
3    Fredrik S. Heffermehl. Das Ziel bleibt: Aus Schwertern Pflugscharen machen. In Zeit-Fragen Nr. 31, 23. Juli 2012
4    Kenneth N. Waltz: Why Iran should get the bomb. Nuclear balancing would mean stability. In: Foreign Affairs July/August 2012. Hrsg: Council on Foreign Relations. Deutsche Übersetzung in Zeit-Fragen Nr. 43/44 vom 11. Oktober 2012
5    Adolf Portmann. Aufbruch der Lebensforschung. Zürich 1965
6    Vgl. Zeit-Fragen Nr. 45 vom 22. Oktober 2012
7    Henry Dunant. Eine Erinnerung an Solferino. Wien 1997. ISBN 3-95-008010-4
8    Zbigniew Brzezinski: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft. Frankfurt 1999. (US-Originalausgabe: The Grand Chessboard. New York 1997. ISBN 3-596-14358-6)
9    Wilfried Scharnagel. Bayern kann es auch allein. Plädoyer für den eigenen Staat. Köln 2012. ISBN 978-3-86995-048-8. Vgl. Rezension in Zeit-Fragen Nr. 5 vom 28. Januar 2013
10    Mit der Kraft der zwei Währungen aus der Krise. Interview mit Prof. Dr. Wilhelm Hankel, in Zeit-Fragen Nr. 14 vom 8. April 2013

Regierung in Bern will Söldnerfirmen in der Schweiz verbieten
Die Regierung in Bern will Söldnerfirmen in der Schweiz verbieten und eine Meldepflicht für Sicherheitsdienstleistungen im Ausland einführen. Mit dem Gesetz will der Bundesrat namentlich dazu beitragen, die schweizerische Neutralität zu wahren und die Einhaltung des Völkerrechts zu garantieren. Dem Gesetz unterstellt sind Unternehmen, die von der Schweiz aus Sicherheitsdienstleistungen im Ausland erbringen oder in der Schweiz damit zusammenhängende Aktivitäten ausüben. Es erfasst auch Gesellschaften mit Sitz in der Schweiz, die im Ausland tätige Unternehmen kontrollieren (Holding-Gesellschaften).
Quelle: Vertraulicher Schweizer Brief Nr. 1348 vom 2.2.2013

Leipzig 1813 und die Folgen

Im Herbst 1813 erreichten mit der Völkerschlacht vor den Toren Leipzigs die sogenannten Befreiungskriege gegen die napoleonischen Truppen ihren Höhepunkt.
Vom 16. bis 19. Oktober fügten die Alliierten Österreich, Preussen, Russland und Schweden dem französischen Heer und seinen Zwangsverbündeten, darunter die Truppen des sächsischen Königs und der unterworfenen deutschen Rheinbundstaaten, die entscheidende Niederlage zu und brachen damit die Vorherrschaft Napoleons in Europa.
Napoleon Bonaparte I. – seit 1804 Kaiser der Franzosen – hatte für mehr als ein Jahrzehnt die Geschicke Europas bestimmt. Nach der vernichtenden Niederlage von Waterloo (18. Juni 1815) wurde er endgültig auf die Insel Sankt Helena in die Verbannung geschickt. Auf dem Wiener Kongress 1814/1815 ordneten die politischen Vertreter von rund 200 europäischen Staaten, Körperschaften, Herrschaften und Städten die Kräfteverhältnisse auf dem Kontinent neu.
Wichtig für die Eidgenossenschaft: Am 20.11.1815 gelang es der Schweizer Diplomatie in Paris, die Grossmächte Österreich, Frankreich, Grossbritannien, Preussen und Russland zur ersten völkerrechtlichen Anerkennung der immerwährenden Neutralität der Schweiz zu gewinnen, zur «Acte portant reconnaissance et garantie de la neutralité perpétuelle de la Suisse et de l'inviolabilité de son territoire». Diese war in allen wesentlichen Punkten vom Genfer Charles Pictet-de Rochemont formuliert worden, der darauf achtete, dass aus der Garantie kein Interventionsrecht der Grossmächte abgeleitet werden konnte.

Quellen: www.leipzig1813.com/index.php?id=166 und www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D16572.php

Die direkte Demokratie der Schweiz –
ein Friedensmodell in politischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht
ts. Anlässlich des 200. Jahrestages der Invasion der napoleonischen Truppen in die Schweiz von 1798 versuchten heimatmüde Historiker Napoleon als Begründer der modernen Schweiz zu verklären, den Gewaltherrscher, der das besetzte Land plünderte, zentralisierte und die jungen Männer als Kanonenfutter nach Russ­land zwang. Den Forschungen von Dr. René Roca ist es mit zu verdanken, dass diese Geschichtsklitterung richtiggestellt werden konnte, indem er auf die genossenschaftliche Tradition in der Schweiz hinwies, die schon lange vor der Bundesstaatengründung von 1848 den Keim der direkten Demokratie in sich barg.
Seine Arbeit hinterfragt die liberale Siegergeschichtsschreibung, entstanden nach dem Sieg im Sonderbundskrieg und der liberalen Bundesstaatsgründung von 1848, und erteilt damit der ideologiegeleiteten Pro-EU-Historie im Gefolge des Bergier-Berichts eine Absage. Roca rehabilitiert die besiegten Katholisch-Konservativen, indem er deren Beitrag zur Entwicklung der direkten Demokratie herausarbeitet: Ihnen hat es die moderne Schweiz zu verdanken, dass alte genossenschaftliche Traditionen und ein an der Würde des Menschen orientiertes personales Menschenbild in der Tradition des Naturrechts im 19. Jahrhundert für die Entstehung der direkten Demokratie nutzbar gemacht werden konnten. Denn auf diesem Boden wurden den Liberalen Instrumente abgerungen, die heute unter dem Namen Referendum und Initiative Wesensmerkmale des Sonderfalls Schweiz sind.