Afghanistan – die Geschichte wiederholt sich

Die Parallelen zwischen dem laufenden Krieg und dem der 1840er Jahre sind verblüffend

von William Dalrymple*

Am 10. März schockierte Afghanistans Präsident, Hamid Karzai, die westlichen Führer, indem er erklärte, dass die vor kurzem geschehenen Angriffe beweisen würden, dass die Taliban «im Dienste Amerikas stehen». Die Schlussfolgerung war klar: Terroristen konspirieren mit den Vereinigten Staaten, um Chaos zu säen, noch bevor die Amerikaner ihren geplanten Rückzug im Jahr 2014 antreten. US-amerikanische und europäische Führer, eingedenk des Blutzolls und der Unsummen, die sie aufgewendet haben, um die Regierung von Karzai zu schützen, waren verwirrt und verärgert.
Aber für denjenigen, der die afghanische Geschichte studiert hat, waren Karzais Beweggründe, fremde Mächte öffentlich mit Füssen zu treten, ziemlich offensichtlich. Eine von der westlichen Presse wenig beachtete Pressemitteilung der Taliban vom 18. März erklärte unter Bezugnahme auf den afghanischen Herrscher im Exil, der von den Briten 1839 wieder als König eingesetzt worden war: «Jeder weiss, wie Karzai nach Kabul gebracht wurde und wie er auf den schutzlosen Thron von Shah Shuja gesetzt wurde.» «So ist es nicht verwunderlich, dass sich die amerikanischen Soldaten über ihn lustig machen und ihn beleidigen, weil das die Philosophie von Invasoren ist, dass sie ihren Strohmann am Ende verachten […] und ihn auf diese Weise für seine Knechtschaft bestrafen!»
Unabsichtlich legen die Taliban ihre Finger in die Wunde bei einem Schlüsselfaktor im Verständnis von Karzais Psychologie. Immerhin ist Karzai als Stammesältester des Popalzai Stammes der direkte Abkömmling des Stammes von Shah Shuja ul-Mulk, welcher der von den Engländern sorgfältig ausgelesene Herrscher war, der während des ersten Versuchs des Westens in der Mitte des 19. Jahrhunderts einen Regime change in Afghanistan herbeiführen sollte.
Während sich die Vereinigten Staaten darauf vorbereiten, sich aus Afghanistan zurückzuziehen, wiederholt sich die Geschichte, obwohl sich im Westen wenige dessen bewusst sind. Wir mögen die Einzelheiten der Kolonial­geschichte vergessen haben, die soviel dazu beigetragen haben, den Hass der Afghanen gegenüber der Fremdherrschaft zu prägen –die Afghanen haben sie nicht vergessen.
Heute wird Shah Shuja in Afghanistan weithin als Marionette des Westens geschmäht. Der Mann, der die Engländer 1842 besiegt hat, Wazir Akbar Khan, und sein Vater, Dost Mohammed, werden weithin als Nationalhelden angesehen. Karzai hat sein ganzes Leben mit diesem Wissen gelebt, und dies hat ihn zu einem schwierigen Verbündeten gemacht, der immer dazu bereit war, die Unterschiede zwischen sich selbst und seinen Hintermännern hervorzuheben, und das lässt ihn in den Augen anderer als jemanden erscheinen, der den Ast absägt, auf dem er sitzt.
Im Jahr 2001 fragten Spitzenfunktionäre der Taliban ihre jungen Kämpfer: «Wollt ihr, dass man sich an euch als Sohn von Shah Shuja erinnert oder als Sohn von Dost Mohammed?» Als der Talibanführer Mullah Omar zur Macht aufstieg, nahm er sich absichtlich Dost Mohammed zum Vorbild, und wie er nahm er das heilige Gewand des Propheten Mohammed aus seinem Schrein in Kandahar und legte es an, um den Dschihad auszurufen – eine absichtliche historische Nachstellung, deren Bedeutung alle Afghanen sofort verstanden.
Die Parallelen zwischen dem laufenden Krieg und dem der 1840er Jahre sind verblüffend. Es existieren dieselben Stammes-Rivalitäten, und es werden dieselben Kämpfe an denselben Orten ausgefochten, im Gewand neuer Flaggen, neuer Ideologien und neuer politischer Marionetten. Dieselben Städte werden von ausländischen Truppen besetzt, die dieselben Sprachen sprechen, und sie werden von denselben Hügeln und Hochpässen angegriffen.
Shah Shuja war nicht nur vom gleichen ­Popalzai Unterstamm wie Karzai, seine Hauptgegner waren Ghilzais, die heute die Massen von Fusssoldaten der Taliban stellen. Mullah Omar ist genauso ein Ghilzai wie Mohammad Shah Khan, der Widerstandskämpfer, der die Metzelei der britischen Armee im Jahr 1841 leitete.
Dieselben moralischen Probleme, über die heute in redaktionellen Kolumnen gegrübelt wird, wurden in der Korrespondenz britischer Funktionäre während des ersten Afghanistan-Krieges diskutiert. Sollten ausländische Truppen versuchen, «die Interessen der Menschheit voranzubringen», und sich für soziale Reformen einsetzen, indem man Traditionen wie das Steinigen von ehebrecherischen Frauen verbietet? Sollten sie versuchen, Blasphemiegesetze zu reformieren, und politische Ideen des Westens einführen?
Oder sollten sie sich lediglich darauf konzentrieren, das Land zu regieren, ohne für Aufregung zu sorgen?
So warnte der grosse britische Meisterspion Sir Claude Wade am Vorabend der Invasion von 1839: «Ich denke, man muss sich vor nichts mehr fürchten oder hüten als vor dem masslosen Vertrauen, mit dem wir allzuoft die Vorzüglichkeit unserer eigenen Insitutionen zu betrachten pflegen, und vor dem Bemühen, das wir an den Tag legen, diese auf neuem und unerprobtem Boden einzuführen.» In dieser frühen Kritik der Demokratieförderung schlussfolgerte er: «Eine solche Einmischung wird immer zu erbitterten Disputen, wenn nicht zu einer gewaltsamen Reaktion führen.»
Genauso wie Englands Unvermögen, dem afghanischen Aufstand von 1841/42 beizukommen, aus Führungsfehlern und dem Abbruch der Beziehungen zwischen den britischen Abgesandten und Shah Shuja bestand, ist das gespannte Verhältnis zwischen Nato-Führern und Karzai ein wesentlicher Faktor beim Scheitern in den letzten Verwicklungen gewesen.
Afghanistan ist so arm, dass die Besetzung nicht aus natürlichen Vermögensquellen oder aus Steuermitteln finanziert werden kann. Heute gibt Amerika über 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr für Afghanistan aus: Es kostet die USA mehr, die Marinebataillone in zwei Distrikten von Helmand zu unterhalten, als was sie dem gesamten Staat Ägypten an militärischer und Entwicklungshilfe zur Verfügung stellen. Und dann hängt die Entscheidung, die Truppen zurückzuziehen, jetzt von Faktoren ab, die für Afghanistan wenig Bedeutung haben, nämlich von der schlechten Wirtschaft und den Launen der Politik zu Hause.
Die Geschichte wiederholt sich nie exakt, und es gibt einige wichtige Unterschiede zwischen dem, was sich im heutigen Afghanistan abspielt, und dem, was sich in den 1840er Jahren abspielte. Es gibt keine einigende Persönlichkeit im Zentrum des Widerstands, die von allen Afghanen als Symbol für Legitimität und Gerechtigkeit anerkannt wird: Mullah Omar ist kein Dost Mohammed oder Wazir Akbar Khan, und die Stämme haben sich nicht hinter einem einzelnen Führer vereint, wie es in den 1840er Jahren der Fall war.
Darüber hinaus waren die Ziele der konservativen, defensiven Stammesaufstände, die die koloniale Herrschaft beendeten, sehr verschieden von denen der heutigen Taliban, die eine importierte wahabbitische Ideologie über Afghanistans unterschiedliche religiöse Kulturen überstülpen wollen. Und was am wichtigsten ist, Karzai hat versucht, eine breit angelegte demokratische Regierung zu etablieren, die trotz ihrer vielen Mängel und ihrer gewaltigen Korruption immer noch weitaus repräsentativer und beliebter ist, als es das Regime von Shah Shuja jemals war.
Karzai ist sehr daran interessiert, die Lektionen der Misserfolge seiner Vorfahren zu lernen. Als mein Buch im Januar in Indien herauskam, hat er ein Exemplar erstanden und es gelesen. «Unsere sogenannten gegenwärtigen Verbündeten verhalten sich uns gegenüber genauso, wie es die Briten gegenüber Shah Shuja taten», sagte er mir. «Sie haben die Gelegenheit vertan, die ihnen das afghanische Volk gegeben hat.»
Karzai glaubt, dass Shah Shuja seine Unabhängigkeit nicht genug betont hat, und er machte klar, dass er in seinem eigenen letzten Amtsjahr so handeln werde, dass man sich an ihn niemals als eine Marionette von irgendjemandem erinnern wird.     •
* William Dalrymple ist Autor des vor kurzem erschienenen Buches «Return of a King: The Battle for Afghanistan, 1839–42.»

Quelle: IHT Sunday Review, 13. April 2013
(Übersetzung Zeit-Fragen)