Die duale Berufsausbildung – ein Segen für die Jugend in jedem Land

von Dr. iur. Marianne Wüthrich

Globale Konzerne mit Sitz in der Schweiz bräuchten für ihre Arbeitsplätze junge Leute mit Gymnasialbildung und Hochschulstudium, mit Lehrlingen sei ihnen nicht gedient – so äusserte sich unlängst ein Kadermann aus einem Think tank von Schweizer Grossbetrieben. Deshalb sollen die Akademikerzahlen «ums Verrode» erhöht werden, in der Schweiz ebenso wie in Deutschland.
Als Schweizer Berufsschullehrerin mit langjähriger Erfahrung muss ich eindringlich davor warnen, die Bedeutung der dualen Berufsausbildung für Deutschland, Österreich und die Schweiz auch nur um das kleinste Jota schmälern zu wollen. Nicht dass ich irgendeinem jungen Menschen die Maturität und ein Hochschulstudium verwehren will, schliesslich habe ich selbst auch einen akademischen Abschluss. Aber ich werde es nicht dulden, dass jemand auch nur antönt, eine akademische Laufbahn habe in irgendeiner Weise einen höheren Wert für den Jugendlichen selbst oder für unsere Wirtschaft als eine Berufslehre.
Tatsache ist, dass die Schweizer Wirtschaft zu über 90 Prozent aus KMU (Kleinen und mittleren Unternehmen) besteht, deren Bedeutung für unser Land ungleich wichtiger ist als diejenige der globalen Grosskonzerne, die oft nicht mit der Schweiz verbunden sind, sondern heute ihren Sitz hier und morgen in einem anderen Land oder auf einem anderen Kontinent haben. Tatsache ist auch, dass in der Schweiz, Deutschland und Österreich die Jugendarbeitslosigkeit im Vergleich zu den anderen europäischen Staaten mit grossem Abstand am tiefsten ist. Dies beweist, dass die Wirtschaft eben gerade nicht mehr Akademiker braucht, sondern dass die europäischen Länder vor allem eines dringend benötigen: viele Genossenschaften oder andere kleinere Unternehmen, die sich der Jugend annehmen und Lehrlinge ausbilden. 80 Prozent der Schweizer Jugendlichen machen eine Berufslehre – dies wäre auch anderswo möglich, allerdings nur mit einer sorgfältigen Aufbauarbeit und mit vielen Erwachsenen, die es als ihre Verantwortung betrachten, einen Beitrag zur Ausbildung der Jugend zu leisten.
Im Laufe meiner Tätigkeit an der Berufsschule habe ich Tausende von Lehrlingen in den verschiedensten Berufen kennengelernt, die in ihrer drei- oder vierjährigen Lehrzeit unter Anleitung ihrer Lehrmeister nicht nur zu guten und verlässlichen Berufsleuten geworden sind, sondern auch als verantwortungsbewusste und demokratiefähige Bürger ihren Platz in ihrer Gemeinde und in deren Vereinen oder sozialen Institutionen eingenommen haben. Nicht wenige meiner Schüler haben nach der Lehre noch eine weiterführende Ausbildung in Angriff genommen. Andere fanden ihre Befriedigung darin, selber Lehrlinge auszubilden und das weiterzugeben, was sie von ihren Lehrmeistern und Berufsschullehrern mitbekommen hatten.
Gerade in einer Zeit, in der die Jugendlichen neben den Gefahren von Alkohol- und Drogensucht auch die zahlreichen neuen Gefährdungen durch die digitale Flutwelle überstehen müssen, um zu reifen und zu sozialen Erwachsenen zu werden, ist der Halt, den sie im Lehrbetrieb und in der Berufsschule angeboten bekommen, von unersetzlichem Wert.
Hüten wir die duale Berufslehre und empfehlen wir sie weiter, statt uns von Vertretern neoliberaler Lehren von diesem bewährten Weg abbringen zu lassen.     •

«Für das Schulwesen sind die Kantone zuständig»

ev. Seit Anfang Jahr sind die universitäre Bildung und Forschung, die bisher dem Eidgenössischen Departement des Inneren unterstanden, und die Berufsbildung, die schon bisher im Volkswirtschaftsdepartement angesiedelt war, im neuen Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation zusammengeführt worden. Erster Leiter des neuen Staatssekretariates ist der Tessiner Mauro dell’Ambrogio. Im «Tagesgespräch» von SRF 1 vom 9. Januar 2013 hat er einige klärende Feststellungen gemacht: So hat er festgehalten, dass es mit der Schaffung dieses neuen Staatssekretariates in keiner Weise um eine Zentralisierung des Schweizer Bildungswesens und um keine Änderung der verfassungsmässigen Zuständigkeiten geht. In Art. 62, Abs. 1 der Bundesverfassung heisst es ja auch klar: «Für das Schulwesen sind die Kantone zuständig».
Entsprechend erklärt Mauro dell’Am­brogio seine neue Aufgabe: «Das ist eine verwaltungsinterne Reform. Dort gibt es Effizienzpotential. Aber es ist nicht eine Reform des Bildungs- und Forschungswesens in der Schweiz. Das System besteht gleich wie bisher. Die Gesetze sind die gleichen wie bisher. Die Organisation, die Strukturen, die kantonalen Zuständigkeiten sind genau dieselben.» Und an anderer Stelle: «Im allgemeinen Bildungswesen sind die Kantone am Werk, operativ. Der Bund macht vorwiegend nur die grosse Geldverteilung zwischen ETH-Bereich, Subventionen an die Kantone, internationale Projekte usw.»
Seine Aufgabe sieht er vor allem darin, «zu schauen, dass die Sachen funktionieren, vor allem, dass das System nicht geschädigt wird». Denn: «Das System braucht keine Revolution, ich glaube, es ist kein Sanierungsfall. Unser Bildungssystem, unsere Forschung wurden noch in den letzten Tagen als die besten der Welt zelebriert.»