Ruttnern – eine uralte Schneepfadtechnik

Trainpferde auf historischen Saumpfaden

von Heini Hofmann

In früheren Jahrhunderten führte der Warenverkehr im Gebirge über Saumpfade, im Sommer mit Packrossen, im Winter mit Pferdeschlitten. Grösste Sorge solch transalpiner Handelsbeziehungen war das Öffnen und Instandhalten der Bergpässe zur Winterszeit.
Eine von Säumern über Jahrhunderte praktizierte, heute fast vergessene und nur bei der Traintruppe (pferdebestückte Formation der Gebirgsinfanterie) der Schweizer Armee gelegentlich noch geübte Technik machte dies möglich: das Ruttnern. Das ist das Erstellen tragfähiger Schneepfade in unwegsamem Gelände mit Hilfe von Pferden und Maultieren oder, in früheren Zeiten, auch mittels Ochsen – denn diese sinken im Schnee weniger ein, da sie, im Gegensatz zu den Equiden, auf zwei Zehen fussen, die sich zudem leicht spreizen.
Die letzte wirklich spektakuläre Ruttnerübung fand vor einem Vierteljahrhundert statt, als eine Trainkolonne mit erfahrenen Pferden und Wehrmännern die Leistungsfähigkeit des Trains nochmals exemplarisch unter Beweis stellen wollte: Diese verschworenen Naturburschen mit ihren hippologischen 4x4 öffneten – zum ersten und wahrscheinlich zugleich auch zum letzten Mal nach über hundert Jahren – in harter Knochenarbeit den im Kanton Graubünden gelegenen, die Landschaft Davos mit dem Mittel­engadin verbindenden Scaletta-Pass.

Alte Wegtechnik stirbt aus

Analog zur Landwirtschaft verschwindet – als Opfer der Modernisierung – das Pferd ­ratenweise auch aus der Armee. Verfügten die Traintruppen Mitte letzten Jahrhunderts noch über rund 10 000 Tiere, ist deren Zahl heute, nach dem Verzicht auf eigentliche Gebirgstruppen, bereits auf unter 700 zusammengeschrumpft.
Mit dem Verschwinden der Hafermotoren geht auch das Know-how im Umgang mit den Arbeitstieren verloren, was wiederum bedeutet, dass altbewährte Arbeitstechniken aussterben, wie zum Beispiel das Holzrücken mit Pferden oder eben das Ruttnern. Lassen wir also diese geniale Schneepfadtechnik nochmals aufleben, bevor sie endgültig vergessen ist!

Vorab die Skipatrouille

Als im 19. Jahrhundert der Alpenstrassenbau begann, starb die Säumerei, das heisst der Warentransport mit Tragtieren, aus. Nur bei den Gebirgssoldaten mit ihren Armeepferden lebte diese alte Tradition weiter, wenn auch mit anderer Zielsetzung: War die winterliche Öffnung kleiner Übergänge einst handelsbedingte Notwendigkeit, bedeutet sie heute traintechnische Übung.
Die Ruttnertechnik ist seit Jahrhunderten dieselbe geblieben: Eine Absteckequipe, heutzutage eine Skipatrouille unter Führung von Schnee- und Lawinenspezialisten, erstellt die Streckenmarkierung, bedacht auf Sicherheit und gleichmässige Steigung. Sehr oft entspricht diese Routenwahl ganz und gar nicht dem Sommerweg. Gefährliche Stellen – beispielsweise eine unter der Schneedecke verborgene Bachquerung – werden speziell markiert.

Schaufler und Spurpferde

Hat die Skipatrouille die Routenführung ausgesteckt, folgt ein Schauflerdetachement. Dieses bricht den Schnee von beiden Seiten in die Wegmitte, damit ihn die nachfolgenden, am langen Zügel geführten Spurpferde verdichten. Eine Sisyphusarbeit! Die dampfenden Pferdeleiber bahnen sich nackt, das heisst ohne Beschirrung und – je nach Schneeverhältnissen, zwecks Vermeidung von Selbstverletzung – ohne Eisen an den Hufen, watend und «schwimmend» den Weg.
Ein spektakuläres Schauspiel! Mann und Pferd versinken oft bis an die Schultern im Schnee und müssen sich, schweissgebadet, nach wenigen Schritten und Sprüngen für die nächsten paar Meter zuerst wieder erholen. Oft schon nach wenigen Minuten Ruttner­arbeit muss das vorderste Mann-Ross-Team die andern vorbeilassen, da dieses Spuren im Tiefschnee Arbeit bis zur Erschöpfung bedeutet. Und all das bei steifem Wind und klirrender Kälte, die den Atem vor Nase und Nüstern zu Rauhreif erstarren lassen.

Zuletzt Trassier-Schlitten

Auf die Spurpferde folgen wieder Schaufler, dann erneut Pferde und zuletzt Schlitten, die mit quer unter die Kufen gespannten Ketten den Schneeweg planieren. So ergibt sich ein festes Trassee, auf dem nachher die Pferdestaffeln – mit Bastsattel oder Schlitten – transportieren können, auf dem aber auch Fusstruppen mühelos zu verschieben sind.
So man das Ruttnern beim ersten Schneefall beginnen und kontinuierlich weiterführen könnte, ergäbe dies – im Idealfall – einen festen, tragfähigen Pfad auf gleicher Höhe wie die umgebende Schneedecke, was bedeutet, dass er nicht verweht werden kann. Eine Ruttnerpiste ist also genau das Gegenteil von einer Schneegasse, die beim erstbesten Sturm wieder aufgefüllt würde.

Der weisse Schnitter Tod

Während moderne Gebirgstruppen über Lawinenspezialisten, Sprengmittel und Rettungseinrichtungen verfügen, mussten die Ruttner von damals oft Leib und Leben riskieren. Legion ist denn auch die Zahl von Menschen, Pferden und Handelsvieh, die im Laufe der Jahrhunderte an den Pässen ihr Leben in Lawinen verloren.
Daneben machen der winterlichen Karawanserei – damals wie heute – noch andere Erscheinungen zu schaffen: plötzlich hereinbrechende Stürme, die jede Orientierung verunmöglichen und meterhohe Schneewächten auftürmen, oder der sogenannte Bodenstreicher, ein bissiger, alles durchdringender Zugwind, und schliesslich die grausame Kälte, die den Leib zum starren Fremdkörper macht.

Pferde sind kälteresistent

Die Rosse haben es bezüglich Kälte besser als die Menschen. Sie ertragen Temperaturen bis gegen minus vierzig Grad Celsius, bevor sich Erfrierungen ersten Grades einstellen. Sie sind jedoch – aufgestallt und nicht in Bewegung – vor allem empfindlich gegen Nässe und Durchzug.
Was sie in Extremsituationen punkto trockene Kälte auszuhalten vermögen, so sie nicht verweichlicht sind (was heute bei den Haustieren, analog wie bei den Menschen, auch bereits zum Teil der Fall ist), haben sowohl Kriegspferde beispielsweise im Eismeerfeldzug und an der Beresina als auch die Ruttnertiere der alten Säumer auf den Alpenpässen bewiesen.
Eine junge Generation wird sich solche Techniken von den «Könnern» zeigen lassen und die zur Zeit bestehende Lücke mit sportlichem Elan und mit Stolz ausfüllen.    •

Naturburschen in Uniform

HH. Schon früher erforderte der Säumerberuf junge, kräftige und gesunde Leute. Daher hiess es, dass einer nicht in die Gilde aufgenommen werde, so er nicht fähig sei, ein Lägel (Fässchen) Wein im Gewicht von 144 Krinnen (rund 75 Kilo) mit einem Ruck auf den Bastsattel des Pferdes zu stemmen. Überhaupt waren Körperkraft und Trinkfestigkeit gleichbedeutend mit Respekt und Ansehen.
Mahlzeiten wurden und werden im Freien oder in der Schutzhütte respektive im Biwak eingenommen. Was einst die gut geschmalzene Mehlsuppe war, gespickt mit Brot- und Käsebrocken und verdünnt mit einem Schoppen Veltliner Wein, das ist heute das Eintopfgericht «Spatz», nur ohne Veltliner … Welch goldene Zeiten waren das doch früher, als der Säumer, so er sein Ross versorgt hatte, den schon in der Säumerordnung des 16. Jahrhunderts gesetzlich abgesegneten Schlummerschoppen zugesprochen erhielt. Welches Dienstreglement kennt heutzutage solch sympathische Paragraphen?
Die militärischen Säumer von heute, die Trainsoldaten, geniessen unter den Infanteristen den Ruf, willige, vielleicht etwas eigenwillige, dafür aber zuverlässige, zähe und einsatzfreudige Wehrmänner zu sein, geradezu Naturburschen in Uniform. Bei ihnen dominiert praktisches Können theoretisches Wissen, und Leistung kommt vor militärischen Formen. Vielleicht gerade dank solcher Mentalität gelang ihnen noch, was früher nur die Säumer zustandebrachten: das Brechen des Berges!

Vom Fuhrlohn zum Sold

HH. Die Ruttner von einst bezogen ihren Lohn in Form von Taxen. So mussten für jedes Saum- oder Reitpferd, das den geöffneten Berg querte, sechs Kreuzer bezahlt werden, für jedes Stück Rindvieh jeglichen Alters die Hälfte, für Pferd oder Ochs samt Schlitten das Doppelte. Der Fuhrlohn für einen Saum (Ladung) betrug einen Gulden, für lose Waren pro Rupp (rund zehn Kilo) fünf Kreuzer. Überhaupt war die Lohn- und Transport­ordnung damals recht kompliziert und führte bei den derben und ungeschlachten Fuhrleuten zu manch einem Streit.
Nicht so bei den heutigen Ruttnersoldaten; denn sie wissen zum vornherein, dass die Entlöhnung ihres Dienstes am Vaterland im undiskutabel festgelegten Sold besteht: 5 Franken am Tag für den einfachen Soldaten, 16 für den Kolonnenkommandanten im Rang eines Hauptmanns, 20 für den Übungsleiter im Rang eines Oberstleutnants, wobei selbst dieser pro Tag 4 Fränkli weniger als jedes Ross erhält, beträgt doch das Mietgeld im Instruktionsdienst, welches die Armee für ihre von privaten Vermietern eingestellten Pferde entrichtet, immerhin 27 Franken pro Tag und Ross oder Maultier.
Muskelkraft wird in der Armee also besser bezahlt als Kopfarbeit, entsprechend der logischen Überlegung, dass ein Ross vier Beine hat, ein Oberstleutnant aber nur einen Kopf … Wer mit dem Trainross gleichziehen will, muss schon zum Divisionär avancieren; denn erst ein Zweisterngeneral bekommt auch 27 Fränkli pro Tag. Dass deswegen die Pferde in der Schweizer Armee abgeschafft werden sollen, ist bloss ein dummes Gerücht …