Vielfalt, Wettbewerb und «Resilient Dynamism»

Rede von Bundespräsident Ueli Maurer vom 23. Januar 2013 anlässlich des World Economic Forums in Davos

Sehr geehrter Herr Professor Schwab
Exzellenzen
Meine Damen und Herren

Welcome to Switzerland, welcome to Davos. I would like to welcome you in each of our four national languages:
Bainvgnü quia a Tavo, in quista cuntrada alpina da bellezza. Eu m’ingrazch per Lur visita e giavüsch a tuots ün bel temp e bun divertimaint.
Benvenuti a Davos in questo splendido paesaggio alpino. Vi ringrazio della visita e vi auguro un piacevole soggiorno.
Soyez les bienvenus à Davos et dans son magnifique écrin de sommets alpins. Je vous remercie de votre visite et vous souhaite un agréable séjour en Suisse. Herzlich willkommen hier in Davos, in dieser wunderbaren Bergwelt. Ich bedanke mich für Ihren Besuch und wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt.
An den verschiedenen Landessprachen sehen Sie, wie vielfältig die Schweiz ist. Diese Vielfalt macht den kulturellen Reichtum unseres Landes aus. Und sie prägt uns auch gesellschaftlich und politisch.
Darum ist die Schweiz ein Bundesstaat, der aus 26 Kantonen besteht.
Nun könnte man vielleicht denken, auf so kleinem Raum wie der Schweiz nochmals 26 kleine Staaten zu haben, das sei nicht gerade effizient. Für unser Land hat sich diese Vielfalt aber als Segen erwiesen. Sie ist der Grund für die «widerstandsfähige Dynamik», für «Resilient Dynamism» der Schweizer Wirtschaft.
Denn Vielfalt führt zu Wettbewerb. Das ist nicht nur in der Wirtschaft so, sondern auch in der Politik. Wir haben einen Wettbewerb zwischen den Gemeinden und zwischen den Kantonen. Wir haben einen landesinternen Standortwettbewerb. Dieser führt zu guter Infrastruktur, zurückhaltender Reglementierung und zu tieferen Steuern. Davon profitieren Private ebenso wie Unternehmen.
Zum Föderalismus kommt die direkte Demokratie: Das Volk bestimmt die Höhe der Steuern. Das hilft, die Steuerbelastung auf einem vergleichsweise erträglichen Niveau zu halten. Und weil man der Politik hinsichtlich Sparsamkeit nie wirklich trauen darf, ist in unserer Verfassung eine Schuldenbremse verankert. Diese verpflichtet uns, die Einnahmen und Ausgaben im Gleichgewicht zu halten.
Wettbewerb nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch zwischen den Standorten und eine wetteifernde Vielfalt, eine freiheitliche Ordnung und direkte Demokratie: Das ist das Erfolgsrezept der Schweiz.
Warum spreche ich an einem internationalen Forum über die Schweiz? Weil ich an die Vielfalt glaube. Und an den Wettbewerb. Sowohl innerhalb von Staaten wie auch zwischen den Staaten.
Nicht nur der Wettbewerb in der Privatwirtschaft, sondern auch der Wettbewerb der Staatssysteme und der Standorte bringt Fortschritt und Wohlstand. Allerdings wird nicht überall danach gehandelt. Denn Wettbewerb ist anstrengend: Die eigenen Rahmenbedingungen zu verbessern ist harte politische Arbeit. Gerade grosse Staaten kommen in Versuchung, darauf zu verzichten. Statt dessen setzen sie ihre kleineren Standort-Konkurrenten unter Druck, damit diese ihre Rahmenbedingungen verschlechtern müssen.
Wenn die Schweiz heute wirtschaftlich im internationalen Vergleich gut dasteht, haben wir das unserem freiheitlichen Staatssystem zu verdanken. Ich frage mich: Wäre es nicht besser, andere Staaten liessen sich von diesem Erfolg inspirieren, als dass sie unsere Ordnung verunglimpfen und bekämpfen?
Der Druck von Mächtigen auf kleine, aber erfolgreiche Konkurrenten gibt mir zu denken. Denn damit wird der Wettbewerb, der Motor des Fortschritts, abgewürgt. Letztlich gibt es Wohlstandseinbussen für alle. Selbst die grossen Staaten sind nur vorübergehende Gewinner. Wenn der Wettbewerb der Systeme und der Standorte fehlt, werden die Staaten träger und träger – bis jeder Reformwille erlahmt.
Ich bin überzeugt: Die widerstandsfähige Dynamik, der das diesjährige Forum gewidmet ist, kann ohne friedlichen Wettbewerb der Standorte nicht erreicht werden.
Ich wünsche Ihnen einen inspirierenden Gedankenaustausch hier am WEF und dabei etwas Musse, um nebst den Vorträgen und Gesprächen auch noch unsere wunderbare Bergwelt zu geniessen! Sollte Ihnen dazu die Zeit fehlen, kann ich Sie versichern, dass die Schweiz auch als Touristendestination einen hervorragenden Ruf hat …
Ich danke Ihnen!    •

Quelle: Eidgenössisches Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport vom 23.1.2013