«Viel Erfahrung, die über die Berufsausbildung hinausgeht»

Interview mit der Stellvertretenden Direktorin der DEZA Botschafterin Maya Tissafi

Zeit-Fragen: Wie lange engagiert sich die DEZA schon in der Berufsbildungsfrage?

Botschafterin Maya Tissafi: Das tut die DEZA bereits seit 50 Jahren, ich muss aber dazu sagen, dass wir in den früheren Jahren nur sehr punktuell einzelne Berufsbildungsprojekte gestartet und umgesetzt haben. In den letzten Jahren haben wir das Engagement intensiviert, arbeiten nun aber stärker auf der System­ebene.

Was heisst das?

Dass wir einen grösseren Hebel ansetzen. Wir arbeiten mit den Regierungen und mit dem Privatsektor zusammen und unterstützen sie dabei, im jeweiligen Land ein nationales Berufsbildungssystem einzuführen.

Wie geht die DEZA vor, wenn sie sich in einem Land in der Frage der Berufsbildung engagiert?

Das ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Wir engagieren uns in dieser Frage vor allem in Ländern, in denen wir bereits vor Ort präsent sind. Das heisst, wir kennen die Situation dort sehr gut. Dazu kommt natürlich auch die Nachfrage der einheimischen Betriebe und Branchen, in denen qualifizierte Arbeitskräfte fehlen. Auf der anderen Seite kommt der Impuls auch von der Regierung, die weiss, dass sie etwas unternehmen muss, um ihrer Jugend mehr Möglichkeiten zu geben, auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen. Oft aber ergreift die DEZA selbst die Initiative. Dann besprechen wir mit der jeweiligen Regierung, was die Schweiz im Land leisten kann, und bringen die Berufsbildung selbst in die Diskussion ein. Wir haben sehr viel Know-how und sehr viel Erfahrung auf diesem Gebiet und können Hilfe leisten, die über die Berufsbildung hinausgeht.

Wie reagieren die Staaten auf die Vorschläge der DEZA?

Bei vielen Staaten müssen wir sehr viel Zeit darauf verwenden, das Schweizer Berufsbildungssystem zu erklären. Sie fragen oft, ob es für solche Berufe überhaupt nötig sei, eine Ausbildung zu machen. Es ist ihnen klar, dass es für akademische Berufe eine universitäre Ausbildung braucht. Bei anderen Berufen haben sie oft die Vorstellung, man könne einfach direkt anfangen zu arbeiten. Wenn wir in solchen Gesprächen dann den privaten Sektor mit einbeziehen, hören die Regierungsvertreter von Vertretern der Wirtschaft selbst, dass qualifizierte Arbeitskräfte fehlen und dringend gebraucht werden. Dann sehen sie die Notwendigkeit oft ein. Manchmal entsteht ein Projekt auch auf Grund einer spezifischen Analyse. In Honduras haben wir zum Beispiel gesehen, dass in Quartieren, in denen die Gewalt besonders hoch ist, dringend etwas gemacht werden muss. Dort haben wir ein Pilotprojekt gestartet, ohne die Regierung von Beginn an im Detail einzubeziehen. Zwei Jahre später konnten wir bereits sehr gute Resultate aufweisen, was Vertreter der Regierung letztlich davon überzeugt hat, daran mitzuarbeiten und unseren Fokus auf gefährdete Jugendliche in ihrem Bildungssystem stärker zu berücksichtigen.

Wie muss man sich das vorstellen? Baut die DEZA dort selbst einen Handwerksbetrieb oder etwas Ähnliches auf, oder arbeitet man mit einheimischen Firmen zusammen?

Die DEZA baut selbst keine Betriebe auf. Ein Projekt kann sich beispielsweise wie in Myanmar entwickeln, wo eine kleine Schweizer NGO eine Berufsschule aufgebaut hat. Wir fanden das Projekt interessant, und so hilft die DEZA nun mit, damit das, was die NGO dort versucht aufzubauen, national eingeführt werden kann. Wir gehen immer über andere Organisationen. Das kann auch ein lokaler Betrieb sein, zum Beispiel ein Lederverarbeitungsbetrieb wie in Bangladesch, den wir zu unterstützen beginnen. Wenn wir später die Resultate haben, bringen wir das der Regierung zur Kenntnis. Die DEZA arbeitet immer über bestehende Strukturen.

Werden diese Berufe dann auch von anderen Firmen anerkannt, oder gibt es dahingehende Bestrebungen?

Das Ziel ist zum einen, dass die Berufe breit anerkannt werden, und zum andern, dass sie eine Zertifizierung bekommen. Das heisst, die Ausbildung jener, die zum Beispiel in Katmandu in Nepal eine Lehre abschliessen konnten, soll andernorts, etwa nach einem Umzug, anerkannt werden, damit die Bestrebungen, eine Ausbildung zu absolvieren, nicht vergebens waren. Das betrifft vielfach Frauen, die nach ihrer Heirat in ein anderes Dorf umziehen. Die Zertifizierung ist eines der langfristigen Ziele. Daran sieht man auch, dass die Entwicklungshilfe nur dann einen Nutzen hat, wenn sie langfristig angelegt ist. Es geht nicht darum, kurzfristig kleine Projekte zu realisieren, sondern langfristige Projekte mit dem Ziel der Nachhaltigkeit, wozu in diesem Fall die Anerkennung gehört.

Nach welchen Kriterien werden die Länder ausgewählt?

In Ländern, in denen wir tätig sind, unterscheiden sich die Einsatzbereiche stark. In der Entwicklungszusammenarbeit im engeren Sinn haben wir Schwerpunktländer definiert. In den Schwerpunktländern sind wir häufig über 20, 30 Jahre engagiert. Natürlich kommen immer wieder neue dazu. In einigen Ländern beendeten wir die Zusammenarbeit, wie in Vietnam oder in Südafrika, weil sie grosse Fortschritte gemacht haben und unsere Unterstützung nicht mehr im gleichen Mass benötigen. Myanmar ist dafür neu hinzugekommen. Grundsätzliches und langfristiges Engagement hängt davon ab, wie gross die Armut in einem Land, wie gross die Schere zwischen Arm und Reich, wie hoch der Grad der Fragilität ist usw. Das sind Kriterien für die Entwicklungszusammenarbeit. Bei der humanitären Hilfe sind ganz andere Punkte ausschlaggebend. Ist eine Katastrophe passiert, dann stellt sich die Frage der Rettung, der Ernährungslage, der medizinischen Versorgung usw. Die Hilfe ist dort nur kurzfristig ausgerichtet.

Wie ist die Reaktion der Länder, die diese Unterstützung erfahren haben und denen über Jahre hinweg erfolgreich geholfen wird?

Wir kennen die Auswirkungen, weil wir die Reaktionen in jährlichen Treffen mit den Regierungen aktiv einholen. Hier stehen natürlich verschiedene Fragen im Raum: Sind wir auf dem richtigen Weg? Muss man die Ausrichtung anpassen? Was kann man vom Erfolg in einem Land als Erfahrung auf ein anderes Land übertragen? Wir hören auch, wenn etwas gut verlaufen ist. Das ist für uns auch bedeutungsvoll. Diese jährlichen Auswertungen sind sehr wichtig. Alle Jahre machen wir interne Evaluationen, um die eigenen Erfahrungen, die man innerhalb der Projekte gemacht hat, auszutauschen. Wo gab es Fehler, die wir vermeiden können, oder wo können wir die Hilfe noch etwas ausweiten? Unser Anliegen ist, eine möglichst wirksame Arbeit zu leisten, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert.

Frau Botschafterin Tissafi, vielen Dank für das Gespräch.     •

(Interview Thomas Kaiser)