Alt? – Natürlich, warum auch nicht

Gedichte von Franz Hohler – nicht nur für ältere Semester

von Dr. phil. Winfried Pogorzelski

Bist du das wirklich
von dem das Strassenverkehrsamt
ein ärztliches Zeugnis verlangt
du seiest noch fähig
ein Auto zu lenken?

Ja, ich bin es, ist man – je nach Alter, versteht sich – versucht zu gestehen: Man täuscht sich eben nicht in dieser und auch nicht in den übrigen Wahrnehmungen von Alterserscheinungen, die der eine oder andere mehr oder weniger deutlich wahrnimmt. Das aber ist für den inzwischen 74jährigen Franz Hohler – Kabarettist, Erzähler, Romanautor, Lyriker und nicht zuletzt Cellist – kein Grund, das Altern lediglich zu dulden oder gar den Kopf in den Sand zu stecken. Ihm geht es vielmehr darum, auch diese Phase des Lebens bewusst zu leben, zu gestalten, ihr Schönheiten abzugewinnen, aber sich auch den weniger angenehmen Seiten zu stellen – ist dem Alter doch eigen, dass das Leben in mancherlei Hinsicht schwieriger wird und sein Ende näher und näher rückt.
Das Älterwerden, die Vergänglichkeit des Lebens, wehmütige Rückblicke, aber auch solche mit grosser Zufriedenheit, das Beobachten all dessen, was sich um uns herum abspielt, spiegeln sich in verdichteten kurzen Texten – insgesamt 87 an der Zahl – von immer wieder überraschender Vielfalt, was Themen, Form, Tonfall, Stil und Textsorte angeht.
Da ist zum Beispiel Ciao, maestro!, der Abgesang auf den ständig rauchenden Schuhmachermeister hinter dem Sternen Oerlikon, der Franz Hohler jahrelang die Schuhe flickte. Er ist unerwartet verstorben – so ein Schild an der Ladentür – und hinterlässt beim verdutzten Autor das Gefühl, ihm sei zum ersten Male erklärt worden, dass nach dem Leben irgendwann der Tod kommt. Ebenso vermisst er seinen 2014 verstorbenen Dichterkollegen Urs Widmer, wenn er schreibt:

Urs ist nicht tot
er ist nur aufgebrochen
voll Neugier und Wanderlust
zu einer grossen Reise
bis ans Ende des Universums.
(Urs Widmer)

Auch den Tod des unvergesslichen, bis zum Schluss auf der Bühne wirkenden Clowns Dimitri – er starb 2016 mit achtzig Jahren –, der mit seiner Frau im Jahre 1975 im Tessiner Dorf Verscio seine Scuola Teatro Dimitri (inzwischen Hochschule für Bewegungstheater und Theaterkreation) gegründet hatte und heute in der ganzen Welt bekannt ist, kann er kaum begreifen (Dimitri tot?). So richtig poetisch wird das Thema behandelt, wenn ein Schmetterling, Inbegriff des zarten, wunderschönen, aber auch zerbrechlichen Lebens, Botschafter der unwiderruflichen Vergänglichkeit des Lebens (Besuch, Wer bist du?) wird, ebenso wie die Blätter, die im Herbst im Wind tanzend von den Bäumen fallen (Blätterfall).
An anderer Stelle überrascht Hohler den Leser, wenn er Klassiker ins Schweizerdeutsche übersetzt wie das Gedicht Die Zeit von Heinrich Heine, geschrieben während dessen acht Jahre dauernden Leidenszeit – von ihm selbst als Matratzengruft bezeichnet –, hervorgerufen durch ein unheilbares Nervenleiden, das schliesslich zum Tod führte, oder das Sonett Nr. 66 von William Shakespeare, das den Alterungsprozess bis zum Tod skizziert und mit den Worten endet:

Tired with all these,
from these would I be gone,
Save that to die, I leave my love alone.

Oder auf Schweizerdeutsch:
Das macht mi müed, i gient am liebste hei
Nur, wär i tot, denn wär mi Schatz elei.

Leicht wehmütig ist Hohler damit beim Thema Liebe angelangt. Ausführlicher geht es um die tiefe Beziehung zweier Liebender in den Gedichten Private Weltgeschichte 1968–2016 und Spuk. Sie erzählen in schlichten Worten vom Wert der Liebe bzw. davon, wie ein Liebespaar über vierzig Jahre zusammenbleiben kann, ohne zu erstarren – fast schon eine fossile Erscheinung in unserer gerade bezüglich Liebesdingen schnelllebigen Welt – und welchen Grad an Geborgenheit echte Liebe zu spenden vermag. Dann spricht Hohler auch als Cellist, und zwar in einer bewegenden Dankesrede an die Sopranistin Anna Magdalena Bach (1701–1760), Kammersängerin und zweite Frau Johann Sebastian Bachs, die dessen sechs Suiten für Violoncello solo abschrieb und damit der Nachwelt erhielt: Bachs Niederschrift ging nämlich verloren. Für diese gute Tat bedankt sich Hohler bei der Sängerin, die viele Kinder gebar, einige verlor und viele grosszog, darunter Stiefkinder:

[…]
und dafür danke ich dir
ein bisschen spät
ich geb’s zu
aber umso inniger.
(Mein Dank geht an …)

Ganz lakonisch setzt sich der Autor kritisch mit alltäglichen Themen auseinander wie Fluglärm (Südanflug), Bauboom (Schrebergärten), Desinformation im Medienzeitalter (Experten) und Ökonomisierung der Welt durch den Kapitalismus (Gerücht). Der Dichter lässt sich nichts vormachen, sondern schaut hinter die Kulissen, versucht, den Dingen auf den Grund zu gehen. Und das macht das ansprechend gestaltete Bändchen für jedermann lesenswert, nicht nur für ältere Semester.
Einige Werke wirken auf den ersten Blick rätselhaft und verlangen, mehrfach und genau angeschaut, durchdacht zu werden. Oder ist Ihnen auf Anhieb klar, worauf das lyrische Ich mit folgenden Sätzen hinauswill?

Einheimische Fauna
Ein Bär
in der Schweiz?
Da gibt es doch Tiere
die sind uns vertrauter
etwa
die Haie.

Ein weiteres Beispiel dieser Art:

21. März
Als ich erwachte
nachts um halb fünf
schien der Mond
auf die Baustelle
vor unserem Haus.
Am Kran
hing noch immer ein Container
in der Luft
und ganz zuvorderst
auf dem Auslegearm
sass eine Amsel
und sang und sang
so laut und lang
bis ich begriff.

Franz Hohler lädt mit seinem kleinen Gedichtband zum Enträtseln der Welt, zum Verweilen, zum Geniessen, zum Nachdenken und zur Selbstvergewisserung ein, dass das menschliche Leben ein Geschenk ist, das es zu entdecken, zu geniessen, zu leben gilt, ohne zu verdrängen, dass es irgendwann für jeden von uns einmal zu Ende geht:

Und wieso
will der dunkle Anzug
im Kleiderschrank
nicht mehr nach hinten rücken?
(Alt?)     •

Hohler, Franz. Alt? Gedichte. München 2017