«Staatsdenker in der frühen Neuzeit» oder: Wider die Amnesie der anderen deutschen Geschichte

von Moritz Nestor

Die Geschichte des deutschen Volkes im zwanzigsten Jahrhundert wird oft bedenklich verzerrt, als wäre Hitler ein geistiger Nachfahre des Christentums, der modernen Naturwissenschaften, Friedrichs des Grossen und ähnliches mehr. Im Strudel falscher Geschichtsbilder, die nach dem Zweiten Weltkrieg gestreut wurden, versank, dass es nicht zuletzt deutsche Staatsdenker waren, die in der frühen Neuzeit entscheidende Grundlagen des Naturrechts schufen und dadurch den Weg zum gewaltenteilenden demokratischen Rechtsstaat ebneten.
Gegen die Amnesie dieses Teils der deutschen Geschichte leistet das Buch «Staatsdenker in der frühen Neuzeit», herausgegeben von Michael Stolleis, einen wertvollen Beitrag und hat auch mehr als 20 Jahre nach seinem Erscheinen nichts von seiner Aktualität verloren. Es enthält fünfzehn Aufsätze über Leben und Werk von mehrheitlich deutschen Naturrechtlern und Staatsdenkern der frühen Neuzeit und des 17. und 18. Jahrhunderts, die massgeb­lich Geschichte geschrieben haben und ohne deren Beitrag die Entstehung des demokratischen Rechtsstaates und der Menschenrechtskodifizierung undenkbar wären.
Über fast zwei Jahrhunderte hinweg – zwischen 1600 und 1800 – waren es allesamt zutiefst besorgte Christen, die sich den Kopf zerbrachen, wie eine Gesellschaft aussehen müsse, in der alle Menschen ohne Ansehung ihres Glaubens, ihrer Weltanschauung oder Herkunft in gerechtem und sicherem Frieden und in Würde zusammenleben könnten. Aus ihrem Denken schöpften die Staatsdenker und -gründer sowie die Strafrechtsreformer des 18. und 19. Jahrhunderts.
Jene Staatsdenker der frühen Neuzeit hatten die Grausamkeiten der spanischen Eroberer in den neuen Ländern Amerikas erlebt, den 80jährigen Religionskrieg der Niederlande gegen die Spanier, den Dreissigjährigen Krieg und die vielen anderen Religions- und Bürgerkriege mit ihren unendlichen Grausamkeiten im Namen des «wahren» Glaubens oder den Caesarismus machthungriger Adliger.
Als Christen griffen sie auf die antike und frühmoderne Naturrechtstradition sowie das römische Rechtsdenken zurück und betonten, dass der Mensch frei und gleich an Rechten geboren ist. Dass er nicht zu achten ist, weil er getauft ist, sondern dass Heide wie Christ, Ungläubige wie Gläubige zu achten sind und die gleichen natürlichen Rechte haben, weil ihnen die gleiche Menschennatur eigen ist. Aus diesem Mitgefühl mit dem ungerecht Behandelten und der daraus entstehenden Forderung nach Befreiung durch Recht schufen sie das Grundgerüst unseres modernen Staats- und Völkerrechts – rund 200 Jahre, ehe die ersten Verfassungsstaaten geschaffen wurden.
Zwar wird in der Wissenschaft immer wieder betont, dass nicht erst im 18. Jahrhundert, sondern bereits zu Beginn der Neuzeit, im Zeitalter des Humanismus, der «Entdeckung» Amerikas, der Glaubensspaltung die Grundbegriffe modernen demokratischen Staatsdenkens entwickelt wurden. Das hat jedoch kaum zu nennenswerten Forschungsimpulsen geführt, die der Bedeutung des Problems nur annähernd gerecht geworden wären. In der öffentlichen politischen Auseinandersetzung scheint gerade diese beste Tradition deutscher Geschichte kaum oder nicht vorhanden zu sein, ja, es scheint, als habe es vor der Französischen Revolution, beziehungsweise vor Hegel und Marx kein fortschrittliches deutsches Staatsdenken gegeben. Die bedeutende Rolle gerade Brandenburg-Preussens für eine zweite europa­weite Welle aufklärerischen Naturrechtsdenkens im 18. Jahrhundert scheint zum Beispiel unter dem Dogma begraben zu sein, dass Preussen nur Militarismus und Ungeist hervorgebracht habe.

Michael Stolleis, Herausgeber des Bandes und Professor für öffentliches Recht sowie Direktor am Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt/Main, war sich der historischen Bedeutung dieses Bandes bewusst, wenn er betont, dass ein gebrochenes Verhältnis zur deutschen Vergangenheit zu massiven Verdrängungen geführt habe. Diese wenigstens ein Stück weit rückgängig zu machen ist dem Buch hervorragend gelungen. Jeder Autor des Bandes arbeitet mit seinem Beitrag daran, das Bewahrenswerte aus der deutschen Vergangenheit der politisch motivierten Amnesie wieder zu entreissen. Unter anderem ist hervorzuheben, dass der Band die eigenständige Tradition des neuzeitlichen Naturrechts von Grotius über Hobbes, Cumberland, Pufendorf, Leibniz, Thomasius und Wolff schärfer als bisher heraushebt und gewichtet – eine Traditionslinie, die in herkömmlichen Philosophiegeschichten nur allzu oft sträflich vernachlässigt wird, die jedoch historisch von grösster Bedeutung für die Herausbildung der modernen Verfassungsstaaten war. Jeder der Aufsätze enthält eine biographische Skizze und eine kritische Würdigung des jeweiligen Autors. Nur zu deutlich wird, dass so manche traditionelle Philosophiegeschichte noch grosse weisse Flecken aufweist, gerade was die Aufarbeitung des neuzeitlichen Naturrechts betrifft. Wer weiss heute schon, um nur ein Beispiel zu nennen, dass es ein preussischer Denker war, Christian Wolff, der in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts genau jene Vorstellung vom Gemeinwohl herausarbeitete, welche erst die katholische Soziallehre im ausgehenden 19. Jahrhundert wieder aufgriff, beziehungsweise erneut dachte? Kein Autor der Neuzeit hat den Begriff des Gemeinwohls so genau und anthropologisch stimmig herausgearbeitet wie er. Die «Freye Republik», die der Preusse Wolff bereits 1721 forderte und die auf diesem Gemeinwohlbegriff aufbaute, ist eine Staatsvorstellung, der die heutigen demokratischen Verfassungsstaaten entsprechen. Von solchen und ähnlichen geistigen Leckerbissen ist das Buch Seite für Seite voll. Es ist eine Fundgrube nicht nur für Juristen, ­Politologen und Philosophen. Gerade auch für die Humanwissenschaften legt der Band eine Fülle von unbekannten historischen Wurzeln anthropologischen Denkens frei, und das (links-)ideologische Dogma vom Naturrecht als angeblich «katholischer Sonderlehre» löst sich von alleine auf. Der Band ist jedem geistig Regen, der die Geschehnisse mitverfolgt, aufs wärmste zu empfehlen.    •

Stolleis, Michael (Hr.). Staatsdenker in der frühen Neuzeit. Verlag C. H. Beck. München 1995