Lehrer wäre, nein, ist ein erfüllender Beruf

von David Holzmann


«Schliess­lich will jeder Schüler etwas lernen, und dabei kann in der Regel davon ausgegangen werden, dass die Ausrichtung auf den Lehrer gegeben ist. Der Schüler will etwas vom Lehrer. Und darum wäre es so einfach, dem Schüler zum Erfolg zu verhelfen. Der Schüler braucht Anleitung, nicht nur schriftlich, das reicht nicht. Der Schüler braucht den Lehrer als Bezugsperson, Ansprechpartner, als Helfer.»

An einem herbstlichen Montag kommt Sandrine von der Schule heim und berichtet beim Nachtessen voller Stolz und mit funkelnden Augen: «Wir bauen einen Heissluftballon in der Schule.» Die beiden jüngeren Geschwister machen genauso grosse Augen wie ihre Schwester, welche die fünfte Klasse besucht. Alle stimmen in die Begeisterung ein, Vater und Mutter berichten aus ihrer Schulzeit, als auch sie Heissluftballone bauten.
Jeden Tag werde während der Schulzeit daran gearbeitet, berichtet Sandrine. Da muss leichtes Seidenpapier zurechtgeschnitten und sorgfältig zusammengeklebt werden. Ein Gerüst muss aus dünnem Draht zurechtgebogen werden. Schon am zweiten Tag berichtet Sandrine nicht mehr, wie sich der Ballon entwickelt, den sie zusammen mit einer Schulkameradin bauen soll. Am Donnerstag fragt die Mutter, ob das Werk fertig sei und wann dann der grosse Moment sei, wo der Ballon in die Luft gelassen werde. Mit hängenden Mundwinkeln berichtet Sandrine, dass sie sich nicht sicher sei, ob ihr Ballon auch fliegen werde. Die Lehrerin habe die Mädchen gemassregelt, sie sollen nicht so viel Leim nehmen, sie bräuchten sich nicht zu wundern, wenn der Ballon nicht fliegen werde. Vater, Mutter und die Geschwister müssen Sandrine förmlich die Würmer aus der Nase ziehen, bis Sandrine herausrückt, was in der Schule vorgefallen ist.
Schliesslich wird der Ablauf deutlich: Die Lehrerin verteilte allen ein Blatt, worin die Anleitung in 8 Zeilen zum Bau eines Heiss­luftballons beschrieben ist. Neben dem sehr knapp verfassten Text mit einigen Begriffen, die Schweizer Kindern nicht geläufig sind, enthält die Bauanleitung noch drei schematische Zeichnungen. Die Anleitung solle als Instruktion genügen, meinte die Lehrerin und liess die Kinder auf sich alleine gestellt arbeiten. Sie sollten selbständig zu zweit je einen Heissluftballon bauen. Der Auftrag mit der schriftlichen Anleitung wurde kommentarlos verteilt, die Schüler gingen an ihren Platz und versuchten, sich ans Werk zu machen. Womit und wie anfangen? Schon nach kurzer Zeit wurden die Schüler unruhig, ein Gemisch aus Verzweiflung und Nervosität machte sich breit. Die Lehrerin griff durch und verlangte stilles Arbeiten und ärgerte sich offensichtlich über die Schüler.
Es ist Freitag in der gleichen Woche. Die Mutter schaut am Morgen zum Fenster hinaus, der Himmel ist grau, der Wetterbericht spricht von aufkommendem Regen am späteren Nachmittag: «Wollt ihr wirklich heute bei dem Wind eure Ballone steigen lassen? Und wo wollt ihr das unternehmen?» «Die Lehrerin geht mit uns mit Tram und Bus auf eine grosse Wiese, wo wir die Ballone starten lassen werden.»
Freitagabend; Sandrine kommt mit hängendem Kopf nach Hause, wirft die Schulsachen in eine Ecke. Von den 10 Ballonen sind zwei im Bus durch das Gedränge der Fahrgäste zerfetzt worden. Die restlichen 8 kamen einigermassen heil auf der grossen Wiese an. Drei weitere Ballone fingen Feuer, weil etwas Brennsprit auf das Seidenpapier gelangte. Beim Anzünden durch die Kinder wurden diese Ballone Opfer der Flammen, und es blieb nur noch das Drahtgerüst übrig. Der Wind verunmöglichte den anderen Ballonen den Start. Nur einer flog einige Meter, es war der Ballon der Lehrerin, die sich darüber offenbar freute.
Sandrine wollte sich aber nicht geschlagen geben. Die Schilderungen ihrer Eltern über ihre Erfahrung mit Heissluftballonen, die sie in der Schule bauten, wollte ihr nicht aus dem Kopf. Die Fünftklässlerin fragt die Mutter, ob sie nicht Seidenpapier kaufen könne. Beim Nachtessen entzündet sich nochmals ein Feuer der Begeisterung, als der Vater Sandrines Wunsch aufgreift und die Familie den Beschluss fasst, selber Heissluftballone zu basteln. Am Samstagmorgen, der Frühstücks­tisch ist noch nicht abgeräumt, wird schon geplant, besprochen und Material zusammengestellt. Zuerst wird das Papier ausgewählt: Welche Farbe soll der Ballon haben? Dann beugt sich die Tochter über das Papier, nimmt genau Mass und zeichnet vorsichtig die Schnittlinien ein. Der Vater schaut genau zu, korrigiert da und dort, hilft das Papier zu halten, damit die Tochter mit der grossen Schere genau entlang den Schnittlinien schneiden kann. Dann der Leim. «Wenig auftragen», sagt der Vater, «und sofort dünn verstreichen, damit sich das Papier durch den Weissleim nicht auflöst.» Dann muss man zu zweit oder noch besser zu dritt immer zwei Teile sorgfältig zusammenkleben. Sandrine lässt sich vom Vater genau anleiten, probiert selber, fragt wieder beim Vater nach, ob es gut sei. Ein ständiges Hin und Her zwischen Tochter und Vater.
Dann das Drahtgerüst, das in den Ecken des Papiers mit wenig Klebeband fixiert werden muss. Unmerklich ist die ganze Familie dabei, einen möglichst schönen und perfekten Ballon herzustellen. Alles rundherum ist vergessen. Sandrine ist die Begeisterung über den entstehenden Ballon ins Gesicht geschrieben. Es klappt, das Werk ist nach einer Stunde fertig. Sandrine ist stolz, und mit ihren Geschwistern will sie sogleich ins Freie rennen, um den Ballon steigen zu lassen. Doch der Vater winkt ab. «Schaut doch der Wind, seht ihr die Blätter am Baum, wie sie im Wind zittern? Das ist kein Flugwetter für Ballone.»
Am nächsten Tag, es ist Sonntag, schauen alle beim Frühstück nach draussen. Es windet immer noch. Am Nachmittag zeigt sich die Sonne, und es ist recht kühl. Die Mutter macht den Vater auf das Wetter aufmerksam, es sei nahezu windstill. Jetzt sind alle völlig entfesselt: Jetzt soll es sein, der Heiss­luftballon soll jetzt starten. Die Watte wird um das Drahtgerüst unten am Ballon fixiert. Draussen wird sie mit Brennsprit übergossen, die Spannung steigt, der Puls steigt bei allen. Jetzt wird die Watte gemeinsam angezündet. Vater und Sandrine halten an je zwei Ecken den Ballon, der sich mit warmer Luft füllt und … langsam können sie ihn loslassen, und er steigt ganz langsam höher und höher. Alle jubeln, lachen, und Sandrine tanzt mit ihren Geschwistern. «Er fliegt, schaut, er fliegt, und wie. Unglaublich! Seht euch das an!» Jetzt ist er höher als das Hausdach, eine feine Brise trägt ihn über den Garten hinaus bis zum Apfelbaum beim Nachbarn, wo er langsam runterkommt und dort hängen bleibt. Sandrines Bruder klettert geschickt auf den Baum und holt das kostbare Fluggerät vorsichtig herunter. Es ist heil geblieben. Die Familie geht mit Sonne im Herzen ins Haus. Sandrine will noch einen Ballon bauen, die Geschwister auch, und so entstehen noch drei weitere Ballone, einer schöner als der andere.
Was lief in der Schule schief, und was ist zu Hause besser gelungen? Wo ist hier der Unterschied zwischen der Ballonwerkstatt in der Schule und der zu Hause? Es ist die Beziehung; der Mensch lernt in der Beziehung. Die Lehrerin gab ein Blatt mit der Anleitung ab, ohne Erklärung, ohne Fragen oder Anregungen der Schüler zu beantworten bzw. entgegenzunehmen. Die Qualität der Beziehung zwischen Lehrer und Schüler entscheidet massgebend, ob der Lernprozess von Erfolg gekrönt wird.
Dabei wären die Voraussetzungen, die der Lehrer in der Schule vorfindet, ideal. Schliess­lich will jeder Schüler etwas lernen, und dabei kann in der Regel davon ausgegangen werden, dass die Ausrichtung auf den Lehrer gegeben ist. Der Schüler will etwas vom Lehrer. Und darum wäre es so einfach, dem Schüler zum Erfolg zu verhelfen. Der Schüler braucht Anleitung, nicht nur schriftlich, das reicht nicht. Der Schüler braucht den Lehrer als Bezugsperson, Ansprechpartner, als Helfer. Die Dankbarkeit des Schülers ist das Elexier für den Lehrerberuf, etwas Schöneres kann es nicht geben. Der Schüler ist dem Lehrer so dankbar für jeden Erfolg, den er nach Hause tragen kann, ob das ein schöner Aufsatz, eine gelungene Rechenaufgabe oder eben ein Heissluftballon ist.
Jeder Lehrer, der sich seiner Bedeutung als Bezugsperson und Ausrichtungspunkt für den Schüler bewusst ist, kann jeden Tag freudige Gesichter sehen. Durch seine Aufgabe als Lehrer kann er nach jeder Woche, nach jedem Monat erkennen, dass seine Schar von Schülern immer Neues dazugelernt hat. Der Lehrer kann so Weichen im Leben eines Menschen stellen. Was gibt es also Schöneres als den Lehrerberuf? Lassen wir uns den Lehrerberuf nicht durch neue unerprobte Reformen verderben. Unsere Kinder haben es verdient, dass der Lehrer mit ihnen eine freundschaftliche und anleitende Interaktion aufbaut.    •