Lesen als kulturelle Errungenschaft – wie Menschen mit Büchern verbunden sind

von Tankred Schaer


Auf einem Notizbuch, das ich letztlich zur Hand nahm, befand sich folgendes Zitat:

«Am Ende wird alles gut und wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.»

Diese Worte stammen von Oscar Wilde, der von 1854 bis 1900 lebte und mit seinem Roman «Das Bildnis des Dorian Gray» bekanntgeworden ist. Einige kennen aus der Schulzeit das Stück «The Canterville Ghost» oder vielleicht auch «Der glückliche Prinz und andere Märchen», die ebenfalls von Oscar Wilde geschrieben worden sind.
Das kann also Literatur. Sie kann überraschen, eine Wende in den Gedanken ergeben, plötzlich und unerwartet neue Einsichten bescheren, und sie kann den Lesern Mut zusprechen und sie optimistisch machen.
Wie dieser Autor haben viele andere Autoren ihre Gedanken niedergelegt und laden uns ein, ihnen gedanklich zu folgen und mit ihnen in einen gedanklichen Austausch zu treten. Auf diese Weise ermöglichen die Autoren uns das Erleben fremder Welten, und zwar in einem ganz umfassenden Sinn; denn gemeint sind damit nicht nur die natürliche Welt, sondern auch die geistigen Welten. Bücher ermöglichen dabei eine Reflexion über das eigene Leben, über das eigene Dasein. Wir treten in einen Austausch mit dem Autor, mit den Personen, die er geschaffen hat, wir treten in Kontakt mit anderen Menschen und der Welt. Und das ist kein Konsum, der dabei stattfindet, sondern eine geistige Arbeit, die auch eine Veränderung beim Leser hervorruft.
So schreibt Marcel Proust in «Tage des Lesens»:

«Es gibt vielleicht keine Tage unserer Kindheit, die wir so voll erlebt haben wie jene, […] die wir mit einem Lieblingsbuch verbracht haben. Alles, was sie, wie es schien, für die andern erfüllte und was wir wie eine vulgäre Unterbrechung eines göttlichen Vergnügens beiseiteschoben: das Spiel, zu dem uns ein Freund bei der interessantesten Stelle abholen wollte; die störende Biene oder der lästige Sonnenstrahl, die uns zwangen, den Blick von der Seite zu heben oder den Platz zu wechseln; die für die Nachmittagsmahlzeit mitgegebenen Vorräte, die wir unberührt neben uns auf der Bank liegen liessen, während über unserm Haupt die Sonne am blauen Himmel unaufhaltsam schwächer wurde; das Abendessen, zu dem wir zurück ins Haus mussten, und während dessen wir nur daran dachten, sogleich danach in unser Zimmer hinaufzugehen, um das unterbrochene Kapitel zu beenden, all das, worin unser Lesen uns nur Belästigung hätte sehen lassen müssen, grub im Gegenteil eine so sanfte Erinnerung in uns ein (die nach unserm heutigen Urteil um so vieles kostbarer ist als das, was wir damals mit Hingabe lasen), dass, wenn wir heute manchmal in diesen Büchern von einst blättern, sie nur noch wie die einzigen aufbewahrten Kalender der entflohenen Tage sind, und es mit der Hoffnung geschieht, auf ihren Seiten die nicht mehr existierenden Wohnstätten und Teiche sich widerspiegeln zu sehen.»

Was passiert, wenn wir einen derartigen Text lesen? Dazu schreibt Maryanne Wolf in dem Buch «Das lesende Gehirn»:

«Machen Sie sich zuerst bewusst, was Sie beim Lesen dieses Abschnitts gedacht haben, und versuchen Sie dann, genau zu analysieren, was Sie beim Lesen getan haben – zum Beispiel, wie Sie begonnen haben, Proust mit anderen Gedanken zu verknüpfen. Wenn es Ihnen gegangen ist wie mir, dann hat Proust in Ihnen tief verborgene Erinnerungen an Bücher heraufbeschworen – die geheimen Orte, an denen Sie ungestört von Geschwistern und Freunden schmökern konnten, das Herzklopfen und die Gänsehaut, die Ihnen Margaret Mitchell, Mark Twain und Karl May bereitet haben, das gedämpfte Licht der Taschenlampe unter der Bettdecke, das Ihre Eltern hoffentlich nicht bemerken würden. Das ist Prousts Lesezuflucht, und es ist auch unsere. Dort erlebten wir zum ersten Mal, wie es war, selbstvergessen Mittelerde, Liliput und Narnia zu durchstreifen. Dort schlüpften wir zum ersten Mal in die Haut von Gestalten, denen wir niemals begegnen würden – Prinzen und Bettlern, Drachen und Jungfrauen, Indianerhäuptlingen und einem deutsch-jüdischen Mädchen, das sich auf einem niederländischen Dachboden vor den Nazisoldaten versteckte.»

Wir können es auch so sagen: Beim Lesen lernen wir die Welt mit den Augen eines anderen zu sehen. Das kann kein Medium so gut wie Bücher. Und das ermöglicht dann erst, dass man sich wirklich gegenseitig versteht und dass man in eine Freundschaft mit den Mitmenschen eintreten kann.
Nur: Wer kann schon behaupten, dass er sich für diese Dinge genügend Zeit nimmt? So wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist – die schnelle elektronische Kommunikation, die Allgegenwart des Smartphones, die getakteten Aufmerksamkeitsfenster und die Geschwindigkeit, mit der die Zeit vorbeirauscht –, scheint keine Zeit für das Lesen mehr zu bleiben. Die meisten werden das Bild kennen, das Michael Ende mit seinem Kinderbuch «Momo» geprägt hat: Da kommen die grauen Herren in die Stadt und werden immer zahlreicher. Sie rauchen kleine graue Zigarren, und von ihnen geht eine Kälte aus, gegen die man sich nicht schützen kann. Die Herren aber sind die Agenten der Zeitsparkasse, und sie rechnen den Menschen vor, wieviel Zeit sie sparen können. Aber die Menschen haben um so weniger Zeit, je mehr sie sparen, denn die grauen Herren stehlen ihnen in Wirklichkeit die Zeit.
Die Literatur ist ein Ausweg aus der Zeitfalle in die Freiheit des Denkens.
Die bereits erwähnte Maryanne Wolf weist in ihrem Buch «Das lesende Gehirn» auf die besondere Bedeutung hin, die das Lesen für die Entwicklung des menschlichen Gehirns hat.

«Wir wurden nicht als Leseratten geboren. Die Menschen erfanden das Lesen erst vor ein paar tausend Jahren. Und mit dieser Erfindung setzten wir eine Umstrukturierung unseres Gehirns in Gang, die uns ihrerseits zuvor ungekannte Denkweisen eröffnete, was wiederum die geistige Evolution unserer Spezies in neue Bahnen lenkte. Das Lesen gehört zu den bemerkenswertesten Einzelerfindungen der Geschichte; nicht zuletzt ermöglichte es die Geschichtsschreibung.»

Ähnlich äusserte sich auch der Gründer des Piper-Verlages, Reinhard Piper, der Bücher als «Mittel unserer Menschwerdung» bezeichnete. Vor diesem Hintergrund kommt der Leseförderung eine ganz besondere Bedeutung zu. Dabei glaube ich übrigens nicht, dass es dabei der richtige Weg ist, Bücher mit digitalen Inhalten anzureichern, sondern die Bücher spielen ihren eigenen Reiz und die ihnen innewohnende Stärke erst aus, wenn sie alleine für sich dastehen und ihre Kraft entfalten können im Dialog der jungen Leser mit ihnen. Die Digitalisierung wird sogar zu einer Gefahr für das Kulturgut Buch, wenn der Alptraum vom digitalen Klassenzimmer Wirklichkeit wird. Unablässig hämmert ein Heer sogenannter Fachleute der deutschen Öffentlichkeit ein, nichts sei wichtiger als die möglichst schnelle Einführung des digitalen Klassenzimmers, von elektronischen Lernanimationen, Just-in-Time-Learning und Power-Point-Kompetenz. Schon werden Stimmen laut, Schulbücher vollständig zu digitalisieren und den Kindern in der Schule keine Handschrift mehr beizubringen, sondern gleich das Tippen auf Tastaturen. Dabei fehlt bisher, trotz vieler Forschungsmilliarden aus entsprechenden Quellen, jeder Hinweis auf die segensreiche Wirkung digitaler Pädagogik. Immerhin weisen zahlreiche Studien darauf hin, dass digitale Lernmethoden signifikant schlechtere Lernergebnisse erzielen.
Dennoch: Wir Freunde der Bücher und des Lesens müssen feststellen, dass wir uns in der Defensive befinden – ohne dass dies gerechtfertigt wäre, denn es ist nichts in Sicht, was das Lesen, die Literatur und die Bücher ersetzen könnte.
Die Chefin des Piper-Verlages von Lovenberg stellt dazu fest:

«Wir haben in digitale Geschäftsfelder Unsummen von Geld investiert, das wir eher nicht wiedersehen werden. Und diese Erkenntnis ereilt uns zu einem Zeitpunkt, da wir merken: Käufer und Leser kommen uns in einem erschreckenden Ausmass abhanden. Und so geht es also nicht mehr so sehr um die Frage: Auf welchen Kanälen wollen die Leute lesen? Das bedienen wir alles. Es geht vielmehr darum, das Kulturgut Lesen vorm Aussterben zu bewahren.»

Es geht einerseits um das Kulturgut Buch, aber es geht noch um weit mehr, nämlich um die politische Dimension des Buches. Ich zitiere dazu aus einer Broschüre des Börsenverbands des deutschen Buchhandels «Für das Wort und die Freiheit»:

«Wir sind stolz darauf, mit einer besonderen Ware zu handeln – dem Buch. […] Keine andere Branche handelt mit so vielfältigen Inhalten und Meinungen wie wir, die Buchbranche. […] Sach- und Wissenschaftsliteratur stösst Erkenntnisprozesse an, bietet Erklärungen für Geschichte und Gegenwart und gibt einen Ausblick auf die Zukunft. Somit übernehmen Bücher eine wesentliche Rolle in der öffentlichen Meinungsbildung.
Die Meinungsfreiheit und freie Meinungsbildung ist eine Voraussetzung für eine freie Gesellschaft und das Gelingen der Demokratie.»

In Deutschland erscheinen jedes Jahr rund 85 000 Titel. Nach wie vor ist der stationäre Buchhandel der wichtigste Vertriebsweg für Bücher. Knapp 50 Prozent aller Bücher werden in Deutschland in einer Buchhandlung gekauft. Auf den Internethandel fallen etwa 20 Prozent. Der Online-Handel ging dabei vor allem zu Lasten der grossen Buchhandelsketten und Warenhäuser. Zudem wurde die Mentalität der Leser von der IT-Branche falsch eingeschätzt: Ein mit Büchern aufgewachsener Mensch kauft nicht einfach nur Texte, sondern eben Bücher. Und die sind aus Papier. Auf das Lesegerät lädt man sich allenfalls Unterhaltungsliteratur aus dem Drehständer. Doch den anspruchsvollen Roman, das gehaltvolle Sachbuch wollen die meisten Leser dann doch physisch in Händen halten.
Die unabhängigen Buchhandlungen werden, davon bin ich überzeugt, ihren Platz behalten, so lange ein Bedürfnis nach Büchern besteht. Die örtlichen Buchhandlungen sind in der Lage, über 90 Prozent der Bücher vom Abend bis zum nächsten Morgen zu besorgen, und dazu braucht man noch nicht einmal ein Prime-Angebot zu bezahlen. Sie haben einen zeitgemässen Internetauftritt. Sie führen Lesungen durch und nehmen an zahlreichen Aktionstagen teil. Ihnen ist die lokale Verankerung im Ort wichtig.
Ein Beispiel für die Aktivitäten der Buchhändler ist das Buch «Suppen für Syrien», herausgegeben von Barbara Abdeni Massaad. Sie sagt:

«Als ich die syrischen Flüchtlinge in Libanon besuchte, sagte ich zu ihnen: ‹Wenn ich Friseurin wäre, würde ich euch kostenlos die Haare schneiden. Weil ich Kochbuchautorin und Fotografin bin, werde ich durch meine Arbeit versuchen, zu helfen, wie ich kann.›»

Das Ergebnis ist dieses Buch. Es enthält eindrucksvolle Porträts von Menschen aus Syrien – die Autorin ist schliesslich Fotografin – sowie 80 verschiedene Suppenrezepte und ein Vorwort von Rafik Schami, der die Idee der Autorin unterstützt. Die Idee zu diesem Buch wurde 2015 auf der Buchmesse geboren. Barbara Abdeni Massaad konnte internationale Starköche dazu gewinnen, gemeinsam ein Suppenkochbuch zu gestalten. Über 60 Männer und Frauen machten mit. Es ist ganz bewusst ein Kochbuch über Suppen geworden: Suppen sind nicht nur nahrhaft, sondern schenken auch Trost und Wärme.
100 % der Erlöse dieses Buches gehen an den Verein Schams e.V., der auf Initiative von Rafik Schami und dem Tübinger Verleger Hans Schiler gegründet wurde. Der Verein unterstützt syrische Kinder und Jugendliche in der Türkei, in Jordanien und in Libanon.     •