Der Sonderbundskrieg – der letzte bewaffnete Konflikt auf Schweizer Boden

von Dr. phil. René Roca, Forschungsinstitut direkte Demokratie (www.fidd.ch)

Vor genau 170 Jahren kam es zum bislang letzten bewaffneten Konflikt auf Schweizer Staatsgebiet. Die Schweiz erlebte mit der französischen Besetzung 1798, der anschliessenden Mediation und Restauration (ab 1815) stürmische Zeiten. Ab 1830 schaukelten grob gesagt die Liberalen und die Konservativen diverse Konflikte gefährlich hoch. 1847 konnte der Bürgerkrieg nicht mehr vermieden werden, er war allerdings dank weitblickenden Persönlichkeiten lediglich ein «Bruderzwist». Der Sonderbundskrieg mündete 1848 in den modernen schweizerischen Bundesstaat.

Erinnerungsblatt zum Inkrafttreten der schweizerischen Bundesverfassung am 12. September 1848. (Bild zvg)

Mit der Regeneration ab 1830 begann für die Schweiz eine wichtige Phase der Erneuerung. In elf Kantonen (damals der Hälfte aller Kantone!) fanden grundlegende Umwälzungen statt. Resultat war, dass diese Kantone eine liberal-repräsentative Verfassung erhielten und so auch bereit waren, auf die sich entwickelnde Industrialisierung eine Antwort zu geben. Die Kantone der Schweiz waren damals grundsätzlich in liberale und konservative geteilt. Beide wollten ihre Errungenschaften respektive Traditionen schützen und schmiedeten deshalb Bündnisse. Das schürte das gegenseitige Misstrauen. Als in der Folge im Kanton Aargau im Zuge des Klosterstreits (1841–1843) die Männerklöster aufgehoben wurden, platzte den Katholisch-Konservativen der Kragen, und sie beschlossen Gegenmassnahmen. Im Kanton Luzern verpflichtete die neue konservative Regierung die Jesuiten an die höheren Schulen, was zu zwei erfolglosen liberal-radikalen Freischarenzügen gegen Luzern führte. Diese Entwicklungen stachelten den Konflikt weiter an.
Mit der Gründung der «Schutzvereinigung» am 11. Dezember 1845 durch sieben katholisch-konservative Kantone, nämlich Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden, Luzern, Zug, Freiburg und das Wallis, erreichte die Krise der Regeneration ihren Höhepunkt. Die Anhänger dieses Bündnisses wollten vor allem die katholische Religion und die Kantonalsouveränität gegen Übergriffe «schützen». Die liberalen Gegner sprachen nur vom illegalen Sonderbund.
Der Sonderbund hatte zwar einen defensiven Charakter, verstiess aber mit den ausserordentlichen Vollmachten seines Kriegsrates gegen den damals geltenden Bundesvertrag von 1815. Zur «Wahrung der katholisch-konservativen Interessen» nahm der Sonderbund sogar Verhandlungen mit dem Ausland auf.

Der Weg in den Bürgerkrieg

Nachdem im Juni 1846 die Existenz des Sonderbundes bekanntgeworden war, strebten die Liberal-Radikalen noch intensiver eine Mehrheit in der Tagsatzung, einer Art «Parlament» in der damaligen Eidgenossenschaft, an. In Genf übernahmen im Oktober 1846 unter James Fazy gewaltsam die Liberal-Radikalen die Macht. Die Wahlen in St. Gallen im Mai 1847 waren nun entscheidend und wurden zu eigentlichen «Schicksalswahlen». Das Resultat fiel knapp zugunsten der Liberal-Radikalen aus, die nun die ersehnte Mehrheit an der Tagsatzung erlangten. Diese beschloss, die Ausweisung der Jesuiten und die Auflösung des Sonderbundes zur Bundessache zu machen.
Die Sommertagsatzung von 1847 in Bern brachte die Entscheidung. Die Aussicht auf eine Verständigung war von Anfang an gering. Die liberal-radikalen Gesandten vermochten sich schnell auf einen Antrag zur Auflösung des Sonderbundes zu einigen. Eine Mehrheit von zwölf Stimmen genügte in ihren Augen, um die Rechtswidrigkeit des Sonderbundes festzustellen. Dabei stützten sie sich auf verschiedene Artikel des Bundesvertrages, die sie in ihrem Sinne auslegten. Die Tagsatzung beschloss schliesslich die Auflösung des Sonderbundes und das Verbot des Jesuitenordens in der Schweiz; wenn nötig, wollte man diese Entscheide mit Waffengewalt durchsetzen. In einer Protestnote verwahrten sich die katholisch-konservativen Kantone dagegen. Dann mobilisierte der Kriegsrat des Sonderbundes seine Milizen, und auch die Tagsatzungsmehrheit rüstete nun zum Krieg.
Im europäischen Kontext wurde die politische Lage in der Schweiz genau analysiert. Die europäischen Grossmächte fühlten sich als Garanten des schweizerischen Bundesvertrages von 1815 und wollten wie der Sonderbund eine Revision nur bei Einstimmigkeit der Kantone zulassen. Der Sonderbund betrieb seine Suche nach ausländischer Hilfe recht unverhohlen. Er schreckte aber vor der Forderung nach einer direkten militärischen Intervention durch ausländische Mächte zurück. Den meisten sonderbündischen Führern war die Konsequenz einer ausländischen Besetzung mit unabsehbaren Folgen bewusst. Viele erinnerten sich dabei an die chaotische Zeit der Helvetik. Die europäischen Grossmächte wie Preussen, Österreich oder Frankreich waren darüber besorgt, dass ein Sieg der Liberal-Radikalen in der Schweiz auch in ihren Ländern Folgen haben könnte. Sie waren deshalb bereit, den Sonderbund mit Waffen und Geld zu versorgen.

Der Sonderbundskrieg

Am 25. Oktober 1847 wurde der Genfer Protestant Guillaume Henri Dufour, der als gemässigter Konservativer galt, zum General der eidgenössischen Tagsatzungstruppen ernannt. Beide Parteien hatten nun mobilisiert. Obwohl einige Sonderbundsgesandte rieten, sofort loszuschlagen, zögerte der Oberkommandierende des Sonderbundes Johann Ulrich von Salis-Soglio. Der Sonderbunds-General, ein konservativer Bündner Protestant, war entschieden gegen eine Offensive.
Der siebenörtige Kriegsrat beschloss dann aber, gegen das Tessin vorzugehen, und eröffnete die Feindseligkeiten am 3. November. Ziel der Offensive war, die Radikalen im Tessin zu besiegen und die Nachschublinien für Verpflegung und Kriegsgerät aus dem österreichischen Oberitalien offenzuhalten. Der Vorstoss ins Tessin, der den Ruf des Sonderbundes als Verteidigungsbündnis diskreditierte, brachte zwar Anfangserfolge, brach aber schon bald wieder zusammen.
Am 4. November beschloss die Tagsatzungsmehrheit die gewaltsame Auflösung des Sonderbundes. Dufour war bestrebt, Hassgefühle gegen den Sonderbund, wo immer sie auftraten, zu unterbinden. Sein oberstes Ziel war, den Zusammenhalt der Kantone zu wahren. Er verfolgte eine Strategie, die sich durch Raschheit des Vorgehens und Vermeiden von Opfern auszeichnete. Die blosse Anwesenheit einer grossen Streitmacht sollte dazu dienen, den Gegner manövrierunfähig zu machen. So wollte Dufour zuerst einen Schlag gegen das isolierte Freiburg führen, zweitens die Entscheidung gegen Luzern erzwingen und, wenn nötig, drittens das Wallis zur Kapitulation bewegen.
Nachdem der Vorstoss ins Tessin nicht den erhofften Erfolg gebracht hatte, plante der Sonderbund einen Angriff gegen das aargauische Freiamt. Die Offensive misslang aber gründlich wegen mangelhafter Koordination. Die Strategie Dufours bewährte sich hingegen. Die 1. Offensive gegen Freiburg war erfolgreich. Freiburg kapitulierte bereits am 14. November. Am 21. November unterzeichneten Gesandte des Kantons Zug eine Kapitulationsurkunde, ohne überhaupt eine Streitmacht erblickt zu haben.
Mit einer 2. Offensive richteten die Tagsatzungstruppen nun ihr Augenmerk auf Luzern. Geplant war, die Stadt möglichst schnell einzuschliessen, um sie ähnlich wie Freiburg zur Kapitulation zu bewegen. Die Gefechte von Meierskappel und Gisikon brachten schliess­lich die Entscheidung zugunsten der Tagsatzungstruppen.

Die entscheidende Schlacht bei Gisikon

Der Brückenkopf in Gisikon war militärisch bedeutsam. Schon im Bauernkrieg 1653 und in den folgenden Villmerger Kriegen war die Gisiker Brücke Schauplatz wichtiger Gefechte der Schweizer Geschichte. Ein letztes Mal wurde sie das im Sonderbundskrieg. Die Sonderbundstruppen hatten die Brückenzugänge befestigt. Nördlich des Zollhauses (heute Hotel Tell) oberhalb der Landstrasse befanden sich zwei Artillerieschanzen, südlich davon eine. Dagegen marschierten insgesamt vier Divisionen der eidgenössischen Tagsatzungstruppen unter dem Befehl von General Dufour.
Am Morgen des 23. November erfolgte der Angriff der Division Ziegler. Eine Brigade rückte auf der linken Seite entlang der Reuss zum Frontalangriff auf Gisikon vor, die übrigen setzten auf der Pontonbrücke in Sins und einer zweiten, in der Nacht erstellten auf das rechte Ufer über. Der Raum Honau wurde fast kampflos eingenommen. Die Geschützmannschaften zogen sich nach kurzem Duell nach Gisikon zurück, nur die Scharfschützen aus Ob- und Nidwalden auf der Höhe des Rooterberges gaben erst auf, als Ziegler mit seinem Tambour an der Spitze seiner Einheit gegen sie marschierte. Die in Gisikon angreifenden Brigaden mussten wegen maximaler Schussweite von 1000 Metern die Kanonen sehr nahe an der Brücke aufstellen. Vorerst konnten die Luzerner die Angreifer zurückdrängen. Nach zweistündiger Kanonade, bei der der Sonderbundsgeneral Salis-Soglio von einem Granatsplitter an der Schläfe getroffen wurde, mussten sich die Luzerner nach Ebikon zurückziehen. Gisikon musste von den Sonderbundstruppen aufgegeben werden. Mit dem Fall des «Schlüsselgeländes» von Gisikon und dann auch Meierskappel war der Weg nach Luzern frei. Das Schicksal der Sonderbundsregierung in Luzern war damit besiegelt.
Bereits am frühen Morgen des 23. November, als der Feind schon sehr nahe vor Luzern stand, hatten sich der sonderbündische Kriegsrat und die Luzerner Regierung zum Rückzug in den Kanton Uri entschlossen. Im Tagesbefehl vom 23. November forderte Dufour Schonung der Besiegten, der Zivilbevölkerung und der Kirchen und verbot Plünderungen. Oberst Eduard Ziegler, zum Platzkommandant in Luzern ernannt, gelang es, den Befehl Dufours durchzusetzen. Als Dank erhielt der Zürcher den in Kappel gestohlenen Helm und das Schwert von Ulrich Zwingli (beide Gegenstände befinden sich heute im Landesmuseum Zürich; die Echtheit ist aber nicht zweifelsfrei bewiesen).

General Dufour war bestrebt, Hassgefühle gegen den Sonderbund, wo immer sie auftraten, zu unterbinden. Sein oberstes Ziel war, den Zusammenhalt der Kantone zu wahren. (Bild zvg)

Folgen

Der sonderbündische Kriegsrat löste sich am 26. November 1847 in Flüelen (UR) überstürzt und ohne jede formelle Abstimmung auf. Vom 25. bis 29. November erfolgten die kampflose Unterwerfung der Waldstätte und des Wallis und damit das Ende des Sonderbundes.
Insgesamt mangelte es den Sonderbunds­truppen weitgehend an Disziplin und einer seriösen Kriegsvorbereitung. Die Begeisterung im Volk galt der Verteidigung des Glaubens und ihrer Kantonalsouveränität und nicht einer offensiven Kriegsführung. Zudem war die Bewaffnung ungenügend, was durch die ausländische Unterstützung nicht wettgemacht werden konnte.
Österreich, Frankreich, Preussen und Russ­land konnten sich am 18. Januar 1848 noch auf eine Note einigen, die mit einer Intervention drohte. Die europäischen Grossmächte forderten, die Tagsatzung müsse auf die Sonderbunds- und Jesuitenfrage zurückkommen. Die siegreiche Tagsatzungsmehrheit antwortete am 15. Februar 1848 sehr selbstbewusst und verwahrte sich gegen jeglichen Angriff auf ihre Souveränität. Die bald ausbrechende Februarrevolution in Frankreich und ihre Folgen besonders auch für Österreich verhinderten ein weiteres Vorgehen gegen die Schweiz.
Der kurze Sonderbundskrieg hatte zum Glück nur wenige Opfer gekostet. Die neuesten Untersuchungen gehen bei einer Dauer des Krieges von 25 Tagen von 60 Toten und 386 Verwundeten bei den Tagsatzungstruppen gegenüber 33 Toten und 124 Verwundeten beim Sonderbund, also insgesamt von 93 gefallenen und 510 verwundeten Soldaten aus. Auch wenn auf Grund des Krieges wenige Verluste zu verzeichnen waren, handelt es sich für das 19. und 20. Jahrhundert um den grössten Blutzoll, den ein politisch-militärisches Ereignis in der Schweiz zur Folge hatte.
Im Februar 1848 begann eine Revisionskommission der Tagsatzung das liberal-radikale Programm einer Bundesrevision umzusetzen. Eine Mehrheit der Kantone nahm in Volksabstimmungen (Juli/August) die neue Bundesverfassung an, was in den Augen der Tagsatzungsmehrheit genügte, um den Bundesvertrag von 1815 ausser Kraft zu setzen. Da der Bundesvertrag keine Revisionsklausel enthielt – eine Änderung also Einstimmigkeit erfordert hätte – muss dieser Schritt als revolutionär bezeichnet werden.
Der neue Staat war allerdings eine Kompromisslösung. Die siegreiche Mehrheit nahm Rücksicht auf die Anliegen der Unterlegenen, insbesondere ihren Wunsch nach Souveränität der Kantone, der auch im gemässigten liberalen Lager verbreitet war. Das Jesuitenverbot darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der eidgenössische Bundesstaat mit der Festsetzung der kantonalen Schul- und Kirchenhoheit sowie der Einführung des Ständerates und des Ständemehrs klare föderalistische Akzente setzte. In den nächsten Jahrzehnten standen Ausgleich und Integration der Verlierer im Vordergrund und nicht mehr Siegerdiktat und Ausgrenzung.    •

Quelle: http://blog.nationalmuseum.ch/
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