Es braucht Aufklärung über das «Grosse Spiel der Mächte»

Betroffenheit alleine genügt nicht

von Dieter Sprock

Die Menschheit hat aus den beiden grossen humanitären Katastrophen des letzten Jahrhunderts wenig gelernt. Die bitteren Erfahrungen des Ersten und Zweiten Weltkriegs konnten den Krieg als «Fortsetzung der ­Politik mit anderen Mitteln» nicht verhindern. Inzwischen soll die Zahl der Menschen, die seither Opfer von Kriegen geworden sind, diejenige der beiden Weltkriege sogar übersteigen.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Deutschland von den Siegermächten die alleinige Schuld für den Krieg auferlegt und mit dem Versailler Vertrag bereits der Boden für den Zweiten Weltkrieg gelegt. Der Vertrag liess Deutschland keine Möglichkeit, sich wirtschaftlich zu erholen und der Bevölkerung materiell gesicherte Lebensverhältnisse zu bieten; zweifellos mit ein Grund für den Aufstieg Hitlers. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand die Welt fassungslos vor dem Ausmass an Zerstörung und menschlichem Leid, auch in den Konzentrationslagern. Die Bilder des Grauens lösen bis heute bei jedem Menschen Betroffenheit, Scham und Empörung aus.
Nun lehrt uns aber die Geschichte, dass Betroffenheit alleine nicht genügt, Krieg und Genozid zu verhindern. Immer häufiger wird die zutiefst menschliche Fähigkeit zur Empathie und die daraus resultierende Betroffenheit dazu missbraucht, die Menschen auf neue Kriege und neuen Völkermord einzustimmen.

«Immer häufiger wird die zutiefst menschliche Fähigkeit zur Empathie und die daraus resultierende Betroffenheit dazu missbraucht, die Menschen auf neue Kriege und neuen Völkermord einzustimmen.»

Die Methoden der Manipulation wurden gegenüber der plumpen Propaganda eines Goebbels wesentlich «verfeinert». Heute rufen die Kriegsherren nicht mehr zum «totalen Krieg», sondern zu «humanitären Interventionen» auf. Sie «werben» mit herzzerreissenden echten oder auch gestellten Bildern, deren Macht sich der Bürger kaum entziehen kann, «für Krieg und Tod».

Die Völker wollten und wollen keinen Krieg

Die Geschichte der Kriege wird bekanntlich von den Siegern geschrieben, weshalb wohl die Hintergründe der beiden Weltkriege trotz unzähliger Publikationen zumindest für die breite Öffentlichkeit lange weitgehend im Verborgenen blieben; nicht so im Buch «Die deutschen Katastrophen. 1914 bis 1918 und 1933 bis 1945 im Grossen Spiel der Mächte» von Andreas von Bülow.
Der Autor wurde 1937 in die bereits fünf Jahre alte Nazi-Diktatur hineingeboren. Mit der Niederschrift seines Buches, das 2015 erschien, wollte er sich Klarheit über die Entstehungsgeschichte der beiden Weltkriege verschaffen, um «derartige Katastrophen für die Zukunft auszuschliessen». «Wer aus der Geschichte lernen will», schreibt er, müsse versuchen «das Lügendickicht der Kriegspropaganda» zu durchschauen.
Andreas von Bülow geht davon aus, dass die Völker keinen Krieg wollten und wollen. Wenn dennoch im Ersten Weltkrieg Rekruten «freudig erregt» zu den Waffen geeilt seien, so sei das ihrem «Glauben an den von allen Staatsoberhäuptern beschworenen Fall der Landesverteidigung gegen einen äusseren Angriff» geschuldet. «Die eigentliche, humane Gesinnung der Völker», schreibt er, «kam im Ersten Weltkrieg an Weihnachten 1914 in der spontanen Waffenruhe der Soldaten beider Seiten zum Ausdruck, dem Singen der Weihnachtslieder über die Schlachtgräben hinweg, gelegentlich auch im gemeinsamen Fussballspiel» (S. 379). Ohne massive Propaganda und die «ständig negativ aufgeladene Presseberichterstattung wären die Massen beiderseits des Kanals nicht zum Krieg zu motivieren gewesen» (Seite 95).
Seine Zeit als Bundestagsabgeordneter und auch nachher haben ihn mit der Bevölkerung «vieltausendfach in den Dialog gebracht», und er fragt sich, wie «ein derart tüchtiges, ehrliches, kreuzbraves Volk nicht nur der Dichter und Denker, sondern fleissiger Handwerker, Arbeiter, Unternehmer, Bauern, Gewerkschafter und Soldaten» in derartige Abgründe hineingesteuert werden konnte. Die Frage nach dem Warum hat ihn Zeit seines Lebens begleitet.

Das «Grosse Spiel der Mächte»

Für den gelernten Juristen mit 25jähriger Erfahrung im Deutschen Bundestag, unter anderem in der Parlamentarischen Kontrollkommission der Geheimdienste, als Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verteidigung und als Bundesminister für Forschung und Technologie unter Helmut Schmidt, können beide Weltkriege «nur im Zuge des weltweiten Kampfes um die Neuverteilung von Macht» verstanden werden (S. 379). «Internationale Spannungen», schreibt er, «führen nur dann zum Krieg, wenn das langfristige Kalkül der im Hintergrund agierenden Grossmächte die Zeit für gekommen hält.» Dabei komme der Nummer eins in der Regel die entscheidende Rolle zu (S. 27).
Hitler war mit finanzieller Unterstützung aus dem In- und Ausland, über Reichstagsbrand, Ermächtigungsgesetz, Mord und Konzentrationslager an die Macht gelangt. Seine Ziele und der Terror des Regimes waren weltweit bekannt. Dennoch schritt der Westen lange nicht ein, weil er wollte, dass Hitler gegen Russland vorging. «Drei Jahre bekriegten und schwächten sich Russland und Deutschland im Interesse des geopolitisch raffiniert eingefädelten Spiels», schreibt Andreas von Bülow (S. 383).
England und die USA verfolgten sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg ihre eigenen Ziele: Grossbritannien folgte einer 400jährigen Tradition, indem es stets gegen die stärkste Macht auf dem europäischen Kontinent vorging und dabei die zweit- und drittrangigen Mächte in den Kampf einspannte (S. 378). Und die Vereinigten Staaten wurden durch riesige Kriegsgewinne im Verlauf beider Kriege wirtschaftlich, finanziell und militärisch zur bestimmenden Grossmacht und lösten Grossbritannien als Nummer 1 ab (S. 384).
Das «Grosse Spiel der Mächte» folgt seinen eigenen Regeln: Als oberstes Gebot gilt, unter allen Umständen zu verhindern, dass sich eine Konkurrenzstruktur entwickeln kann. Wen man militärisch nicht schlagen kann, mit dem verbündet man sich oder schädigt ihn zumindest wirtschaftlich.
1941 brachte der amerikanische Präsident Truman die zynische Philosophie des «Grossen Spiels» auf den Punkt, als er formulierte: «Wenn Deutschland gewinnt, sollten wir Russland helfen, wenn jedoch Russland siegt, sollten wir Deutschland helfen, lasst sie sich doch gegenseitig so weit wie möglich ausrotten.» (S. 384) Und damit möglichst viele sich gegenseitig ausrotteten, finanzierten englische und amerikanische Grossbanken beide Seiten. Menschenleben zählen in diesem «Grossen Spiel» nicht.

Ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung

Andreas von Bülow zeichnet in seinem Buch die Entstehungsgeschichte der beiden Weltkriege detailreich und gut verständlich nach. Er leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der Menschheitsgeschichte. Bei der Lektüre drängen sich Fragen nach den Hintergründen und Zielen der heutigen Kriege auf, die wieder zu einem Weltbrand auszuarten drohen.
Zurzeit wird mit allen Mitteln wieder ein «Feindbild Russland» aufgebaut, doch wer das Buch gelesen hat, wird sich durch die infame Propaganda, die auf persönliche Betroffenheit abzielt, nicht mehr für die geheimen Kriegsziele der Mächtigen einspannen lassen. Er weiss, dass er im «Grossen Spiel der Mächte» nur zu verlieren hat.    •