Wie sich die Schweiz rettete

Grundlagenbuch zur Geschichte der Schweiz im Zweiten Weltkrieg

Es ist dem Autor, Professor Dr. Joseph Mächler, ein Anliegen, die ideologisch gewordene Geschichtsschreibung der Schweiz im Zweiten Weltkrieg wieder mit gesicherten Fakten zu positionieren und auf eine realistische Betrachtungsweise zu stellen.

Die akribisch in den Akten des Bundesarchivs und im deutschen Militärarchiv recherchierten Ergebnisse sowie die Prüfung neuer Untersuchungen ergeben eine moderne und zuverlässige Sicht auf die Bedingungen der Weltkriegsschweiz und erlauben eine pragmatische Beurteilung der damaligen Entscheidungsträger. Der Blick auf die Entstehung und Chancen des Reduitgedankens, die Nachzeichnung der extrem schwierigen Wirtschaftsverhandlungen mit den Achsenmächten sowie den Alliierten, der schweizerische Umgang mit dem Trumpf der Alpentransversalen und die Anbauschlacht zeigen den Willen der Eidgenossenschaft zum Überleben und zum Erhalt der Unabhängigkeit. Erst die Verbindung der einzelnen Teilbereiche, die in diesem Buch erstmals in der notwendigen Tiefe und Genauigkeit gezeigt werden, ergibt eine realistische Beurteilung, die der Aktivdienstgeneration gerecht wird. Das Werk versucht, Fehler aufzuzeigen und zu berichtigen, Verherrlichungen und Verunglimpfungen auszuweichen und ein stimmiges Gesamtgemälde der Kriegszeit zu zeichnen. Erstmals wird im Buch von Joseph Mächler das Geheimnis gelüftet: Wer war «Wiking», der Kopf jener sagenhaften Linie vom schweizerischen Nachrichtendienst im Herz des Dritten Reiches?
Das Werk gliedert sich chronologisch in vier Teile. Im ersten Teil behandelt der Autor Mobilmachung und Aufmarsch der Armee 1939, den Bezug und die Schwächen der Limmatlinie, den Westfeldzug der deutschen Wehrmacht und die Konsequenzen für die Schweizer Armee sowie die Flüchtlingspolitik. Dem Judenstempel und dem Fall Grüninger widmet er ein eigenes Kapitel. Im zweiten und umfangreichsten Teil behandelt der Verfasser die Phase der deutschen Herrschaft in Europa ab Sommer 1940 bis Herbst 1942. Er gibt eine umfassende Darstellung der Gründe, warum die Schweiz in dieser Phase nicht angegriffen wurde. Er tritt damit den teilweise absurden Spekulationen gewisser Historiker entgegen, die allen Ernstes behaupten, das Reduit sei eine «Demutsgeste» gegenüber Nazideutschland gewesen. Der Autor legt überzeugend dar, dass es im wesentlichen zwei Gründe gab, welche die Wehrmacht nach dem Westfeldzug von einem Angriff auf die Schweiz abhielten. Einerseits glaubte man, die Eidgenossenschaft würde sich nach der Einschliessung durch die Achsenmächte deren Willen beugen, andererseits befürchtete man erhebliche Schwierigkeiten mit dem verbündeten Italien, wenn bei einem Angriff auf das Gebirgsland die tunnelreichen Alpentransitlinien, welche für die Lieferung von Kohle und Erdöl von vitaler Bedeutung waren, von den Schweizern gesprengt würden. Für den Schutz vor einem überraschenden Zugriff auf die rund 2000 Sprengstellen brauchte es die Armee.
Im dritten Teil behandelt der Autor vor allem die Wirtschaftsverhandlungen und die Erfolge der «Anbauschlacht» und den März­alarm 1943 mit den deutschen Angriffsplanungen für den Fall, dass die Schweiz das Mittelland und das Reduit den von Süden vorstossenden Alliierten öffnen sollte. Zudem wird auch die Flüchtlingsproblematik angesprochen. Die spektakulären Taten der Schweizer Friedrich Born und Carl Lutz zur Rettung ungarischer Juden vor dem Holocaust werden dargestellt.
Im vierten und letzten Teil behandelt der Verfasser den Angriff aus dem Reduit, den Aussenhandel von 1944 mit den zunehmenden Schwierigkeiten, die Goldkäufe der Nationalbank, die nachrichtenlosen Vermögen, die Flüchtlingsfrage sowie die beiden nicht deckungsgleichen Bergier-Berichte.
Ein Stichwortverzeichnis sowie ein Quellen- und Literaturverzeichnis vervollständigen das 547 Seiten umfassende Werk, das auf Grund der gepflegten Sprache und der grundlegenden Recherchen des Autors bestens zur Lektüre empfohlen wird.

Gregor Anton Roos, Oberst a D, ehemaliger Militärdiplomat, Herzogenbuchsee BE