Wenn Schönheit zum Verhängnis wird

Schweizerisch-holländische Frauenschuh-Rettungsaktion

von Heini Hofmann

Auffallendster Teil der nektarlosen Frauenschuh-Blüte ist die gelbe, schuhförmige Lippe.
(Bilder Schweizerische Orchideen-Stiftung)

Ikone unter den einheimischen Orchideen ist der Frauenschuh (Cypripedium calceolus). Doch seine zauberhafte Blüte wurde ihm zum Verhängnis, weil skrupellose Sammler das botanische Juwel trotz Schutzstatus für Blumensträusse oder als Garten-Zierpflanze masslos räubern und verhökern. Dem will nun eine geniale Rettungsstrategie den Riegel schieben.
Orchideen sind allgemein gefährdet und daher geschützt. Speziell der Frauenschuh, auch Marienschuh genannt, die Lichtfigur unter den einheimischen «Blumengedichten», weist in der ganzen Schweiz einen signifikanten Rückgang auf, besonders drastisch im zentralen und westlichen Mittelland. Im Jurabogen und im Grossraum Basel ist er bereits ausgestorben.
Gründe für diesen Rückgang in der Schweiz (und im europäischen Umfeld) sind, neben Klima- und Biotopveränderungen, Kahlschläge und Monokultur-Aufforstungen aus früherer sowie maschinelle Waldnutzung aus neuerer Zeit, marginal auch die Vorliebe von Dachs und Wildsau für Frauenschuh-Rhizome, ganz speziell aber der mutwillige Frevel von «Pflanzenfreunden».

Schachmatt für Blumenschelme

Orchideenraub gab es schon früher, wie eine Fotografie vom Marktplatz in La Neuveville von 1921 belegt, wo wild gewachsener Frauenschuh offen zum Kauf angeboten wurde. Doch es gibt solchen Frevel auch heute noch, wie Grossplünderungen am Creux-du-Van im Val-de-Travers und bei Scuol im Unter­engadin zeigen, wo je rund 2000 blühende Frauenschuh-Orchideen ratzekahl gefrevelt wurden, obschon sie in Gärten eh nicht lang überleben. Die Schuldigen fand man nie.
Dieses Räubern von Orchideen ist vergleichbar mit dem Wildern von Nashörnern. Während dem Frauenschuh seine Schönheit zum Verhängnis wird, ist es beim Rhinozeros dessen Nasenhorn, da diesem eine aphrodisierende (triebsteigernde) Wirkung angedichtet wurde. Doch weil auch hier, wie bei den Orchideen, trotz strenger Gesetze der totale Schutz schwierig ist, versucht man, durch auf den Markt geworfene Imitate auf Sägemehlbasis einen Preiszerfall zu erwirken und so die illegale Wilderei uninteressant zu machen.
Solches Schachmatt-Prinzip soll nun auch den gefährdeten Frauenschuh-Orchideen helfen: Man vermehrt sie im Labor und pflanzt sie dann in freier Natur wieder aus. Parallel dazu soll einheimischer, auf längere Blütezeit selektionierter Frauenschuh kultiviert werden, der – analog den tropischen Hybriden – in den Handel gelangt. So ist er legal und zudem günstiger zu erwerben als unrechtmässig geräuberter auf dem Schwarzmarkt, und er blüht erst noch fast doppelt so lange. Manchmal sind Sherlock-Holmes-Methoden wirksamer als Gesetzesparagraphen …

Idealismus und Professionalität

Doch Frauenschuh in vitro zu vermehren und dann wieder an Originalstandorten anzupflanzen, erwies sich als extrem schwierig, wie schon erste Versuche in England zeigten, wo 1970 landesweit gerade noch eine allereinzige (!), Tag und Nacht bewachte Pflanze existierte. In der Schweiz verfolgt das gleiche Ziel die Schweizerische Orchideenstiftung am Herbarium Jany Renz mit Sitz in Basel, eine international renommierte Dokumentations- und Forschungsstätte, deren Zukunft aber leider ungewiss geworden ist (vgl. Kasten «Tragische Entwicklung»). Trotz dieser unerfreulichen Situation lassen der ehemalige Kustos Samuel Sprunger und sein Mitstreiter Werner Lehmann, zwei engagierte Orchideen-Kenner, mit ihrer genial konzipierten Frauenschuh-Rettungsaktion den Geist von «Orchideen-Vater» Jany Renz weiterleben. Weil aber das Aussäen von Samen wildwachsender Pflanzen sich als nicht zielführend erwies und umgekehrt die In-vitro-Kultur entsprechende Anlagen, gärtnerisches Know-how und 24-Stunden-Klimakontrolle erfordert, haben sie einen geeigneten Partner gesucht.
Fündig wurden sie in Holland bei der Anthura B.V. in Bleiswijk, einer riesigen Blumengärtnerei in der Nähe von Rotterdam, die spezialisiert ist auf Flamingoblumen (= Anthurien, daher der Firmenname), Phalaenopsis- sowie selektionierte «Garten-Orchideen». Im dortigen Spezialisten Camiel de Jong fanden sie den optimalen Projektpartner. Durch diese Teamwork einer idealistischen Non-Profit-Organisation mit einer professionellen Privatfirma sowie dank dem Goodwill der Behörden beider Länder wurde ein geniales Orchideen-Rettungsprojekt Tatsache.

Bereits neun Kantone an Bord!

Einfach war dieses Frauenschuh-Projekt jedoch nicht, denn Cypripedium calceolus ist eine geschützte Spezies und unterliegt den Cites-Bestimmungen, in der Schweiz unter Anhang II, in der EU noch strikter unter Anhang A. Ergo: Für die Ausfuhr der Frauenschuh-Samenkapseln bedurfte es keiner Schweizer Export-Genehmigung, aber Holland verlangte sowohl eine Schweizer Export- als auch eine holländische Import-Genehmigung. Auch das Auskeimen der Sämlinge und das anschliessende Heranwachsen der Vorkeimlinge in vitro (steril) ist ein schwieriges Unterfangen.
Die Samen werden im Gewebekultur-Zentrum von Anthura in Flaschen mit steriler Nährlösung zum Keimen gebracht, dann erst kommen sie (ex vitro, nicht mehr steril) in Erde und werden in klimatisierten Gewächshäusern mehrmals umgetopft, bis sie nach drei bis vier Jahren kräftig genug sind für das Auspflanzen. Im aktuellen Pilotversuch resultierten rund 28 000 Keimlinge, wovon etwa 3500 für die Repatriierung ausgewählt werden. Die Kosten des Projekts (von rund 40 000 Euro) übernimmt Anthura als Sponsor und kann dafür, sofern dies klappt, Langblüher für den Handel produzieren, was wiederum im Interesse des Projekts ist (Preiszerfall, Frevelstopp).

In Megagewächshäusern werden die Rhizome ex vitro zuerst in Spezialerde eingepflanzt, dann mehrmals umgetopft, bis sie nach ein paar Jahren als Adultpflanzen für die Repatriierung bereit sind.

Die Resonanz ist erfreulich: Bereits neun Kantone machen beim «Projekt Frauenschuh» mit: Neuenburg, Jura, Basel-Stadt, Baselland, Bern, Obwalden, Aargau, Zürich und St. Gallen. Im April fand in der Bürgerspital-Gärtnerei in Basel das Koordinationsmeeting aller Beteiligten statt, an dem die schweizerisch-holländischen Pflanzteams zusammengestellt wurden, damit im Juni die Repatriierungs-Auspflanzungen in allen neun Kantonen gleichzeitig stattfinden können. Wo genau, wird – verständlicherweise – nicht kommuniziert, mit einer Ausnahme: Auf der Älggialp OW im Zentrum der Schweiz entsteht eine visitierbare, eingefriedete Referenzanlage.

Win-win für alle!

Kurz: Nutzniesser dieser mutigen Heirat zwischen Idealismus und Professionalität zu­gunsten der «Paradiesvögel unter den Blumen» sind beide Länder und auch die Natur selbst: Die Schweiz kann ihre Orchideen-Ikone Frauenschuh retten, die Holländerfirma ein zusätzliches Standbein ausbauen; denn wenn sich dieses Pilotprojekt bewährt, werden auch andere Länder mit Orchideen-Sterben auf den Zug aufspringen. Interessenten gibt es bereits. Das kann schlussendlich der Natur europaweit helfen. So wird es denn inskünftig wohl nicht mehr heissen «Tulpen aus Amsterdam», sondern «Orchideen aus Rotterdam» …    •

Tragische Entwicklung

HH. Es begann hoffnungsvoll: Der bedeutendste Amateur-Orchideensystematiker des 20. Jahrhunderts, Jany Renz (1907–1999), im Hauptberuf Chemiker und Sandoz-Direktor, vermachte seine private Sammlung zum Thema Orchideen, global eine der grössten und wertvollsten (Abertausende Bücher und Herbarbelege aus aller Welt), der Universität Basel, wo sie am Botanischen Institut eine Bleibe fand. Sachwalter wurde die 2001 gegründete Schweizerische Orchideenstiftung am Herbarium Jany Renz.

Praxisorientierte Zielsetzung

So entstand am Rheinknie ein einmaliges Orchideen-Kompetenzzentrum, wo sich Forscher aus aller Welt die Klinke reichten. «Die Orchideenstiftung bezweckt», so der langjährige, engagierte Kustos Samuel Sprunger, «auf nationaler und internationaler Ebene die Erforschung und den Schutz wildlebender Orchideen und berät Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft, auf dass auch kommende Generationen sich noch an Orchideen erfreuen können.»
Unter seiner Ägide wurde das immense Sammelgut digitalisiert und die Orchideen-Literatur katalogisiert. Mit dem Swiss Orchid Research Award verlieh die Stiftung seit 2006 jährlich eine Auszeichnung für Forschung im Bereich Orchideen.

Die grosse Ernüchterung

Weil heute nicht mehr Feldforschung und Systematik prioritär sind und die Laborwissenschaft dominiert, wurde 2016 das gesamte Jany-Renz-Vermächtnis aus den heiligen Universitätshallen hinauskomplimentiert und in Bottmingen BL in Untermiete im Gebäude einer Schreinerei eingelagert, Bibliothek und Herbar getrennt, Zukunft ungewiss. Auch die Orchideenstiftung musste zügeln, und die Weiterführung ihres Engagements ist gefährdet.
Der Swiss Orchid Award ist bereits gestorben. Was einst global Bewunderung erntete, vertrauert jetzt in einem unfreiwilligen Dornröschenschlaf. Wenn kein Prinz es wachküsst, wird es in Vergessenheit enden. Die weltweite Orchideen-Community kann die Schachmattsetzung dieses weltbekannten Forschungs-Kulturgutes nicht nachvollziehen. Was aktuell noch läuft, wie die Frauenschuh-Rettungsaktion, basiert auf Herzbluteinsatz von Idealisten.

Kein gutes Zeugnis!

Ein hochdekorierter Wissenschaftler aus einem anderen Fachbereich, der ebenfalls eine weltweit einmalige Forschungsbibliothek zusammengetragen hat und dieser schliesslich in Eigeninitiative zu einer sicheren Bleibe verhelfen musste, formuliert es in seinem Frust so: «Es hat Tradition, dass Hochschulen – aus Platzmangel oder schlicht aus Desinteresse – Kulturgut aussondern. Sie fühlen sich offensichtlich nicht mehr für ihre eigene Geschichte verantwortlich.»