Lesefreude, Kultur- und Wissensvermittlung

Zur Bedeutung des Schweizerischen Jugendschriftenwerks SJW

von Renate Dünki

Lesen ist weit mehr als eine Technik. Der Leser taucht beim Lesen in die Gedanken- und Vorstellungswelt eines anderen ein und verknüpft sie mit der eigenen. Die Vermittlung dieser anspruchsvollen Fähigkeit ist vorwiegend die Aufgabe der Schule. Der beste Weg dazu ist das gemeinsame Lesen. Aus einer Klassenlektüre, die der Welt der Kinder entspricht und Werte vermittelt, entwickeln sich meist lebhafte Gespräche. Das gemeinsame Lesen ermöglicht es den Kindern, sich auf den Inhalt zu konzentrieren, sich frei zum Thema zu äussern und die Gedanken der Mitschüler einzubeziehen. Dieses aktive Lesen, Mitdenken, Mitfühlen und Mitsprechen führt zu eigenständigem Denken und fördert im Dialog die Persönlichkeit jedes einzelnen. Als Lehrerin ist es mir deshalb ein grosses Anliegen, das Interesse am Lesen bei Schülern zu wecken und zu verankern. Das Ergebnis einer engagierten Klassenlektüre war zum Beispiel, dass zwei zehnjährige Buben spontan den Berufswunsch «Schriftsteller» äusserten. Lesefreude entsteht über solche Erlebnisse, im lebendigen Austausch mit einem Erwachsenen und mit Gleichaltrigen. Mich selbst hat die Freude am Lesen stets begleitet, zu meinem ersten Beruf Buchhändlerin geführt und später zu dem Entschluss, als Lehrerin dem Aufbau der Lesefähigkeit Gewicht zu geben.
Leseerlebnisse in diesem Sinn setzen Texte voraus, die sprachlich und inhaltlich anregend sind. Einen Lesestoff zu finden, der Zugang zum Lesen vermittelt, der die Kinder in die grössere Gemeinschaft der Klasse mitnimmt und ihnen Orientierung gibt, ist heute nicht ganz einfach. Auf der Suche nach geeigneter Klassenlektüre stiess ich bald auf die bekannte Reihe der Schweizer «SJW-Hefte». Gerade ältere Hefte der Reihe überzeugten mich durch die Qualität ihres menschlichen Anliegens. Nicht umsonst geniessen sie in der Schweizer Bevölkerung seit langem grosse Wertschätzung. Ihr Anliegen hat Tradition:
Das Schweizerische Jugendschriftenwerk SJW wurde 1931 von verschiedenen Institutionen gegründet, unter anderen dem Schweizerischen Lehrerverein, der es mit einem Darlehen unterstützte. Reformpädagogische und kulturfördernde Anliegen fanden in der Gründung ihren Ausdruck. Von Anfang an sollten erzieherisch wertvolle Inhalte vermittelt werden.1 Seit 1957 ist das SJW eine gemeinnützige, nicht gewinnorientierte Stiftung. Die SJW-Hefte wurden als ein preiswertes, qualitativ hochstehendes Angebot für Kinder und Jugendliche in den vier Landessprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch entwickelt. Viele bekannte Schweizer Autoren sind mit einem oder mehreren Beiträgen vertreten: Gottfried Keller, Meinrad Inglin, Friedrich Dürrenmatt, Franz Hohler und viele mehr. Die Hefte sind auch ein Forum für Schweizer Illustratoren.

«Auch die Schwächsten für das Lesen und Lernen zu begeistern ist das Merkmal der Schweizer Volksschule seit Pestalozzi gewesen; alle Schüler sollten auf der Grundlage von Gemüts- und Sozialbildung gefördert und allen sollte solides Wissen vermittelt werden. Mit diesem Anliegen wurde das SJW gegründet. Es entwickelte gute altersgerechte Leseangebote für die Unter-, Mittel- und Oberstufe.»

Ich stiess bei meiner Suche auf ausgezeichnete kindgerechte Hefte, erzählt von Olga Meyer, Elisabeth Lenhardt und anderen – Lehrerinnen, die für ihre Primarschüler einfühlsame Geschichten verfassten, um ihnen damit etwas fürs Leben mitzugeben. Die Autorin einer Geschichte für die Unterstufe schreibt: «Als Lehrerin versuche ich, in den Schülern Freude am Lesen zu wecken. Kinderbücher gibt es ja genug. Warum habe ich selbst zu schreiben begonnen? Gegenwärtig beschäftige ich mich mit Kindern, die in der Schule Schwierigkeiten haben. Auch sie sind für das Lesen zu begeistern, wenn die Sprache einfach, die Erzählung spannend ist. In vielen Kinderbüchern trifft leider nicht beides zu. So habe ich angefangen, selber Geschichten für meine Schüler – und manchmal auch von meinen Schülern zu schreiben.»2 Auch die Schwächsten für das Lesen und Lernen zu begeistern ist das Merkmal der Schweizer Volksschule seit Pestalozzi gewesen; alle Schüler sollten auf der Grundlage von Gemüts- und Sozialbildung gefördert und allen sollte solides Wissen vermittelt werden. Mit diesem Anliegen wurde das SJW gegründet. Es entwickelte gute altersgerechte Leseangebote für die Unter-, Mittel- und Oberstufe. In der Reihe dieser Hefte gab es lange Jahre neben den Erstleseangeboten den Bereich Literarisches, in dem fein gezeichnete Darstellungen der Erlebnisse von Kindern zu finden sind. Solche Beschreibungen sind für die Unterstufe in Heften von Max Zulliger3, Elisabeth Heck4 und anderen enthalten. Die Thematik vom gegenseitigen Helfen wurde auf allen Stufen angesprochen. Ein Beispiel für die Unterstufe ist «Claudia» von Max Bolliger (Heft 1154): Diese Geschichte beschreibt die innere Entwicklung eines Jungen, der sich seiner geistig behinderten Schwester schämt, jedoch mit der Hilfe eines Freundes und dem Verständnis seiner Mutter eine neue Beziehung zu der Schwester findet. Für die Mittel- und Oberstufe wurden immer wieder beispielhafte Biographien von Menschen im Dienste der Menschlichkeit (Florence Nightingale, Henry Dunant, Albert Schweitzer …) verfasst, die zeigen, wie Menschen sich dazu entschliessen konnten, sich gegenseitig zu unterstützen, und damit viel bewirkten. Weitere Themenkreise der SJW-Hefte waren Geschichte, Spiel und Unterhaltung, Sport, Reisen und Abenteuer, Technik und Verkehr, Aus der Natur, Naturwissenschaften … Auch in den Sachheften kam der Respekt vor der Leistung der Menschen zum Ausdruck. Manche Hefte wirken heute sprachlich ein wenig fremd, nicht jedes würde von Kindern heute verstanden; inhaltlich sind sie jedoch aufbauend. Solche positiven Inhalte wieder aufleben zu lassen wäre gerade in der heutigen Zeit wertvoll. Solche Themen geben Perspektiven und vermitteln Hoffnung. Beispiele der Hilfeleistung, des humanitären Wirkens gibt es auch heute genug; es lohnt, sie Kindern und Jugendlichen zu vermitteln (zum Beispiel: Jugendrotkreuz – Helfen ohne zu fragen; Jugendfeuerwehr …). Wenn die beschriebenen wertvollen Hefte des SJW, die auch eine Brücke zwischen den Landessprachen bilden, als Grundlage für eine Klassenlektüre dienen, könnten manche Mängel heutigen Unterrichts in ihrer Wirkung eingegrenzt werden. Denn Lesefreude entwickelt sich beim gemeinsamen Lesen durch die innere Anteilnahme im Dialog mit den anderen. So wie in früheren Jahren könnten auch heute Lehrerinnen und Lehrer beginnen, Geschichten aus dem Schulalltag aufzuschreiben, die Freundschaft, gegenseitiges Helfen und Zusammenhalt fördern.    •

1    vgl. die ausführliche Einordnung und Würdigung des SJW im Artikel von Urs Knoblauch, «Erzieherisch wertvolle Inhalte vermitteln». In Zeit-Fragen Nr. 1/2 vom 3. Januar 2008; vgl. auch die aktuelle Ausstellung in der Kantonsbibliothek Graubünden: «SJW – Lesefreude seit 1932»
2    Heck, Elisabeth. Der Schwächste siegt, SJW 1305
3    zum Beispiel: Zulliger, Max. Barri, Heft 1247 oder Bolliger, Max. Stummel, das Hasenkind, Heft 2464
4    Heck, Elisabeth. Der Schwächste siegt, SJW 1305

Beispiele von Themen aus dem Schweizerischen Jugendschriftenwerk

Ältere Titel:

Heft 225: Vierfüssige Lebensretter (Tiergeschichten, ab 8 Jahren)
Heft 884: Dino Larese. Im Dienste der Menschlichkeit (Biographien, ab 13 Jahren)
Heft 1244: Carl Stemmler. Tiere verständigen sich auch ohne Worte (Aus der Natur, ab 11 Jahren) – vom Autor gibt es noch andere ausgezeichnete Hefte
Heft 1305: Elisabeth Heck. Der Schwächste siegt (Gegenseitiges Helfen, Unterstufe)
Heft 1439: Elisabeth Lenhardt. Albert Schweitzer (Biographien, ab 9 Jahren)

Neuere Titel:

Heft 2321: Philipp Häuselmann. Höhlen in der Schweiz. Geheimnisvolle Welten unter der Erde (Sachheft, ab 10 Jahren)
Heft 2464: Max Bolliger. Stummel, das Hasenkind (Neuauflage, Literarisches, ab 9 Jahren)
Heft 2519: Bernhard Matthias. Weltklasse Gotthard  (Sachheft, ab 10 Jahren)

Adresse zum Bezug von Heften (auch aus dem Archiv):
SJW Schweizerisches Jugendschriftenwerk, Uetlibergstr. 20, 8045 Zürich.
Gerade die älteren Hefte, auf die ich mich hier in erster Linie beziehe, werden häufig noch im Internet angeboten.