Nur auf Augenhöhe kann es klappen

Donald Trump und Kim Jong Un vor dem Treffen am 12. Juni in Singapur

von Willy Wimmer*

Schon im Vorfeld des 12. Juni 2018 und des Treffens zwischen US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un hat man den Eindruck, dass alle High-Noon-Hollywood-Phantasien in den Schatten gestellt werden. Da ist auf der einen Seite ein amerikanischer Präsident, der gleichsam in einer revolutionären Aufwallung des amerikanischen Volkes in den Präsidenten-Sattel gehievt wurde, um den sichtbaren Niedergang der Vereinigten Staaten aufzuhalten. Aus Nordost-Asien gesellt sich in einer der interessantesten Drehscheiben der Welt, dem effizienten und glitzernden Singapur, ein jugendlicher Nobody dazu. Das Beste, was man über den ebenso jugendlichen wie allmächtigen Herrscher über ein ausge­powertes Volk sagen kann, ist das ungläubige Staunen darüber, dass er in der Schweiz seine schulische Ausbildung genossen hat. Er kennt also die Eidgenossenschaft und die dortige Mentalität, und wenn wir alle Glück haben, sind ihm auch andere Europäer weniger fremd als uns seine Landsleute.
Alles scheint dafür zu sprechen, dass der Ausgang der Begegnung von vorneherein feststeht. Wenn man sich darin nicht täuscht. Ausser Vorurteilen über dieses verschlossene Land ist hier nicht viel an Substanz über Nordkorea zu hören. In Nordkorea ist das anders. Hermetisch abgeschlossen und selbst isoliert, wie es schlimmer nicht geht. Und dennoch verfügt die koreanische Nation mit ihrer Zweigstelle in Nordkorea über eine jahrtausendealte Fähigkeit, aus der Isolierung heraus die Nachrichten der Welt gleichsam über Informations-Walzen so zu verarbeiten, dass daraus Politik gestaltet werden kann. Eine solche Nation muss auf dem Globus noch gefunden werden, deren Führung wie im nordkoreanischen Teil der gemeinsamen koreanischen Nation so streng logisch mit den Problemen der Welt umzugehen in der Lage ist. Abgeschnitten und isoliert? Physisch zweifellos, aber mental keinesfalls. Und die Menschen? Die Bilder, die uns hier in den Medien gezeigt werden, sollen das Märchen von den uniformierten Robotern visualisieren. Wer, wie es meinen Begleitern und mir nach einem Picknick-Ausflug im alpinen Teil Nordkoreas gelang, ohne jede offizielle Begleitung mit ganzen Gruppen von Nordkoreanern zusammenzutreffen, war von der liebenswürdigen Neugier und einer freundlichen Offenheit überrascht. Die in den deutschsprachigen und internationalen Medien vermittelten Bilder haben eben Spuren hinterlassen. Und auf offzieller Seite? Klare Ansprache von nordkoreanischem Verhalten, wenn man das Gefühl und den Nachweis haben sollte, in Verträgen nicht fair behandelt zu werden. Beweise dafür gibt es aus den Verhandlungen mit den USA genug. Schliesslich hatte man über gebrochene Zusagen den Eindruck, Nordkorea langsam in den Status einer mit Krieg zu überziehenden Nation hin­überführen zu können. Von höchster Stelle verlautete dazu, dass man sich in einem solchen Fall nicht täuschen solle. Die nordkoreanische Bergwelt verfüge über eine solche Vielzahl von Höhlen, dass man über nordkoreanischen Einfallsreichtum nicht überrascht sein sollte, wenn Betrug im Spiele sei.
Darauf trifft jetzt Präsident Trump, und es will sich das Gefühl nicht einstellen, als würde einem amerikanischen Super-Cop ein nordost-asiatischer Reisbauer begegnen. Unter sportlichen Gesichtspunkten ist überhaupt nicht klar, wo man mit der Chuzpe und ihrer Bewunderung auf seiten von Kim Jong Un aufhören sollte? Präsident Trump scheint es ähnlich zu gehen. Er steckte es im Ergebnis einfach weg, dass sein eigener Vizepräsident Pence durch eine nordkoreanische Offizielle in den Senkel gestellt wurde. Aber vielleicht ist es genau dieser Punkt, den Mike Pence hervorgehoben hatte. In den USA kann man als Mitglied des Kriegsestablishments aus Wa­shington überhaupt nicht anders denken als in den Libyen-Kategorien, wie Mike Pence es zu tun versuchte. Sofort wurde höchst effektiv zurückgebissen, und Präsident Trump wusste, worauf es für ihn ankam. Es dürfte für die gesamte Welt auf diese eine Frage entscheidend ankommen. Wird es in Singapur um das gehen, was der Globus seit dem spanisch-amerikanischen Krieg oder dem Krieg der USA gegen Österreich-Ungarn und dem kaiserlichen Deutschland, der Vorbereitung zum Zweiten Weltkrieg und dem Obama-Aufmarsch gegen Russland kennt? Oder verankert Trump sein Land so auf dem Globus, dass die USA vom «Geschäftsmodell Krieg» Abstand nehmen können? Der junge Mann aus Pyöng­yang ist mehr als ein Sparringspartner.    •

*    Willy Wimmer war Bundestagsabgeordneter der CDU von 1976–2009, Staatssekretär im deutschen Verteidigungsministerium von 1988–1992 und Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der OSZE von 1994–2000. Er ist Mitautor des Buches «Die Wiederkehr der Hasardeure. Schattenstrategen, Kriegstreiber, stille Profiteure 1914 und heute» (gemeinsam mit Wolfgang Effenberger, 2014) und Autor der Bücher «Die Akte Moskau» (2016) und «Deutschland im Umbruch. Vom Diskurs zum Konkurs – eine Republik wird abgewickelt» (2018).