Leserbrief

Wie mächtig ist die Geographie?

Lernten wir im herkömmlichen Geographieunterricht die Welt nach politischen, topographischen, klimatischen, wirtschaftlichen und physikalischen Gegebenheiten kennen, so führt uns Tim Marshall in seinem Buch «Die Macht der Geographie» (vgl. Zeit-Fragen Nr. 10 vom 8. Mai 2018 [https://www.zeit-fragen.ch/de/ausgaben/2018/nr-10-8-mai-2018/die-macht-der-geographie-wie-sich-weltpolitik-anhand-von-10-karten-erklaeren-laesst.html]) in das Denken eines Geostrategen ein, der die topographischen Gegebenheiten seines und der anderen Länder nicht in erster Linie unter erdkundlich wissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet, sondern unter geostrategisches Kalkül stellt. So werden Meerengen, Gebirgszüge, Wüsten, Meere und Küsten mit natürlichen Hochseehäfen oder mit unwegsamen Steilküsten, die Insellage eines Staates oder die Nutzbarmachung zweier Gestade, eines atlantischen und eines pazifischen, einmal zum eigenen staatlichen Schutz und zum anderen zur Entwicklung eines Imperiums genauestens analysiert und unter geostrategischen Gesichtspunkten betrachtet. Schiffbare Flüsse, die untereinander verbunden sind, stellen nicht nur natürliche Handelswege dar, sondern sie ermöglichen auch das Aufblühen wirtschaftlicher Tätigkeiten und den schnellen Transport jedweder Güter, auch militärischer Nachschubgüter. Künstliche Wasserstrassen, die zwei Weltmeere miteinander verbinden, wie der Suez- oder Panama-Kanal, machen sich die geostrategischen Landengen zunutze, und menschliches Können schafft wirtschaftliche und militärische Vorteile. Die Strasse von Gibraltar, eine Meerenge, die es jeder Militärmacht erlaubt, von einem Felsen in Spanien aus den Schiffsverkehr zwischen Atlantik und Mittelmeer zu kontrollieren, ist ebenso ein geostrategischer Punkt, von dem eine nicht zu unterschätzende «Macht» ausgeht. Um die Zufahrt ins und die Ausfahrt aus dem Mittelmeer zu kontrollieren, haben sich die Briten einen felsigen Flecken an der spanischen Mittelmeerküste von Gibraltar gesichert.

Aber wie verhält es sich nun mit der Ausübung der Macht über diese geostrategischen Punkte, wissen wir doch, dass von einer Meerenge oder einer Landenge oder von der im Buch immer wieder erwähnten Nordeuropäischen Tiefebene nicht per se eine Macht ausgeht. Es ist wohl eher eine gewisse Art von Anziehungskraft. Nur, wen ziehen diese Punkte an? Das allerdings wird von Tim Marshall nicht problematisiert, nicht einmal thematisiert, steht er doch zu allererst in der englischen Tradition eines Mackinders1 und eines scheinbar naturgegebenen imperialistischen Sendungsauftrags, der nun mal von der britischen Insellage auszugehen scheint. Als langjähriger Berichterstatter für die BBC aus mehr als 30 Krisengebieten dieser Welt wurde er vielfach ausgezeichnet und hat sich damit den fragwürdigen Ruhm eines Mediums erworben, von dem wir wissen, dass es eines der unzähligen Nato-Medien ist.

Der lukrative und militärisch unbezahlbare Panama-Kanal ist von den USA in Besitz genommen worden, und das nicht auf friedliche Art und Weise. Die einstige kolumbianische Provinz Panama wurde, nachdem sich Kolumbien geweigert hatte, das Gebiet an ein US-amerikanisches Konsortium zu vergeben, durch einen Sezessionskrieg von Kolumbien abgespalten. Der Krieg wurde von den USA geführt. Erster Präsident Panamas wurde jener Vorsitzende des US-amerikanischen Konsortiums, das eigens zum Bau des Kanals gegründet wurde. Ähnliches Ungemach braut sich anscheinend seit einiger Zeit über Nicaragua zusammen.

Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang die Aussage Marshalls bezüglich des Verhaltens des chinesischen Grossreiches im Mittelalter: «Die Chinesen waren grosse Seefahrer, insbesondere im 15. Jahrhundert durchpflügten sie den Indischen Ozean. Admiral Zheng Hes Expedition ging bis nach Kenia. Aber dies waren Unternehmungen, um Geld zu verdienen, keine Machtdarstellungen, und mit ihnen sollten keine Aussenposten geschaffen werden, die auch militärische Operationen unterstützen konnten.» Zu allen Zeiten war es demnach möglich, einen wirtschaftlichen und kulturellen Austausch um die ganze Welt zu führen, ohne auf die wahnwitzige Idee zu verfallen, ein Weltreich mit Anspruch auf Weltherrschaft gründen zu wollen.

Die Frage von Kooperation statt Aggression hätte man auch mit diesem Buch thematisieren und entwickeln können. Man hätte die Schönheit unserer Welt und die Ressourcen unseres Planeten unter dem Gesichtspunkt eines länderübergreifenden menschlichen Miteinanders zum Wohle aller darstellen können. Zumindest hätte man bei der Beschreibung des afrikanischen Kontinents, hier speziell bei der Beschreibung der Demokratischen Republik Kongo, deutlich machen können, wer die Menschen im Kongo daran hindert, in Frieden und Wohlstand zu leben und wie die betreffenden Akteure bei ihrem gnadenlosen Agieren vorgehen. Ein wenig werden die Aktivitäten genannt. Die Drahtzieher aber bleiben im dunkeln, das Herz bleibt kalt. Ebenso unberührt von der menschlichen Seite bleibt Marshall bei der Beschreibung der geostrategischen Bedeutung der Nordeuropäischen Tiefebene. Die Nordeuropäische Tiefebene mag ja ein Raum ohne grössere geographische Barrieren oder unüberwindbarer natürlicher Hindernisse sein, aber auf keinen Fall ist dieser Raum deswegen schon eine Einladung, sich gewaltsam Zutritt zu den russischen Bodenschätzen zu verschaffen. Mag die Geographie in diesem Bereich einem imperialistischen Aggressor quasi ein Einfallstor bieten, aber woher nimmt sich der Einfallende das Recht, ungeachtet aller menschlicher Schicksale sich zu nehmen, wovon er sogar glaubt, dass es ihm zustünde. Aber dieser Gedanke kommt bei Marshall nicht vor. Welcher Segen liegt im kooperativen Miteinander, im Aushandeln partnerschaftlich gerechter Verträge, die immer den Nutzen auf allen Seiten zu verwirklichen suchen. Der Globus ist dann für alle da.

Aber vielleicht sollte man das von einem solchen Buch nicht erwarten, von einem geostrategischen Berichterstatter im Dienste seiner Majestät sicher nicht. Die menschliche Frage findet hier keinen Platz. Dennoch erweitert die Lektüre den Blick auf die aktuellen Konflikträume, und sie erhellt uns die Denkweise geostrategischer Akteure.

Ewald Wetekamp, Stockach (D)

1  Sir Halford John Mackinder war Mitbegründer der London School of Economics. In seinem Buch «The Geographical Pivot of History» entwickelte er die Heartland-Theorie als Teil der Geopolitik: Diese besagt, dass die Beherrschung des Kernlandes Eurasien der Schlüssel zur Weltherrschaft sei und dass Grossbritannien als führende Seemacht, da es auf Grund seiner Insellage dieses Gebiet nicht beherrschen könne, mit dem Aufkommen einer gefährlichen expansionistischen Macht auf dem Kontinent rechnen müsse, insbesondere mit Russland.