Die Weltmacht Dollar

von René Zeyer

«Folgt der Spur des Geldes» – diesen Ratschlag soll der wichtigste Informant den Watergate-Reportern gegeben haben, deren Recherchen zum Rücktritt des US-Präsidenten Richard Nixon führten. In Wirklichkeit war das eine Erfindung der Hollywood-Verfilmung dieser journalistischen Glanzleistung. Geld ist heute der wichtigste Treibstoff der Weltwirtschaft. Genauer der US-Dollar. Wie jeder Treibstoff ist er aber auch explosiv und gefährlich.

Wer früher gegen die imperialistische Vorherrschaft der USA aufmuckte, wurde mit Kanonenbooten, Ledernacken oder abstrakter dem «Big Stick» bedroht. Das ist auch heute noch so, aber eine immer wichtigere Rolle spielt ein Herrschaftsinstrument, das den Vorteil hat, dass es nicht so martialisch daherkommt wie eine militärische Intervention. Das mussten im Steuerstreit mit den USA nicht nur die Schweizer Finanzhäuser schmerzlich erfahren. Als sie sich mit dem Vorwurf konfrontiert sahen, sich mit ihren US-Kunden zur Steuerhinterziehung verschworen zu haben, war die naheliegende erste Reaktion, vor Gericht abklären zu lassen, ob diese Anklage zu Recht oder zu Unrecht erhoben wurde. Selbst erfahrenen Bankern war damals die Existenz der International Swaps and Derivatives Association (ISDA) nicht wirklich bekannt. Diese Organisation gibt Musterverträge heraus, die den unablässigen Dollar-Verkehr zwischen Banken regeln und automatisieren. Und darin ist als sofortige Kündigungsklausel eine Anklageerhebung in den USA gegen ein Geldhaus enthalten.

Dominant im Handel

Aus diesem Grund hat es bis heute kein einziges Finanzinstitut weltweit gewagt, gegen eine Anschuldigung von US-Behörden den Rechtsweg einzuschlagen. Dieser steht im Rechtsstaat USA selbstverständlich jedem Angeschuldigten offen. Im Fall von Banken bedeutet aber der Gang vors Gericht den sofortigen Tod, da das Geldhaus dadurch vom Handel mit Dollars abgeschnitten wird. Und ohne Dollars läuft überhaupt nichts. Devisengeschäfte, bei denen auf einer Seite der US-Dollar steht, machen weltweit über 80 Prozent aller Transaktionen aus. Euro, Yen und Franken landen weit abgeschlagen auf den Plätzen. Sämtlicher Handel mit US-Dollars muss dabei über eine Clearing-Stelle in den USA laufen, auch wenn die Handelspartner überhaupt nichts mit den USA zu tun haben. Zudem werden die wichtigsten Rohstoffe wie Rohöl, Gold oder Silber in Dollar fakturiert. Absurd, aber wahr: Wenn beispielsweise Russland Erdgas in die Ukraine liefert, wird das Geschäft in Dollar abgerechnet.
Spätestens seit die USA nach dem Ende der Goldkonvertibilität des Dollars im Jahre 1973 mit Saudiarabien vereinbarten, dass die Erdölfakturierung ausschliesslich in der US-Währung stattfindet, dominiert der Greenback den nach wie vor wichtigsten Rohstoff der Welt, man spricht daher vom Petro-Dollar. Und nicht nur Verschwörungstheoretiker finden Gefallen an der These, dass der irakische Diktator Saddam Hussein seinen Untergang nicht durch die Invasion von Kuwait oder Giftgasangriffe im eigenen Land und erst recht nicht durch die angebliche Herstellung von Massenvernichtungswaffen provozierte, sondern durch die Ankündigung, den Erdölhandel des Irak von Dollar auf Euro umzustellen.
Obwohl es keine belastbare Datenbasis gibt, welche Dominanz der Dollar im Welthandel insgesamt hat, ist es offenkundig, dass es die auch bilateral ausserhalb der USA mit Abstand am häufigsten verwendete Währung ist. Als Anlagewährung dominiert der US-Dollar beispielsweise die Bilanzen der wichtigsten Notenbanken der Welt. In der weltweiten Währungsallokation macht der Dollar über 60 Prozent der Devisenreserven aus. Die Notenbanken sind bei allen Dollar-Geschäften auf den Zugang zum US-Clearingsystem Fedwire angewiesen, das von der US-Notenbank FED betrieben und kontrolliert wird.
Das alles sind technische Abläufe, die normalerweise wie in einem Maschinenraum weitgehend geräuschlos und automatisiert stattfinden. Devisenhandel hat dabei weltweit mit Abstand das grösste Volumen überhaupt, wir sprechen von täglich über fünf Billionen Dollar (das ist eine Zahl mit zwölf Nullen).
Allerdings verfügen die USA dabei über den roten Knopf; einmal draufdrücken genügt, und die Maschinerie kommt sofort zu einem Halt. Mit fatalen Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft eines Landes, das davon betroffen ist. Die längsten Erfahrungen mit dem Verbot, US-Dollars benützen zu dürfen, hat Kuba. Seit 1961 ist die Verwendung der US-Währung im Zusammenhang mit der letzten Insel des Sozialismus verboten. Wer dagegen verstösst, muss mit empfindlichen Bussen rechnen, wie nicht nur die Schweizer Grossbank Credit Suisse schmerzlich erfahren musste. Sie zahlte 2009 wegen Verletzung von US-Sanktionen gegen Kuba, Libyen – und Iran – eine Strafe in der Höhe von 526 Millionen Dollar.

Drohung mit Sanktionen

Im Rahmen der Wiederaufnahme der Sanktionen gegen Iran wird dem Land die Verwendung von Dollars erschwert. Darüber hinaus wurde sogar der Chef der iranischen Notenbank, Valiollah Seif, auf die Liste von Terrorismusunterstützern gesetzt. Die USA beschuldigen die iranische Nationalbank, Zahlungen in Dollar an die libanesische Schiitenmiliz Hiz­bullah ermöglicht zu haben. Dabei handelt es sich um eine Terrororganisation, wie aus der Mitteilung des US-Finanzministers Steven Mnuchin hervorgeht. So begrüssenswert der Versuch auch sein mag, die Verwendung des Dollars für alle Spielarten terroristischer oder krimineller Geschäfte wie Drogenhandel zu unterbinden, hat die US-Kontrolle der wichtigsten Währung der Welt weitere Auswirkungen. Das merken gerade auch russische Oligarchen wie Viktor Vekselberg, die mit US-Sanktionen belegt wurden.
Sozusagen als Kollateralschaden wagt es kein Finanzhaus, kein Unternehmen der Welt, mit einem Partner Handel zu treiben, der von US-Sanktionen betroffen ist. Hier hat das Verbot der Verwendung von US-Dollars einen zusätzlichen viralen Effekt. Denn es wäre ja theoretisch möglich, ihn durch Euro, Yen, Franken oder jede beliebige konvertible andere Währung zu ersetzen. Da aber eigentlich jede international tätige Firma auch in den USA oder im Dollar-Raum geschäftet, befürchtet sie zu Recht indirekte Sanktionen, selbst wenn ihr Handeln innerhalb ihres nationalen Rechtsrahmens völlig legal ist. Vor diesem Dilemma steht aktuell die Europäische Union, die den Atomvertrag mit Iran weiterhin aufrechterhalten will, aber nicht in der Lage ist, europäische Unternehmen vor Repressalien der USA zu schützen, sollten diese ihre Handelsbeziehungen mit Iran aufrechterhalten.
Solange die militärische und wichtiger noch währungspolitische Dominanz der USA bestehen bleibt, gibt es nur eine einzige Weltmacht. Der Euro ist angesichts des Zustands der Euro-Zone nicht in der Lage, sich als zweite Weltwährung neben dem US-Dollar zu etablieren. Der Yen ebenfalls nicht, vom Rubel ganz zu schweigen. Erst durch die vollständige Konvertibilität der chinesischen Währung Renminbi wird eine bipolare Geldwelt entstehen. Bis dahin ist gegen die Vorherrschaft der USA kein Kraut gewachsen.

Quelle: «Basler Zeitung» vom 18.5.2018