Die Bedeutung des Sprachunterrichts

Für die Erhaltung der alten Sprachen

von Thibault Mercuzot, Delphine le Corfec und Patrick Beugnet – Frankreich

Der Wunsch, die klassischen Sprachen zu schwächen, ist nicht neu. Er verbindet diejenigen, die darin das Relikt eines elitären Systems zu erkennen glauben, mit denjenigen, die einen praxisorientierten Unterricht predigen. Um gut dazustehen, stellen sich alle als modern und als Erben der Aufklärung dar. Die Ablehnung des Lateins und des Griechischen ist ein Geständnis: Im Schulsystem sind die klassischen Sprachen die einzigen, die man unterrichtet ohne Hoffnung, dass die Schüler sie jemals sprechen werden. Sie ermöglichen in keiner Weise, sich in einer unbekannten Stadt zu orientieren. Sie bleiben das Relikt einer Zeit, in der das Lernen einer Sprache auf der Literatur gründete, die sie geschaffen hatte. Man lernte Griechisch, um Plato und Latein, um Cicero lesen zu können, Deutsch um Goethe, Italienisch um Dante, Spanisch um Cervantès oder auch Englisch, um Shakespeare zu lesen. Heutzutage sind die Ansprüche andere. Es ist ein edles Unterfangen, der Jugend den Zugang zu anderen Kulturen zu eröffnen, indem man ihr ermöglicht, moderne Sprachen zu lernen. Den Unterricht der Sprachen, inklusive der eigenen, auf den Wunsch zu beschränken, besser kommunizieren zu können, ist jedoch ein Verrat. Die Lehrpläne nennen keine Autoren mehr: Racine, Molière und Victor Hugo gehören der Vergangenheit an.
Unsere eigene Sprache nur noch zu vermitteln, um den «Einstieg in die Arbeitswelt» zu ermöglichen, ist eine abwegige Vorstellung. Die Hartnäckigkeit, mit der man das Lernen der Orthographie und der Grammatik untergräbt, erleichtert den Eintritt der Jugendlichen ins Berufsleben sicher nicht; sie bewirkt Leiden und Ausschluss. Den Verantwortlichen des Personalwesens bleiben die Entfaltung und der persönliche Werdegang des jungen Menschen völlig verborgen, wenn dessen Bewerbungsschreiben wegen mangelnder Sprachkenntnisse verstümmelt bei ihnen eintrifft …
Das nationale Erziehungsministerium will die Schüler so formatieren, dass sie gerüstet sind, «in der Welt zu wirken», wie dies der Französisch-Lehrplan verkündet. Alles muss sofort anwendbar sein. Anstatt Logik zu lehren, wird lieber eine Programmiersprache unterrichtet, die jedoch sehr schnell veraltet und bald noch «toter» sein wird als das Latein. Anstatt solide Grundlagen zu vermitteln, die erlauben, Zusammenhänge zwischen gelerntem Wissen herzustellen, baut man lieber auf weiche Interdisziplinarität, die «notwendige Fragestellungen für die Bildung des Bürgers» aufwirft. Der hochverehrte Voltaire hat keinen Unterricht über die Religion genossen, sondern er hat über lateinischen Übersetzungen geschwitzt, aus denen er seine Ironie schöpfte. Eine gute Bildung darf nicht nur Werkzeuge verteilen, sondern der Schüler muss lernen, sie zu schmieden. Das ist eine lange und mühsame Arbeit: Sie zwingt den Schüler, seine Unwissenheit zu erkennen, und den Lehrer, sein Fachgebiet sorgfältig zu vermitteln. Aber geben wir es doch zu: Es ist für alle Beteiligten weniger mühsam, passiv zu warten, bis die «Lernenden» zu «Wissenden» werden und geruhen, ihre Fragen zu stellen.
Die klassischen Sprachen sind in diesem Zusammenhang eine ideale Schulung. Sie lehren die ständige Genauigkeit und die Präzision der Begriffe, die es ermöglichen, richtig zu denken. Der Mathematiker Laurent Lafforgue, Preisträger der Fields-Medaille von 2002, unterlässt es nie zu betonen, wie viel er der gleichzeitigen Schulung in Grammatik und Latein verdankt. Für die Gymnasiasten ist das Latein bald die einzig verbleibende Möglichkeit, die Grammatikregeln zu entdecken, von denen man sie heutzutage verschonen will, um den Französischkurs interaktiver gestalten zu können. Latein und Griechisch können somit die Mängel der Schüler in ihrer eigenen Sprache beheben.
Es geht uns keineswegs darum, die klassischen Sprachen auf die Liebe zu Regeln zu reduzieren. Es geht auch nicht darum, nach dem Vorbild der Grammatiker von Claudel zu verlangen, «dass das Neue genau dem Alten gleichen solle». Wir sind der Meinung, dass die Literatur ein wichtiger Träger des Wandels ist. Der Reichtum an Interpretationen bei den grossen Werken ist nie ausgeschöpft. Viel komplexer als «gute Gefühle» oder «nützliche Bücher» eröffnet die Literatur die Möglichkeit, eine Welt kennenzulernen, die nicht einseitig ist. Literarische Texte helfen, die Welt scharfsinnig und differenziert zu erfassen. Die aktive Lektüre der «Klassiker» gibt demjenigen, der sich die Mühe macht, sie zu entschlüsseln, den Mut, Neues zu erkennen und Traditionen wieder zum Leben zu verhelfen. Sie ermöglicht auch, die radikale Neuheit gewisser zeitgenössischer Werke zu erfassen. Leider ist «Lesen» zu einem intransitiven Verb geworden. Es geht nicht mehr darum, literarische Werke zu erarbeiten, sondern darum, viel zu lesen, als ob das Verständnis von der Masse der verschlungenen Informationen abhängen würde.
Nun droht jedoch Gefahr: Die Texte der Antike sind – trotz ihrer tausendjährigen Frische – sehr zerbrechliche Dinge in den Händen derjenigen, die sie nicht mehr lesen. Herodot erzählt die Geschichte einer Gruppe Soldaten, die – beunruhigt durch ein Orakel – beschloss, den Sprössling eines benachbarten Königs zu töten. Sie begaben sich zur Mutter, die aus ihrer Stadt stammte; sie reichte ihnen den Säugling, weil sie glaubte, sie kämen, um ihn zu bewundern. Die Männer hatten vereinbart, dass der erste, der das Kind in Händen halten würde, es auf den Boden schmettern sollte. Aber da geschah etwas Unerwartetes: Das Kind lächelte. Es wurde von Hand zu Hand gereicht, bis der letzte Barbar, durch diesen menschlichen Zug genauso berührt wie die anderen, es der Mutter zurückgab.
Für unseren Sprachunterricht wünschen wir uns eine ähnliche Reaktion.    •

Quelle: © «Le Figaro» vom 4. Mai 2015

(Übersetzung Zeit-Fragen)