Editorial

Editorial
Freiheit macht die Würde des Menschen aus. Und umgekehrt ist Freiheit nur würdevoll, wenn sie auch dem anderen zugestanden wird. Allen Menschen.
Dass es das in der Geschichte bis heute nur hier und dort gegeben hat, ändert nichts daran, dass diese Sehnsucht die Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen bewegt hat. Die Tell-Geschichte – wie immer man im Detail dazu stehen mag – ist im Kern nichts anderes als Ausdruck dieser urmenschlichen Empfindung: Der Mensch will nicht unterdrückt, nicht geknechtet, aber auch nicht bevormundet, nicht gelenkt, nicht gesteuert, manipuliert und für dumm verkauft werden. Deshalb ist sie, wie viele andere Freiheitssagen anderer Völker, über Jahrhunderte weitergetragen worden. Was Menschen seit vielen Jahrzehnten an Friedrich Schillers Schauspiel anspricht, ist nichts anderes. Der schlichte Kern der historischen Ereignisse und der Geschichte, die der nicht umsonst so genannte Dichter der Freiheit in seinem Schauspiel mit dem Bewusstsein des Historikers und mit den Fähigkeiten eines grossen Poeten zum Ausdruck bringt, ist ja, dass ein paar «einfache» Menschen sich ihre Würde nicht haben nehmen lassen wollen und dafür eingestanden sind. Und sie haben sich ihre Freiheit erkämpft. Daran ändern auch die episch ausgedehnten Debatten darüber, ob gewisse Ereignisse etwas früher oder später und möglicherweise an einem anderen Ort stattgefunden haben, ob es nun einen Mann mit Namen Tell gegeben habe und ob der Apfelschuss nicht später aus anderen Legenden dazugegeben wurde, nichts. Gar nichts.
Menschen wollten und wollen frei sein. Darum geht es. Und dass es den Menschen in der Urschweiz im 13. und 14. Jahrhundert gelungen ist, sich diese Freiheit, so weit möglich, zu erringen und sie zu erhalten, ist ein Glück.
Immer wieder und auch nach den Schrecken zweier Weltkriege hat die Menschheit innegehalten. Sich besonnen. Darauf, was der Mensch eigentlich ist. Darauf, wovon unser Tun und Lassen, unser Zusammenleben auf diesem Planeten eigentlich ausgehen muss: dass nämlich «die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unver­äusserlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet, da die Nichtanerkennung und Verachtung der Menschenrechte zu Akten der Barbarei geführt haben, die das Gewissen der Menschheit mit Empörung erfüllen, und da verkündet worden ist, dass einer Welt, in der die Menschen Rede- und Glaubensfreiheit und Freiheit von Furcht und Not geniessen, das höchste Streben des Menschen gilt». So heisst es in der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948.
Dass sich aus dem Willen zur Freiheit der Bewohner der Waldstätte im 13. Jahrhundert ein Bund ergeben konnte, der sich über alle Wirren und Anfechtungen, Auseinandersetzungen und Gefährdungen über mehrere Jahrhunderte erhalten konnte, und dass daraus schliesslich der schweizerische Bundesstaat hervorging, dass dieser Bundesstaat, seiner freiheitlichen Herkunft verpflichtet, föderal aufgebaut ist und dass wir heute mit der direkten Demokratie über ein Mass an bürgerlicher Freiheit und an Gestaltungsmöglichkeiten verfügen, um die uns viele beneiden, das ist nicht unser Verdienst. Es ist unser Glück – und zugleich Aufgabe. Denn Freiheit erhält sich nicht von selbst. Sie muss gelebt werden. Angesichts der Probleme von heute.
Schon 1230 hatten sich die Urner ihren Freiheitsbrief vom Kaiser erwirkt. Mit überlegter Diplomatie, vor allem aber mit Entschlossenheit und dem Willen, lieber den Gürtel enger, viel enger zu schnallen, als auf die Freiheit zu verzichten. Sie muss­ten sich den Betrag für die  Abgeltung der Verpfändung ihres Landes – einmalig das Zehnfache der Abgaben, also dem, was wir heute Steuern nennen würden – wohl buchstäblich vom Mund absparen. Aber sie waren sich im klaren, dass ihr selbst­auferlegtes Opfer sich letztlich auszahlen würde, weil sie damit Unterdrückung und Ausbeutung in der Zukunft abwenden wollten.
Stellen sich uns nicht ähnliche Fragen? Wir leben im Wohlstand, zumindest viele in diesem Land – und vor allem verglichen mit anderen Weltregionen. Wie wollen wir zum Beispiel unsere Stromversorgung regeln? Weitere Liberalisierung und irgendwann vielleicht völlige Abhängigkeit von Lieferungen aus dem Ausland? Unsere Landwirtschaft? Freihandel, Import «biologischer» Produkte von der anderen Seite des Globus oder Selbstbestimmung darüber, was wir auf unsere Teller bekommen? Und unser Bildungswesen? Sollen unsere Kinder konsumabhängige, funktionale Rädchen im Triebwerk der globalisierten Wirtschaft werden, oder möchten wir sie zu selbstbestimmten Persönlichkeiten und Bürgern mit einem Bewusstsein für Zusammenhänge und geschichtliche Erfahrungen bilden? Unser Gesundheitswesen? Woran krankt es wirklich? Es gibt viele weitere Fragen, die sich uns stellen. Die Freiheit haben, bei all diesen Fragen mitzubestimmen, Einfluss zu nehmen und mitzugestalten, das ist eine grosse Errungenschaft. Darauf könnten wir uns am 1. August besinnen.

Erika Vögeli