Warum ich gerne Schweizer bin

von Wolfgang van Biezen
Da sass er nun auf unserem Sofa, der Herr vom Staatssekretariat für Migration. Er war angemeldet, freundlich, und nachdem er sich versichert hatte, dass meine Ehefrau und ich zusammenleben, wollte er noch wissen, warum ich so lange mit dem Gesuch um Einbürgerung gewartet habe, zumal es sich in meinem Falle um die erleichterte Einbürgerung handle. Diese Frage hatte ich mir auch oft und lange gestellt. Ich zögerte mit der Antwort. Während wir uns freundlich anschauten, schweiften meine Gedanken zu dem Buch über die Schweiz im deutsch-französischen Krieg 1870/71, das ich vor kurzem gelesen hatte. Plötzlich in unmittelbarer Nachbarschaft der Kriegshandlungen, schlecht gerüstet und mit ungenügendem Grenzschutz, nahm die Schweiz auf die Bitte der französischen Bourbaki-Armee Zehntausende von Soldaten auf. Staat und Bevölkerung erfüllten ihre Aufgabe als neutrale Nachbarn so, wie es eben nötig war.

Ausschnitt aus dem Rundbild des Bourbaki-Museums in Luzern (Bild www.bourbakipanorama.ch)

1870/71 – Die Schweiz ist im Krieg, obwohl sie gar keinen Krieg will.

  • Die Schweizer Armee ist nicht bereit und schlecht ausgerüstet,
  • Bundesrat Welti benimmt sich wie ein Fürst,
  • Oberst Hans Herzog, beliebt im Volk und kompetent, wird von Welti quasi genötigt, General zu werden,
  • Herzog wird von der Bundesversammlung gewählt,
  • die Kompetenzen zwischen Bundesregierung und General sind nicht geklärt,
  • keine Unterstützung vom Bundesrat Welti, Intrigenspiel,
  • Herzog tritt zurück (unklar, ob das überhaupt geht),
  • Teile der französischen Armee werden aufgerieben,
  • der Schweizer Grenzschutz ist auf Grund der lausig ausgerüsteten Armee nur bedingt erfüllbar,
  • Täuschungsmanöver an der Grenze betreffend die Stärke und Einsatzbereitschaft der Schweizer Armee,
  • der preussische General Manteuffel, besser ausgerüstet, umzingelt die Bourbaki-Armee in Frankreich,
  • Bourbakis Armee eingeschlossen und zum grossen Teil in hundslausigem Zustand,
  • der Krieg zeigt sein wahres, hässliches Gesicht,
  • Bourbaki macht einen Suizidversuch, der misslingt,
  • seine von den Preussen eingeschlossene Armee bittet um Aufnahme in die Schweiz,
  • Bedingungen, die mit der Neutralität vereinbar sind, werden ausgehandelt,
  • Herzog wird wieder ins Amt gesetzt, stellt Bedingungen an Bundesrat Welti,
  • der Bundesrat redet in Unkenntnis der Sachlage von einigen tausend französischen Soldaten,
  • in Tat und Wahrheit handelt es sich um etwa 86 000 französische Soldaten, die Schutz in der Schweiz suchen,
  • sie kommen in völlig erschöpftem Zustand und werden zunächst von etwa 2500 Schweizer Soldaten an der Grenze in Empfang genommen,
  • die Franzosen liefern ihre Gewehre ab, sie sind froh, dass sie der Hölle entkommen,
  • Geschütze werden eingesammelt,
  • Verwundete werden hospitalisiert, für einige kommt jede Hilfe zu spät,
  • auch Schweizer Soldaten infizieren sich mit Ruhr und sterben,
  • Pferde werden registriert, verteilt und landwirtschaftlichen Betrieben überstellt, damit sie gesund gepflegt werden können,
  • 86 000 Franzosen werden in wenigen Tagen auf die ganze Schweiz verteilt,
  • grossartige logistische Leistung von General Herzog,
  • die ländliche Schweiz ist nach anfänglichem, kurzem Zögern froh um die helfenden französischen Hände,
  • hier und da kommt es zu sehr persönlichen Verbindungen,
  • die Franzosen benehmen sich einwandfrei,
  • der Krieg zwischen Preussen und Frankreich ist beendet,
  • die Verwundeten sind gesund gepflegt, die Hungrigen wohlgenährt, sie freuen sich, wieder in ihre Heimat zu fahren,
  • die Ausrüstung, die Waffen (Gewehre, Geschütze), die Pferde usw. werden der neuen französischen Regierung überstellt,
  • eine Rechnung der Eidgenossenschaft über die entstandenen Unkosten wird an die Regierung Frankreichs übersandt und umgehend beglichen,
  • als die Franzosen nach sechs Wochen in ihre Heimat entlassen werden, kommt es zum Teil zu rührenden Abschiedsszenen,
  • 86 000 junge Männer sind gerettet, sie sind wohlauf und können sich wieder ihrem Leben zuwenden.

… das alles ging mir durch den Kopf bei der Frage, warum ich denn so lange gewartet habe, einen Antrag auf Einbürgerung zu stellen. Nun, ich sagte dem Herrn auf unserem Sofa, dass ich lange und gut darüber nachgedacht habe, meine Staatsbürgerschaft zu wechseln. Aber nachdem ich begriffen hatte, was das für die Menschen bedeute, die direkte Demokratie, die immerwährende, bewaffnete Neutralität und die darin enthaltenen Guten Dienste zum Beispiel, und dass ich tatsächlich als Bürger der Eidgenossenschaft mehr zu sagen habe, will sagen, mehr am ­politischen Geschehen teilnehmen kann, als in meinem damaligen Heimatland, nun, da habe ich mich entschlossen, in diesem Land zu bleiben und Schweizer zu werden.
Der Herr schaute mich weiterhin freundlich an, er sagte nur: «Gaellet Sie?»
Irgendwie hatten wir uns verstanden.    •

von Arx, Bernhard. Konfrontation. Die Wahrheit über die Bourbaki-Legende. Verlag Neue Zürcher Zeitung, NZZ Libro, ISBN 978-3-03823-744-0