Besuch in einem russischen Kinderheim

von Maria Koch

In einigen Medien wird immer mal wieder behauptet, in Russlands Kinderheimen und sozialen Einrichtungen herrschten böse Zustände. Wir wollen es selbst wissen und besuchen ein grosses Kinderheim in St. Petersburg. Wir haben es uns selbst ausgesucht. Wir sind eine Gruppe von Lehrern, Heilpädagogen und einem Sozialpädagogen aus der Schweiz und Deutschland.

Ein stolzer Artist. (Bild mk)

Ein Tanz zu russischer Musik, perfekte Choreographie mit bekannten russischen Tanz­elementen sowie mit tollen akrobatischen Einlagen, vorgeführt von Kindern in bunten Kostümen, die nach russischer Tradition geschneidert sind – damit werden wir im Kinderheim Nr. 1 in St. Petersburg empfangen.1 Die Kinder beherrschen die Choreographie perfekt, sie tanzen freudig und mit strahlenden Augen, stolz lachen sie uns an. Das Besondere daran: Die Kinder sind geistig behindert, die meisten haben das Down-Syndrom.
Diese Vorführung ist beispielhaft für den Geist, der in diesem Kinderheim herrscht: Alle Kinder und Jugendlichen sind behindert, aber alle sind stolz auf das, was sie können, darauf, dass sie ein wichtiger Teil dieser Gemeinschaft sind und darin ihren Beitrag leisten.
Es gibt Kinder mit schweren Mehrfachbehinderungen, die sich kaum selbst bewegen können, die sinnesgeschädigt und schwer geistig behindert sowie in ihrer Fähigkeit zur Kommunikation stark eingeschränkt sind, bis hin zu leicht lernbehinderten Kindern und jungen Erwachsenen. Alle werden nach ihren Möglichkeiten gefördert, allen wird eine grösstmögliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht.
Im Kinderheim Nr. 1 leben etwa 200 Kinder und 100 junge Erwachsene. Wir fahren auf einen grossen hellen, durch viele Fenster untergliederten Komplex in Peterhof zu. Das ist ein Ort, der eine Stunde von St. Petersburg entfernt ist; dort hatten die Zaren ihre Sommerresidenz. In St. Petersburg ist noch alles vereist im April, die Aussenanlagen sind deshalb nicht belebt, trotzdem fallen uns auf dem Weg zum Eingang des Heims Gartenanlagen, Gewächshäuser und Sportplätze auf.

Offenheit, Transparenz und Herzlichkeit

Valery Asikritov, der Direktor des Heims, und einige seiner Mitarbeiter empfangen uns überaus herzlich. Einen ganzen Tag haben sie sich Zeit genommen, uns ihre Einrichtung zu zeigen und ihre Arbeit zu erklären. Herr Asikritov ist Professor für Heilpädagogik und Psychologie, Sportlehrer, Mitglied des Stadtrats und Träger verschiedener Orden wie dem Staatlichen Verdienstorden als Erzieher Russ­lands.
Das Kinderheim besteht seit 45 Jahren und ist eine Modelleinrichtung. Delegationen aus ganz Russland kommen hierher, um zu lernen.
Heute sind wir hier, um zu sehen, wie hier gearbeitet wird. Wir werden durch das ganze Heim geführt, alle Türen stehen offen, wir können überall Einblick nehmen. Wir sehen einfache, aber liebevoll gepflegte und mit persönlichen Attributen gestaltete Schlaf- und Wohnräume, Bäder nach modernem Standard, Essräume und Küchen. Flure und Treppenhäuser auf unserem Weg durch das Haus sind mit sorgfältig gerahmten und schön präsentierten künstlerischen Erzeugnissen der Kinder gestaltet. Nirgends sehen wir Zeichen von Unordnung, Vandalismus, Verwahrlosung. Überall stehen die Türen offen, und wir begegnen aktiven und meist fröhlichen, oft stolz wirkenden Kindern und Jugendlichen, die übrigens auch gerne mit uns Kontakt aufnehmen und sich mit uns fotografieren lassen wollen.

Erstklässler lernen in der heiminternen Schule. (Bild mk)

Betreuung von Schwerstmehrfachbehinderten

In medizinischen bzw. physiotherapeutischen Einrichtungen mit speziellen Bädern, therapeutischen Bewegungsgeräten und Sport­räumen für Körperbehinderte und Spastiker erleben wir, wie sich jeweils mehrere Betreuungspersonen, Erzieher, Physiotherapeuten, Sozialpädagogen liebevoll um die Kinder und Jugendlichen bemühen. Wir kennen viele vergleichbare Einrichtungen in der Schweiz und in Deutschland und uns fällt auf: Der Betreuungsschlüssel ist vergleichsweise hoch. In einem grossen hellen Raum stehen einige Betten mit Kindern, die so schwer behindert sind, dass sie sich kaum bewegen, nicht sprechen und von sich aus höchstens mit den Augen und Händen Kontakt aufnehmen können. Sie liegen im Bett und können sich auch nicht selbst herumdrehen. Auch diese Kinder werden liebevoll und einfühlsam betreut: Die Erzieherinnen berühren sie, bewegen sie, sprechen zu ihnen. Wir erhalten Einblick in Räume, in denen Kinder psychomotorisch und logopädisch betreut werden.

Schule und Werkstätten

Die schwächeren der lernbehinderten Kinder werden in der heiminternen Schule gefördert, die stärkeren besuchen die öffentliche Sonderschule in Peterhof. In kleinen Klassen von 5 bis 8 Kindern, in manchen Fällen auch im Einzelunterricht, werden die Kinder in den Kulturtechniken gefördert. Die Klassenzimmer sind hell und modern eingerichtet, es gibt viele Lernmaterialien, Spiele, Montessori-Material. Daneben sehen wir Schüler in Computerräumen arbeiten sowie in verschiedensten Werkstätten für Holz-, Metall- und Textilarbeiten. In einer Schulküche werden gerade Blinis (russische Pfannkuchen) gebacken, eine Schülerin bietet sie uns an, wir essen sie heiss aus der Hand. In der Töpferei hängt ein Foto an der Wand, auf dem Putin zu sehen ist, wie er mit Behinderten zusammen an der Töpferscheibe töpfert. In der Textilwerkstatt sitzen alle fleissig an den Nähmaschinen. Uns Gästen wird ein Körbchen mit kleinen, von den Behinderten hergestellten Gegenständen offeriert: Wir sollen uns jeweils einen aussuchen, ein Herz, einen Pfeil, einen Delphin, alles aus Stoff oder Leder und ausgestopft. Wenn sich einer von uns einen Gegenstand ausgesucht hat, wird der Hersteller des Kunstwerks nach vorne gerufen. Voller Freude und Stolz, dass der Gast den von ihm gefertigten Gegenstand gewählt hat, umarmt der Schüler ihn und blickt stolz in die Kamera. In den Werkstätten für ältere Jugendliche werden zum Teil einfache Gegenstände wie Kugelschreiber, Feueranzünder usw. für den Verkauf hergestellt, wie das in unseren Behindertenwerkstätten auch geschieht. Hier arbeiten Jugendliche, die die obligatorische Schulzeit hinter sich haben, aber den Anforderungen auf dem freien Arbeitsmarkt nicht gewachsen sind. Darauf möchte ich später noch zurückkommen.

Sport

Wir sind nämlich mit dem Rundgang durch das Heim und seine Einrichtungen längst noch nicht fertig. Zu nennen sind da etwa zahlreiche modern eingerichtete Sportstätten: Sporthallen und Gymnastikräume mit allen Arten von Geräten für Körperbehinderte und körperlich Gesunde, ein Ballettsaal und sogar eine grosse Schwimmhalle. Einige Jugendliche trainieren gerade. Sie planschten nicht etwa herum, sondern betreiben professionellen Leistungssport. Wozu diese Aktivitäten führen, sehen wir dann in einem grossen Raum, der rundherum mit Vitrinen bestückt ist: Pokale, Abzeichen, Urkunden, Fotos von sportlichen Wettbewerben, Bewohner des Heims mit berühmten Sportgrössen und ­Politikern wie Putin und Medwedew. Sportler des Kinderheims Nr. 1 nehmen regelmässig an den Paralympics teil und bringen Siegestrophäen nach Hause. Kaum eine Sportart, an der die Peterhofer nicht teilnehmen, bis hin zu Turnierreiten und Turniertänzen. Und alles auf höchstem Niveau. Wir bekommen einen immer besseren Eindruck davon, warum die hier lebenden Kinder und Jugendlichen stolz sind, stolz auf ihre eigenen Leistungen und die ihrer Gemeinschaft, stolz, in der Welt wirken zu können.

Kunst und Kultur

In einem Atelier schauen wir Künstlern bei der Arbeit zu und bewundern beeindruckende künstlerische Werke, auch gegenständliche Malerei. Es gibt einen Saal, in dem eine orthodoxe Kirche eingerichtet ist, richtig mit Ikonenwand, wie es in Russland sein muss. Hier werden auch regelmässig Gottesdienste abgehalten. Wir geniessen einen Vortrag des Kirchenchores, auch er zusammengestellt aus Bewohnern des Heimes, die in festliche weisse Gewänder gekleidet sind. Später bekommen wir ein Video zugeschickt, auf dem zu sehen ist, wie der berühmte ukrainische Sänger Valery Malyshev mit diesem Chor die schönsten russischen Lieder singt.

Ukrainischer Trommeltanz

Höhepunkt unserer Besichtigung war die Vorführung eines ukrainischen Trommeltanzes. Eine grossartige Choreographie mit beeindruckender Akrobatik. Angeleitet und einstudiert hatte den Tanz Alla Kaskadeur-Vorobyeva, eine berühmte russische Choreografin und Zirkuskünstlerin, die ehrenamtlich einmal pro Woche mit den jungen Tänzern übt und auch bei der Vorführung mittanzt. Sie schaffte das Unmögliche: Drei der jungen Männer sind taub, hören also die Trommeln nicht. Trotzdem ist es ihnen gelungen, im richtigen Takt mitzutanzen. Eine unglaubliche Leistung! Schon vor 20 Jahren hat Alla begonnen, mit Kindern zu arbeiten.
Nach all dem, was wir sehen und erleben durften, wird uns ein feines Mittagessen serviert, ein 4-Gang-Menu, denn Suppe und Salat gehören in Russland immer dazu, dann das Hauptgericht, meistens mit Fleisch oder Fisch und Gemüse, und schliesslich ein süsser Abschluss. Das Essen, das man uns serviert, ist übrigens das gleiche, das auch die Bewohner des Heimes bekommen. Wir werden freundlich und zuvorkommend bewirtet. Beim Essen und bei dem abschliessenden Kaffee ergibt sich die Gelegenheit für vertiefende Fragen und Diskussion. Am gleichen Tag ist im deutschen Magazin Der Spiegel ein Artikel erschienen, wonach ein Bremer Gymnasium gerichtlich dazu gezwungen werden sollte, geistig behinderte Kinder aufzunehmen. Einer unserer Teilnehmer bringt dies im Gespräch auf. Kopfschütteln auf seiten unserer russischen Gesprächspartner. Allerdings ist ihnen die Diskussion nicht fremd, sie ist auch in ihrem Land aktuell. Es entspinnt sich eine interessante Diskussion zum Thema Inklusion. Herr Asikritov und seine Mitarbeiter legten ihre Haltung zum Thema dar: Es gibt Kinder, die spezielle Förderung brauchen. In einer normalen Klasse können sie diese nicht erhalten und gehen unter. Im Kinderheim Nr. 1 versteht man Integration in dem Sinne, dass jedes Kind so weit wie möglich gefördert wird, um am Leben teilnehmen zu können.

Berufsvorbereitung

Die, die dazu in der Lage sind, werden auf einen Beruf vorbereitet. Im Heim gibt es ein spezielles System der Eignungsabklärung, das ohne schriftliche Tests auskommt. Entsprechend den Ergebnissen werden die Schüler schon im Heim in geeigneten Werkstätten gefördert. Es gibt sogar einen vollständig eingerichteten Friseursalon im Heim, in dem junge Damen frisieren lernen können. So vorgebildet in den Werkstätten, kommen die Schüler und Schülerinnen bestens vorbereitet in die Lehre. Die Betriebe sind gesetzlich verpflichtet, behinderte Schüler in einfachen Berufen auszubilden. Sie machen es gern, weil sie gute Erfahrungen mit ihnen gemacht haben.
Lernwohnung –

Vorbereitung auf die Selbständigkeit

Im Heim hat man eine Lernwohnung eingerichtet, in der Jugendliche das selbständige Leben in einer eigenen Wohnung erlernen können. Nach dem Essen dürfen wir die Wohnung besichtigen: Sie verfügt über alles, was eine normale kleine Wohnung so hat: Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer, Bad mit Waschmaschine usw. Die Schüler lernen hier unter Anleitung, wie man einen Haushalt führt, das Budget plant, kocht, saubermacht, die Wäsche pflegt. So werden sie fit für das selbständige Leben. Mit einer Bewohnerin dieser Wohnung kommen wir ins Gespräch. Stolz berichtet sie uns, was sie bereits alles selber machen kann und wann sie ihren eigenen Weg plant.
Es gibt aber auch schwerbehinderte Menschen, die nie in der Lage sein werden, ein selbständiges Leben zu führen. Das Heim hat eine spezielle Abmachung mit Herrn Medwedew getroffen, dass solche Bewohner über das 18. Lebensjahr hinaus im Heim wohnen bleiben dürfen, bis zum 40. Lebensjahr.

Zusammenarbeit mit den Eltern

Bis zum Alter von 4 Jahren bleibt das Kind in der Familie und erhält dort bei Bedarf separate Frühförderung. Wenn jemand aus der Familie mithelfen kann bei der Förderung des Kindes, bleibt es auch länger in der Familie. Ab vier Jahren oder später können die Eltern entscheiden, ob sie ihr Kind schrittweise in die Einrichtung geben wollen oder nicht. 70 % der Eltern würden sich dafür entscheiden. Eltern sind im Heim willkommen, sie dürfen täglich ihr Kind besuchen oder bei der Betreuung mithelfen. Am Wochenende oder in den Ferien dürfen die Kinder in die Familie. Die Eltern werden einzeln oder in Gruppen beraten.

Zusammenarbeit mit der Diakonie in Stetten, Baden-Württemberg

Herr Asikritov berichtete uns mit grosser Hochachtung von der Zusammenarbeit mit der Diakonie Stetten, Baden-Württemberg. Die Diakonie führt dort eine grosse Einrichtung für Behinderte. Deren Mitarbeiter haben über Jahrzehnte hinweg das Kinderheim Nr. 1 mit Rat und Tat unterstützt. Herr Asikritov erklärt, dass vieles Schöne und pädagogisch Wertvolle in diesem Heim ohne die Unterstützung der Diakonie Stetten nicht möglich gewesen sei. Jede Woche hat er mindestens eine halbe Stunde telefonischen Austausch mit den Kollegen dort. In seinen Schilderungen wurde uns deutlich, dass zwischen den Mitarbeitern beider Einrichtungen eine warmherzige, tragfähige Freundschaft entstanden ist, denen die Turbulenzen auf der politischen Bühne nichts anhaben können.
Wir sind überwältigt vom Niveau der Einrichtung, von der Arbeit, die dort geleistet wird, und den liebevollen Bemühungen der Mitarbeiter. Das Bild, das bei uns in den Medien oft gezeichnet wird, stimmt nach unseren Erfahrungen überhaupt nicht. Unser Eindruck wird am nächsten Tag durch den Besuch einer grossen öffentlichen Sonderschule in Peterhof 2 noch bestätigt.
Die Verantwortlichen des Heims sind sich der Bedeutung ihrer Arbeit sehr wohl bewusst. Eine der Begründerinnen des Heims, eine ältere Dame, ist den ganzen Tag mit unserer Besichtigungstruppe unterwegs. Im Schlussgespräch äussert sie, dass es in Deutschland einmal eine Zeit gegeben habe, in der man anders mit solchen Kindern umgegangen sei … Wir wissen genau, was sie meint. Und wird heute in unseren Ländern nicht wieder diskutiert, ob man Menschen, deren Leben «nicht lebenswert» sei, «zum Tod verhelfen» soll?
Wir gehen davon aus, dass es nicht in allen Einrichtungen so gut ist wie in Peterhof. Sicher ist noch viel zu tun, besteht vielerorts noch Entwicklungsbedarf. Die Förderung von Behinderten hat Präsident Putin auf seiner Prioritätenliste ganz oben. Der Besuch der beiden russischen Präsidenten im Kinderheim, den man auf den Fotos sehen kann, setzt Zeichen. Zahlreiche Teilnehmer der Paralympics in Sotschi, die aus aller Welt kamen, berichten, wie hervorragend und barrierefrei die Sport- und Wohnstätten für sie eingerichtet und organisiert waren.
Wir werden weiter die Gelegenheit suchen, pädagogische und soziale Einrichtungen in Russland mit eigenen Augen und Ohren kennenzulernen. Nicht zuletzt ist es ein grosser Genuss, die Gastfreundschaft, Offenheit und Herzlichkeit der russischen Gastgeber zu erleben. Wir fühlen uns ein Stück weit heimischer auf dieser Welt durch die Verbundenheit mit unseren Kollegen in Russland im gemeinsamen pädagogischen Anliegen und der Verwirklichung der Menschlichkeit.    •

1    Unter youtube ist ein Video über das Kinderheim zu sehen, russisch mit deutschen Untertiteln: https://www.youtube.com/watch?v=I2vIz8PCAaM
2    Ein Bericht zu diesem Besuch wird in einer späteren Ausgabe folgen.