Burnout bei Schülern nimmt erschreckende Ausmasse an

mk. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat eine erschreckende Zunahme von Burnout-Symptomen bereits bei jungen Schülern in der Schweiz festgestellt. Danach leidet jeder dritte Schüler an Burnout-Symptomen wie Kopfweh, Bauchweh, Schlafstörungen, Angstattacken, Schwindelgefühlen, Niedergeschlagenheit.
Wie ist das zu erklären? Die Schweiz ist eines der wohlhabendsten Länder der Erde, hier haben nahezu alle Menschen Anteil am Wohlstand, nicht nur eine Elite. Gesundheits- und Bildungswesen sind gut ausgebaut. Kaum jemand muss grosse Not leiden.
Es gibt keine Anzeichen dafür, dass es in den Familien grössere Probleme gibt als noch vor einigen Jahren. In der Regel erziehen Eltern ihre Kinder liebevoll, ein gutes Familienleben ist ihnen wichtig.
Schauen wir den Teil an, der einen grossen Teil des Lebens der Kinder und Jugendlichen ausserhalb der Familie ausmacht: die Schule. Sich in der Schule zu bewähren, zu bestehen ist quasi der «Beruf» von Kindern und Jugendlichen. Hat sich hier etwas geändert? Die Prügelstrafe und entwürdigende Behandlungen sind Gott sei Dank abgeschafft. Die Schulen sind in der Regel hell, freundlich, sauber, warm und hervorragend ausgestattet. All das war nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Die Lehrpersonen sind gut ausgebildet (oder sie sollten es zumindest sein), sie sind gut bezahlt, so dass es auch an der Motivation nicht mangeln sollte. Es gibt so viel Unterstützung in Form von Heilpädagogik, Förderunterricht, verschiedenen Therapien wie nie zuvor. Die Schüler sind in der Regel gut genährt, gekleidet und vom Elternhaus gefördert. Was also fehlt, oder was läuft falsch?
Schauen wir uns an, wie das Unterrichtsgeschehen in vielen Schulen heute tatsächlich abläuft. In immer mehr Klassen müssen die Schüler sich den Stoff selbst erarbeiten. Sie bekommen eine kurze mündliche Einführung von der Lehrerin oder dem Lehrer. Dann arbeiten sie allein an einem Programm, oft auf Papier, zunehmend am Computer. Bereits Primarschüler, ja, teilweise schon Kindergärtler bekommen Wochenpläne, das heisst, sie müssen sich Arbeiten für die ganze Woche selbständig einteilen. Stofflich und inhaltlich müssen sie sich fast alles selber erarbeiten. Sie sind isoliert und allein gelassen. Wenn sie nicht weiterkommen, fragen sie einen Schulkollegen. Der ist vielleicht gerade mit etwas anderem beschäftigt oder kommt auch nicht «draus». Dann also die Lehrperson. Zahlreiche Schülerinnen und Schüler berichten, dass sie oft lange aufstrecken, warten, bis die Lehrerin oder der Lehrer endlich Zeit hat. Und die fünf Minuten, die sie oder er sich dann mit der Schülerin oder dem Schüler beschäftigt, reichen qualitätsmässig nicht an 20 oder 30 Minuten Klassenunterricht heran, in denen sich alle gemeinsam im fragend-entwickelnden Unterricht etwas erarbeiten, dabei gegenseitig anregen, ermutigen und befruchten. Da das fehlt, geben viele auf und verzweifeln. Es gibt aber auch viele Schüler, die sich kaum getrauen, die Lehrperson zu fragen; es fehlt das Vertrauen, nicht blamiert zu sein, wenn man etwas nicht versteht oder überhaupt nichts versteht. Also wird das Problem nach Hause verschoben. Die Eltern sollen helfen. Sie sind die letzte Hoffnung. Aber diese kommen häufig auch nicht «draus», denn die Lehrmittel heute sind oft sehr kompliziert, ein Aufbau des Stoffs, der nachvollziehbar wäre, wird oft nicht geboten. Also geht die Schülerin oder der Schüler wieder in die Schule mit dem Erlebnis, ich kann es nicht, ich verstehe es nicht. Es ist zum Verzweifeln. Die nächste Prüfung aber kommt bestimmt, das Programm sieht sie unerbittlich vor. Die Schülerin und der Schüler wissen das. Die Prüfung wird angekündigt. Wundert sich da noch jemand, wenn Kinder und Jugendliche in der Nacht nicht schlafen können, das Vertrauen in sich selbst und ihre Mitwelt verlieren, niedergeschlagen und mit Bauchschmerzen durchs Leben gehen?
Wundern kann man sich eigentlich nur darüber, dass das in der Öffentlichkeit nicht zur Kenntnis genommen wird. Der Verein Ostschweizer Kinderärzte weist schon lange auf den Zusammenhang zwischen zunehmenden somatischen Beschwerden von Kindern und der Überforderung durch die Individualisierung hin. Die Individualisierung ist die schlimmste Sünde der jüngsten Schul­reformen. Sie lässt Kinder, die sonst gern und freudig in Beziehung zur Lehrerin und den Schulkollegen lernen würden, die Erfolg beim Lernen hätten, nicht nur allein, sondern stösst sie auch in Verzweiflung und Ausweglosigkeit. Wieso erkennt man nicht den Irrweg und ändert das wieder? Nichts wäre einfacher, als wieder den Klassenunterricht einzuführen. Es wäre eine Erholung und eine Genugtuung für Schüler und Lehrer (und eine Erleichterung für die Eltern). Diese Umstellung würde nicht einmal Geld kosten. Nur die Lehrer-Studenten, die sowieso ausgebildet werden müssen, müsste man wieder vernünftig auf die Führung einer Klasse vorbereiten; auf den fragend-entwickelnden Unterricht, darauf, jedes Kind im Auge zu haben, am einzelnen Kind und seinen Lebensäusserungen Freude zu haben, jedes in die Gemeinschaft einzubeziehen, auf eine Kultur, in der Lernen und Noch-nicht-Können zur gemeinsamen Bereicherung beitragen.    •