Winzergenossenschaften im Ahrtal – eine Erfolgsgeschichte

«Es gibt hier keine Generationen- und Absatzprobleme»

von Gerda Reuter

Wenn die Weinkönigin und der Weingott Bacchus in Begleitung von Musikzügen und phantasievollen Themengruppen durch die engen Strassen von Dernau ziehen, ist die ganze Dorfbevölkerung aktiv: Sie versorgen die eng gedrängten Besucher an Wein- und Essständen oder zeigen sich geschmückt auf Wagen und in Fussgruppen den jubelnden Gästen. Sie schenken den Besuchern, die die Strasse säumen, grosszügig Wein ein, meist Rotwein, denn dieser wird hier in der Eifel traditionell angebaut.
Die Besucher kommen aus Köln, Bonn, Düsseldorf, dem Ruhrgebiet, Holland, Belgien, Luxemburg. Auch skandinavische Busse sind zu sehen.

Winzergenossenschaft Dernau. (Bild www.dagernova.de)

Geschichte der Ahrweine und der Winzergenossenschaften der Ahr

Das Ahrtal ist ein Nebental des Rheines, südlich von Bonn. Das Ahrgebiet gehört zu den nördlichsten Weinbaugebieten Europas.
Wir wissen, dass die Römer den Weinbau an die Ahr gebracht haben. Es scheint jedoch, dass schon die Kelten von den Griechen Weinbau erlernten und betrieben. Mitte des 19. Jahrhunderts war das Ahrgebiet – es gehört zur kargen Eifel – stark verarmt. Reblaus und Klima verdarben die Ernte, grosse Teile der Bevölkerung wanderten nach Amerika aus. In dieser Notlage musste nach einer Lösung gesucht werden. 1873 begann die Geschichte der Winzergenossenschaft Dernau nach dem Raiffeisenschen Modell, nachdem die Nachbargemeinde Mayschoss, die älteste Winzergenossenschaft Deutschlands, den Anfang gemacht hatte.
In einem Interiew führt Herr Friedhelm Nelles, Geschäftsführer der Winzergenossenschaft Dernau, über die Struktur aus:
«Heute sind der Winzergenossenschaft Dernau 600 Winzer angeschlossen, die hier an der Ahr auf 155 ha Weinbau betreiben. Die Ahr hat insgesamt eine Rebfläche von 525 ha, und von daher ist Dernau durch Fusionen die grösste Genossenschaft an der Ahr geworden. Finanziell beteiligen sich die Winzer mit Geschäftsanteilen, die sich nach Zentnern richten. Ein Geschäftsanteil kostet 1000 Euro pro 100 Zentner Trauben.
Die Aufgaben in unserer Genossenschaft sind folgendermassen verteilt:
Die Winzer bauen ihre Trauben an, ernten sie im Herbst und liefern sie dann hier in der Genossenschaft ab. Ihre Mitarbeiter sind für den Ausbau und für die Vermarktung zuständig. Die Winzer erhalten von uns ein Traubengeld, das sich nach Höhe der Öchslewerte (Gewicht des unvergorenen ­Traubensafts = Zuckerkonzentration) richtet. Wenn der Winzer im Herbst seine Trauben abgekippt und der Kellermeister sie entgegengenommen hat, ist für den Winzer in der Regel alles erledigt. Die Trauben werden hier verarbeitet, dann zu Wein ausgebaut, und wir sind dann für die Vermarktung des Weins zuständig. Wir beraten unsere Winzer hinsichtlich Anbau, geben Anbauempfehlungen, welche Rebsorten im Trend sind usw. Der Weinanbau ist eine langfristige Sache. Flächen müssen gerodet und die Rebstöcke neu angepflanzt werden – das ist eine aufwendige Arbeit, und der Ertrag bei neu angebauten Flächen erfolgt erst nach einigen Jahren.»

Wie kam es zu dem Erfolg?

Auf die Frage, wie es zu dem Erfolg der Genossenschaft kam, erklärte Herr Nelles: «1970 gab es eine Weinschwemme, welche die Winzergenossenschaft dazu veranlass­te, die Arbeit im Weinberg nach dem Vorbild der grossen Weingüter umzustellen. Man hat dann von seiten der Landesregierung und der EU überlegt, wie man das eindämmen kann. Die Genossenschaftswinzer haben ihre Arbeit im Weinberg verändert, im Stile der Grosswinzer. Diese haben die überflüssigen Trauben abgeschnitten, sie haben auch die Laubarbeiten anders gemacht, in diesen Sog sind die Genossenschaften mit hineingekommen. Es wurde dann ein Modell entwickelt, das erlaubt, auf einer Fläche von 100 m2 130 kg zu erzielen.
Es gibt ein Kontingent. Hat der Winzer zum Beispiel 20 Zentner zuviel geerntet, so bekommt er sie nicht bezahlt. Was über den 130 kg liegt, ist nicht vermarktbar. Aber da die Genossenschaft wie ein Betrieb gesehen wird, kann das zum Ausgleich mit anderen Winzern beitragen. Es gibt einzelne Winzer, die wesentlich darunter liegen, sie ernten nur 100 Zentner und nicht 130. Dann können wir das gesamthaft als Genossenschaft vermarkten. Das, was wir für die 30 kg bekommen, kommt dann der Allgemeinheit zugute. Wir haben also 155 ha mal 130 kg, das ist die gesamte vermarktungsfähige Menge, die wir in einem Jahr vermarkten können. Alles, was drüber ist, können wir aufbewahren und im folgenden Jahr mit vermarkten. Andere grosse Weinbaugebiete sind gezwungen, ihre Trauben zu destillieren – Industriealkohol wird daraus gemacht.»
Heute gebe es an der Ahr keine Genera­tions- und Absatzprobleme wie zum Beispiel an der Mosel, sagte Herr Nelles. Dort gebe es Generationenprobleme, Probleme mit dem Auszahlungspreis, dort traten die Winzer aus den Genossenschaften aus und suchten sich andere Kellereien. Das Ahrgebiet ist eben mit 550 ha überschaubar, nur schon allein die Gemeinde Leiden an der Mosel zum Beispiel sei so gross wie das gesamte Ahrgebiet. Beide Gebiete haben Steilhanglagen.
Zwei Jahre hintereinander stellte Dernau die deutsche Weinkönigin, ein Indiz für das gute Know-how dieser Region.

Vorteile des Geschäftsmodells Genossenschaft

«Wir haben insgesamt 32 Leute hier bei uns beschäftigt, inklusive der Verkäufer. Zwei Vorstände und ein ehrenamtlicher Aufsichtsrat leiten die Geschäfte. Unter unseren Winzern gibt es etwa 12 Vollerwerbsbetriebe, die restlichen sind im Nebenerwerb tätig.
Es sind die Winzer, die bestimmen, was aus der Genossenschaft wird. Als Vorstand ist man bei den Genossenschaftern immer im Zugzwang, wenn nicht erfolgreich gearbeitet wird und die Genossenschafter nicht zufrieden sind. Natürlich ist dabei der Auszahlungspreis das entscheidende Kriterium für die Winzer. Unsere Winzer sind zufrieden, sonst könnten wir nicht 600 Winzer bei der Stange halten. Wenn jeder Winzer seine eigenen Weine ausbauen müsste, bräuchte er die kellertechnischen Einrichtungen und das Know-how, er müsste über die Absatzkanäle verfügen. Das beste Beispiel für diese Problematik zeigte sich an der Mosel, wo man vor Jahren angefangen hat, Rotwein anzubauen. Hinter Rotwein steht aber eine ganz andere Kellerphilosophie als hinter Weisswein, die Winzer dort haben Jahre gebraucht, um einen anständigen Rotwein hervorzubringen. Die kellertechnischen Anlagen sind anders als beim Weisswein.»
So ganz schlecht können die Genossenschaften also nicht gearbeitet haben. Nehmen wir die Aktiengesellschaft zum Vergleich.
Das Geschäftsmodell der Aktiengesellschaft hat in den letzten Jahren stark gelitten, da mit dem Aktienkapital spekuliert wurde, das geht bei den Genossenschaften wegen der starken Kontrolle nicht. Die Winzer identifizieren sich mit ihrem Unternehmen, so als wäre es ein eigenes Familienunternehmen.

Die Aufgaben der Geschäftsleitung

«Wir haben turnusmässig unsere Sitzungen, die all diese Dinge mit dem Aufsichtsrat besprechen. Mit unseren Winzern direkt haben wir einmal im Jahr eine Generalversammlung, und ansonsten stehen wir für die Genossenschafter telefonisch und persönlich zur Verfügung. Bei uns gibt es immer genug Leute, die sich als ehrenamtliche Aufsichtsräte zur Verfügung stellen. Der Nachwuchs steht schon in den Startlöchern.
Wir können die Konjunktur einschätzen, wir müssen es sogar. Wir kennen die Absatzwege, in welche wir unseren Wein hineingeben. So können wir unsere Preise vorausschauend entsprechend gestalten. Das kann sich natürlich im Lauf des Jahres auch einmal ändern, so hat uns zum Beispiel die Bankenkrise ebenfalls tangiert. Der Konsument hatte nicht mehr so viel Geld im Portemonnaie. Grundsätzlich richten sich die Auszahlungen, die wir an die Winzer geben, nach dem Jahreserfolg. Unsere Mitglieder werden in sechs Tranchen bezahlt. Damit fangen wir am 1. Juli an. Die erste Rate ist dann fällig.»

Vermarktung

«Wir haben unsere Vermarktungsstrategie verändert, unseren Namen auch. Wir machen schon lange Rotwein, aber inzwischen machen wir auch hervorragenden Weisswein. Wir haben uns kellertechnisch anders aufgestellt. Vor 15 Jahren etwa fing das an, dass der Weissweinboom einsetzte. Man hatte hier zu wenig Weisswein: Riesling, Weissburgunder, Grauburgunder. Das sind die Sorten, die es hier gibt. Wir haben 2003 eine Kooperation aufgenommen mit der Genossenschaft Mittelrhein. Die liefern von 4 ha Weinberg die Trauben zu uns an die Ahr. Wir bauen die Weine hier in unseren Kellern aus und vermarkten sie auch. Wir haben Kühltanks angeschafft, um eine möglichst zögerliche Gärung beim Weisswein zu haben, damit die Frucht im Wein erhalten bleibt. Wir haben eine starke Nachfrage nach Weisswein. Bereits im August/September sind wir nicht mehr lieferfähig.
Etwa 50 % der Ernte geht in den Direktverkauf der Verkaufstelle und in den Onlineshop hier, die restlichen 50 % in den Lebensmittelhandel, den Fachhandel, in die Gastronomie vor Ort. Der Export ist eine zu vernachlässigende Grösse.
Unser Ziel ist es natürlich, an den Endverbraucher direkt zu verkaufen, weil die Erlöse dann besser sind.»

Dernau (Bild zvg)

Tourismus und Feste

Das Ahrtal ist heute sehr geprägt vom Tourismus. Das Haupteinzugsgebiet umfasst den Raum Köln-Bonn sowie Düsseldorf, Aachen, Mönchengladbach. Man ist in einer Stunde mit dem Fahrzeug vor Ort. Dazu erklärt Herr Nelles: «Anders als in den sechziger und siebziger Jahren, als die Leute mit Sonderzügen und Bussen zur Ahr gekommen sind – wir nannten das die Besucher mit der Kegelclubatmosphäre – kommen heute junge Familien, aber auch Senioren, die wandern und einkehren. Wir haben hier den Rotwein-Wanderweg, den Radfahrweg an der Ahr entlang, von daher hat sich hier mittlerweile eine  ganz andere Klientel eingefunden.
Ausserdem veranstalten wir Winzerfeste und andere Ereignisse, wie den Weinfrühling oder Seminare. Deren Veranstalter ist der Verkehrsverein ‹Winzerdorf Dernau›. Dabei    beteiligen sich auch die örtlichen Vereine am Festumzug, sie bauen beispielsweise die Wagen, da ist sehr viel Idealismus dabei. Die Genossenschaft und die Grosswinzer nehmen teil. Die Genossenschaft liefert ihren Wein dazu. Aber für den Verkauf sind die Feste nicht so relevant. In unseren neu gestalteten Verkaufshallen finden wöchentlich mehrere Weinverkostungen statt. Auch sonntags ist geöffnet, und wir freuen uns über den zahlreichen Besuch der Gäste (vgl. www.dagernova.de/).»

Zukunft

Zu den Zukunftsperspektiven führt Herr Nelles aus: «Wir haben keine Generationenprobleme hier. Die Jugend steht zu ihrer Genossenschaft.
Was den Genossenschaftsgedanken anbetrifft, so haben wir zusammen mit den Volksbanken und den Schulen darüber nachgedacht, den Schülern das Genossenschaftswesen wieder näherzubringen. Die Geschichte unserer Genossenschaft ist eine Erfolgsgeschichte, die an die kommenden Generationen weitergegeben werden muss.»    •