Eine Alternative zu Verstaatlichung und Globalisierung

Zur Tagung des Forschungsinstituts direkte Demokratie zum Genossenschaftsprinzip

von Dr. Eva-Maria Föllmer-Müller

Am 29. September fand in Escholzmatt im Entlebuch die nunmehr 5. wissenschaftliche Konferenz des Forschungsinstituts direkte Demokratie zum Thema «Genossenschaftsprinzip und direkte Demokratie» statt. Eingeladen zur Konferenz hatte der Leiter des Instituts, Dr. René Roca, Historiker und Gemeinderat im Kanton Aargau. Der Tagungsort Escholzmatt hat eine lange Genossenschaftstradition, und das Entlebuch als Talgenossenschaft war wichtig für die Entwicklung der direkten Demokratie.

Auf dem Podium von links: Tagungsleiter Dr. René Roca, Peter Stadelmann, Lukas Balmer,
Jean-Paul Vuilleumier, Prof. Wolf Linder. (Bild ug)

Trotz der gleichentags zu besuchenden berühmten Alpabfahrt im benachbarten Schüpfheim haben sich in Escholzmatt etwa 100 interessierte Teilnehmer aus dem In- und Ausland eingefunden. Im Mittelpunkt der Konferenz standen Forschungsresultate, welche die Bedeutung des Genossenschaftsprinzips für die direkte Demokratie aufzeigen. Im Anschluss an die letztjährige Konferenz, die sich mit der Bedeutung des «Naturrechts» für die direkte Demokratie in der Schweiz auseinandergesetzt hatte, befasste sich das Forschungsinstitut in diesem Jahr mit dem «Genossenschaftsprinzip» und damit weiter vertiefend mit der Theorie der direkten Demokratie.
Fritz Lötscher, Gemeindepräsident von Escholzmatt-Marbach, zeigte sich bei der Begrüssung hocherfreut: «Es ist eine grosse Ehre, dass diese wissenschaftliche Veranstaltung hier bei uns stattfindet.» Seine Gemeinde im Herzen der Schweiz sei mit 4370 Einwohnern die grösste in der Region und pflege mit über 100 Vereinen sowie 400 Vereinen in der Region ein reges Leben.

Historische Wurzeln der Genossenschaften in der Schweiz

René Roca beleuchtete in seiner Einführung aus historischer Sicht und mit Betonung ihrer naturrechtlichen und anthropologischen Fundierung die Wurzeln der Genossenschaften in der Schweiz und stellte die Genossenschaftsbewegung im 19. und 20. Jahrhundert dar. Adolf Gasser (1903–1985) habe eines der wichtigsten Prinzipien von Genossenschaften formuliert: «Der Gegensatz Herrschaft – Genossenschaft ist vielleicht der wichtigste Grundsatz, den die Sozialgeschichte kennt. Beim Gegensatz Obrigkeitsstaat – Gesellschaftsstaat geht es eben um schlichtweg fundamentale Dinge: nämlich um die elementaren Grundlagen des menschlichen Gemeinschaftslebens.» (Gasser. Gemeindefreiheit als Rettung Europas, 1947) Das Entlebuch als Talgenossenschaft habe in der Geschichte eine besondere Rolle gespielt, denn nirgendwo in Europa wurden die Machtverhältnisse so in Frage gestellt wie durch die Freiheitskämpfe der «rebellischen» Entlebucher gegen die «Gnädigen Herren» von Luzern. Der Aufstand im Entlebuch war der Ausgangspunkt des Schweizer Bauernkrieges im Jahr 1653.

Genossenschaftsprinzip – eine wichtige demokratische Tradition

Bis heute sei das Genossenschaftsprinzip, das in der schweizerischen Eidgenossenschaft seit dem Mittelalter vielfältige Formen angenommen habe, eine wichtige demokratische Tradition: Die drei «Selbst» – Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstbestimmung – sorgten für eine direkte Mitsprache und Mitgestaltung in teilweise lebenswichtigen Dingen wie Wasserversorgung, Erstellen von Weg und Steg usw. In diesem Zusammenhang ist auch die genossenschaftliche Landsgemeinde-Demokratie zu nennen, die für zahlreiche ländliche Volksbewegungen des 19. Jahrhunderts ein wichtiges Modell auf dem Weg zu mehr Partizipation war. Auf dieser Grundlage und mit den entsprechenden Erfahrungswerten sorgten im 19. Jahrhundert Persönlichkeiten auf Gemeinde-, Kantons- und Bundesebene dafür, dass die direkte Demokratie ausgestaltet wurde.

Genossenschaften als Ergänzung zur direkten Demokratie

Der Politikwissenschaftler Wolf Linder, bis 2009 Professor an der Universität Bern und Mitglied des Schweizerischen Wissenschaftsrats, sprach zum Thema «Direkte Demokratie und Genossenschaften – braucht es beide?» Gleich zu Beginn seines Beitrags gab er seine Antwort: «Ja, aber warum?» Genossenschaften und direkte Demokratie verbinde das gleiche Prinzip: «Eine Person – eine Stimme» für wichtige Grund­entscheide. Linder sieht Genossenschaften als Ergänzung zur direkten Demokratie und hob in seinem Vortrag die Vorzüge von Genossenschaften hervor: Sie sind nachhaltig, sie helfen bei einer wirksamen Kontrolle der Ressourcen. Im Vergleich zu den Kapitalgesellschaften sei in Genossenschaften die soziale Verantwortlichkeit besser aufgehoben, da der Spielraum grösser sei, so Linder. Mahnende Worte richtete er an die grossen Genossenschaften Migros und Coop: Sie dürften die Grundlagen ihrer Gründerväter nicht vergessen. Genossenschaften böten echte Chancen und seien eine Alternative zur Globalisierung. Sie sind nämlich (fast) nicht verkäuflich und geben einen besseren Schutz vor Fremdkontrolle.

Genossenschaftliche Elemente in der Schweizer Literatur

Mit dem Vortrag von Dr. Pirmin Meier, ehemaligem Verfassungsrat des Kantons Aargau und einem der besten Kenner des Stadt-Land-Gegensatzes in der historischen Volkskunde, endete der Vormittag. Aus Beispielen der bedeutenden Schweizer Literaten Heinrich Zschokke (1771–1848), Jeremias Gotthelf (1797–1854), Gottfried Keller (1819–1890) und Heinrich Federer (1866–1928) arbeitete er die genossenschaftlichen Elemente, die sich in diesen Werken finden, heraus und vermittelte sie den Teilnehmern mit ansteckender Leidenschaft: das aufgeklärte Menschenbild, offen zu seiner Meinung stehen, keine Illusionen über das «Gefälle» (die Hierarchie) im Dorf und des offenen Handmehr bei Heinrich Zschokke, die Wertmassstäbe bei Gottfried Keller. So bezeichnete er «Das Goldmacherdorf» von Heinrich Zschokke als das bedeutendste literarische Werk über Genossenschaften. Mit dem Gedanken des sich selbstversorgenden Dorfes sei dieser Roman Vorgänger der Ideen Friedrich Wilhelm Raiffeisens gewesen. In viele Sprachen übersetzt wurde es bis zur russischen Revolution neunmal herausgegeben. Es war Vorbild für drei Romane von Jeremias Gotthelf, als dessen besten Roman über Genossenschaften Pirmin Meier «Die Käserei in der Vehfreude» bezeichnete. Im Gegensatz zu sozialistischen Utopien habe Jeremias Gotthelf den Menschen gekannt – und: Die Basis von Genossenschaften liegt in ihrem ethischen, sittlichen Gehalt. Pirmin Meier resümierte: Man kann durch die Literatur lernen, wie der Mensch, unser Volk ist. Gute Literatur stellt den Menschen dar, wie er ist, nicht, wie er sein soll. Mit seiner leidenschaftlich vorgetragenen Rede und seiner Sachkenntnis brachte Pirmin Meier auch den Teilnehmern, die aus dem Ausland angereist waren, die Liebe zur Schweiz näher.

Vielfältige Beispiele von Genossenschaften

Der Nachmittag war drei Beispielen von Genossenschaften gewidmet: der Waldgenossenschaft oberes Entlebuch (Lukas Balmer, Förster und Geschäftsführer), der Kräuteranbaugenossenschaft Entlebuch (Peter Stadelmann, Präsident) und der Zeitung Zeit-Fragen (Jean-Paul Vuilleumier, Präsident). So bekamen die Veranstaltungsteilnehmer Einblick in die Vielfalt genossenschaftlicher Praxis, nicht zuletzt durch die sie repräsentierenden Persönlichkeiten: der Sache verbunden, nicht gewinnorientiert, auf gleicher Augenhöhe.

Stimmung unter Teilnehmern und Referenten immer konstruktiv

Die Konferenz war sehr gut organisiert, angefangen beim stilvollen Versammlungssaal im Gasthaus Bahnhof, dem reibungslosen Ablauf beim Eintreffen und der guten Verpflegung – schon am Morgen wurden die Teilnehmer mit Kaffee und Gipfeli begrüsst – bis hin zur Tagungsleitung durch René Roca, der die Teilnehmer ruhig und sachkundig durch den Tag führte. Entsprechend war auch die Stimmung während der Veranstaltung unter Teilnehmern und Referenten immer angeregt und konstruktiv. Insgesamt ist es mit der Konferenz hervorragend gelungen, die grosse Bedeutung, die Genossenschaften haben, die auf einer ethischen, an Werten orientierten Grundlage basieren, ins Bewusstsein zu rufen.     •

Thesen zur Bedeutung des Genossenschaftsprinzips in der Schweiz

  • Menschenbild: Die Genossenschaft ist eine Form des gemeinschaftlichen Lösens von gesellschaftlichen Aufgaben, die der Sozialnatur des Menschen entspricht (Naturrecht, vgl. die letztjährige Konferenz zum Thema «Naturrecht und direkte Demokratie», Tagungsband in Vorbereitung).
  • Wichtige Basis für direkte Demokratie: Historisch betrachtet ist die Genossenschaftsidee in vielen Belangen zentraler Bezugspunkt und Fundament für die Entwicklung der direkte Demokratie (jeder hat eine Stimme!) und den schweizerischen Bundesstaat.
  • Politik: Das Genossenschaftsprinzip ist in der Schweiz die Grundlage für das föderalistische (dezentrale) und subsidiäre politische System (Bedeutung der Gemeindefreiheit!).
  • Wirtschaft: Die Genossenschaft ist die wirtschaftliche Organisationsform der Selbsthilfe: Sie ist stets lokal verankert und nah bei den Menschen; dabei spielt der Gemeinwohlgedanke eine zentrale Rolle.
  • Globale Bedeutung: Seit 2016 ist die Genossenschaftsidee Teil des immateriellen Unesco-Weltkulturerbes (Dietmar Berger).