Von der Zensur zum Mainstream Medien und Massenmanipulation

von Robert Seidel

Wer sich heute ein Bild über die aktuellen politischen Geschehnisse machen möchte, ist oft verärgert über einseitige Berichterstattungen. Emotionalisierende Nachrichten, Pflege von Feindbildern oder Auslassungen sind immer häufiger anzutreffen. Es wird zunehmend anspruchsvoller, sich genau zu informieren. Ein Blick in die Vergangenheit kann helfen, die Situation heute wieder nüchterner zu betrachten.

Meinungsäusserungsfreiheit

rl. Kennzeichen einer Demokratie und eine ihrer Grundlagen ist die Meinungs­äusserungsfreiheit. Sie gehört zu den unveräusserlichen Menschenrechten. Jeder darf frei seine Meinung äussern und zur Diskussion stellen. Erst durch einen offenen Austausch verschiedener Meinungen, Ideen, Lösungsvorschläge oder Ansichten entsteht eine Auswahl an Möglichkeiten, die Grundlage bieten, sich einen eigenen Standpunkt zu bilden. Wer mitsprechen und mitentscheiden möchte, ist angehalten, verschiedene Ansätze zu durchdenken und sie für sich zu prüfen, um gegebenenfalls auch eine politische Entscheidung treffen zu können. Deshalb sind mediale «Treibjagden» zutiefst undemokratisch, weil sie – anstatt den Meinungspluralismus zu stärken – die Grundlagen der Demokratie selbst angreifen, indem sie sich herausnehmen zu bestimmen, was «richtig» und «falsch» sei.

Eine wichtige Errungenschaft unserer modernen Demokratie ist die Abschaffung der Zensur. Die Pressefreiheit auf der Grundlage der Meinungsäusserungfreiheit stellt ein Fundament der Demokratie dar. Politische Eliten haben zum Erhalt ihrer Macht immer wieder versucht, abweichende Meinungen zu unterdrücken. Staatliche Beamte zensierten die Presse und selektierten so den Lesestoff für die Bevölkerung. Die heutigen Versuche, Einfluss auf das Internet zu nehmen, muten ähnlich an. Doch wie versucht man heute, die Bürgerinnen und Bürger zu beeinflussen? Ein kurzer Rückblick darauf, wie Herrschafts­eliten und Medien zusammenarbeiten, kann aufschlussreich sein.
Da inzwischen viele Archive offenstehen, kann man die historischen Versuche der Eliten, über Medien Einfluss zu nehmen, besser nachvollziehen. Man kann zum Beispiel feststellen, dass ab 1917 die US-amerikanischen Bürger bewusst in den Ersten Weltkrieg hineingelogen wurden (vgl. Elter, Andreas. «Die Kriegsverkäufer»). Es war zugleich der Beginn der modernen «Propaganda», heute verharmlosend als Public Relations PR bezeichnet. Psychologische Techniken wurden zunehmend zur Massenmanipulation eingesetzt (vgl. Bernays, Edward. «Propaganda. Die Kunst der Public Relations»).
Die Propagandamaschinerie der deutschen Nationalsozialisten übernahm aus den USA viele dieser Techniken, baute sie systematisch aus und trieb die deutsche Bevölkerung in den Zweiten Weltkrieg. Mit ähnlichen Manipulationstechniken wurden nach dem Zweiten Weltkrieg und während des Kalten Krieges die Bürger von der Notwendigkeit eines bestimmten militärischen und politischen Vorgehens überzeugt.

Von Politik und Medien in den Krieg hineingelogen

Die Rolle der Medien im Jugoslawien-Krieg (1991–1995) betrachten wir heute aus einer relativ kurzen historischen Distanz. Das öffentliche Bewusstsein über diesen Krieg liegt immer noch im medialen Nebel der 1990er Jahre. Immer noch gelten «die Serben» und «Milosevic» als «Schuldige». Wie dieser Krieg über bezahlte PR-Agenturen initiiert und dabei gezielt Einfluss über die Medien genommen wurde, haben Jörg Becker und Mira Beham untersucht (vgl. «Operation Balkan: Werbung für Krieg und Tod»).
Völlig ungefiltert wurden 1999 die «Informationen» des Nato-Sprechers Jamie Shea zum Kosovo-Krieg in unseren Medien übernommen. Täglich warb dieser im öffentlichen TV auf reisserische Art für den völkerrechtswidrigen Krieg. Den Bürgern sollte dieser Krieg als menschliches Engagement verkauft werden. Auch hier ist der Blick auf die tatsächlichen Ereignisse immer noch durch den damaligen Medieneinsatz getrübt. Es gab aber auch kritische Beiträge, so die WDR-Sendung «Es begann mit einer Lüge» (2001).
Spätere Kriege – ebenfalls völkerrechtswidrig – gegen den Irak (2003), Libyen (2011) und Syrien (2011) wurden den westeuropäischen Medienkonsumenten derart einseitig präsentiert, dass immer mehr Menschen das Internet als zusätzlichen Informationskanal hinzuzogen.
Man muss davon ausgehen, dass wir heute über Krieg und Frieden immer noch falsch informiert werden.

Auch zu Hause

Konsequenterweise werden wir als Medienkonsumenten nicht nur im Zusammenhang mit Kriegen falsch informiert. Auch bei entscheidenden Abstimmungen oder vor politischen Entscheidungen spielt der gezielte Einsatz von Medien eine grosse Rolle. Wie wird berichtet? Wie werden Inhalte wiedergegeben, um Einfluss zu nehmen? Welche Inhalte werden ausgelassen?

PR in der Schweiz

Auch in der Schweiz übernehmen PR-Firmen für in- und ausländische Auftraggeber (Konzerne, Verbände, Staaten, Parteien, Einzelpersonen usw.) Arbeiten. Dabei spielt der Einfluss der PR-Agenturen auf die Medien eine nicht unerhebliche Rolle (vgl. Barben, Judith. «Spin doctors im Bundeshaus»). Man denke nur an die Argumente von ­Politikern vor Abstimmungen und wie sie entweder unhinterfragt übernommen oder gezielt in ein schlechtes Licht gerückt werden. Weitere Instrumente der Massenmanipulation sind das Besetzen oder Nichtbesetzen bestimmter Themen. Das sogenannte «Agendasetting» auch über mehrere Jahre bzw. der abgestimmte Einsatz bestimmter Themen, Stimmungen und Informationshäppchen auf ein Ziel hin gehören zum medialen Alltag. Die Aufmerksamkeit wird auf bestimmte Themen fokussiert – und damit auch von anderen abgelenkt. Besonders deutlich wird dies im Bereich der Schweizer Aussenpolitik (z. B. Uno-, EU-, Neutralitäts- oder Migrationspolitik), aber auch innenpolitisch, z. B. in der Bildungs- oder der Landwirtschaftspolitik.
Weitere Techniken der Manipulation sind die selektive Auswahl von Aussagen öffentlicher Persönlichkeiten oder das bewusste Verknüpfen von Inhalten mit positiven oder negativen Assoziationen. Weitere Stichworte der manipulativen Beeinflussung sind «Meinungsteppiche legen», «Spin» oder «Nudging». Agiert wird zunehmend im Stil atemloser «notwendiger Aufklärung» oder «tiefer Empörung», was dann Mittel erlaubt, die die Grenzen des Anstands oft überschreiten. Ängste und Vorurteile werden angesprochen.

Öffentliches Interesse vortäuschen

In jüngster Zeit fällt der zunehmend stärkere Gebrauch manipulativer Mittel auf, um bestimmte (politische) Meinungen per se als «schlecht» hinzustellen und zu stigmatisieren. Personen, die eine vom Medien-Mainstream abweichende Meinung öffentlich äussern, riskieren, entweder totgeschwiegen, lächerlich gemacht oder ruiniert zu werden. Eine echte sachliche Auseinandersetzung wird dabei konsequent gemieden. Zu beobachten ist oft ein enges Zusammenspiel zwischen Leitmedien und öffentlich finanzierten Medienhäusern. Haltlose Vorwürfe werden gegenseitig kolportiert, und Gegenstimmen werden ausgelassen. Eine Pressekampagne gegen einzelne Persönlichkeiten wird «orchestriert» durch scheinbar zufällig erscheinende Publikationen. Mit darauf abgestimmten Besprechungen und sogenannten «Experten«-Interviews wird das Interesse einer breiten Öffentlichkeit vorgetäuscht. Wobei die «Experten», die Interviewer und die Buchautoren – allzu oft aus befreundeten Medienhäusern – ohnehin gleicher Meinung sind.

Auf die Person zielen

So wurde vor einigen Monaten in bestimmten Sonntagszeitungen in grosser Aufmachung der Wissenschaftler und Buchautor Daniele Ganser schlechtgemacht. Die verschiedenen Artikel fussten auf einer Veröffentlichung eines im Mainstream verwurzelten «Medienunternehmers», der auch öffentliche Gelder bezieht. Dieser versuchte Ganser zu diskreditieren, ohne ernsthaft auf ihn einzugehen. Parallel wurden im Radio die Vorwürfe aufgegriffen. Ein mediales Ereignis ohne inhaltliche Auseinandersetzung, aber mit vielen Vorwürfen wurde produziert und überall verbreitet. Offensichtliches Ziel der medialen Aktion: Gansers Ruf zu schädigen. Was stört an Daniele Ganser? Ganser weist in Vorträgen und Veröffentlichungen immer wieder darauf hin, dass Kriege illegal sind, und zeigt auf mögliche Hintergründe (vgl. Ganser, Daniele. «Illegale Kriege»). Seine scharfsinnige und logische Argumentation sowie seine ausgesprochene Popularität und sein Erfolg besonders bei der jüngeren Generation scheinen eine heimliche rote Linie überschritten zu haben. Ausserdem hatte Ganser sich erlaubt, im öffentlichen TV bei seiner Argumentation zu bleiben und Fairness von der Moderation einzufordern.
Solche «Treibjagden» zielen darauf, jemanden mundtot zu machen und mögliche Nachahmer zu warnen. Sie enden nicht selten in der Zerstörung beruflicher und privater Existenzen. Wer es wagt, sich ausserhalb des vorgegebenen Meinungsspektrums zu stellen, muss mit einem medialen «Shitstorm» rechnen.

Medien als globale Lenkungsapparate

In den vergangenen Jahren zeigte sich, dass US-Eliten auch über die Medien direkten Einfluss auf die Politik in Europa ausüben. Ausgerechnet die Satiresendung «Die Anstalt» stellte 2014 Untersuchungen des Medienwissenschaftlers Uwe Krüger einem grösseren Publikum vor. Krüger analysiert akribisch ein transatlantisches Netzwerk, in dem über führende europäische Verleger und Journalisten (Spiegel, «Frankfurter Allgemeine Zeitung», Die Zeit u. a.) Vorgaben aus den USA kritiklos verbreitet werden (vgl. Krüger, Uwe. «Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen». Ders. «Meinungsmacht»). Wie die Schweiz darin verknüpft ist, kann auch auf www.swprs.org nachgelesen werden.
Inzwischen kann man die Zusammenarbeit zwischen Eliten und Medien auf internationaler Ebene über verschiedene Organisationen wie die Bilderberger nachweisen (z. B. Engdahl, F. William. «Die Denkfabriken»). Deutlich wird, dass Beeinflussungen nicht zufällig geschehen. Dabei wird offensichtlich, dass die Nachrichten auf einzelne Regionen oder Staaten unterschiedlich abgestimmt werden.

Den Bogen überspannt – Feindbild Russland

Noch einseitiger als sonst ist die Berichterstattung der Westmedien zu Russland seit dem Maidan-Umsturz in Kiew im Frühjahr 2014. Diese einseitige «Berichterstattung» kritisierten sogar renommierte Journalisten aus öffentlichen Sendeanstalten (Bräutigam, 2014). Offenkundig wurde, dass die westeuropäischen Mainstream-Medien in ihrer Berichterstattung blindlings der damaligen US-Russlandpolitik folgten. Russland sollte wieder zum Feindbild aufgebaut werden (vgl. Hofbauer, Hannes. «Feindbild Russland»).

Mainstream-Medien verloren die Kontrolle – Wahl von Donald Trump

Blickt man in die jüngere Vergangenheit, steht man sozusagen mitten in einer medialen Offenbarung. Seitdem im November 2016 der US-amerikanische Eliteblock um Hillary Clinton die Präsidentschaftswahl in den USA verlor, tobt offen ein Kampf der Eliten um die Macht, der bis nach Europa herüberschwappt. Es ist den etablierten «Mainstream-Medien» («Washington Post», «New York Times», CNN, ABC usw.) im Wahlkampf nicht gelungen, ihrer Kandidatin zum Sieg zu verhelfen. Nun sind offenbar alle Mittel erlaubt, um den demokratisch gewählten Präsidenten Donald Trump auf jede Weise wieder loszuwerden. In ihrer Frustration machen die Mainstream-Medien nun «Manipulation» in den Medien selbst zum Thema. Dabei denken sie natürlich an die Manipulationen der Gegenseite, weniger an ihr eigenes Handeln. Eine interessante Verkehrung. Mainstream-Medien machen zurzeit einen radikalen Glaubwürdigkeitsverlust durch, den auch wir in Europa spüren. Ein Faktor ist dabei sicherlich der Einfluss des Internets mit seinen noch bestehenden Möglichkeiten, sich ausserhalb des Mainstreams zu informieren.

Fakten-Check

Nun kann man davon ausgehen, dass viele gegenwärtige Ereignisse sich nicht so abspielen, wie sie uns in den Medien dargestellt werden, und dass unser Handeln und unsere Einstellungen nicht zufällig beeinflusst werden. Keine offene Zensur unterdrückt heute mehr die Widersprüche zwischen demokratischen Ansprüchen und tatsächlichem Regieren. Eine ausgeklügelte Beeinflussung über die Mainstream-Medien soll gezielt für Stimmungen und Einstellungen sorgen. Wer sich dem nicht anpasst, soll schweigen. Wer eine andere Meinung äussert, wird mundtot gemacht.
Kritische Distanz und das Wissen um die vergangenen Lügen und Verdrehungen lassen ein vorsichtiges Urteilen über Gegenwärtiges sinnvoll erscheinen. «Vielleicht haben sich die Ereignisse doch völlig anders abgespielt als so, wie sie mir vorgestellt werden?» und «Wozu werden diese Nachrichten jetzt und in dieser Weise verbreitet?» sind Fragen, die sich stellen. Heutzutage stehen viele alternative Informationskanäle zur Verfügung.
Umstürze und Kriege beginnen fast immer mit einer Lüge. Warum also nicht erst einmal gründlich und in aller Ruhe die Fakten prüfen und einen «Fakten-Check» vornehmen?    •

Literatur:
Barben, Judith. Spindoctors im Bundeshaus. Gefährdung der direkten Demokratie durch Manipulation und Propaganda, Baden 2009
Becker, Jörg/Beham, Mira. Operation Balkan: Werbung für Krieg und Tod, 2008
Becker, Jörg. Krieg an der Propagandafront: Wie PR-Agenturen und Medien die Öffentlichkeit entmündigen. In Mies, Ullrich/Wernicke, Jens. Fassadendemokratie und Tiefer Staat. Auf dem Weg in ein autoritäres Zeitalter, 2017
ders. Wie die Public-Relations-Industrie mitregiert. In: Wernicke, Jens. Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung, 2017
Bernays, Edward. Propaganda. Die Kunst der Public Relations, Berlin 2013 (Erstausgabe USA 1928)
Bräutigam, Volker. Offener Brief. In: Neue Rheinische Zeitung. www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20289&css=print vom 27.4.2014 (heruntergeladen 14.9.2018)
Elter, Andreas. Die Kriegsverkäufer. Geschichte der US-Propaganda 1917–2005, Frankfurt 2005
Engdahl, F. William. Die Denkfabriken, Rottenburg 2015
Ganser, Daniele. Illegale Kriege. Wie die Nato-Länder die Uno sabotieren. Eine Chronik von Kuba bis Syrien, Zürich 2016
Hofbauer, Hannes. Feindbild Russland: Geschichte einer Dämonisierung, Wien 2016
Krüger, Uwe. Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen, München 2016
ders. Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse, Köln 2013

Journalismus kann mehr

rl. Es gab und gibt immer Zeitungen mit eigenem Standpunkt oder auch Journalisten, die die Wirklichkeit beschreiben und sich dabei nicht einkaufen lassen. Oft tragen sie massgeblich dazu bei, dass Missstände aufgedeckt und behoben werden. Sie initiieren Diskussionen oder regen zum Nachdenken an. Waren es früher die «Neue Zürcher Zeitung» mit Leitartikeln von Willy Bretscher oder der Nebelspalter mit Karikaturen vom Bö, so gibt es auch heute eine Vielzahl von Medien und couragierten Journalisten in der Schweiz, die sich nicht unhinterfragt dem Mainstream anschliessen. Es sind nicht immer nur international renommierte Journalisten wie zum Beispiel Seymour Hersh oder Robert Fisk, die mit ihren Recherchen manche festgefügten Bilder wie Seifenblasen an der Realität zerplatzen lassen.