«Österreichische Friedensbotschaft an die Welt»

Zur Landesausstellung «200 Jahre Stille Nacht! Heilige Nacht!»

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen TG

Das weltweit in vielen Sprachen gesungene Weihnachtslied «Stille Nacht! Heilige Nacht!» feiert seinen 200. Geburtstag.

Franz Xaver Gruber beim Komponieren in Arnsdorf mit Joseph Mohr, kolorierte Lithographie von Franz Kulstrunk, um 1920 (Edition Tirol). (Abbildung aus dem Begleitbuch)

Ein Lied der Hoffnung auf Frieden in harten Zeiten

Es entstand in schweren Zeiten. In den Napoleonischen Kriegen litten die Menschen in Österreich und Bayern mehr als 20 Jahre lang. Französische Kriegstruppen waren im Land, Armut und Gewaltverbrechen gehörten in Österreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum Alltag. Der Wiener Kongress (1814–1815) führte nach der Niederlage Napoleons zu einer Neuordnung Europas, wovon auch Salzburg, Tirol und Oberösterreich betroffen waren. Ab 1816 gehörte Salzburg nach wechselnden Herrschaftsverhältnissen nicht mehr zu Bayern, sondern zum kaiserlichen Österreich. In dieser historischen Umbruchsituation stärkte das Lied die Hoffnung auf Zusammengehörigkeit, Gerechtigkeit und Frieden und sollte dazu beitragen, Menschen und Länder in gegenseitigem Wohlwollen zu verbinden.
Das 200-Jahr-Jubiläum des schönen Liedes und seine Entstehungs- und Wirkungsgeschichte feiert Österreich bis zum 3. Februar 2019 an neun sehenswerten Orten und in Museen mit Ausstellungen und Veranstaltungen.  Dazu erschien die reich illustrierte musikwissenschaftliche Publikation «Stille Nacht. Das Buch zum Lied» von Thomas Hochradner und Michael Neureiter (Hg.) (ISBN 978-3-7025-0865-4). Besonders initiativ war die als Verein gegründete «Stille-Nacht-Gesellschaft», welche auch den «Stille-Nacht-Wegbegleiter» herausgibt.
Es ist die erste dezentrale Landesausstellung in Salzburg, Oberndorf, Arnsdorf, Hallein, Hintersee, Wagrain, Mariapfarr, Hochburg-Ach und Fügen im Zillertal. An den meisten Orten können die Besucher ein «Stille-Nacht-Museum» besuchen, auf einem zur Ausstellung gestalteten Friedensweg spazieren oder im «Salzburg Museum Neue Residenz» eine Sonderausstellung besuchen, welche thematisch, den sechs Liedstrophen entsprechend, gestaltet wurde. An einer internationalen Tagung in St. Virgil erinnerte der Landeshauptmann Wilfried Haslauer an die Verpflichtung von Salzburg, «Botschafter der Friedensidee» zu sein. An der Tagung wurden unter dem Motto «Kultur(en) des Friedens» vielfältige Aspekte von «200 Jahre völkerverbindende Friedensbotschaft» thematisiert. Zur Ausstellung erscheint auch das Begleitbuch «Stille Nacht 200. Geschichte. Botschaft. Gegenwart.»

Weihnachts- und Friedenslied als Immaterielles Kulturerbe der Unesco

Die erfreulichen Veranstaltungen machen deutlich, dass die Menschen nicht nur hier eine sehr enge Beziehung zu diesem völkerverbindenden Lied mit der Weihnachtsbotschaft der Geburt Christi haben, sondern dass das Lied über alle Grenzen der Religionen und Kulturen weltweit gesungen wird. Es wurde inzwischen in 300 Sprachen übersetzt, vielfältig künstlerisch interpretiert und 2011 in das Immaterielle Kulturerbe der Unesco aufgenommen. Im Rahmen der Landesausstellung und der «Österreichischen Friedensbotschaft an die Welt» stehen nicht nur die Schöpfer mit ihren Biographien im Zentrum, sondern auch wunderschöne Kulturlandschaften, Orte und Museen. Der Liedtext, ursprünglich ein Gedicht mit sechs Strophen und dem Titel «Stille Nacht, heilige Nacht!», wurde 1816 vom Salzburger Priester Joseph Mohr verfasst und zwei Jahre später vom oberösterreichischen Lehrer Franz Xaver Gruber musikalisch vertont. Er komponierte die menschlich tief berührende Melodie in D-Dur für zwei Singstimmen mit Gitarrenbegleitung. Es wurde am 24. Dezember 1818 erstmals am Ende der Christmette von Mohr und Gruber gesungen. Das Lied ging dann um die Welt.

Einblicke in die Biographien der beiden Liedschöpfer

An den verschiedenen Ausstellungsorten wird der Besucher in die Biographien der beiden Schöpfer des Liedes eingeführt. «Joseph Mohr wurde am 11. Dezember 1792 als uneheliches Kind in Salzburg geboren und im Salzburger Dom getauft. Ein Domvikar», so der Einführungstext zur Landesausstellung, «erkannte die Fähigkeiten des jungen Mannes und verhalf ihm zur Ausbildung zum Priester. Seine erste Stelle trat er in Mariapfarr an, wo er 1816 den Text des Liedes verfasste. 1817 übersiedelte er nach Oberndorf, wo er Franz Xaver Gruber traf und die fruchtbare Zusammenarbeit begann. So erklang dann am Weihnachtsabend 1818 das weltberühmte Lied in der Kirche St. Nikola.» Im Salzburg Museum und im Stille-Nacht-Museum Oberndorf können die Besucher Einblick in das Wirken der beiden Persönlichkeiten, die Lied­entstehung, die darin enthaltene Friedensbotschaft und ihre Verbreitung in alle Welt erhalten. Im Stille-Nacht-Museum in Hallein begegnet man auf Themenspaziergängen und bei einem Museumsbesuch dem Komponisten Franz Xaver Gruber. Er «war mit seiner Familie von 1835 bis 1863 in der Salinenstadt als Chorregent, Organist der Stadtpfarrkirche und Stiftungsverwalter tätig». Hier komponierte er neben dem Weihnachtslied über 90 Messen. «Die von ihm und seinem Sohn Franz gegründete ‹Halleiner Liedertafel 1849› besteht bis heute.» Gruber starb 1863 und fand in Hallein seine letzte Ruhestätte. Das F. X. Gruber-Gedächtnishaus in Hochburg-Ach, mit einem neu gestalteten Friedensweg, der bis nach Oberndorf führt, versetzt die Besucher in das Leben von Franz Xaver Gruber als Sohn einer kleinbäuerlichen Leinenweberfamilie.
    Auch im Arnsdorfer Stille-Nacht-Museum erfährt man mehr über den Komponisten: «Von 1807 bis 1829 wirkte Gruber als Lehrer, Messner, Organist in Arnsdorf. Es war die erste Stelle des jungen Lehrers, der bald nach seinem Dienstantritt die Witwe seines Vorgängers heiratete.» Der Ort besitzt das älteste noch verwendete Schulhaus Österreichs. Hier dürfte Gruber die Melodie komponiert haben. Die traditionelle Schulstube regt an, der Frage nachzugehen, wie der Schulbetrieb Anfang des 19. Jahrhunderts unter Lehrer Franz Xaver Gruber war. Damals wurde mit einfachsten Mitteln, mit grossen Klassen und ohne professionalisierte Pädagogik so gut gelernt, dass eine bewundernswürdige Aufbauarbeit in allen Bereichen des Landes möglich wurde.Mariapfarr ist ein berühmter Wallfahrtsort mit einem Stille-Nacht-Museum, welches zum Jubiläumsjahr neu gestaltet wurde und auch an die Hochblüte der Wallfahrt erinnern soll. Der Sinn der religiösen Wallfahrten ist, innere Ruhe, Besinnung und Orientierung zu finden. Hier verfasste der Jungpriester Joseph Mohr den Text zum Weihnachtslied, es ist auch der Geburtsort seines Vaters und Mohrs erste Dienststelle. 1827 zog er nach Hintersee, das Dorf zählte damals nur 272 Einwohner. Die Priesterstelle war finanziell sehr schlecht dotiert, «dennoch versuchte er die arme Bevölkerung zu unterstützen. Laut Überlieferung soll er Brennholz der Pfarre weitergegeben oder Fleisch von Wilderern angekauft und verschenkt haben. Ausserdem nahm er sich besonders der Schulbildung der Kinder an.» Ein eindrückliches Beispiel, wie gerade die Kirche Schule, Spitäler und soziale Einrichtungen aufbaute. Nach dem Umzug 1837 nach Wagrain kümmerte sich Mohr bis zu seinem Tod 1848 auch dort «um Kirche und Seelsorge, Armenfürsorge und Schulwesen. Seiner Initiative verdankte Wag­rain den Bau eines Schulhauses». Das Stille-Nacht-Museum befindet sich im «Pflegerschlössl», wo die Besucher die Liedmelodie in zahlreichen Sprachen und Instrumentalisierungen geniessen können oder Weihnachtsgerichte aus aller Welt kennenlernen können. Im Schloss Fügen im Tirol fand man die Noten des Weihnachtsliedes im Gepäck des Orgelbaumeisters Carl Mauracher, der auf dem Weg ins Zillertal war. Laut mündlicher Überlieferung soll Stille Nacht! Heilige Nacht! bereits 1819 und drei Jahre später anlässlich des Besuchs von Kaiser Franz Josef I. und Zar Alexander I. von Russland dort im Schloss des Grafen Dönhoff gesungen worden sein. «Es waren jedenfalls Tiroler Wanderhändler, Spassmacher, Tänzer und Sängerfamilien – vorwiegend aus dem Zillertal –, die dieses und zahlreiche weitere Lieder und alpine Kultur in die USA und bis St. Petersburg getragen haben.» Die Sonderschau im Schloss geht in mehr als 30 Räumen der weltweiten Verbreitung des Weihnachtliedes nach. Diese kulturelle Friedensinitiative Österreichs ist äusserst verdienstvoll, sie macht die Friedenssehnsucht und den vielfältigen kulturellen Beitrag der Menschen deutlich. Es ist zu wünschen, dass die musikalische Friedensbotschaft rund um den Globus ertönen wird. •

Weitere Informationen: www.landesausstellung2018.at , stillenacht(at)salzburg.gv.at , www.stillenacht.at