Wessen Schuldner ist Emmanuel Macron?

von Thierry Meyssan

voltairenet. Oft wird Präsident Macron als Rothschild-Boy bezeichnet. Das ist richtig, aber es ist nebensächlich. Thierry Meyssan zeigt auf, dass er die Finanzierung seines Wahlkampfs hauptsächlich Henry Kravis, Chef eines der grössten weltweiten Finanzunternehmen, und der Nato verdankt; eine Schuld, die heute die Lösung der «Gelbwesten»-Krise massiv erschwert.

Emmanuel Macron sah seine Zukunft nicht in der Politik. Als junger Mann hoffte er, Philosoph zu werden, dann hoher Beamter und dann Investment-Banker. Um seine Ziele zu erreichen, besuchte er die Glücksfeen von «Uncle Sam»: die French-American Foundation und den German Marshall Fund of the United States.
In diesem Zusammenhang traf er Henry und Marie-Josée Kravis in ihrer Residenz an der Park Avenue in New York.1 Die Kravis, unerschütterliche Unterstützer der US-republikanischen Partei, gehören zu den weltweit reichsten Familien, die ihre Politik ausserhalb des Scheinwerferlichts machen. Ihr Unternehmen, KKR, ist mit Blackstone und der Carlyle Group einer der wichtigsten Investmentfonds der Welt.
«Die Neugier von Emmanuel für die ‹Can-do-attitude›, diese Fähigkeit, alles erreichen zu können, was man sich vornimmt, war faszinierend. Er hat den Willen, alles zu lernen und zu verstehen, was funktioniert, ohne dabei etwas zu imitieren oder zu kopieren, wodurch er sehr französisch bleibt», sagt heute Marie-Josée Drouin (Frau Kravis).2
Mit der doppelten Empfehlung der Kravis und von Jean-Pierre Jouyet3 wird er im geschlossenen Kreis des Wahlkampfteams von François Hollande aufgenommen. In einer an die US-Aussenministerin Hillary Clinton adressierten E-Mail beschreibt der Direktor der politischen Planung Jake Sullivan die vier wichtigsten Mitglieder des Wahlkampfteams des sozialistischen Kandidaten, darunter auch den unbekannten Emmanuel Macron. Er weist darauf hin, dass dieser Generaldirektor des [französischen] Finanzministeriums werden sollte («the top civil servant at the Finance Ministry»).4
Als jedoch François Hollande als Präsident gewählt ist, wird Emmanuel Macron stellvertretender Generalsekretär des Elysée-Palasts, was einer politischen Funktion entspricht. Er scheint damals als Nachfolger von Jean-Pierre Jouyet den Posten als Direktor der Caisse des dépôts et consignations [Depositenkasse] angestrebt zu haben – ein ­Posten, den im Mai 2014 der Generalsekretär des Elysée-Palasts erhielt. Einige Tage später wird er auf Vorschlag des Ehepaars Kravis in den Bilderberg-Club eingeladen. Dort hält er in perfektem Englisch eine scharfe Rede gegen seinen Chef François Hollande. Wieder in Paris, tritt er von seinem Amt zurück.
Das Ehepaar Kravis gehört zu den wichtigen Stützen der Bilderberger, deren Verwalterin Marie-Josée Drouin-Kravis ist. Entgegen einer weit verbreiteten Meinung ist die Bilderberg-Konferenz kein Ort der Entscheidungen. In ihrem Archiv befinden sich die Belege, dass sie durch die CIA und den MI 6 geschaffen wurde und dann zu einem einflussreichen Organ der Nato wurde, die direkt für ihre Sicherheit verantwortlich ist.5 Da die Rede von Macron gut angekommen war, wurde er einer der Männer der Nato in Frankreich.
Nachdem er die Politik verlassen hatte, wünschte er nicht mehr dorthin zurückzukehren. Er erklärte seinem Bekanntenkreis wiederholt, dass er beabsichtige, Hochschulprofessor zu werden. Mit Hilfe des Essayisten Alain Minc (im Jahr 2008 bei den Bilderbergern aufgenommen) erhielt er eine Stelle sowohl an der Universität Berlin als auch an der London School of Economics, aber es gelang ihm nicht, eine Anstellung an der Harvard University zu erlangen.
Im August 2014 aber – drei Monate, nachdem er «die Politik aufgegeben» hatte –, wurde er durch François Hollande, auf Vorschlag von Jean-Pierre Jouyet (im Jahr 2009 bei den Bilderbergern aufgenommen), zum Minister für Wirtschaft, Industrie und Digitalwesen ernannt.
In einem im Jahr 2018 veröffentlichten Buch versicherte François Hollande, dass diese Ernennung seine Idee war.6 Das ist möglich, setzt jedoch voraus, dass er von Macrons Rede bei den Bilderbergern nichts erfahren hat. Allerdings war dort auch eine seiner Ministerinnen und gute Freundin Fleur Pélerin eingeladen.
Im Dezember 2014 gründet Henry Kravis eine eigene Geheimdienst-Agentur, das KKR Global Institute. Er beruft den ehemaligen CIA-Direktor General David Petraeus an deren Spitze. Dieser wird mit den privaten Mitteln von Kravis (dem KKR-Fonds) – ohne den Kongress darüber zu informieren – die «Timber Sycamore»-Operation weiterführen, die Präsident Barack Obama begonnen hatte. Sie ist der grösste Waffenhandel der Geschichte, in den mindestens 17 Staaten involviert waren und der Zehntausende Tonnen Waffen für mehrere Milliarden Dollar umfasste.7 Damit sind Kravis und Petraeus die Hauptlieferanten von Da’esh [IS].8
Der Vorsitzende der Bilderberg-Konferenz, der Franzose Henri de Castries, lädt den stellvertretenden Bürgermeister von Le Havre Edouard Philippe zum jährlichen Meeting ein, das im Juni 2015 in Österreich stattfindet. Im Mai 2016 wird er erneut eingeladen, diesmal in Deutschland. Während des Präsidentschaftswahlkampfs in Frankreich unterstützen Henri de Castries und Edouard Philippe François Fillon. Sie lassen ihn jedoch sofort fallen, nachdem Jean-Pierre Jouyet9 der französischen Satirezeitung Canard enchaîné die durch das Finanzinspektorat gesammelten Finanzunterlagen über die fragwürdigen Arbeitsstellen von Frau Fillon zur Verfügung gestellt hat.10 Darauf hin unterstützen sie Emmanuel Macron.
Im April 2016 gründet Emmanuel Macron seine politische Bewegung «En Marche!». Deren Marketing ist eine Kopie der Bewegung «Kadima!», die angeblich weder rechts noch links stehende Partei von Ariel Sharon. Ihr Programm übernimmt die OECD-Vorgaben11 und die des von Henri de Castries präsidierten Montaigne-Instituts. Übrigens wird «En Marche!» in den Räumlichkeiten dieses Instituts gegründet. Aber Castries überzeugt Fillon, dass er Macron nicht unterstütze und dies ein reiner Zufall sei. Er wird ihm auch weiterhin während Monaten vormachen, dass er bereit sei, sein Premierminister zu werden.
Zu Beginn wird die Finanzierung von «En Marche!» nicht kontrolliert. Es ist ein einfacher Verein, der auch Spenden aus dem Ausland empfangen darf. Die Namen der Spender werden nicht an die Steuerbehörden weitergegeben. Der Multimilliardär Henry Kravis ist einer von ihnen.
Während seines Wahlkampfes trifft sich Emmanuel Macron regelmässig mit dem ehemaligen Präsidenten des IWF, Dominique Strauss-Kahn («DSK»). Diese Arbeitssitzungen werden geleugnet, bis sie von der Tageszeitung «Le Parisien» viel später enthüllt werden, als sein Bild als sexuell Perversem verblasst ist. DSK (bei den Bilderbergern im Jahr 2000 aufgenommen) vermittelt Emmanuel Macron die Unterstützung der hohen Staatsbeamten und der französischen Arbeitgeberschaft. Dies führt zu einem soziologischen Verbund, der bereits das Kollaborations-Regime von Philippe Pétain unterstützte und sich in den 1980er Jahren im Umfeld der Stiftung «Fondation Saint-Simon» neu zusammengefunden hat.
Im Juni 2018 wird der Minister für nationale Bildung und Jugend Jean-Michel Blanquer auf Vorschlag von Henri de Castries zum jährlichen Bilderberg-Treffen eingeladen, das diesmal in Italien stattfindet. Dieser in Verfassungsrecht spezialisierte Jurist hat schon immer die Politikwissenschaft und die Pädagogik miteinander verbunden. Er war einer der drei zentralen Direktoren des nationalen Bildungsministeriums, dann Direktor der renommierten Ecole supérieure des sciences économiques et commerciales (ESSEC). Er kannte Castries schon seit langem aus ihrer gemeinsamen Zeit im Institut Montaigne.
Als die Krise der «Gelbwesten» in Frankreich ausbricht,12 wird schnell klar, dass man vor einem tiefergehenden Problem steht, das ohne Infragestellung der finanziellen Globalisierung kaum zu lösen sein wird – Präsident Macron kann dies jedoch nicht tun. Während seiner Wahlkampagne hatte er bei einem Abendessen in New York seine Spender mit seiner Kritik an der Unterwerfung der Wirtschaft unter die Bedürfnisse der Finanzmärkte überrascht. Das war jedoch Wahlkampf-Rhetorik. Er war von den Kravis sofort korrigiert worden: Die Finanzialisierung der Wirtschaft ist das, was «fremdfinanzierte Übernahmen» (leveraged buyout) ermöglicht und ihnen erlaubt hat, das zu werden, was sie sind.
Es wäre daher angebracht, dass Präsident Macron angesichts der «Gelbwesten», seinen Premierminister bei den nächsten Wahlen opfert (der Europawahl in Frankreich von Mai 2019, die mit Sicherheit verloren wird). Aber abgesehen davon, dass er noch fünf Monate durchhalten muss: Durch wen soll er ersetzt werden? Wenn man seine Wahlkampffinanzierung und die Wahl seines Premierministers der Nato verdankt, ist es undenkbar, ihn ohne Rücksprache mit der Allianz zu ersetzen. Der ideale Kandidat für diese Funktion wäre somit Jean-Michel Blanquer.    •
(Übersetzung Horst Frohlich, Korrekturlesen Werner Leuthäusser und Zeit-Fragen)

1    Diese Begegnung hat wahrscheinlich im Jahr 2007 stattgefunden. Anschliessend hat Emmanuel Macron auf seinen Reisen in die USA Kravis regelmässig Besuche abgestattet, während Henry Kravis ihn in seinen Pariser Büroräumen der Avenue Montaigne empfing, wenn er vor Ort war.
2    «Quand Emmanuel Macron découvrait l’Amérique à 29 ans», François Clemenceau, Le Journal du Dimanche vom 22.4.2018
3    Jean-Pierre Jouyet ist ein persönlicher Freund von François Hollande und Nicolas Sarkozy. Er leitete von 2005 bis 2007 die Generalinspektion für Finanzen und war damals der Vorgesetzte von Emmanuel Macron.
4    «Hollande Team», E-Mail von Jake Sullivan vom 10.5.2012. Quelle: Wikileaks.
5    «Was Sie nicht von der Bilderberg-Gruppe wissen», von Thierry Meyssan. Komsomolskaïa Pravda (Russland), Voltaire Netzwerk vom 7.9.2011
6    Hollande, François. «Les leçons du pouvoir», Stock 2018
7    «Waffen im Wert von Milliarden Dollar gegen Syrien» von Thierry Meyssan, Voltaire Netzwerk vom 19.7.2017
8    «Die transnationalen Konzerne zum Wiederaufbau Syriens verpflichten?» von Thierry Meyssan, Voltaire Netzwerk vom 14.8.2018
9    Jean-Pierre Jouyet und Henri de Castries sind auch nach Beendigung ihres Studiums an der Ecole nationale d’Administration (ENA, Promotion Voltaire) gute Freunde geblieben. Dort haben sie auch François Hollande kennengelernt.
10    Im Gegensatz zur offiziellen Version sind die Informationen des Canard enchaîné nicht das Ergebnis einer journalistischen Recherche. Das Dokument wurde von Jean-Pierre Jouyet der Wochenzeitschrift als Ganzes zur Verfügung gestellt, in Verletzung des Steuergeheimnisses.
11    Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist eine von zwei aus dem Marshall-Plan hervorgegangenen Organisationen. Die andere ist die Nato.
12    «Wie der Westen seine Kinder verschlingt» von Thierry Meyssan, Voltaire Netzwerk vom 4.12.2018

Quelle: Voltaire Netzwerk vom 11.12.2018