Bürgergenossenschaften – für den generationsübergreifenden Zusammenhalt in der Kommune

Bürger helfen Bürgern e. V., die Bürgergenossenschaft Weingarten

von Heinz Schammert*

Weingarten ist eine Gemeinde mit etwa 10 500 Einwohnern. Auf Grund der dörflichen Struktur leben hier oft noch drei, manchmal sogar vier Generationen einer Familie im gleichen Haus oder vor Ort, so dass sie sich gegenseitig unterstützen können. Leider kommt es aber auch in Weingarten zunehmend zu der Situation, dass ältere Menschen allein oder als Paar in ihren grossen Häusern wohnen, weil die Kinder mit ihren Familien weggezogen sind. Sie möchten jedoch in ihrer gewohnten Umgebung bleiben und kommen im Alltag auch ganz gut zurecht. Aber die Kräfte lassen dann doch irgendwann nach, so dass der geliebte und vertraute Garten oder Weinberg nicht mehr bearbeitet werden kann. Sie können auch oft nicht mehr Auto fahren, wodurch Einkäufe und Arztbesuche schwierig werden, denn es gibt nur einen unzureichenden innerörtlichen öffentlichen Busverkehr. Hinzu kommen bei den Bewohnern akute oder chronische Erkrankungen. Manchmal wird der Partner dement. In all diesen Situationen sind sie auf Hilfe von aussen angewiesen.

Beim Möbelräumen. (Bild zvg)

Ein weiteres Problem ist die Einsamkeit, denn die Kinder sind oft beruflich eingespannt, die Nachbarn auch und viele gleichaltrige Freunde sind schon verstorben. Gleichzeitig gibt es in den Neubaugebieten im Ort auch viele junge Familien, die keine Unterstützung durch ihre Eltern am Ort haben. Da die meisten jungen Mütter arbeiten, ist, wenn ein Kind krank wird, die Betreuung oft ein Problem.
Im Ort gibt es zum Glück aber auch viele sehr rüstige Rentner, die nach einer Aufgabe suchen oder gern ab und zu einmal helfen.Viele ältere Menschen, deren körperliche Kräfte zwar nachgelassen haben, möchten sich dennoch in der Gemeinschaft einbringen. Dies können sie, indem sie ihre grosse Erfahrung in vielen Lebensbereichen an die nachfolgenden Generationen weitergeben.

Je nach Bedürfnis und Lebenssituation sich gegenseitig unterstützen

All diese Menschen in einer Bürgergenossenschaft zusammenzubringen, damit sie sich je nach Bedürfnis und Lebenssituation gegenseitig unterstützen können, war die Idee. Angeregt wurden wir durch zwei Seniorengenossenschaften in Baden-Württemberg. Daher luden wir die Mitarbeiter des örtlichen Altenpflegeheims und der Sozialstation, Gemeinderäte und Bürgermeister, Vertreter der Kirchengemeinden sowie alle interessierten Bürger ein, ein Konzept für ein generationenübergreifendes Hilfsnetzwerk zu entwickeln, das für unsere Gemeinde passt.
Bei den Treffen, die regen Zuspruch fanden, entstanden immer wieder zahlreiche neue Ideen. Ein älterer Herr meinte zum Beispiel, dass er seinen Haushalt gut allein führen könne, aber wegen seines Schwindels nicht auf eine Leiter steigen kann. Wenn eine Glühbirne ausgewechselt werden muss oder die Vorhänge gewaschen werden sollen, brauche er Unterstützung. Ein junger Mann sagte, er könne gern Hilfsarbeiten im Garten übernehmen. Dafür sei er froh, wenn jemand einmal seine Oma besuchen würde, die so viel allein ist. Weil er berufstätig sei, habe er wenig Zeit. Ein anderer fand: «Ich hole meine Enkel immer vom Kindergarten ab. Dann kann ich auch gern mal ein anderes Kind nach Hause bringen, wenn die Mutter krank im Bett liegt.» Eine alte Dame: «Wer könnte meine Katzen versorgen, wenn ich ins Krankenhaus gehen muss?» Dazu erklärte sich sofort eine junge Frau bereit.
Es ist mittlerweile ein grosses Problem unserer Gemeinde, dass viele Weinberge brachliegen, weil die Eigentümer sie aus Altersgründen nicht mehr bewirtschaften können und die Jungen nicht wissen, wie es geht. Aber wenn sich junge Leute finden, die für sie diese Arbeit machen, und die Alten zeigen es ihnen, dann wäre das ein grosser Beitrag zum Erhalt unserer weindörflichen Struktur.
Gleichzeitig gab es aber auch Bedenken, dass die Bürgergenossenschaft zur Konkurrenz von Pflegediensten oder Handwerksbetrieben werden könnte. Um das zu vermeiden, wurden Krankenpflegetätigkeiten von den Hilfsangeboten ausgeschlossen. Ebenso wurde geklärt, dass nur die handwerklichen Tätigkeiten angeboten werden, die ein Handwerker aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr leisten kann.

Bürgermeister und Gemeinderat unterstützen Projekt

Bürgermeister und Gemeinderat beschlossen, das Projekt zu unterstützen und eine Fragebogenaktion zu finanzieren, um Art und Umfang an Unterstützungsbedarf und Hilfsangeboten von allen Bürgern der Gemeinde zu erfragen. 15 % der an 4700 Haushalte verteilten Fragebögen konnten ausgewertet werden. Daraus ergab sich eine Vielzahl von Hilfsangeboten. Es wurde dann eine kleine Arbeitsgruppe gebildet, die eine Satzung ausgearbeitet hat, um der Bürgergenossenschaft eine rechtliche und organisatorische Struktur zu geben.
Das aktuelle Genossenschaftsgesetz und dessen Verfahrens- und Prüfungsregularien zwangen uns, für die Gründungsphase die Rechtsform eines eingetragenen Vereins zu wählen. Bei entsprechender Entwicklung des Vereins ist die Umwandlung in eine eingetragene Genossenschaft vorgesehen.

Zwei Jahre zwischen Idee und Gründungsversammlung

Von der Idee bis zur Gründungsversammlung vergingen etwas mehr als zwei Jahre, in denen wir in fast monatlich stattfindenden Gesprächen aber für jedes anstehende Problem eine Lösung fanden. Dazu gehörte auch, Versicherungen für die Mitglieder der Bürgergenossenschaft abzuschliessen, damit sie im Schadensfall nicht selbst dafür aufkommen müssen.
An der Gründungsversammlung im Juli 2013 waren wir 54 Mitglieder. Inzwischen ist der Verein auf 172 Mitglieder angewachsen.
Wenn nun ein Mitglied Hilfe benötigt, wendet es sich selbst oder über eine Person seines Vertrauens an die Bürgergenossenschaft. In den meisten Fällen geschieht dies per Telefon, selten per E-Mail oder persönlich in der Sprechstunde im Begegnungszentrum. Der Bürodienst sucht dann aus der Übersicht «Wer bietet was an?» die Mitglieder heraus, die diese Hilfeleistung erbringen wollen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass kein Anspruch auf Erbringung der gewünschten Hilfeleistung besteht. Findet sich ein Mitglied, das die gefragte Leistung anbieten kann, wird es sich zur Klärung der Details mit dem Hilfesuchenden in Verbindung setzen und anschliessend vom Verein mit der Durchführung der Leistung beauftragt. Die Dauer und Art der Unterstützung werden nach Abschluss vom Nehmer und Geber durch Unterschrift auf dem Leistungsnachweis dokumentiert. Dieses Dokument ist die Basis für die Zeitgutschrift oder Rechnung.

Gegenseitige Hilfe mit Zeitguthaben

Damit das ehrenamtliche Engagement nicht nur ideelle Anerkennung findet, wird nämlich in der Bürgergenossenschaft Weingarten jede geleistete Stunde auf einem Zeitkonto gutgeschrieben. Hat ein Mitglied sich ein Zeitguthaben «erarbeitet», kann es zu jeder Zeit auf sein Zeitkonto zugreifen, um damit erhaltene Hilfe zu bezahlen. Durch diese Form der Vergütung entstehen dem Kontoinhaber keine Verluste wie bei anderen gemeinhin bekannten Kontomodellen, denn eine Stunde bleibt auch zukünftig eine Stunde.
Man kann diese Zeitguthaben anderen Mitgliedern spenden oder innerhalb der Familie vererben. Gibt es kein Testament, geht das Zeitguthaben satzungsgemäss an die Bürgergenossenschaft. Da eine Mitgliedschaft in der Bürgergenossenschaft Weingarten aus organisatorischen Gründen nur für Weingartner Bürger möglich ist, hat, für den Fall, dass jemand aus Weingarten wegzieht, auch derjenige keinen Nachteil. Denn in diesem Falle kann er sich den monetären Gegenwert des Zeitkontos auszahlen lassen. Zur Absicherung dieses «Falles» ist jede geleistete Stunde auf einem separaten, nicht pfändbaren Konto monetär hinterlegt. Die Beträge ergeben sich aus nachfolgender Rechnung: Für eine empfangene Leistung von einer Stunde muss der Leistungsempfänger, wenn er kein Zeitkonto hat, bei monatlicher Abrechnung 8,40 Euro pro Stunde bezahlen. Der Leistungsgeber würde, liesse er sich die geleistete Stunde ausbezahlen, 6,80 Euro erhalten. Der Differenzbetrag ist für die Ausgaben der Bürgergenossenschaft bestimmt. Das sind zum Beispiel Telefonkosten, Raummiete für das Begegnungszentrum in der Ortsmitte, wo sich alle Mitglieder zu den unterschiedlichsten Terminen und Anlässen treffen, als auch die Kosten für ein umfangreiches Versicherungspaket.
Erbracht wird diese gegenseitige Hilfe von Mitgliedern, die es sich zeitlich einrichten können und sich neben Beruf oder Alltag im sozialen Bereich engagieren wollen.

Vielfältige berufliche Erfahrungen

Durch die vielfältigen beruflichen Werdegänge und Erfahrungen der Mitglieder kann ein breites Spektrum an Hilfeanfragen abgedeckt werden. Auch bei technischen Fragen wissen viele Helfer eine Antwort auf die Frage: Wie geht das? Bedienungsanleitungen oder andere moderne Technik erklären ist neben dem direkten Sachbezug immer eine Gelegenheit, sich mit jemandem zu treffen, und es bleibt Zeit für ein Gespräch.
Grundsätzlich verpflichtet die Mitgliedschaft bei der Bürgergenossenschaft die Mitglieder nicht zu Hilfeleistungen. Die Mitglieder entscheiden selbst, auf welche Art, in welchem Umfang und zu welchen Zeiten sie Hilfe leisten können und möchten. Es gibt Mitglieder, die auf Grund ihrer persönlichen Situation nur Leistungen in Anspruch nehmen können, und solche, die zunächst nur Leistungen erbringen möchten. Dabei ist es gleichwertig, ob jemand Hilfe im Garten oder beim Ausfüllen von Behördenanträgen leistet oder einen Fahrdienst ausführt.

Beispiel: Hilfe für eine gebrechliche Frau

Ein Beispiel soll die Arbeit in der Bürgergenossenschaft veranschaulichen: Eine gebrechliche Frau lebte allein im ersten Obergeschoss ihres Hauses in der Ortsmitte. Sie konnte die Treppe nicht mehr heruntergehen, so dass sie in ihrer Wohnung gefangen war. Die beiden Töchter leben weit entfernt und sind beide beruflich sehr eingespannt. Sie konnten ihre Mutter nicht dazu bewegen, in ein Altenheim zu ziehen, und waren in einem schweren Konflikt. Denn die Unterstützung, die die Mutter brauchte, konnten sie nicht geben, ohne ihren Beruf aufzugeben. Eine Nachbarin, die diese schwierige Situation mitbekam, erzählte den Töchtern von der Bürgergenossenschaft, wohin sie sich dann erleichtert wendeten. Der Vorsitzende der Bürgergenossenschaft besuchte die Frau und erläuterte ihr die Arbeit. Die Dame wurde Mitglied und erhielt dann über einen Zeitraum von neun Monaten von einer Gruppe von fünf Frauen, die sich täglich abwechselten, jeweils zwei Stunden Hilfe am Tag. Die Frauen räumten die Wohnung auf und machten Besorgungen, kochten ihr ein warmes Essen und leisteten ihr Gesellschaft. Sie halfen ihr auch auf die Toilette. Aber als die Frau immer pflegebedürftiger wurde, informierten wir die Sozialstation, die dann die pflegerischen Tätigkeiten übernahm. Die fünf Frauen von der Bürgergenossenschaft leisteten jedoch weiterhin die Unterstützung im Haushalt bis zum plötzlichen Tod der Pflegebedürftigen.
Diese «Dienste» sind nicht leicht, sind aber durch die menschliche Beziehung, die entsteht, und die Freude daran für beide Seiten gleichermassen bereichernd.
Wie dieses Beispiel zeigt, gibt es mit der örtlichen Sozialstation eine enge Zusammenarbeit. Ebenso ist es mit dem ansässigen Altenpflegeheim. Es gibt einen regelmässigen Informationsaustauch mit der Sozialstation. Wenn der Helfende im Rahmen seiner Unterstützungstätigkeit sieht, dass die von ihm unterstützte Person pflegebedürftig wird und Pflege benötigt, wird der Kontakt zur Sozialstation hergestellt. Damit er solche Situationen erkennt, finden jährlich, mit professioneller Unterstützung, kostenlose Fortbildungen für die Helfenden statt. In sogenannten Helfertreffen besteht zusätzlich die Gelegenheit, sich untereinander auszutauschen. Es ist eine sehr schöne Zusammenkunft der sonst im Einsatz auf sich gestellten Helfer. Sie kommen bei diesen Treffen zusammen, sprechen über ihre Erfahrungen, tauschen sich in der Gemeinschaft aus und erfahren dabei die Bedeutung von Solidarität. Das bildet Zusammenhalt und bindet sie zu einer Gemeinschaft.

Kooperation mit vielen anderen Einrichtungen

Auch mit dem Familienzentrum kooperieren wir sehr eng, was sich allein schon durch die gemeinsame Nutzung der Räume im Begegnungszentrum ergibt. In einer «Lokalen Allianz für Menschen mit Demenz» tun sich alle zusammen. Jugendliche haben zum Beispiel einen Sinnespfad vom ausserhalb angesiedelten Altenheim in die Ortsmitte gestaltet.
In Kooperation mit anderen Institutionen haben sich fest terminierte Veranstaltungen etabliert wie zum Beispiel ein monatlicher Spielenachmittag. Hierzu kommen im Durchschnitt in der Zeit von 15 bis 18 Uhr 14 bis 16 Personen zusammen, um miteinander zu reden und zu spielen, wobei Scrabble der «Renner» ist. Mitglieder unterstützen andere Mitglieder gegen das Alleinsein durch Vorlesen, Zuhören, gemeinsames Mittagessen, Spaziergänge, Ausflüge und die Begleitung zu verschiedenen Veranstaltungen, Kirche, Theater oder Kino. Mitglieder, ehemalige Lehrer, bieten Deutschkurse für Flüchtlinge an, andere Mitglieder betreuen in der Zwischenzeit deren Kinder. Durch die Spende von Zeitguthaben einzelner Mitglieder für den Mitgliedsbeitrag werden in Kürze Flüchtlinge, die im Ort aufgenommen wurden, die Möglichkeit haben, in die Bürgergenossenschaft einzutreten und sich sinnvoll in unserer Dorfgemeinschaft einzubringen. In den Sommerferien bietet die Bürgergenossenschaft im Rahmen des Ferienbetreuungsprogramms der Gemeinde eine Fahrradwerkstatt für Kinder an, für die es immer regen Zuspruch gibt.
In allen unseren Aktivitäten spiegelt sich der Gedanke Raiffeisens wider, auf dem unsere Bürgergenossenschaft beruht:
«Was dem einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele.»     •