Eine Stimme für den Frieden

Brief eines deutschen Regierungspräsidenten i.R. an eine Museumsdirektorin in Wolgograd (früher Stalingrad)

mb. Die deutsche Internetplattform «NachDenkSeiten» hat einen bewegenden Brief eines sich im Ruhestand befindenden Regierungspräsidenten aus Braunschweig veröffentlicht, den dieser anlässlich des 75. Jahrestages der Schlacht um Stalingrad geschrieben hat. Zum 75. Jahrestag am 2. Februar 2018 war kein offizieller deutscher Vertreter in Wolgograd erschienen. Erstaunlich viele deutsche Medien hatten sich über die Gedenkfeiern in Russ­land eher mit Spott als mit Sympathie und Trauer geäussert. Der frühere Regierungspräsident von Braunschweig Karl-Wilhelm Lange, lange auch Präsident des «Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge», hat an die ihm aus der Zusammenarbeit bekannte Museumsdirektorin Valentina Sorokoletova einen Brief geschrieben, den zu lesen und zu verbreiten lohnt. Zeit-Fragen möchte dieses Dokument auch seinen Lesern zur Kenntnis bringen.
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Karl-Wilhelm Lange, Regierungspräsident i.R. – Beethovenstrasse 25 – 34346 Hannoversch Münden

3. Februar 2018

Wolga-Don-Kanal-Museum
– Frau Museumsdirektorin
Valentina Sorokoletova – Wolgograd – Russia 400082

Liebe Valentina,

heute vor 75 Jahren kapitulierten die Reste der 6. Armee unter General Paulus in Stalingrad nach monatelangen schweren Kämpfen, bei denen auf beiden Seiten fast 500 000 Soldaten, Zivilisten – auch viele Kinder unter ihnen – ihr Leben verloren. Ich wäre heute gern bei Euch, unter den Zehntausenden gewesen, die sich zum Trauern und Gedenken in Wolgograd versammelt haben. Denn ich weiss um die Gefühle der Veteranen und Veteraninnen, die an diesem Tage nicht nur einen Sieg über die deutschen Aggressoren feiern, sondern sich auch an das Leiden, an das Sterben und den Tod erinnern, der keinen Unterschied machte zwischen Soldaten und Zivilisten, zwischen Frauen und Kindern und auch nicht zwischen Russen und Deutschen.
Du hast zahlreiche Briefe der jungen deutschen Soldaten aus dem Wolgograder Militärmuseum veröffentlicht, die ihren sicheren Tod vor Augen einen letzten Gruss an ihre Mutter richteten, Briefe die die Heimat nicht mehr erreichten. Ihre Abschiedsworte klingen in ihrer Trauer, ihrem Mut und in ihrem Trost für ihre Mütter nicht anders als die Briefe ihrer russischen Kameraden, die ebenso unschuldig in diese Kämpfe gezogen waren und ihr Leben opferten, weil der militärische Befehl ihnen keine andere Wahl liess.
Und ich erinnere mich an die vielen Gespräche mit russischen Generälen, Offizieren und einfachen Soldaten, die ihren deutschen Gegnern mit Respekt begegneten und ihnen die Hand zur Versöhnung reichten, weil sie sehr wohl zu unterscheiden wussten zwischen der faschistischen Führung unter Adolf Hitler und seiner Aggression gegen die Sowjetunion und den deutschen Soldaten und dem deutschen Volk.
Ich fühle mich an diesem Tag in tiefer Trauer Dir, den Wolgogradern und den Veteranen verbunden, erinnere mich an unsere Zusammenarbeit beim Bau der Soldatenfriedhöfe in Wolgograd/Rossoschka und bin dankbar für die Brücken der Versöhnung, die wir hier für unsere beiden Völker geschaffen haben, Brücken, auf denen wir uns – Alte und Junge – begegnen konnten, uns umarmten und gelobten, dass nichts und niemand uns jemals wieder von diesem Weg der Versöhnung, des Friedens und der Zusammenarbeit würde abbringen können.
Die Ansprache von Präsident Putin im Jahre 2001 vor dem Deutschen Bundestag, dessen Mitglieder ihm für diese grosse Rede zu den deutsch-russischen Beziehungen im gerade begonnenen 21. Jahrhundert stehend dankten, bildete den symbolischen Eckstein dieser neuen Friedensordnung zwischen unseren Völkern und für Europa. Für uns schien sich damals ein Traum zu erfüllen.
Doch heute, am 75. Jahrestag der Schlacht von Stalingrad stehen wir vor den Trümmern dieses allzu kurzen Traums, mitten in einem neuen kalten Krieg, der allein den Interessen der USA/Nato dient und die Kräfte der Versöhnung, des Friedens und der Zusammenarbeit zwischen Russ­land und Deutschland durch Hochrüstung, durch Manöver an der Grenze zu Russland sowie durch wirtschaftliche Sanktionen zu zerstören versucht.
Trotz alledem, liebe Valentina, wollen wir nicht verzweifeln, sondern an unserem Traum festhalten und mit allen Kräften dafür arbeiten, dass die Kräfte des Friedens und der Versöhnung den Sieg erringen werden über diese aus den Tiefen der Hölle wieder hervorgestiegenen Gespenstern der Vergangenheit. Zu dieser beharrlichen Arbeit verpflichten uns die Erinnerung an die Schlacht und die Soldatenfriedhöfe in Stalingrad, das Gedenken an die Millionen Opfer des Grossen Vaterländischen Krieges und unsere Verantwortung für die jungen Menschen in unseren Völkern, die unser politisches Wirken zu Recht eines Tages vor allem daran messen werden.
In Freundschaft und Verbundenheit sowie mit herzlichen Grüssen an alle Freunde in Wolgograd


Dein Karl-Wilhelm