Wir lesen zusammen

von Renate Dünki

Was geht eigentlich vor, wenn wir ein Lesestück gemeinsam lesen?
Das war mir als Lehrerin lange nicht im vollen Umfang bewusst, denn das gemeinsame Lesen in der Klasse war vor ein paar Jahren noch selbstverständlich. Wir Lehrer konnten auf Bücher zurückgreifen, die Themen aus der nahen Umwelt der Kinder schilderten. Wir waren uns einig, dass durch die Zusammenschau aller Überlegungen in der Klasse ein viel reichhaltigeres Verständnis eines Textes zustande kommt. Wir wussten, dass eine Auswahl positiver mitmenschlicher Texte wesentlich ist, und konnten in den Lesebüchern darauf zurückgreifen. Wir wuss­ten, dass sich beim Vorlesen der differenzierter werdende Wortschatz und Satzbau viel nachhaltiger einprägt, wichtig gerade für weniger geförderte oder zweisprachige Kinder. Sprache ist das wichtigste Verständigungsmittel unter Menschen und ist in dieser Bedeutung bei einem Gespräch über die Inhalte eines Textes aufgerufen.
Heute, seit in der Schule diese bisher selbstverständliche Einigkeit über die Bedeutung gemeinsamen Lesens nicht mehr vorauszusetzen ist – individualisierendes Lernen verhindert den Klassenunterricht –, ist es mir bewusst, welche Kostbarkeit dabei für die Kinder verlorengeht.
Um den unschätzbaren Wert des gemeinsamen Lesens zu vermitteln, will ich ein Leseerlebnis schildern, das ich kürzlich mitgestalten konnte.

Ein persönliches Leseerlebnis

Ich hatte Gelegenheit, in einer Lerngruppe mit 6 Kindern zwischen 7 und 12 Jahren ein Lesestück reihum von den Kindern vorlesen zu lassen und darüber zu sprechen. Thema war: Verlassen des eigenen Landes, nicht heute, sondern vor rund 300 Jahren. Meine Absicht war es, die mühselige Geschichte von Auswanderern aus der Schweiz um 1700 zu vermitteln und damit die Kinder ein Stück Vergangenheit unseres Landes nachempfinden zu lassen.
«Auswanderer aus der Schweiz» – ein Text aus einem alten Lesebuch – war nach Wortwahl und Inhalt für heutige (Schweizer) Ohren ungewohnt. Wer weiss heute schon, was ein preussischer König war, wo Preussen oder gar Ostpreussen lag? «Die damalige Überbevölkerung der Schweiz» – wäre sie es auch heute noch? «Um 1700» – wie lange ist das schon her und was gab es damals noch nicht? Der Titel «Auswanderer» – lässt er Schweizer vermuten? Auswandern haben die Eltern vieler Schüler erlebt. Aber sie wanderten aus anderen Regionen aus, um hierher in ein geordnetes, friedliches Land zu kommen. Warum wohl? «Weil es hier Arbeit gibt», sagte ein Schüler aus Mazedonien.
Wir lasen die Geschichte in kleinen Abschnitten und fassten jeweils den Inhalt zusammen. Der Auszug aus dem Dorf mit dem Hausrat auf einem Ochsenkarren, der ungewisse lange Weg – alle diese Realitäten aus einer anderen Zeit liessen bei den Kindern innere Bilder entstehen und Fragen aufkommen wie: Warum musste die Mutter die Kinder trösten? War die Pest in den verlassenen Dörfern in Preussen wirklich schon vorbei? Sind alle an ihr Ziel gekommen? Die Bestätigung, dass eine Familie gut angekommen war, dauerte damals sehr lange, und die Eltern wuss­ten über Monate nicht, ob ihre Söhne und Töchter die Reise überstanden hatten. Freilich nicht alle Familien kamen an: Eine Familie machte trotz der grossen Not zu Hause wieder kehrt, aus Heimweh. «Aber dann war ja alles umsonst!» rief ein neunjähriges Mädchen voller Mitgefühl.
Alle diese Äusserungen der Kinder zeigten ihr Mitleben und Mitfühlen mit den Menschen damals, an einem Text, bei dem ich dies so deutlich nicht erwartet hatte. Auch für mich war es ein Leseerlebnis. Keinem der Kinder war es langweilig, obwohl keine Handlung im üblichen Sinne vor sich ging – keinerlei «action», keine Phantasiereise, nichts «Kindgemässes» – «nur» die Darstellung von schwierigen Lebensumständen auf einfache realistische Weise, ohne Wehleidigkeit, aber doch mit selbstverständlicher Achtung vor der damaligen Lebensleistung. Beim lauten Vorlesen ging es stets um das gemeinsame Verstehen, so dass auch die jüngeren Kinder unerwartet flüssig und deutlich lasen. Jeder dachte und fühlte mit, stellte Fragen oder verglich mit heute. Diese aktive Lesegemeinschaft regte sich gegenseitig an. Im Mittelpunkt standen das Kennenlernen eines Lesestücks und der Dialog über die Aussagen des Textes. Es ging hier nicht um Kompetenzen oder Lernziele, sondern um Bildung.
Noch viele solcher Leseerlebnisse könnte ich erzählen, die bei einigen Schülern sogar zum Berufswunsch «Schriftsteller» führten.
Es ist eine Freude für jeden Lehrer, dieses gemeinsame, sich gegenseitig bereichernde Nachdenken und Mitfühlen zu erleben und mit einem Buch zu ermöglichen. Denn in einer solchen Geschichte finden die Kinder sich wieder. Sie «verstehen» das geschilderte Erlebnis, das ihnen ein Beispiel sein kann. Diese Art des Kennenlernens eines Lesestücks stellt den Dialog zwischen den Kindern und den Aussagen des Textes sowie die Stellungnahme eines Erwachsenen in den Mittelpunkt. Dieses Herangehen nimmt die kindlichen Persönlichkeiten ernst und vermittelt im Austausch mit ihnen Anregung und Wissen. Auch im Elternhaus oder bei den Grosseltern sind solche Leseerlebnisse möglich. Es braucht nur das richtige Buch und die ansteckende Freude eines Erwachsenen dazu. Jeder von uns kann mithelfen, dass unsere Lesekultur für die nächste Generation erhalten bleibt.    •