«Deutsch-russische Städtepartnerschaften – ein Beitrag zu Völkerverständigung und Frieden»

30jähriges Jubiläum der Partnerschaft zwischen Wolgograd und Chemnitz

von Eva-Maria Föllmer-Müller, Klaudia Kruck-Schaer und Tankred Schaer

Im Rahmen der diesjährigen Leipziger Buchmesse fanden am 16. und 17. März zwei Veranstaltungen statt, eine in Chemnitz und eine in Leipzig, die die deutsch-russischen Städtepartnerschaften zum Thema hatten. Die beiden Veranstaltungen sollten an die Bedeutung von Städtepartnerschaften erinnern und dazu anregen, solche Partnerschaften – gerade in der heutigen Zeit – auch zu Städten in Russland aufzubauen und zu vertiefen.
Chemnitz (von 1953 bis 1990 Karl-Marx-Stadt) und Wolgograd (von 1925 bis 1961 Stalingrad) begehen in diesem Jahr das 30jährige Jubiläum ihrer Städtepartnerschaft. Diese Städte hatten die Partnerschaft 1988 begründet, in einem Jahr also, als die Beziehungen zwischen der DDR und der UdSSR noch eng waren. Erfreulicherweise hat sie die Zeitenwende der Jahre 1989–1991 überdauert.

Blick auf Wolgograd. Mamajew-Hügel mit der berühmten Mutter-Heimat-Statue. (Bild zvg)
Rathaus von Chemnitz. (Bild Wikipedia)

Prominentes Podium

In Chemnitz trug die Veranstaltung den Titel: «Städtepartnerschaft Wolgograd – Chemnitz. Ein Beitrag zu Völkerverständigung und Frieden». Eingeladen hatten dazu das Chemnitzer Deutsch-Russische Kultur- und Integrationszentrum «Kolorit» (s. Kasten auf S. 2) und die Stadträte Dietmar Berger und Dr. Eberhard Langer aus Chemnitz. Aus Wolgograd waren Juri Fjodorowitsch Starovatych und Sergey Lapschinow angereist. Mit den beiden Begründern der Städtepartnerschaft, dem damaligen Oberbürgermeister von Chemnitz, Dr. Eberhard Langer, und dem damaligen Oberbürgermeister von Wolgograd, Juri Starovatych, war das Podium prominent besetzt. Mit den weiteren Podiumsteilnehmern, dem Stadtrat und langjährigen Präsidenten des Mitteldeutschen Genossenschaftsverbandes Dietmar Berger, dem Leiter der Verwaltung für internationale und regionale Beziehungen der Stadt Wolgograd Sergey Lapschinow und dem stellvertretenden Vorsitzenden von Kolorit, Dr. Jochen Mette, konnte das Jubiläum gemeinsam mit rund 80 Teilnehmern aus Deutschland, Russland und der Schweiz gewürdigt werden.
Mit gleicher Podiumsbesetzung fand die Veranstaltung am darauffolgenden Nachmittag an der Leipziger Buchmesse statt – dort auf Einladung von Zeit-Fragen und zum Thema: «Deutsch-Russische Städtepartnerschaften – ein Beitrag zu Völkerverständigung und Frieden». Gerne hätte Zeit-Fragen auf der Buchmesse auch die Vertreter der anderen Stadtratsfraktionen aus Chemnitz begrüsst.

75. Jahrestag Stalingrad – deutsche Regierungsvertreter bleiben fern

Vor 75 Jahren tobte in Stalingrad von August 1942 bis Februar 1943 eine der grössten und verlustreichsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Skandalös war, dass bei den Gedenkfeierlichkeiten in Wolgograd deutsche Regierungsvertreter ferngeblieben waren. Um so erfreulicher war es, dass die Oberbürgermeisterin von Chemnitz, Frau Barbara Ludwig, zum Anlass des 75. Jahrestages auf Einladung des Oberbürgermeisters Andrey V. Kosolapov die russische Partnerstadt Wolgograd besucht hatte. Laut der «Neuen Presse» vom 1. Februar sagte sie dort: «Dass wir gemeinsam 75 Jahre nach der Schlacht von Stalingrad der russischen und deutschen Opfer gedenken, ist eine grosse Geste. Als Oberbürgermeisterin ergreife ich diese ausgestreckte Hand gern und halte sie fest.»
In seiner Einführung zur Veranstaltung in Chemnitz wies Dietmar Berger auf die Bedeutung von Städtepartnerschaften als einen wichtigen Beitrag zur Völkerverständigung hin. Gerade in der heutigen Zeit sei es sehr wichtig, sich in der Zivilgesellschaft zu verständigen. Man müsse die persönlichen Beziehungen pflegen. Dies sei um so wichtiger, da heute gegen Russland wieder ein Feindbild aufgebaut wird. Dem können Städtepartnerschaften entgegenwirken.

Vor der Städtepartnerschaft: Freundschaft zwischen den Menschen

Dr. Eberhard Langer, schilderte die Entwicklung der Städtepartnerschaft zwischen Karl-Marx-Stadt und Wolgograd. Die Freundschaft zwischen den Menschen habe sich auch ohne eine offizielle Städtepartnerschaft schon viele Jahre vorher entwickelt. Es gab vielschichtige Beziehungen, zum Beispiel auf der betrieblichen Ebene. Der VEB Germania Karl-Marx-Stadt habe bei der sowjetischen Erdölförderung wesentlich mitgewirkt. Es gab Kinderferienlager und Freundschaftsspiele von Fussballmannschaften. Im Jahre 1979 gab es ein Festival der Freundschaft zwischen der Jugend der UdSSR und der DDR.
Auf Grund seiner Initiative sei es schliess­lich im Jahre 1988 zu dem offiziellen Abschluss der Städtepartnerschaft zwischen Karl-Marx-Stadt und Wolgograd gekommen. Die Städtepartnerschaft mit Wolgograd sei für die Chemnitzer ein Synonym für die Freundschaft mit Russland gewesen.

Zweiter Weltkrieg: Erlebte Geschichte

Dr. Langer ging dann auf seine persönlichen Erlebnisse mit russischen Soldaten am Ende des Zweiten Weltkriegs ein. Ihm sei die Bombardierung von Chemnitz durch amerikanische und englische Luftangriffe am 5./6. März 1945 noch gegenwärtig. Er werde nie vergessen, wie er als Kind die Bombennacht im Luftschutzkeller auf dem Kassberg verbrachte. Zum selben Zeitpunkt sei Juri Starovatych als Kind aus Stalingrad evakuiert worden. Lange Zeit habe er, Langer, im Niemandsland gelebt, das weder von russischen noch von amerikanischen Truppen besetzt gewesen sei. Als schliesslich die Rote Armee einrückte, erlebten dies die Kinder als das Ende des Krieges. Es gab wieder Brot und Obst, und die Kinder erhielten kleine Geschenke.

3500 Familien mit russischen Wurzeln

Eberhard Langer schilderte, wie es zur Gründung des russischen Kulturvereins Kolorit gekommen sei. Er habe eine Ansprache auf dem sowjetischen Friedhof von Chemnitz zum Gedenken an das Kriegsende gehalten. Dabei habe er auch ein Gedicht von Heinrich Heine auf Russisch vorgetragen, das von Alexander Puschkin übersetzt worden war. Dass ein Deutscher auf einem russischen Friedhof ein deutsches Gedicht in Russisch vorträgt, habe viele der Anwesenden so berührt, dass sie sich an ihn gewendet hätten mit der Bitte, bei der Gründung eines russischen Kulturvereins mitzuwirken. Es gebe in Chemnitz 3500 Familien mit russischen Wurzeln, und viele haben das Bedürfnis, das russische Erbe zu pflegen und es auch an Kinder und Enkelkinder weiterzugeben.

Junge Menschen, die die Liebe zu russischen Menschen empfinden

Das, was zu Zeiten der DDR zwischen den Partnerstädten gelebt habe, sei heute fast vollständig eingeschlafen. Dies sei Ausdruck der gegenwärtigen politischen Situation. So sei es heute um so wichtiger, nach Möglichkeiten zu suchen, über die Städtepartnerschaften Frieden zu erhalten und Freundschaften zu stiften. Es müssten sich junge Menschen finden, die die Liebe für den russischen Menschen empfänden. Aufgabe der älteren Generation sei es, ihre Erfahrungen an die junge Generation weiterzugeben.

Gemeinsame Geschichte verbindet

Juri Starovatych, der massgeblich am Wiederaufbau von Stalingrad beteiligt war, begann seine Ausführungen mit der Betonung der Gemeinsamkeiten der beiden Städte Chemnitz und Wolgograd. Beide Städte wurden im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört, beide Städte wurden wieder aufgebaut und würden immer schöner, beide Städte blühten auf. In Chemnitz sei im Krieg von 64 Schulen nur eine Schule erhalten geblieben. Damals schrieben die Zeitungen: «Das sächsische Manchester ist gefallen.» Am 2. Februar 1943 war die Schlacht um Stalingrad zu Ende: Kein Haus war erhalten geblieben. Im April 1943 reisten Diplomaten aus 40 Ländern an und sahen sich die Ruinen an. Ihrer Einschätzung nach hätte die Stadt nie mehr aufgebaut werden können. Sie hatten damals empfohlen, die Stadt einzuzäunen und als Mahnmal für kommende Generationen zu belassen. Die Stalingrader Bevölkerung entschied allerdings anders und beschloss, die Stadt wieder aufzubauen. Im Jahr 1987 habe er, Juri Starovatych, den Wohnungsschlüssel für den einmillionsten Einwohner der Stadt Wolgograd übergeben. 45 Jahre nach der Schlacht hatte Wolgograd bereits wieder eine Million Einwohner, sagte der Bauingenieur und Ehrenbaumeister von Russ­land Juri Starovatych stolz und sichtlich bewegt.

Beginn der internationalen Städtepartnerschaftsbewegung

Stalingrad hat im Jahr 1944 die erste Städtepartnerschaft weltweit mit dem englischen Coventry begründet. In diesem Jahr hatten Frauen von Coventry, deren Stadt zu zwei Dritteln zerstört worden war, Geld gesammelt und nach Stalingrad geschickt. Zudem wurde ein Tischtuch mit den aufgestickten Namen von 830 Frauen überreicht, auf dem die Botschaft zu lesen war: «Eine kleine Hilfe ist besser als grosses Mitleid.» Am 10. Juni 1944 sei dann der Partnerschaftsvertrag zwischen Stalingrad und Coventry abgeschlossen worden. Es war der Beginn der internationalen Städtepartnerschaftsbewegung, sagte der Ehrenbürger von Wolgograd und Hiroshima Juri Starovatych. Heute hat Wolgograd 22 Städtepartnerschaften weltweit.

Über alle Ideologien hinweg: Beziehungen von Mensch zu Mensch

Es sei eine grosse Freude und Ehre gewesen, mit Karl-Marx-Stadt eine solche Partnerschaft einzugehen. 1988 sei ja nur die Unterzeichnung des Vertrags gewesen. Seit den siebziger Jahren habe es vielfältigste Beziehungen, Freundschaften und Projekte gegeben, Jugendaustausch, Pionierlager, wirtschaftlichen Austausch. Einige Monate nach der Unterzeichnung des Vertrags sei es ihm nach viermaligem Anlauf gelungen, auch Köln als Partnerstadt zu gewinnen. Auch dorthin gebe es rege Kontakte. Er erwähnte auch den Partnerschaftsverein Köln-Wolgograd, der auf Bürgerebene eine sehr gute Arbeit leiste. Die Gründung der Städtepartnerschaft mit Cleveland (USA), wo 100 000 Ukrainer lebten, gleich nach dem Ende der Sowjetunion, sei harte Arbeit gewesen. Jetzt müsse aus Altersgründen die Arbeit in gute Hände weitergegeben werden, damit die Städtepartnerschaften vertieft werden. Sie sollten wieder aktiver betrieben und mit neuem Inhalt gefüllt werden – und das ist machbar, das können wir tun, betonte Starovatych.
Die Beispiele zeigen, dass es bei den Städtepartnerschaften nicht um einen weltanschaulichen Gleichklang geht, sondern um Beziehungen und Freundschaften von Mensch zu Mensch, über alle Ideologien hinweg.

«Wollen sie, dass wieder so etwas passiert wie damals?»

Unter grossem Beifall bedankte sich Juri Starovatych bei den Teilnehmern der Veranstaltung für ihr Kommen, gerade in dieser turbulenten Zeit mit den bedenklichen Entwicklungen auf internationaler Ebene. «Wir haben grossen Respekt vor den Deutschen, grosse Achtung. Nach dem Krieg habe der Schriftsteller Simonow gesagt, er empfinde keinen Hass den Deutschen gegenüber. Aber wir können nicht begreifen, warum die Abgeordneten in Deutschland und im Europaparlament den Sanktionen zustimmen. Wollen sie, dass wir sterben oder dass wieder so etwas passiert wie damals?»

«… eine Chance, dem Wahnsinn etwas entgegenzuhalten»

Dr. Jochen Mette, stellvertretender Vorsitzender des Deutsch-Russischen Kulturzentrums Kolorit, betonte die Wichtigkeit der direkten zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Deutschen und Russen. Er selbst habe als Student den St. Petersburger Piskarjowskoje-Gedenkfriedhof besucht. Es sei für ihn ein unauslöschliches Erlebnis gewesen, die Gräber von Hunderttausenden Opfern der Leningrader Blockade zu sehen. Das sei auch heute noch der Antrieb für ihn, seine Erlebnisse und Erfahungen mit Russland an die junge Generation weiterzugeben. Nur durch den direkten Kontakt, wenn man miteinander redet und sich in die Augen schaut und sich austauscht, kann Verstehen und Freundschaft wachsen. Russen sind Menschen wie wir, mit denen wir zusammenleben können und wollen, und für die Weiterverbreitung dieser Gedanken werde er sich einsetzen. Diese wichtige Arbeit gehöre in junge aktive und kräftige Hände. Dann habe man eine Chance, dem um sich greifenden antirussischen Klima, dem Wahnsinn, etwas entgegenzuhalten.

Veranstaltung zur Städtepartnerschaft Chemnitz-Wolgograd an der Leipziger Buchmesse mit
Dr. Jochen Mette, Sergej Lapschinow, Juri Starovatych, Dr. Eberhard Langer. (Bild zf)

Viele Projekte erfolgreich durchgeführt

Sergey Lapschinow, der in seinem Amt 45 Städtepartnerschaften betreut, würdigte «das Kind, das beide Oberbürgermeister zur Welt gebracht und grossgezogen» haben. Gemeinsam habe man im Rahmen der Städtepartnerschaft zwischen Chemnitz und Wolgograd viele Projekte erfolgreich durchführen können: Im Sport haben sich die Schwimmer, die Boxer und die Fussballer getroffen. Im kulturellen Bereich besuchten sich gegenseitig Folkloregruppen. Zum zwanzigjährigen Jubiläum der Partnerschaft im Jahre 2008 fand sowohl in Chemnitz als auch in Wolgograd eine grosse Feier statt. Man besuchte sich gegenseitig. Eine Jazzband aus Wolgograd war in Chemnitz, und 2004 zum deutsch-russischen Kreuzjahr kamen hohe Repräsentanten, unter ihnen Egon Bahr, von Moskau mit dem Schiff nach Wolgograd.
Seit 2014 besteht ein Schüleraustausch mit einem Gymnasium in Chemnitz. Stünden mehr finanzielle Mittel zur Verfügung, könnte man den Austausch jedes Jahr machen. Nach der Wende hatte sich eine Arbeitsgruppe gegründet zwischen den Stadtverwaltungen Chemnitz, Düsseldorf und Wolgograd. Ende der neunziger Jahre trafen sich Beamte der Stadtverwaltungen der beteiligten Städte. Er hoffe darauf, dass sich bald wieder die Vertreter der Städte viel einfallen liessen, um den Austausch zwischen ihnen zu erhalten und viele Projekte zu realisieren.
Eberhard Langer ergänzte, dass er in den letzten Tagen zahlreiche Firmen in Chemnitz besucht habe und für einen Ausbau der Kontakte nach Russland geworben habe. Diese Bemühungen seien erfolgreich gewesen.

Wie die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland verbessern?

In der anschliessenden Diskussion gab es vielfältige Vorschläge, wie die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland verbessert werden können. So schilderte eine Teilnehmerin ihre Erfahrungen bei der Arbeit mit Jugendlichen, die im Rahmen eines Programmes des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge auf einem Soldatenfriedhof gearbeitet haben. Die persönliche Beziehung zwischen den Menschen sei ein Gegengift gegen die anti­russische Stimmungsmache. Durch den Aufenthalt in dem Gastland wurden die Jugendlichen motiviert, sich auch mit der Geschichte intensiver auseinanderzusetzen.
Die heutige Veranstaltung sei auch ein Beispiel einer gelungenen Zusammenarbeit zwischen Westdeutschen und Ostdeutschen. Sie betonte, wie wichtig es sei, dass sich die Menschen in Ost und West nach der Wiedervereinigung wirklich näherkommen und es eine ehrliche Aufarbeitung der DDR-Geschichte gebe.

Schweiz und Russland verbindet lange Freundschaft

Ein Schweizer Teilnehmer äusserte, dass die Geschichte der Städtepartnerschaften als ein wichtiger und zentraler Bestandteil für die Völkerverständigung noch zu wenig aufgearbeitet sei. Städtepartnerschaften als dauerhafte Friedensbewegung stellten einen unschätzbaren Beitrag zur Völkerverständigung dar. Als Schweizer sei er stolz darauf, dass die Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland auch in der jetzigen Situation nicht abgebrochen worden sind. Die Schweiz und Russland verbindet eine lange Freundschaft. In diese Freundschaft darf durch die Stimmungsmache kein Keil getrieben werden. Dies kann verhindert werden, wenn die Menschen die Beziehungen persönlich gestalten.

«So etwas brauchen auch wir hier»

Eine Teilnehmerin der Stifung West-Östliche Begegnungen schlug vor, dass die beiden Begründer der Städtepartnerschaft Chemnitz-Wolgograd als Zeitzeugen an Schulen gehen. Die geschichtliche Bildung sei schlecht und die Schilderungen von Zeitzeugen von enormer Wichtigkeit. Am 6. Mai, dem Jahrestag der Unterzeichnung des Städtepartnerschafts-Vertrags, müsse im Rathaus in Chemnitz der bestehende Vertrag bekräftigt werden. Es müssten wieder vermehrt Städtepartnerschafts-Konferenzen veranstaltet werden wie 2017 in Krasnodar. Auch von deutscher Seite hätten sich dort unerwartet viele Teilnehmer angemeldet. Sie erinnerte daran, dass für das Jahr 2017/18 das deutsch-russische Jahr der kommunalen und regionalen Partnerschaften ausgerufen wurde (vgl. Zeit-Fragen Nr. 17/18 vom 18. Juli 2017). Nach der Wiedervereinigung seien viele Initiativen zusammengebrochen und sollten nun wiederbelebt werden.
Ein weiterer Teilnehmer aus Süddeutschland schilderte, dass der Bürgermeister seines Ortes, als er den Hinweis auf die Veranstaltungen zur deutsch-russischen Städtepartnerschaft sah, spontan geäussert habe: «So etwas brauchen auch wir hier!»
Eine zur Veranstaltung angereiste Bürgermeisterin aus der Lausitz beglückwünschte die Organisatoren der gelungenen Veranstaltung und gratulierte der Stadt Chemnitz und der Stadt Wolgograd zum Jubiläum der Städtepartnerschaft. In ihrer Gemeinde gibt es jedes Jahr Erholungsurlaub für Kinder aus Tschernobyl, mit stetig wachsender Beteiligung der Bürger. Aber sie habe die Nachrichten von heute nicht verkraftet, dass sich die deutsche Bundeskanzlerin im Skripal-Fall an die Seite von Theresa May gestellt habe. Frau Merkel habe das in einer Schärfe formuliert und den russischen Präsidenten Putin verurteilt, ohne dabei die Unschuldsvermutung zu beachten.

Wir erleben einen historischen Moment

Ein Teilnehmer äusserte sichtlich bewegt, dass die hier Anwesenden einen historischen Moment erlebten. Die geschichtlichen Bilder, die auf der Veranstaltung dargestellt worden seien, seien ausserordentlich bedeutsam und müssten weiterhin durchdacht werden. Es sei beschämend, dass die Politiker, die unsere Demokratie repräsentieren, nicht in der Lage seien oder nicht in der Lage sein wollten, die deutsch-russische Geschichte angemessen zu würdigen, sich statt dessen davon abwenden. Er empfinde grosse Dankbarkeit gegenüber den Menschen, die mit einer so ausserordentlichen Willenskraft beständig für eine gute Partnerschaft mit Russ­land arbeiten.
In der Zusammenfassung der Veranstaltung wurden auch die konkreten Ergebnisse der beiden Delegationen aus Wolgograd und Chemnitz gewürdigt. Diese Arbeit für partnerschaftliche Beziehungen zu Russland kann überall geleistet werden. Oft gehen Anregungen zu einer solchen Partnerschaft von einzelnen Bürgern aus. Oftmals seien dies Menschen, die bereits eine persönliche Beziehung zu Menschen im anderen Land haben. Andere Menschen kommen dann hinzu, und man kann den Weg gemeinsam gehen. Diesen wichtigen Beitrag kann jeder leisten.    •

Zur Bedeutung von Städtepartnerschaften

ef. Die Idee, mittels Städtepartnerschaften einen Beitrag zur Völkerverständigung und zum Frieden zu leisten, geht auf die Jahre unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges zurück.
Es waren unter anderem drei Schweizer Professoren und Autoren, die damals mit ihren Initiativen zur Gründung der Internationalen Bürgermeisterunion für deutsch-französische Verständigung (IBU) führten. Es war das Anliegen von Hans Zbinden, Eugen Wyler und Adolf Gasser, die Kommune als Keimzelle der Demokratie zu stärken, um einen weiteren Weltkrieg zu verhindern. So entstand 1950 aus den Kontakten französischer und deutscher Bürgermeister während der IBU-Konferenzen die erste deutsch-französische Städtepartnerschaft zwischen Montbéliard und Ludwigsburg. In der Folgezeit nahmen immer mehr Städte in Deutschland freundschaftliche Beziehungen zu Städten anderer Staaten auf, um Völkerverständigung von unten zu leben.
Seitdem sind zahlreiche Städtepartnerschaften in vielen Ländern der Welt hinzugekommen – auch zwischen deutschen und russischen Städten gibt es inzwischen rund 100 davon. Die älteste deutsch-russische Städtepartnerschaft besteht zwischen St. Petersburg und Hamburg und ist gerade 60 Jahre alt geworden. Die deutsch-russischen Beziehungen sind derzeit sehr angespannt. Dem Willen der allermeisten Menschen beider Länder entsprechen diese Spannungen nicht. Städtepartnerschaften sind ein Weg gegenzusteuern. Sie sind ein wichtiger Baustein für den Fortbestand des deutsch-russischen Dialogs und können auf der zivilgesellschaftlichen Ebene – von Mensch zu Mensch – Alternativen zur Konfrontation aufzeigen. Sie bieten die Möglichkeit, eine breite Basis von Gleichwertigkeit, Vertrauen und gegenseitiger Achtung zu schaffen.
An der 14. Deutsch-Russischen Städtepartnerschaftskonferenz in Krasnodar im Juni vergangenen Jahres nahmen zum ersten Mal zwei hochrangige Minister teil: der russische Aussenminister Sergej Lawrow und sein damaliger deutscher Amtskollege Sigmar Gabriel. Mit ihrem Besuch wurden die deutsch-russischen Städtepartnerschaften auf eine politische Ebene gehoben. In ihrer gemeinsamen Erklärung heisst es unter anderem: «Wir wollen diese Partnerschaften stärker in das öffentliche Bewusstsein rücken und die aus ihnen hervorgehende Dynamik nutzen, um für weitere Partnerschaften zwischen Deutschen und Russen zu werben und dadurch Vertrauen wachsen zu lassen. Wir sind überzeugt, dass die kommunalen und regionalen Partnerschaften eine unverzichtbare tragende Komponente der bilateralen Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland darstellen. […] Wir hegen den gemeinsamen Wunsch, dass über die zahlreichen kommunalen und regionalen Partnerschaften die Zahl und Intensität der direkten Kontakte zwischen Russen und Deutschen gesteigert und dadurch der Dialog und das Verständnis zwischen unseren Gesellschaften gestärkt wird. Gerade in politisch schwierigen Zeiten kommt es auf sichtbare Zeichen der Zusammenarbeit an.»

Kolorit e.V.

ef. In Chemnitz leben etwa 3500 Familien mit russischen Wurzeln. Der Verein Kolorit e.V. wurde im Jahr 2006 auf Initiative aus Russland kommender russischsprachiger Auswanderer gegründet. Kolorit ist ein kultureller und im sozialen Bereich arbeitender Verein, der sich darum bemüht, sowohl russische Kultur und Tradition zu pflegen als auch russischsprachigen Auswanderer Integrationsangebote zu machen, sie an die Kultur und das Leben in Chemnitz heranzuführen und ihnen soziale Unterstützung zu geben.