Eine Stimme der Menschlichkeit

Zum Abschied von SRF-Auslandkorrespondentin Iren Meier

mw. Nach 37 Jahren als Schweizer Radiojournalistin nimmt Iren Meier Abschied von ihrem Berufsleben. Grund genug, um diese eindrückliche Persönlichkeit zu würdigen. Viele von uns Hörerinnen und Hörern haben über die langen Jahre der Kriege und Konflikte in Jugoslawien und dem Nahen Osten ihre Beiträge, Reportagen und Gespräche besonders geschätzt, weil sie nicht gefärbt waren von vorgefassten Einstellungen und Urteilen über die beteiligten Staaten und Volksgruppen, sondern getragen waren von persönlicher Anteilnahme und journalistischer Sorgfalt. Begonnen bei den Kriegen in Kroatien und Bosnien anfangs der neunziger Jahre bis zu den Konflikten im Nahen Osten in jüngster Zeit hat Iren Meier nicht nur über Ereignisse berichtet, sondern auch versucht, uns das Leben und den Alltag der Menschen in anderen Ländern und Kulturen näherzubringen. Sie hat Menschen zu Wort kommen lassen, die im Krieg ihre Familie, ihre Heimat und ihr Hab und Gut verloren haben. Dabei kam ihre persönliche Betroffenheit von den Schrecken und vom Unrecht der Kriege zum Ausdruck, und besonders wichtig: Sie hat uns ihre Überzeugung weitergegeben, dass Kriege menschengemacht sind. Iren Meier hat als Mitmensch zu uns Mitmenschen gesprochen und als vorbildliche Journalistin. Ihre Stimme im Schweizer Radio wird uns fehlen.

«Ich glaube, daheim sein ist eine innere Geborgenheit. […] Egal wohin man geht, auf der ganzen Welt, wollen alle dasselbe: ein normales, würdiges Leben, eine Arbeit, ein Haus, eine Familie, Freiheit – das ist eine ungeheure Verbindung untereinander. Ich habe das immer mehr gespürt: Es ist eine Welt, wo man einander etwas angeht, und wenn man das so empfindet, dann ist man eigentlich daheim.»

Im «Tagesgespräch» vom 29. März 2018 hielt Iren Meier Rückblick auf ihre Zeit als Auslandkorrespondentin. Wir geben dieses Gespräch in Auszügen wieder.

Barbara Peter, SRF: Iren Meier, Sie sind als junge Journalistin nach Prag gegangen, zum ersten Auslandeinsatz. […] Eigentlich wäre es ja darum gegangen, wie Osteuropa sich nach der Wende entwickelt. Und plötzlich wird man über Nacht zur Kriegsberichterstatterin [im Jugoslawien-Konflikt, mw.]. Kann man das überhaupt lernen?

Iren Meier: Ich würde mich heute nicht als Kriegsreporterin bezeichnen. Wir gingen nie an die Front, ich trug nur einmal in all den Jahren eine Splitterjacke, die wir vom IKRK ausgeliehen hatten. Sondern wir haben versucht, den Krieg zu beobachten, zu vermitteln, aber aus einer relativ sicheren Position, und vor allem war unsere Aufgabe, über das zu berichten, was der Krieg mit den Menschen macht, die es trifft.

«Versuchen, das zu sehen, was ist, und nicht das, was man zu sehen glaubt oder was man gehört hat»

Und doch ein Sprung ins kalte Wasser. Wenn man es vergleicht mit der Arbeit im Studio, kann man wahrscheinlich nicht im voraus abschätzen, wie man mit dieser Situation umgeht.  

Nein, aber es war gut so, man hatte keine Zeit zu überlegen, soll ich da wieder hinausgehen? Ich war überwältigt, überfordert, aber gleichzeitig war ganz klar: Ich bleibe da. Als junge Journalistin musste ich mich irgendwie zurechtfinden. Man versucht, sich an etwas zu halten, an Muster und Meinungen, an dem, was man gelesen oder gehört hat, was die anderen sagen. Aber die Entwicklung beginnt, wenn man merkt: Es ist vielleicht gar nicht alles so, wie ich es sehe. Ich habe damals wirklich gemeint, ich wisse es, ich wisse, was richtig und falsch ist. […]

Also sich eine eigene Meinung bilden und diese vertreten, auch der Redaktion in der Schweiz gegenüber?

Nein, ich meine es überhaupt nicht so, nicht eine eigene Meinung. Einfach mit offenen Augen gehen und versuchen, das zu sehen, was ist, und nicht das, was man zu sehen glaubt oder was man hört. Das wahrzunehmen, was ist, in allen Facetten, in aller Unschärfe: einer sagt das, der andere jenes.  […]
Und gleichzeitig mit einer Haltung drangehen, nicht den Hörern etwas zu servieren – macht euer Bild selbst –, sondern immer wieder durchschimmern zu lassen: Es ist nicht alles so klar, wir wissen es auch nicht so genau. Man kann es sehr gut einordnen und einschätzen, aber es geht nicht darum, eine Meinung hinüberzubringen. An den letzten zwei Stationen, wo ich gewesen bin, in Iran und in der Türkei, habe ich gemerkt: Ich bin wie neu in diese Länder gegangen. Auf meiner ersten Reise in die Türkei habe ich gedacht: Dieses Land werde ich nie verstehen! Das ist so hochkomplex: diese Geschichte, die Ethnien. Oder Iran, das ist ein Planet für sich. Aber wenn man lange nicht mehr dort war, wird das spannend, man weiss und deklariert dann: Das ist ein Ausschnitt, den ich sehe.

Als Journalistin muss man eine Haltung haben, aber vor allem auch einen Kompass

Ich sehe einen Ausschnitt, es ist vielleicht nicht die ganze Wahrheit – geht das zusammen mit Journalismus?

Ich finde, das ist ganz wichtig, vor allem in einem Konflikt oder einem Krieg, weil man schlicht nicht die Möglichkeit hat, eine Übersicht zu behalten. Man ist immer irgendwo eingeengt, man ist auf einer Seite, bei einer Partei. Das muss man deklarieren. Und bei umstrittenen Themen, wo viele Leute eine Meinung haben und glauben, sie hätten recht, dünkt es mich als Journalistin sehr, sehr wichtig, dass man eine Haltung hat, aber vor allem auch einen Kompass.

Also eine rote Linie für sich selber zieht?

Ich würde dem einfach Kompass sagen: Ich weiss, auf welcher Basis ich hier bin, ich bin eine Schweizer Journalistin, ich habe gewisse Werte, ich bin in diesem öffentlichrechtlichen Medium als Journalistin gross geworden. Am Beispiel Palästina/Israel zeigt sich das gut. Dorthin bin ich immer mit der Haltung gegangen: Es gibt das Völkerrecht, es gibt Menschenrechte, es gibt die Genfer Konventionen. Und nach diesen sind israelische Siedlungen im besetzten Westjordanland illegal. Punkt. Das ist zum Beispiel ein Kompass.

Es hat aber auch Kritik gegeben an Ihrem Kompass, an der Berichterstattung aus diesem Blickwinkel.

Ja, aber das soll sein. Ich deklariere, das ist meine Basis, und so arbeite ich.

«Man versucht Mensch zu sein und gleichzeitig die Geschichte, die einem erzählt wird, so gut man kann, zu verifizieren»

Wie kann man, wenn man zum Beispiel Flüchtlinge begleitet, die Distanz behalten und trotzdem Mensch bleiben?

Das kann ich Ihnen nicht sagen – ich glaube, man ist in jeder Situation der Mensch, der man ist, ob man nun Journalistin ist oder etwas anderes, und reagiert mit seinen Möglichkeiten und seinen Fähigkeiten, aber man versucht schon, dieser Mensch zu sein und gleichzeitig die Geschichte, die einem erzählt wird, so gut man kann, zu verifizieren. Heute, wo so vieles virtuell ist im Journalismus, wo so vieles als Information bezeichnet wird, was keine ist, ist es so wichtig, über die Erfahrung zu sprechen. Ein Korrespondent ist ja jemand, der draussen ist und die Dinge erfährt, sie mit den Sinnen erfährt, mit dem Verstand, mit allem. Die Diskussion darüber finde ich sehr, sehr wichtig. […]

«Krieg bricht nicht aus, er wird gemacht»

Was mich immer beeindruckt hat an all Ihren Berichterstattungen, über alles Elend: Wie konnten Sie sich Ihre Menschlichkeit bewahren?

Ganz einfach, weil ich denke, Elend und Krieg sind nicht Schicksal. Das kommt nicht von irgendwo, das ist Politik, das ist von Menschen gemacht, das sind Machtinteressen, wirtschaftliche Interessen in diesen Ländern, in der internationalen Politik. Und das heisst, da kann und darf man nicht resignieren, das ist ein Grund zum Widerstand. […]
Wenn wir vom Krieg sprechen, sagen wir zum Beispiel – und die Sprache ist etwas unglaublich Wichtiges – «ein Krieg bricht aus». Ein Krieg bricht nicht aus, er wird gemacht. Ich war in Beirut, als der Krieg zwischen Israel und Libanon zu Ende gegangen ist. Am Donnerstag oder Freitag haben sie eine Waffenruhe ausgehandelt und gesagt, am Montagmorgen um acht Uhr tritt sie in Kraft. In der Nacht vom Sonntag auf den Montag – ich habe noch nie so etwas erlebt – nur Bomben, nur Bomben, Streubomben über den ganzen Südlibanon, und punkt acht Uhr morgens – Totenstille, punkt acht Uhr. Das ist ein menschengemachter Skandal, das ist nicht eine Tragik, nicht eine Tragödie, sondern wir machen das. Ich habe viel darüber nachgedacht und mit anderen Menschen gesprochen, wie wichtig es ist, wie wir die Dinge benennen.

Die Kriegsführung hat sich in den letzten 20, 30 Jahren verändert. Muss sich auch der Journalismus über den Krieg verändern?

Er hat sich sehr verändert. Medienleute sind Teil des Krieges geworden.

Die «embedded journalists» …

Ja, die kann man manchmal kaum mehr unterscheiden von Milizen, sie sind einfach noch angeschrieben – oder manchmal auch nicht, weil das auch gefährlich ist, sie sind Ziel geworden von kriegsführenden Parteien. Und der Krieg ist im Gesamten etwas total Normales geworden, ein Mittel der Politik, man erschrickt nicht mehr. Es gibt immer mehr Kriege. Die Diplomatie, welche die erste Wahl bei der Kriegsführung sein sollte, gibt es fast nicht mehr. Die letzte grosse diplomatische Tat war das Nuklearabkommen zwischen dem Westen und Iran. Und das war so schwierig zu erreichen, aber man hat es zustande gebracht.

Wie sind Sie damit umgegangen, dass Sie unsere Stimme waren aus dem Balkan oder später dem Nahen Osten, und dies gleichzeitig zusammentrifft mit Erwartungen hier in der Schweiz?

Ich habe von Hörerinnen und Hörern viele Zeichen bekommen, kritische, aber auch sehr viel Wertschätzung, und habe gemerkt, dass alle Themen in der Schweiz sehr interessiert haben, der Balkan zum Beispiel, aber auch der Nahe Osten. Und mit dieser Wertschätzung ist die Verantwortung gewachsen, das stärkt einen auch, es ist eine Motivation, und man weiss, man macht eine Arbeit, die wirklich Sinn macht und ein Echo bekommt.
[…]  Einmal wollte ich einen Beitrag machen über das ganz banale Leben in Syrien lange vor dem Krieg. An einem Vormittag war ich in einem Haus in Damaskus, wo die Frauen sich jede Woche getroffen haben. Für mich war es hochspannend, wie sie leben, welche Probleme sie haben. Die Kolleginnen und Kollegen fanden aber, das sei zu banal. Ich verstehe das bis heute nicht und finde es falsch. Sie sagten: Das ist keine «Geschichte». Aber später wurde Syrien «Geschichte», das ist aber die Geschichte des Krieges.

«Auf der ganzen Welt wollen alle dasselbe: ein normales, würdiges Leben, eine Arbeit, ein Haus, eine Familie, Freiheit»

Iren Meier, zum Schluss möchte ich noch mit Ihnen über Begriffe sprechen, wie «daheim», «Heimat».

Im April 2004 bin ich nach Beirut gekommen und war wirklich mutterseelenallein, ich kannte dort niemanden. Ich kam in eine Wohnung, die ich gemietet hatte, in ein Quartier, wo ich keinen kannte, und nach zwei, drei Tagen wusste ich, hier ist es gut, hier bin ich. Es ist vielleicht eine innere Geborgenheit, ich habe gemerkt, die Leute im Quartier nehmen mich wahr, sie schauen, wer das ist. Viele sagten: Wer bist du? Bleib möglichst lange. Das hört man sonst ja nicht so oft. Manchmal läuteten sie an meiner Tür: Brauchst du etwas? Da habe ich gemerkt: Das ist «daheim». Und so ging es mir an allen Stationen, auch unterwegs, ich glaube, es ist eine innere Geborgenheit. Im Lauf der Zeit habe ich festgestellt: Egal wohin man geht, auf der ganzen Welt, wollen alle dasselbe: ein normales, würdiges Leben, eine Arbeit, ein Haus, eine Familie, Freiheit – das ist eine ungeheure Verbindung untereinander. Ich habe das immer mehr gespürt: Es ist eine Welt, wo man einander etwas angeht, und wenn man das so empfindet, dann ist man eigentlich daheim.

Sie sind immer wieder nach Auslandaufenthalten in die Schweiz zurückgekommen. Wie war dieses «Heimkommen»?

Ich bin immer in enger Verbindung gewesen mit der Schweiz und mit Menschen hier, ich habe das nie verloren, ich bin nie aus der «Fremde» zurückgekommen, natürlich auch durch meine Arbeit. Ich hatte auch nie das Gefühl: Ui, was haben die hier für banale Probleme – das dünkt mich arrogant. Es sind wirklich verschiedene Welten, und wir leben in einer, die ganz, ganz klein ist, mit lauter Privilegien, aber die grosse Welt ist anders.
Ich habe aber in der Schweiz auch immer wieder Leute getroffen, die sehr engagiert sind und sich sehr auseinandersetzen mit der Welt. Ich habe nie empfunden, dass man sich in der Schweiz abschottet.

«Man ist immer verbunden mit allem»

Denken Sie heute anders über Begriffe wie Heimat, Herkunft, Zugehörigkeit?

Ich habe gemerkt, wie unglaublich entscheidend es ist, wo man geboren wird. Es ist ein Zufall, ob man in der Schweiz, im Kosovo, in Syrien und in welcher Zeit man geboren ist. Daraus erwächst wirklich eine Verantwortung. Zum Beispiel im Kosovo habe ich eine Freundin, die fast gleich alt ist wie ich, und wir haben immer darüber gesprochen: Wenn du da geboren wärest, wo ich… es ist ein anderes Leben. Schicksal.

Ein Thema, das sich auch durch Ihr Leben zieht, ist Abschied. Ist es Ihnen schwergefallen, sich von Menschen, die man liebgewonnen hat, zu verabschieden?

Ich habe viele Abschiede geübt im Leben, ich bin viel umhergezogen. Aus Beirut wegzugehen ist mir schwergefallen, dort habe ich mich sehr, sehr wohlgefühlt. Das war der entscheidende Abschied, das Ende des Korrespondentenlebens, des Lebens im Ausland. Aber ich habe die Erfahrung gemacht: Die physische Präsenz ist zwar weg und der Alltag ist anders, aber das eigentlich Wichtige geht überhaupt nicht weg. Ich habe von all diesen Stationen Freundschaften behalten, die immer noch sehr lebendig sind. Die Sehnsucht nach Orten – ich glaube, es kommt nicht so sehr darauf an, wo man ist, man ist immer verbunden mit allem.

Wir sind beinahe am Schluss, Iren Meier. Noch einmal die Frage vom Anfang: Was bleibt?

Es bleibt in mir ein Gefühl einer grossen Dankbarkeit für den Reichtum, den ich erleben durfte. Es waren zum Teil schwierige Situationen, in denen ist die Erfahrung, das Erleben am intensivsten. Wenn ich zurückschaue, kommen mir sehr viele Leute in Erinnerung, und ich denke sehr oft an Menschen, die ich getroffen habe, was sie mir gegeben haben, ihr Vertrauen. Ich bin wirklich unglaublich froh, dass ich diese Arbeit machen durfte.

Iren Meier, vielen Dank für dieses Gespräch, für Ihre Arbeit und alles Gute.    •

Quelle: SRF 1 «Tagesgespräch» vom 29. März 2018, Moderation Barbara Peter