Die digitalisierte und individualisierte Schule – ein ökonomistisches Konzept ohne pädagogische Begründung

von Dr. iur. Marianne Wüthrich

«Die Digitalisierung ist keine bildungspolitische Notwendigkeit», so Jürgen Kaube, Redaktor und Herausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», und er schliesst die Frage an: «Was ist denn, wenn die digitale Industrie ihr grosses Geschäft mit den Schulen […] gemacht haben wird, der Beitrag des Internets als Lehrmittel?» Seinen knappen, aber präzisen Kommentar schliesst Kaube mit der Feststellung, da der Nutzen der Digitalisierung nicht nachgewie­sen werden könne, müssten die Schulen auch nicht umgerüstet werden: «Und zwar zu Kosten, die einmal jemand in Lehrerstellen umrechnen sollte, damit die Dimension des Unfugs sichtbar wird, der gerade als bildungspolitische Notwendigkeit gilt.»1
Soviel vorab aus der deutschen Nachbarschaft, sozusagen als Erdung, bevor wir die Argumente zur Digitalisierung der Schule im aktuellen Dossier des Schweizer Wirtschaftsdachverbandes economiesuisse unter die Lupe nehmen.2
Economiesuisse vertritt als Dachverband von 100 Branchenverbänden, 20 kantonalen Handelskammern sowie Einzelfirmen rund 100 000 Unternehmen aus allen Branchen und Regionen der Schweiz mit etwa zwei Millionen Arbeitnehmern und ist deshalb eine der wichtigen Stimmen in der Schweizer Wirtschaftspolitik. Im vorliegenden Dossier zur Digitalisie­rung der Schule erlaubt sich economiesuisse jedoch, in die Primarschule hineinzugreifen, und propagiert abgehobene Pläne zu deren Umwälzung, die jedem Pädagogen die Haare zu Berge stehen lassen. Unserer Jugend, aber auch dem Schweizer Wirtschaftsstandort tut sie damit keinen guten Dienst.
Die beiden Verantwortlichen für das Dossier sind denn auch keine Pädagogen, sondern Volkswirtschaftler und Chefökonom bei economiesuisse (Prof. Dr. Rudolf Minsch) beziehungsweise Geisteswissenschafter mit langjähriger Praxis als Manager und Verwaltungsrat (Dr. Rudolf Wehrli). Bei economiesuisse sind sie für allgemeine Wirtschaftspolitik und Bildung zuständig, eine Kombination zweier Fachgebiete, die miteinander nichts zu tun haben dürfen.

Das Dossier geht von der Frage aus, wie die Kinder und Jugendlichen zu Zeiten der «vierten industriellen Revolution» auf die Zukunft vorbereitet werden sollen. Als wichtige Faktoren für den beruflichen Erfolg zählen sie zunächst Fähigkeiten auf, die keine Neuerfindung sind, sondern in der Schweiz mit ihrem gut ausgebauten dualen Berufsbildungssystem seit jeher zentral waren, so zum Beispiel die Sozialkompetenzen, das logisch-mathematische Denken, der Durchhaltewillen und die Bereitschaft zur Weiterbildung. (Kapitel 1: Erforderliche Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft. Vorbereitung auf das Unbekannte)

Die Schweiz ist dank dem dualen Bildungssystem gut gerüstet

Das duale Bildungssystem ist Hauptursache der geringen Jugendarbeitslosigkeit und des im internationalen Vergleich auffallend tiefen Anteils wenig qualifizierter Berufsleute, der auch im Dossier vermerkt wird.3 Die Stärken des Schweizer Bildungssystems werden auch von economiesuisse bestätigt: gute Anpassungsfähigkeit der Lehrlingsausbildung an die Bedingungen des Arbeitsmarktes, frühe Selbständigkeit der jungen Menschen im Berufsleben, grosses Weiterbildungsangebot und hohe Durchlässigkeit. Gefordert werden weitere Anpassungen der Berufsbilder und mehr Informatiklehrstellen. (Kapitel 2: Welche Konsequenzen hat die Digitalisierung für das Bildungssystem?)
Zu ergänzen ist: Diese positive Einschätzung des Schweizer Berufsbildungswesens wird nur dann realistisch bleiben, falls unsere Kinder in der Volksschule all das lernen, was sie für ihr Leben als Erwachsene brauchen. Die Volksschule darf kein Experimentierlabor sein. Dazu soll als Beispiel die geplante Umwälzung des Sprach- und Mathematikunterrichts gemäss Dossier (und gemäss Lehrplan 21!) unter die Lupe genommen werden.

Mit Digitalisierung und Individualisierung zur Zwei-Klassen-Gesellschaft

Dass als Folge der Schulreformen ein immer grösserer Anteil unserer Schulabgänger mangelhafte Kenntnisse in den Grundlagenfächern Deutsch und Mathematik mitbringt, beklagen die Berufsschulen und die Ausbildner in den Betrieben seit langem. Deshalb muss die Schule zuallererst die nötigen Kenntnisse in Deutsch und Mathematik vermitteln und die dafür notwendige Unterrichtszeit zur Verfügung stellen, soweit ist sich economiesuisse mit pädagogischen Fachleuten einig. (Kapitel 3: Welche Konsequenzen hat die Digitalisierung für die Schule?)
Wie soll nun diese Zeit eingesetzt werden? Es brauche eine Kombination von «Präsenzunterricht» und E-Learning, so das Dossier. Dass sogar an Hochschulen Online-Kurse ohne Anleitung zu hohen Abbruchquoten und mässigem Lernerfolg führen, zeige die Wichtigkeit der sozialen Interaktion für den Lernerfolg.

Unter «sozialer Interaktion» kann vielerlei verstanden werden

Deutsch und Mathematik könnten heute dank Digitalisierung völlig individualisiert unterrichtet werden, so ihre Theorie: «Wirklich bedeutend wird der Einsatz digitaler Unterrichtshilfen, wenn sich dadurch Didaktik und Pädagogik verändern. Das Potential der Digitalisierung für den Unterricht ist riesig: Erstmals ermöglicht es den Lehrpersonen, einen vollständig individualisierten Unterricht organisatorisch zu bewältigen. Die Individualisierung wird unter anderem durch das Vorhandensein von Echtzeitdaten über das Verhalten, die Lernfortschritte und die Lösungsstrategien der Lernenden ermöglicht.» (Kapitel 3)
Dank der passenden Software könne jedes Kind seinem Stand entsprechend beschäftigt werden, ohne dass der Lehrer täglich zwanzig verschiedene Arbeitsblätter vorbereiten muss: «Die Heterogenität bzw. die Unterschiede in den Kompetenzen der Lernenden sind zu gross, als dass jeder oder jede am Ende des Schuljahres auf demselben Wissensstand sein kann. Es wäre dementsprechend wichtig, dass der Unterricht diese Heterogenität angemessen berücksichtigt. Die dazu notwendige Individualisierung des Unterrichts scheiterte aber in der Vergangenheit daran, dass der Arbeitsaufwand für die Lehrpersonen explodierte. Sie mussten für jede Schülerin und für jeden Schüler ein individuelles Lernprogramm zusammenstellen, den Lernerfolg kontrollieren und dokumentieren.»

Radikaler Umbau des Lehrerberufs und der Aufgabe des Lehrers

Die Lernkontrolle erledigt neu die Software, da wird im wahrsten Sinne des Wortes «Buch geführt», ob und wie das Kind lernt und vorankommt, alles wird digital dokumentiert und überwacht, und darauf basierend wird ihm jeweils die nächste digital erstellte Lernportion vorgesetzt. Dies ist in Wirklichkeit kein Unterricht. Hier ist kein Lehrer am Werk, sondern eine Aufsichtsperson, die schaut, dass jeder beschäftigt ist.  
Der Beruf des Lehrers beinhaltet im Gegensatz dazu etwas völlig anderes: Seine hohe Aufgabe besteht gerade darin, aus seiner «heterogenen» Schar eine Klassengemeinschaft zu bilden, in der er mit den Schülern und die Schüler untereinander den Lernstoff auf vielerlei Art durcharbeiten und üben, so dass – wenn immer möglich – jedes Kind mitgenommen werden und die Lernziele erreichen kann. In Zeiten der Integration und Inklusion ist dies zugegebenermassen manchmal kaum möglich, dort müssen zusätzliche Pädagogen im Unterricht eingesetzt werden. Für die Schüler, die rasch und leicht lernen, werden sich immer Zusatzaufgaben finden, oder sie vertiefen ihr Wissen, indem sie es ihren Nachbarn erklären – um sie müssten wir uns nicht so viele Sorgen machen, wie dies heute üblich ist.
Solche Lehrer – echte Lehrerpersönlichkeiten – sind im Zeitalter der Digitalisierung bei den Strippenziehern nicht mehr erwünscht (bei zahlreichen Eltern und Lehrern aber schon!). An den Schweizer Pädagogischen Hochschulen wird emsig am Umbau des Lehrerberufs gefeilt, und economiesuisse reiht sich bedauerlicherweise in den Chor derer ein, die mitverantwortlich sind für den Niedergang unserer guten Volksschule: «Die Pädagogischen Hochschulen sind gefordert, dass alle Lehrkräfte die erforderlichen Kompetenzen im Bereich der Digitalisierung mitbringen. Dies betrifft nicht nur die Lehrkräfte in Ausbildung. Auch die bereits aktiven Lehrkräfte müssen für die Digitalisierung fit gemacht werden.»4 Und unter Punkt 4: «Der zweckmässige Umgang mit der Digitalisierung im Unterricht erfordert von den Lehrpersonen ein Umdenken. Sie müssen und können nicht länger überall bessere Kenntnisse haben als die Lernenden. […]» Als ob der Lehrerberuf darin bestünde, gegenüber den Schülern den Besserwisser zu spielen!

Abkehr vom Menschenrecht auf Bildung und Chancengleichheit – IBM und Bertelsmann machen’s möglich

Aufschlussreich sind die Quellen, auf die economiesuisse in Kapitel 3 des Dossiers seine in keiner Weise pädagogisch begründeten Ratschläge für die Volksschule stützt:

  • eine Schweizer Privatschule, die seit einigen Jahren eine gemeinsam mit IBM Schweiz entwickelte Software einsetzt, mit vollständig individualisierter Beschäftigung der Schüler und totaler Überwachung ihres Tuns,
  • ein Buch von Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt «Die digitale Bildungsrevolution. Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können». Die beiden Autoren haben an erster Stelle das Geschäft mit den Schulen im Auge, denn beide gehören zur Bertelsmann-Stiftung, Dräger als Vorstandsmitglied, Müller-Eiselt «forscht für die Bertelsmann-Stiftung, wie der digitale Wandel unsere Gesellschaft verändert, und twittert […] und bloggt […] über die Bildung von morgen.»
  • Das New Yorker Projekt «New Classroom», das Dräger/Müller-Eiselt als 2-Minuten-you tube-Trickfilmchen präsentieren, hat es den Economiesuisse-Autoren offenbar angetan. Auf dessen magerer Basis malen sie – die keine Ahnung vom Lehrerberuf und vom Unterricht haben! – locker vom Hocker aus, wie es in unserer Volksschule künftig zugehen soll: «In diesen Fächern [Deutsch und Mathematik] sollten die Schülerinnen und Schüler nicht gemäss dem Alter in Klassen eingeteilt werden, sondern gemäss ihren Fähigkeiten in Lerngruppen. Beispielsweise würden die Schüler zwischen 8 und 10 Uhr in Lerngruppen unterrichtet werden, um anschliessend wieder in die Jahrgangsklasse zurückzukehren. […] Eine Lehrperson könnte beispielsweise die zweite Klasse unterrichten und die Lerngruppe B in Mathematik, in der Schülerinnen und Schüler aus der ersten, zweiten und dritten Klasse beisammen sind. In diesem Setting ist individualisierter Unterricht kombinierbar mit gemeinsamen Einführungslektionen oder Gruppenarbeiten. […] Die schulischen Heilpädagogen würden entsprechend die Lerngruppen von Kindern übernehmen, welche eine besondere Unterstützung benötigen.»

Eine unheimliche Zukunftsvision! Unsere Volksschule darf kein Experimentierfeld für unausgegorene Ideen von Ökonomisten sein, die glauben, Unterricht sei als vollautomatisiertes «Setting» möglich. Besonders beklemmend, wenn ein derartiger Versuch am lebenden Menschen bereits mit kleinen Kindern zu Beginn ihrer Schulzeit geplant ist. Erstklässler, die sich nicht in der digitalisierten Lernwelt zurechtfinden, werden um ihr Menschenrecht auf Bildung und Chancengleichheit betrogen und von Anfang an aussortiert: Auch in der digital organisierten 20:80-Gesellschaft braucht es noch schlecht entlöhntes Hilfspersonal …
Noch ein Wort zur Schulsprache, in der Deutschschweiz also Deutsch: Sprache kann man nur in Beziehung lernen: mit gemeinsamem Lesen und Gespräch, mit Schreiben, Korrigiertwerden und Verbessern, mit Grammatik- und Satzbauunterricht, mit Rechtschreibregeln und Wortschatzübungen und mit Lesen, Lesen, Lesen … Ganz gewiss nicht mit individualisierten Lückentexten und «kreativem» Drauflosschreiben ohne Lehrerkorrekturen, wie dies der Lehrplan 21 vorsieht und wie es offenbar auch den Verfassern des Dossiers vorschwebt.

Öffnung der Schweizer Volksschule für Public Private Partnership?

Schliesslich darf hier eine Forderung des Economiesuisse-Papiers nicht unerwähnt bleiben, nämlich das Hineingreifen privater Unternehmen in die öffentliche Volksschule: «Die Schulzimmer öffnen! Eine Lehrperson muss nicht alleine alle Ziele des Lehrplans abdecken. […] Auch eine Öffnung der Klassenzimmer ist in Betracht zu ziehen: Unterrichtseinheiten zur Informatik könnten Verwandte oder Bekannte der Lehrpersonen oder der Schülerinnen und Schüler [als unbezahltes Hilfspersonal?] in Zusammenarbeit mit der Lehrperson anbieten. […] Auch sollte die Volksschule Public Private Partnership offener gegenüberstehen. Damit der Einzug der Informatik in den Unterricht nicht zu viel Zeit benötigt, können Kooperationen zwischen privaten Unternehmen und den Schulen zweckmässig sein.» (Kapitel 3, Punkt 5)
Hier schliesst sich der Kreis: Spätestens an dieser Stelle dürfte jedem Leser klar werden, wessen Interessen im vorliegenden Dossier die Priorität haben – nicht die der Kinder und Jugendlichen, auch nicht die der Lehrbetriebe – was von economiesuisse eigentlich zu erwarten wäre – sondern die von Apple, Microsoft, Bertelsmann & Co.
Economiesuisse, die sich als Schweizer Wirtschaftsdachverband bezeichnet, hat nicht nur einige globalisierte Konzerne zu vertreten, sondern in erster Linie die zahlreichen in der Schweiz verwurzelten KMU und auch grössere Unternehmen. Diese suchen dringend schulisch und menschlich geeignete Schulabgänger, welche fähig und bereit sind, zu kooperieren und sich anleiten zu lassen. Die totale Digitalisierung und Vereinzelung der Kinder in der Volksschule ist ein denkbar schlechtes Rezept für die Erhaltung des guten Schweizer Wirtschaftstandorts.    •

Anmerkung zu den Fussnoten:
Als «zeitgemässe» Online-Abhandlung enthält das Dossier «Digitalisierung – Herausforderungen und Chancen für die Schule» keine Seitenzahlen, sondern nur 4 Kapitel und eine Reihe statistischer Diagramme. Deshalb ist die Angabe der zitierten Stellen nur ungefähr möglich.

1    Kaube, Jürgen. Grosser Unfug. Digitalisierungskommentar. Faz.net vom 31.3.2018
2    Digitalisierung – Herausforderungen und Chancen für die Schule vom 9.2.2018. https://www.economiesuisse.ch/de/dossiers/digitalisierung-herausforderungen-und-chancen-fuer-die-schule
3    vgl. Grafik 2 der Weltbank von 2016 in Kapitel 1
4    Digitalisierung – Herausforderungen und Chancen für die Schule vom 9.2.2018. In Kapitel 3 Punkt 6: Verändert die Digitalisierung die Lerninhalte der obligatorischen Schule?