Krankenschwester – ein ewiger Beruf

von Moritz Nestor

«Die ‹Schwester› war die Ehrenbezeichnung für die mitmenschliche Dimension der Krankenpflege. Nachttöpfe leeren und Essen bringen kann jeder, aber Pflege ist mehr. Pflegen ist keine Technik, kann nicht programmiert werden oder berechnet.» (Bild keystone)

Wieso hat man es fertig gebracht, die «Krankenschwester» in «Pflegefachfrau» umzubenennen? Damit der Beruf aufgewertet oder «professioneller» wird?
Ein Kollege erzählte mir neulich, als er im Spital lag, habe ihn eine junge hübsche Frau am Bett begrüsst: «Guten Tag! Ich bin Frau X, ich bin Pflegefachfrau, ich bin ihre Bezugsperson.» Er habe eine Millisekunde mit dem Gedanken gespielt, sie hinauszujagen, aber er habe gewusst, dass sie ja nichts dafür konnte, und habe es gelassen. Sie habe nicht gefragt: «Wie geht es Ihnen?», sondern habe gleich mit der Erhebung einer Patientenanamnese begonnen. Die bosnische Putzfrau habe sich am Morgen immer fröhlich erkundigt, wie es ihm gehe, ehe sie gewischt habe. Danach sei das Zimmer wärmer gewesen.
Der Arzt Viktor von Weizsäcker hat einmal beschrieben, was das Wesen des Arztes ist: «Wenn die kleine Schwester den kleinen Bruder in Schmerzen sieht, so findet sie vor allem Wissen einen Weg: Schmeichelnd findet den Weg ihre Hand, streichelnd will sie ihn dort berühren, wo es ihm weh tut. So wird die kleine Schwester zum ersten Arzt. Ein Vorwissen um eine Urwirkung waltet unbewusst in ihr: Es leitet ihren Drang zur Hand und führt die Hand zur wirkenden Berührung. Denn dies ist es, was der kleine Bruder erfahren wird: Die Hand tut ihm wohl. Zwischen ihn und seinen Schmerz tritt die Empfindung des Berührtwerdens von schwesterlicher Hand, und der Schmerz zieht sich vor dieser neuen Empfindung zurück. Und so entsteht auch der erste Begriff des Arztes, die erste Technik der Therapie. Eigentlich steckt hier das Arztsein ganz in der kleinen Hand … auch wenn die Hand grösser wird und sich mit Instrumenten bewaffnen oder ihre Kraft ausleihen wird an heilsame Gifte oder den sprechenden Mund, immer bleibt sie, diese zum Tasten und Greifen, zum Schmiegen und Kühlen gleich Geschickte ein Wesen auch des späteren ärztlichen Tuns … Die Heilhandlung besteht … in einer Berührung zweier Menschen, … im Anblick des Schmerzes kann man nicht bewegungslos bleiben, man muss sich entweder ihm zuwenden oder sich von ihm abwenden. Das ist eigentlich der Sinn der Berufswahl zum Arzt, dass man sich dem Schmerz zuwendet.» Und man möchte hinzufügen: Das gilt für alle Menschen.
Es gibt Berufe, die kommen und gehen wie die Mode. Der Beruf des Arztes aber, so Viktor von Weizsäcker, ist «ein immerwährender», «weil es ein ewiges Schicksal ist, dass wir krank werden und Hilfe brauchen … aber die Medizin kommt nicht und geht nicht wie ein Volk, eine Kultur». Arzt, und das gilt ebenso für die Krankenschwester oder den Krankenpfleger, sind keine Modeberufe. Denn wir Menschen sind lebendige Wesen, und unser Leben ist so zerbrechlich. Wir werden immer krank sein – wie gut auch die Techniken und Anwendungen der Medizin sein werden.
Das Wichtigste aber ist doch auch: Die «Schwester» war die Ehrenbezeichnung für die mitmenschliche Dimension der Krankenpflege. Nachttöpfe leeren und Essen bringen kann jeder, aber Pflege ist mehr. Pflegen ist keine Technik, kann nicht programmiert werden oder berechnet. Es gehörte in allen Hochkulturen zur Würde der Frau, dass sie Leben schenken kann. Und es war ein Teil dieser Würde, dass die Frauen zu Schwestern der Kranken wurden. Zu Krankenschwestern. Wieso begannen am Ende des 19. Jahrhunderts Frauen in den von Männern geführten Kriegen, im Dienst am Leben Kranke und Verwundete zu retten und zu pflegen? Dass Frauen als Schwestern nicht dem Krieg, sondern dem Leben dienten, war das menschliche Licht auf den Gesichtern der leidenden Männer und gab ihnen ein Stück Hoffnung wieder: Es gibt doch noch etwas anderes als Töten.
Mein Vater lag 1943 als Schwerverwundeter mehr als ein halbes Jahr im Reservelazarett Görlitz, bis sein Kopfschuss und seine Erfrierungen ausgeheilt waren. Auf dem einzigen erhaltenen Photo aus jener Zeit steht am Kopfende des Krankenbettes neben den Eltern und der Verlobten auch Schwester Hilde. Wie mein Vater sie nach dem verfluchten Ende des verfluchten Krieges wiedergefunden hat, weiss ich nicht. So lange aber, wie Schwester Hilde lebte, kam sie regelmässig, zuletzt mit schlohweissen Haaren und krummem Rücken, zu uns in die Familie zu Besuch, und Vater hielt die Beziehung zu ihr in hohen Ehren. In ihrer Gegenwart war er, der schnell aufbrauste, ein anderer. Er nannte sie herzlich ‹Schwester Hilde›, und sie sagte herb herzlich: «Wie geht es, Nestor». Als sie über achtzigjährig starb, hinterliess sie uns einen schwarzen Stock mit silberner Krücke, an dem sie die letzten Jahre gegangen war und den Vater in andenkenden Ehren hielt. Sie war ihm Schwester gewesen in seiner schwersten Zeit. Wenige haben damals einen Kopfschuss überlebt.
Im Buch von Gertrud Schwing «Ein Weg zur Seele des Geisteskranken»1 findet sich das bewegende Beispiel einer dreissigjährigen Psychiatriepatientin, die seit Monaten kataton ist und künstlich ernährt wird. «Ich setze mich während einiger Tage immer zur selben Zeit eine halbe Stunde still neben das Bett. Drei, vier Tage bleibt es still in der Zelle. Doch dann hebt sich die Decke ganz wenig. Zwei dunkle Augen schauen sich vorsichtig um. Angst und ein tiefes Wundsein liegen darin. Langsam erscheint das ganze Gesicht. Leer, tot ist es, wie eine Maske. Ich verhalte mich passiv und, dadurch sicher gemacht, richtet sie sich auf und beginnt mich zu beobachten. Und am nächsten Tag öffnet sich der Mund, der so lange verstummt war. ‹Bist du meine Schwester?› fragt sie. Auf mein ‹Nein› fährt sie weiter: ‹Aber jeden Tag bist du zu mir gekommen, heute, gestern und vorgestern.›»
Das Beispiel sollte zu denken geben. Wieso fragte die Patientin, ob die Krankenschwester Gertrud Schwing ihre Schwester sei? Sollten wir diese Dummheit nicht wiedergutmachen und wieder Schwester sagen?    •

1    Schwing, Gertrud. Ein Weg zur Seele des Geisteskranken. Zürich 1940. Englisch: A Way to the Soul of the Mentally Ill. New York 1954. Mit einem Vorwort von Frieda Fromm-Reichmann.