«Der Zweck der Raiffeisen ist die gemeinsame Selbsthilfe»

Felix Walker fordert, die Bank müsse zu ihren genossenschaftlichen Wurzeln zurückkehren

von Georg Koch

Aus dem Kreis des katholischen Männervereins Bichelsee, dem «Pius-Verein» um den Pfarrer Johann Evangelist Traber, wurde im konfessionell neutralen Schulhaus Balterswil am 21. Dezember 1899 die erste Schweizer Raiffeisen-Kasse ins Leben gerufen, die am 1. Januar 1900 in Bichelsee ihren Betrieb aufnahm. Die Gründung sollte eine solide ökonomische Grundlage haben und der «schädlichen Genusssucht» und «Eitelkeit» entgegenwirken.
Pfarrer Traber schrieb nach einigen erfolgreichen Jahren der ersten Schweizer Raiff­eisenkasse über den Zweck dieser gemeinwohlorientieren Genossenschaftsbank: «Die Raiffeisen’schen Darlehenskassenvereine sind ein wirksames und unfehlbares Mittel, um den Mittelstand gegenüber dem Grosskapital wieder auf eigene Füsse zu stellen. Sie sind das Samenkorn für die Freiheit und das Aufblühen des Mittelstandes, eine der schönsten und segensreichsten Erfindungen unseres Jahrhunderts.»

«Die Raiffeisenkassen haben sich in der Schweiz wie auch in anderen Ländern rasant entwickelt. Die Landwirtschaft und auch der Mittelstand haben gerade in den ländlichen Gebieten enorm von der Raiff­eisenbewegung profitiert. Der Genossenschaftsgedanke, dass das, was dem einzelnen nicht möglich ist, durch vereinte Kräfte erreicht werden kann, hat sich überall auf der Welt bewährt.»

Wie schon zuvor in Deutschland, Österreich und anderen Ländern blühten die Raiff­eisenkassen auch in der Schweiz auf, so dass bereits beim Tode Trabers, am 29. Oktober 1930, in der Schweiz 516 Kassen mit 45 278 Genossenschaftern existierten. Während die ersten 40 Genossenschafter von Bichelsee mit einem Betriebskapital von 40 000 Franken starteten, verfügten die 516 Kassen von 1930 bereits über ein bei ihnen angelegtes Vermögen in Höhe von 133,6 Millionen und hatten einen Jahresumsatz von 611 Millionen Franken. Und das nur ein Jahr nach der Weltwirtschaftskrise, die auch die Schweiz erschütterte.
Um von fremdem Kapital möglichst unabhängig zu werden, hatte bereits Raiffeisen die Notwendigkeit eines Zentralverbandes der Raiffeisenbanken erkannt. Hierzu gründete er am 30. September 1876 in Neuwied die «Landwirtschaftliche Zentral-Darlehnskasse». Damit die Aufsichtsratsmitglieder der Zentral-Darlehnskasse nicht eigennützig, sondern gewissenhaft und gemeinwohlorientiert arbeiten, bestimmte Raiffeisen: «Sie sind fast ausschliesslich Vorsteher von örtlichen Vereinen, geniessen persönlich von letzteren sowie von der Zentral-Darlehnskasse keinerlei Vorteile, haften dagegen mit ihrem ganzen Vermögen und arbeiten unentgeltlich.»
Die Geschäfte der Raiffeisenkassen sollten der landwirtschaftlich tätigen, regionalen Bevölkerung zugute kommen. Jegliche Spekulationsgeschäfte oder Aktienhandel und Wucherei genauso wie Genusssucht und unnütze Ausgaben lehnte Raiffeisen ab: «Von Wertpapieren, und wenn es auch die sichersten Staatsschuldscheine wären, will die ländliche Bevölkerung nichts wissen. […] Wenn einmal die Geldanlage in solchen Papieren auf dem Lande eingeführt wäre, so würde es schwerfallen, ja unmöglich sein, die Grenze dafür einzuhalten. Es würde leicht dahin kommen, dass auch die Papiere von Schwindelanstalten eingeführt würden, was unberechenbaren Schaden anrichten könnte.»
Im Gegensatz zu dem, was anscheinend heute im Dachverband Raiffeisen Schweiz üblich zu sein scheint, soll nach Raiffeisen die Zentralkasse kein Gewinnstreben verfolgen. Sie solle einzig der Erhaltung der einzelnen Raiffeisen-Genossenschaften dienen. «Die Zentral-Darlehnskasse ist keine Bank im gewöhnlichen Sinne des Wortes, sondern eine Ausgleichungsstelle zwischen den beteiligten Vereinen. Für die Vereine, welche Geldüberfluss haben, dient dieselbe als Aufbewahrungsstätte für diejenigen, welchen Geld mangelt, als eine Hilfsquelle.»
Bereits 1901 dachte auch Pfarrer Traber in Bichelsee über die Gründung eines Raiff­eisenverbands nach. Er habe zu funktionieren als Revisions- und Zentralkassenverband. Als Revisionsverband besitze er die Aufgabe, eine periodische Revision der Verbandskassen vorzunehmen, «dieselbe vor Missgriffen, wie vor Erschlaffung zu bewahren, überhaupt für Heranbildung tüchtiger Raiff­eisenmänner zu sorgen und die Verbreitung der Raiff­eisenkassen wirksam zu befördern.»  Als Zentralkassenverband werde er eine Zentralkasse gründen, bei der sich die einzelnen Verbandsvereine beteiligen können; um dem Mittelstand zu dienen, soll diese Kasse unter günstigen Bedingungen den Geldausgleich unter den einzelnen Kassen besorgen. Nachdem sich in der Schweiz etwa zwei Dutzend Raiffeisenkassen gegründet hatten, fand am 25. September 1902 im Hotel Linth-Escher in Zürich die Gründungsversammlung des Verbandes Schweizerischer Raiffeisenkassen statt. Unter Vorsitz von Pfarrer Traber machten 10 Raiffeisenkassen von Anfang an mit. Man beschloss, dass der Zentralkassenverband eine Genossenschaft sein sollte, in der die einzelnen Raiffeisenkassen Genossenschafter werden sollten. Bichelsee wurde unter Vorsitz von Pfarrer Traber der erste Sitz des neuen Verbandes.
Die Raiffeisenkassen haben sich in der Schweiz wie auch in anderen Ländern rasant entwickelt. Die Landwirtschaft und auch der Mittelstand haben gerade in den ländlichen Gebieten enorm von der Raiffeisenbewegung profitiert. Der Genossenschaftsgedanke, dass das, was dem einzelnen nicht möglich ist, durch vereinte Kräfte erreicht werden kann, hat sich überall auf der Welt bewährt. Der Museumsdirektor im Raiffeisen-Museum in Raiffeisens Geburtshaus in Hamm an der Sieg berichtete uns von einem Japaner, der vor kurzem auf der Eingangstreppe zum Geburtshaus niederkniete mit den Worten: «Dieser Mann hat unsere Not in Japan gelindert.»
In der Wirtschaftskrise 2008 hoben viele Menschen ihr Geld bei den grossen Geschäftsbanken ab und brachten es zur Raiff­eisenbank. Sie vertrauten darauf, dass den Genossenschaftsbanken Spekulationsgeschäfte fremd sind und dass sie regional verankert sind. Raiffeisen hatte doch als «ersten und wichtigsten Grundsatz» gefordert, dass ein Genossenschaftsbezirk möglichst klein und abgegrenzt wird, «also sich in der Regel nur auf eine Zivil- oder Pfarrgemeinde von durchschnittlich 1500 Seelen erstreckt.» Nach den Berichten in Insight Paradeplatz und der Tagespresse müssen gutgläubige Genossenschafter nun feststellen, dass sich die Vorderen unter Pierin Vincenz im Genossenschaftsverband Raiffeisen Schweiz in enormem Ausmass von den Prinzipien Raiffeisens entfernt haben. Nicht nur der überhastete Kauf der Investmentbank Notenstein für 600 Millionen Franken, die Beteiligung am Derivatehaus Leonteq und der inzwischen staatsanwaltlich untersuchte Deal des sogenannten Investmentvehikels Investnet brechen mit den Prinzipien Raiffeisens. Auch der allgemeine Lohnanstieg in der Zentrale in St. Gallen seit 2000 um 50 Prozent sowie die letztjährige Lohnerhöhung des Verwaltungsrats von Raiff­eisen Schweiz um 43,5 Prozent sind sowohl für die Mitarbeiter in den örtlichen Genossenschaften als auch für die Eigentümer der Raiffeisenbank, die Genossenschafter selber, nicht mehr nachvollziehbar.
Damit das Vertrauen in die Genossenschaftsbank Raiffeisenbank wieder hergestellt wird, fordert Felix Walker, der Vorgänger von Pierin Vincenz, in der NZZ am Sonntag, was vielen Genossenschaftern aus dem Herzen spricht: «Der Zweck der Raiff­eisen ist die gemeinsame Selbsthilfe. Dieses genossenschaftliche Prinzip muss den Mitgliedern dienen und nicht den Führungsorganen.» Raiffeisen müsse sich wieder stärker von den renditegetriebenen Banken unterscheiden. Felix Walker fordert wieder mehr Macht für die Genossenschafter. Eine Rückbesinnung auf die Prinzipien und Werte Raiff­eisens und Trabers ist fällig.
Dass dies möglich ist, haben die Genossenschafter der Raiffeisenbank Wängi-Matzingen am 20. April 2018 gezeigt. Nach einer langen und eindrücklichen Debatte an der diesjährigen Generalversammlung weigerten sich 598 von 777 anwesenden Genossenschaftern, dem Druck von Raiffeisen Schweiz nachzugeben. Sie liessen die geplante Fusion der beiden Thurgauer Raiffeisenbanken Matzingen-Wängi mit Münchwilen-Tobel platzen. Sie wollten nicht, dass die Raiffeisenbank zu einer immer unpersönlicheren Geschäftsbank wird, und forderten wieder mehr Einfluss der eigentlichen Eigentümer. Im Gegensatz zu den Beratern von Raiffeisen Schweiz sahen sie in der weiteren Zentralisierung durch eine noch grössere Genossenschaft keinen Vorteil, sondern einen Verlust von regionaler Verankerung, persönlicher Nähe und Mitbestimmung.    •

Don’t worry – be Wängi …

In den Raiffeisen-Genossenschaften rumort es. Die Generalversammlung der Raiffeisen-Genossenschaft Wängi-Matzingen lehnte eine Fusion mit Münchwilen-Tobel wuchtig ab

gk. Wängi. Nach den Schlagzeilen um den ehemaligen Raiffeisenchef Pierin Vincenz rumort es nun auch an der Basis. Es kommt sehr selten vor, dass die Raiffeisengenossenschafter ihren Verwaltungsräten die Gefolgschaft verweigern. Am 20. April 2018 haben die Genossenschafter der Raiff­eisenbank Wängi-Matzingen an ihrer diesjährigen Generalversammlung die Fusion mit der Raiffeisenbank Münchwilen-Tobel deutlich verworfen. Wider alle Erwartungen lehnten 598 von 799 anwesenden Genossenschaftern die Fusionierung ab. In zahlreichen Stellungnahmen der von 19:00 bis 23:30 Uhr dauernden Generalversammlung liessen sich die Redner nicht von den wohlklingenden Ausführungen des Verwaltungsrats blenden: Aus der Position der Stärke heraus wolle man die Zukunft gestalten und für die Genossenschaftsmitglieder die zukünftige Raiffeisenbank Münchwilen-Wängi zu einer zeitgemässen Bank entwickeln und die Kunden besser beraten.
Die Votanten hielten diesen Versprechungen jedoch entgegen, dass sie ihre Raiffeisenbank auch auf Grund der aktuellen Bilanz für wirtschaftlich gesund halten und dass sie sehr zufrieden sind mit der aktuellen Beratung. Sie erinnern daran, dass der wichtigste Zweck der Genossenschaft die «gemeinsame Selbsthilfe» sowie die «Verbreitung und Vertiefung des genossenschaftlichen Gedankengutes von Friedrich Wilhelm Raiff­eisen» seien. Da stünde nichts von der Jagd nach Rekordgewinnen. «Bleiben wir also wie der Schuster bei seinem Leisten und behalten wir unsere Dorfbank in überschaubarer Grösse.» Sie sehen in der Verdoppelung der Genossenschaftsmitgliederanzahl auf dann 9600 Genossenschafter keinen Vorteil, sondern einen Abbau von Mitbestimmung als Mitbesitzer der Bank. Sie befürchten, mit der weiteren Zentralisierung der Raiffeisenbank für die Geschäftsleitung zu einer unpersönlichen Nummer zu werden. Sie akzeptieren den Abbau der Mitbestimmungsmöglichkeit in einer Generalversammlung nicht, wenn diese nur noch zu einem «gesellschaftlichen Anlass» mit einem feinen Essen degeneriert. Eine solche Grösse und Zentralisierung sei nicht kompatibel mit den Auffassungen von Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Die Kontrolle des Verwaltungsrats und der Bankleitung durch die Mitbesitzer der Bank liesse sich dann noch schlechter gewährleisten. Eine weitere Zentralisierung der Raiffeisenbank böte noch mehr Möglichkeiten, die Raiff­eisenbank von oben nach unten zu dirigieren. Zudem musste auch der Präsident bestätigen, dass bei einer sehr guten Bilanz von 620 Millionen Franken eine Fusion weder aus rechtlichen noch aus finanziellen Gründen nötig sei. Angemahnt wurde auch, dass doch gerade die persönliche Vertrautheit zwischen der Bankleitung und den Genossenschaftern sowie die regionale Verankerung und Bodenständigkeit in der Wirtschaftskrise 2008 dazu geführt haben, dass viele Menschen ihre Gelder bei den Geschäftsbanken abgezogen haben und zur Raiffeisenbank gewechselt sind. Die dem Solidaritätsgedanken Friedrich Wilhelm Raiffeisens zutiefst widersprechenden Machenschaften des ehemaligen CEO Pierin Vincenz führten bei den Genossenschaftern zu wiederholten Fragen nach der genossenschaftlichen Aufsicht über den Verbund Raiffeisen Schweiz.
Das wuchtige Ablehnungsergebnis wurde auch dadurch ausgelöst, dass in der perfekt ausgebauten Fusionsplanung zukünftig nicht ein bewährter und ethisch überzeugter Raiffeisengenosse die Präsidentschaft ausüben sollte, sondern ein den Genossenschaftern nicht bekannter Banker mit 20 Jahren Berufserfahrung bei der Geschäftsbank UBS.
Die Bankleitung und der Verwaltungsratspräsident wurden von dem wuchtigen Nein der Genossenschafter deutlich überrascht. Anscheinend glaubten sie und ihre Berater von Raiffeisen Schweiz an die Weisheiten von Lehrbüchern zum Fusionsmanagement von Raiffeisenbanken. Dort wird die «Ausübung von Eigentümerrechten» als unwichtigster «Member-Value-Bestandteil» für die Genossenschafter gesehen. Ihre Eigentümerrechte seien also den Genossenschaftern nicht wichtig. Nach Auffassung solcher Manager sei den Genossenschaftern einzig die Inanspruchnahme von Leistungen wie kostenloser Museumseintritt oder ein feines Abendessen sowie die Verzinsung ihrer Anteilsscheine wichtig. In den Raiffeisenbanken würden zum Beispiel laut der Autorin Vanessa Arts die «Kunden- vor den Eigentümerinteressen» dominieren. Die Generalversammlung in Wängi hat bewiesen, dass dies ein Irrtum ist. Auch das Versprechen, dass keine Zweigstellen geschlossen werden, wurde in der Wängener Generalversammlung hinterfragt. Mit Recht, wenn man bei Venessa Arts liest: «Filialschliessungen sollten daher nach knapp der Hälfte der Experten nicht Bestandteil einer Fusion sein. Sie sollten, so lange es geht, auf der zeitlichen Ebene hinausgeschoben werden.»
Der Abend klang aus mit den Darbietungen eines Appenzeller Musikers, der in beeindruckender Spontaneität den Ablauf der Generalversammlung in seinen eigenwilligen Songs kommentierte. Sein letztes Lied war «Don’t worry – be happy …». Noch besser hätte gepasst: «Don’t worry – be Wängi …»