Menschenhandel und Sexsklaverei – entlang der Donau

von Dr. phil. Barbara Hug

Auf Initiative der Stadt Ulm wurde in Budapest im Oktober 2017 eine bedeutende Erklärung verabschiedet. Die gesellschaftlichen und politischen Institutionen im Donau-Raum und auf der EU Ebene wurden aufgefordert, konkrete Massnahmen zur Bekämpfung des Menschenhandels und der Zwangsprostitution einzuleiten.
Wie kam es zu dieser Erklärung, warum wurde sie notwendig?
Sie bezweckt, die schwerstwiegenden Missstände im Bereich Frauen- und Menschenhandel, der geogaphisch entlang der Donau stattfindet, deutlich zu benennen und zu belegen. Das Tabu und das Wegschauen von der wenig erbaulichen Rotlicht-Prostitutionsszenerie müssen ein Ende haben.
Belegt und dokumentiert werden die Fakten durch die ausgezeichnete Aufarbeitung des erfahrenen, ehemaligen Kriminalhauptkommissars Manfred Paulus aus Ulm. Unzählige Reisen führten ihn an die Brennpunkte des Frauen-Menschenhandels, zum Beispiel nach Ungarn, Kroatien, Kosovo, Rumänien, Mazedonien, Albanien und weitere mehr. Der Donau-Raum sei das europäische Rekrutierungs-, Transit- und Ausbeutungszentrum der «Ware Mensch». Paulus weist auf die Not der jungen Frauen hin, die sich auf den Weg der Prostitution begeben müssen, weil sie keinerlei Existenzmöglichkeit in ihrer Heimat haben. Die existenzielle Not, nicht nur der Frauen, sondern auch deren Familien, ermöglicht den Frauenhändlern den Zugriff auf die Frauen. Man ist schon etwas erstaunt, wenn man die Zahlen liest. Menschenhandel und Drogenhandel sei der drittgrösste Bereich der organisierten Kriminalität in Deutschland, so Paulus. An den Nahtstellen von Arm zu Reich werden Menschen als Ware behandelt. In diesem Sinne kommt auch Wien auf Grund seiner Lage eine Schlüsselstellung zu.
Paulus belegt seine Ausführungen mit Zahlen und Fakten für den gesamten Donau-Raum. Hier seien die Länder aufgezählt: Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Kosovo, Albanien, Mazedonien, Rumänien, Bulgarien, Moldawien, Ukraine. Das brutale Geschäft des Menschen- und Frauenhandels wird von sehr gut organisierten Gruppen betrieben, die ohne weiteres dem Bereich der organisierten Kriminalität zugeordnet werden können. Roberto Scarpinato, Oberstaatsanwalt aus Palermo, dem man wohl tiefe Einsichten und Kenntnisse in diese Strukturen zugesteht, warnte Deutschland, nicht nur einmal:
«Die deutschen Gesetze stammen aus dem vergangenen Jahrhundert und sind nicht geeignet, die Mafia (oder OK) wirksam zu bekämpfen». Neue Massnahmen seien also dringend erforderlich, doch der politische Wille – wo ist er?
In der Donau-Raum-Initiative der Stadt Ulm erwuchs ein gemeinsames Bemühen und die gemeinsame Überzeugung, dass gegen das erbärmliche, brutalste Geschäft mit dem weiblichen Körper etwas getan werden muss. Man kann sich nicht der «europäischen Wertegemeinschaft» rühmen und derart gravierende Ausbeutungspraktiken schlicht «übersehen». Polizeiliche gemeinsame Arbeit bringt Früchte, vor allem wenn sie von politischem Willen getragen wird. Dieser scheint in weiten Bereichen zu fehlen – bislang.    •

Paulus, Manfred. Menschenhandel und Sexsklaverei – entlang der Donau. Anwerbungsmethoden, Schleusungspraktiken, Ausbeutungsformen. Klemm+Oelschläger Verlag, Ulm 2018. 163 Seiten, Fr. 14.90