Der Kaufentschluss

Wie Macron Präsident wurde … oder warum doch lieber eine Leselampe

rt. Der Einsatz von PR-Kampagnen, die in Millisekunden Botschaften mit unbewussten Gefühlen verknüpfen, wurde in den vergangenen neunzig Jahren perfektioniert. Ausgehend von dem US-Amerikaner und Neffen Siegmund Freuds, Edward Bernays1, hat die PR-Industrie mit Hilfe der Sozialwissenschaften immer raffiniertere Methoden der Beeinflussung entwickelt. Zum alltäglichen Geschäft gehört es, fernab von rationalen Erwägungen einen Adressaten zu bestimmten Verhaltensweisen zu bewegen. Dabei werden zum Beispiel positive Gefühle geweckt, es können aber auch Aversionen erzeugt werden. An diese Emotionen werden Produkte geknüpft. Verkaufszahlen weisen den Erfolg nach: «Wer hat einen weiteren Haarfön gekauft, obwohl er noch einen zu Hause hat?»
Nicht nur im Konsumbereich werden diese Techniken verwendet, auch im politischen und vorpolitischen Raum werden PR-Agenturen engagiert.2 Es werden nicht nur Produkte verkauft, sondern auch Einstellungen oder politische Präferenzen. Man denke an den kurzen und vernetzten Auftritt jener jung, dynamisch und sympathisch daherkommenden Truppe Operation Libero, die uns weis machte, dass es gut sei, wenn andere über unsere ureigensten Belange bestimmen.
Oder man denke an den kometenhaften Aufstieg der sogenannten Bewegung En Marche des jugendlichen Newcomers Emmanuel Macron. Er trat mit der Aura auf, dass mit ihm alles möglich würde. Mit einer PR-Kampagne war es gelungen, ihn als Heilsbringer zu verkaufen, obwohl sein Leistungsausweis übersichtlich und sein Erfahrungshintergrund bescheiden war und sein Programm nichts Neues versprach. Tatkräftig unterstützt wurde seine Kampagne von Finanzkreisen jenseits des Atlantiks,3 wie das häufig der Fall ist.
Nach nur wenigen Monaten setzte die Ernüchterung ein. Die Realität hielt wieder Einzug in Frankreich. Wie nach einem Rausch rieb man sich verwundert die Augen. Wie konnte das passieren? Wieder einmal hatte man sich erhofft, dass mit dem nächsten Präsidenten, Kanzler, König, Abgeordneten, Senator usw. alles anders werden würde. Zumindest ein biss­chen. Vielleicht. Wie schon so oft …
Während man den Fön, den man in der Werbung so bewundert und in einem Anflug von Kaufrausch erworben hat, wieder zurückbringen oder umtauschen kann, ist der Schaden, der in der Politik entsteht, unter Umständen immens. Eine Art von Produktprüfung bzw. -haftung, Rückgabe- oder Umtauschrecht wäre in der Politik vielleicht auch überdenkenswert.
Noch besser ist es, die eigene Entscheidung für den Kauf des Föns kurz zurückzustellen, nochmals zu durchdenken oder mit der Ehefrau oder dem Ehemann zu besprechen. Vielleicht wäre der Kauf einer Leselampe dann doch sinnvoller?    •

1    vgl. Bernays, Edward. Propaganda. Die Kunst der Public Relations. Berlin 2013 (Erstausgabe USA 1928)
2    vgl. Becker, Jörg. Krieg an der Propagandafront: Wie PR-Agenturen und Medien die Öffentlichkeit entmündigen, in: Mies, Ullrich; Wernicke, Jens. Fassadendemokratie und tiefer Staat. Auf dem Weg in ein autoritäres Zeitalter. Wien 2017
3    vgl. Meyssan, Thierry. «Wessen Schuldner ist Emmanuel Macron», in: Zeit-Fragen Nr. 29/30 vom 18.12.2018 [https://www.zeit-fragen.ch/de/ausgaben/2018/nr-2930-18-dezember-2018/wessen-schuldner-ist-emmanuel-macron.html]