Eine für alle – mein Leben als Schäferin

Ein Buch von Ruth Häckh

von Margrit Burch

Ruth Häckh ist seit über 30 Jahren als Schäferin mit ihren Schafherden von bis zu 800 Tieren unterwegs. Für die 200 Kilometer, die zwischen den Sommerweiden auf der Schwäbischen Alb und dem Winterquartier am Bodensee liegen, war sie vier Wochen unterwegs.

Ruth Häckh mit ihren Hütehunden Sammy und Joey und ihren Schafen. (Bild aus dem Buch)

Ruth Häckh wurde 1962 geboren, und bereits ihr Vater war Schäfer aus Leidenschaft.Da sie eine sehr gute Schülerin war, kam der Lehrer zu den Eltern und meinte, das Mädchen müsse das Gymnasium absolvieren. Nach dem Abitur war sie auf der Suche nach einem möglichen Beruf. Am liebsten hatte sie schon damals mit Tieren zu tun. Nach einem 15monatigen Praktikum als Tierpflegerin im Zoologischen Garten von Stuttgart war ihr klar, dass sie nicht in einem Zoo arbeiten wollte. Sie entschied sich für ein Archäologiestudium, da sie während der Schulzeit bei Ausgrabungen mitarbeiten durfte. Da ihr die Uni zu theoretisch war, entschloss sie sich nach zwei Jahren, wie ihr Vater Schäfer zu werden. Sie wurde die erste Wanderschäferin Deutschlands. Zuerst absolvierte sie die Lehre im elterlichen Betrieb und arbeitete später auf Farmen in Australien und Neuseeland. Es zog sie aber immer wieder zurück in die schwäbische Heimat.
Ruth Häckh beschreibt in ihrem Buch1 eindrücklich und detailliert ihre Arbeit als Schäferin. Für diesen Beruf brauche es eher Berufung: vor allem Naturverbundenheit, eine grosse Liebe zu den Tieren, Schafen (Merinoschafe) und den altdeutschen Hütehunden, und ein besonderes Durchhaltevermögen. Wie weit die Naturverbundenheit reiche, zeige sich, wenn es den ganzen Tag in Strömen regne, wenn es den ganzen Tag durch Matsch und Pfützen gehe, wenn einem der Wind um die Ohren pfeife und der Regen ins Gesicht peitsche, wenn das Thermometer unter Null falle, die Nase rot anlaufe und die Zehen abzufrieren drohten. Trotzdem will sie dieses Buch als Liebeserklärung an den Schäferberuf verstanden wissen. Sie habe ihre Berufswahl nie bereut. Es sei der schönste Beruf der Welt, aber er sei auch mühsam, kräftezehrend und bisweilen nervenaufreibend. Viele Menschen würden denken, das sei doch ein romantischer Job, wenn sie bei schönem Wetter friedlich grasenden Schafen zuschauen. Aber für den Schäfer, der da stehe und die ganze Verantwortung trage, sei es weniger romantisch.

Etwas vom anspruchsvollsten sei die Arbeit mit den Hunden. Der Schäfer müsse lernen, seine Hunde selbst auszubilden. Ein gut ausgebildeter Hütehund müsse genau verstehen, was der Schäfer von ihm wolle, und auch willens sein, dem Schäfer zu gehorchen. Er müsse in der Lage sein, mit einer Herde von manchmal bis zu 1000 Schafen und anderen Hütehunden täglich viele Kilometer zu laufen und manchmal auch dicht befahrene Strassen zu überqueren. Die Ausbildung eines Hütehundes erfordere grosse Geduld, Einfühlungsvermögen und eine konsequente Haltung.Heute haben die Schäfer noch ganz andere Probleme: Immer weniger Weideland sei vorhanden. Dazu kommen immer wieder neue unsinnige Vorschriften der EU. 2013 hat Ruth Häckh mit Schäfern aus ganz Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg demonstriert. Ziel war, anwesend zu sein, wenn das Gericht über eine Klage der deutschen Schäfer gegen die elektronische Einzeltierkennzeichnung verhandle. Europaweit habe sich in Schäferkreisen Unmut angesammelt gegen dieses von der EU ersonnene bürokratische Monster. Die deutschen Schäfer seien aus ganz Deutschland in ihren traditionellen Schäferkleidungen angereist. Es seien auch Schäfer aus Frankreich und aus Schottland gekommen, welche die Botschaft der deutschen Schäfer in ihre Region weitertragen konnten. Der Anfang für einen Zusammenschluss der europäischen Schäfer war gemacht.Hirten aller Länder, vereinigt euch! Mit der Fahrt nach Luxemburg fing es an. Seither hat sich Ruth Häckh als Vertreterin der deutschen Berufsschäfer mit den Hirten und Schäfern auf der ganzen Welt ausgetauscht. Es wurden Konferenzen, Messen und Zusammenkünfte organisiert, und sie hat Hirten aus vielen Teilen der Welt kennengelernt. Ihre Reisen führten sie nach Frankreich, Italien und bis nach Kenia und Indien. Sie hat Vorträge gehalten und Vorträgen zugehört und festgestellt, dass die Kollegen von überall ums Überleben kämpfen. Die Bedrohung habe überall ähnliche Gründe: das geringe Einkommen, das die Weidewirtschaft einbringe. Die Schrumpfung des Lebensraums ihrer Herden. Eine Bürokratie, die Hirten und Schäfern mit unsinnigen Vorschriften die Arbeit erschwere und verleide. Und schliesslich Raubtiere, von denen der Wolf in Europa den grössten Schaden anrichte.Fazit: Das Buch von Ruth Häckh ist wunderbar. Es ist unterhaltsam, witzig, sehr informativ und herzerwärmend persönlich. Beeindruckt hat mich auch ihr Respekt vor Mensch und Tier. Es sind viele wunderschöne Fotos darin, und der Leser kann sich das Leben eines Schäfers ein bisschen realistischer vorstellen.    •

1    Häckh, Ruth. Eine für alle. Mein Leben als Schäferin. München 2018