Kulturelle Verwahrlosung – Das Kernproblem von Massentötungen

von Bob Barr, Georgia (USA)*

ef. Immer wieder erreichen uns schockierende Meldungen über Massentötungen aus allen Teilen der Welt, zuletzt aus der Kleinstadt Poway, nördlich von San Diego im Bundesstaat Kalifornien. Dort hat am 27. April ein 19jähriger bewaffneter Angreifer in einer Synagoge eine Person erschossen und drei weitere verletzt. In den USA hat laut Statistik des FBI die sogenannte Hass­kriminalität im Jahr 2017 verglichen mit dem Vorjahr um 17 % zugenommen. Kontrovers wird die Frage nach den Ursachen solcher Taten diskutiert. Oft wird behauptet, die Ursache sei die leichte Verfügbarkeit von Waffen. Es gibt aber auch gewichtige Gegenargumente zu dieser These. Bob Barr, Rechtsanwalt, Dozent für Verfassungsrecht und langjähriger Kongressabgeordneter aus Georgia (USA), hat Zeit-Fragen hierzu seine grundlegenden Überlegungen zukommen lassen, die wir im folgenden abdrucken.

Nach den tragischen Schiessereien der vergangenen Woche in einer jüdischen Synagoge vor den Toren San Diegos, Kalifornien, konzentriert sich die Aufmerksamkeit wieder einmal weitgehend auf die Instrumente, die bei dem Mord zum Einsatz kamen, und nicht auf die eigentlichen Ursachen des Vorfalls; insbesondere auf die verwahrloste Internet-Community, in der dieser und andere junge Mörder leben.
Abgesehen von den Opfern dieser mörderischen Raubzüge und den mutigen Ersthelfern der öffentlichen Sicherheit, sind wir Bürger weitgehend von den eigentlichen Schrecken des Massenmords isoliert. Uns bleiben die schrecklichen Bilder von Körpern erspart, die von Bomben und Kugeln zerrissen wurden; die markerschütternden Schreie der Opfer, die in kürzester Zeit verfolgt und ermordet werden; der Gestank des Todes vermischt mit Pulverdampf. Diese Details sind viel zu beunruhigend für die Öffentlichkeit (zu Recht), weshalb herkömmliche Überzeugungen viele glauben lassen, dass solche Gewalt häufiger vorkommt, als es wirklich der Fall ist. Als ob es so einfach wäre, eine Waffe in die Hand zu nehmen und eine Kirche zu beschiessen, wie wenn man ein Videospiel spielt. Das ist es nicht.
Massentötung ist keine normale Handlung für einen Menschen; selbst für die meisten hartgesottenen Kriminellen nicht. Wir sind nicht für das gefühllose, wahllose Töten gebaut, es sei denn, wir hören auf, andere Menschen als Menschen anzusehen. So geschah der Holocaust in einer hoch gebildeten, industrialisierten Nation; oder ein 19jähriger aus San Diego läuft in eine Synagoge, um ein einziges Ziel zu verfolgen: andere Menschen zu töten.
Wenn wir unsere emotionale Aufmerksamkeit nach solchen Tragödien auf die Art der verwendeten Schusswaffe richten (wie wir es in der Regel tun) oder darauf, ob der Erste Verfassungszusatz auch die Hassrede schützen sollte, können wir die grösste Gefahr von allen und die Grundursache dieser Verbrechen nicht in den Blick nehmen: die soziale Isolation der Täter.
Wo immer man in der heutigen Gesellschaft hinschaut, sind Beispiele für eine zunehmende soziale Isolation erkennbar. Viele Beispiele mögen als unbedenklich angesehen werden – digitale Kundenbetreuung und Kioske für die Bestellung von Fastfood bis hin zu Medikamenten. Aber andere Beispiele sind finsterer – Kinder, die Online-Spiele mit Fremden bevorzugen gegenüber dem Mannschaftssport mit Freunden, oder schlimmer noch, erwachsene Männer, die Sexroboter den tatsächlichen menschlichen Beziehungen vorziehen.
Die Folge einer solchen sozialen Isolation ist eine wachsende Entfremdung von anderen Menschen; und die kann, wie wir in letzter Zeit gesehen haben, tödlich sein.
Viele von uns haben das Glück, menschliche Gemeinschaften bei der Arbeit, in der Schule oder in der Kirche zu finden und sich ihnen anzuschliessen, um so eine gute Grundlage für sich zu schaffen. Aber immer mehr unserer Mitmenschen tun dies nicht und haben sich statt dessen dem Internet zugewandt, um ein Gefühl von Wert und Zugehörigkeit, ja, sogar eine neue persönliche Identität zu erlangen.
Es überrascht nicht, dass sowohl die Mörder von San Diego als auch von Christ­church demselben Internetforum angehörten: einem Online-Verbundsystem [online-ecosystem]mit gleichem Anteil an politischem Extremismus und Internet-Machotum. Hier wird das politisch Inkorrekte um so mehr bejubelt, je aggressiver die Aussage ist. Bald ist der Hass kein Witz mehr, sondern eine Überzeugung; ein Radikalisierungsprozess, der auf dem Weg dorthin von namenlosen «Freunden» auf der anderen Seite der digitalen Verbindung angeregt wird, die ähnlich losgelöst von den realen Gesichtern sind, die sie verspotten und denen sie nachjagen.
Als der Killer aus San Diego seiner digitalen «community» seinen mörderischen Plan ankündigte, forderten ihn die Mitglieder des «message board» auf, «die Höchstpunktzahl zu erreichen» – ein abscheulicher Slang für die Zahl der Opfer. Das war seine neue «Familie», und das war ihre Form der «Liebe», genau wie für den Schützen von Christ­church und andere junge Massenmörder wie den Mörder von Charleston.
So beunruhigend dieses Phänomen auch sein mag, es wird sich weiter verschärfen, da kulturelle und soziale Institutionen zunehmend abgewertet und untergraben werden.  Die Zwei-Eltern-Kernfamilie und ihre Förderung werden immer seltener. Religiöse Institutionen werden ständig angegriffen, die Kirchenzugehörigkeit ist auf einem historischen Tiefstand angekommen. Das traditionelle Leben an den Colleges wird schnell zu einem Relikt der Vergangenheit, da Bruderschaften und Studentenvereinigungen mit der Political-Correctness-Campusbewegung kollidieren, die erklärt, dass jede Gruppenaktivität, die eine Bindung auf der Grundlage gemeinsamer Ideale fördert, als «diskriminierend» erklärt und daher verboten wird.
Politisch agieren wir jetzt in einem Klima, in dem Gewalt gegen andere Menschen die neue Norm ist, und selbst Kongressmitglieder fordern offen das Stalking und die Einschüchterung von Gegnern. Es wird keine Gelegenheit ausgelassen, das berufliche und persönliche Leben eines Gegners auf Grund einer politischen Meinungsverschiedenheit zu ruinieren.  Gesetze werden diskutiert, erlassen und dann auch noch verherrlicht – wie in New York und Virginia –, wonach man Neugeborene sterben lassen kann.  Es ist unübersehbar, dass nichts mehr, was das Leben oder die Werte herabwürdigt, als völlig inakzeptabel gilt.
Und trotzdem scheinen wir in einer so elenden und tristen Umgebung irgendwie überrascht zu sein, wenn ein Internet-Junkie im wirklichen Leben das durchführt, was er und seine gesichtslosen Kollegen täglich auf ihren Laptops üben.    •

* Bob Barr, Jahrgang 1948, ist Rechtsanwalt und Dozent für Verfassungsrecht. Vor einigen Jahren initiierte er im US-Bundesstaat Georgia eine Bürgerbewegung. Von 1995 bis 2003 war er Abgeordneter der Republikaner im Repräsentantenhaus. Nach dem 11. September 2001 brach Barr mit den Republikanern aus Protest gegen die Massenüberwachung durch den Patriot Act bzw. die Aushebelung der bürgerlichen Freiheiten. 2006 wurde er Mitglied der Libertarian Party und war ihr Kandidat für die Präsidentschaftswahl 2008. Im Jahr 2006 wurde er von der Arbeitsgemeinschaft «Mut zur Ethik» mit dem «Civil Liberties Award» für seinen Mut und seine Arbeit für den Erhalt der Bürgerrechte und der Bürgerfreiheiten ausgezeichnet.

Quelle: Townhall.com vom 2.5.2019

(Übersetzung Zeit-Fragen)