«Margarethes Wolken» und die «Macht des Menschlichen»

von Dr. rer. publ. Werner Wüthrich

Es gibt etliche Berichte über das Schicksal der deutschen Bevölkerung in Ostpreussen nach dem Zusammenbruch der Ostfront im Januar 1945. Manches davon ist auch verfilmt worden. Am bekanntesten ist wahrscheinlich der Bericht von Marion Gräfin Dönhoff, die im Januar 1945 von ihrem Gutshof bei Königsberg aufgebrochen ist und einen grossen Treck mit Flüchtlingen nach Süden geführt hat.

Das Buch «Margarethes Wolken» ist etwas Besonderes. Es schildert die Welt einer Jugendlichen, die versuchen musste, mit den Ereignissen von damals zurechtzukommen. Die Autorin, Maria Josefa Martinez, besuchte die heute 91jährige Margarethe (geboren im Winter 1928) und sprach mit ihr über ihr Leben – über die mehr oder weniger glücklichen Jahre ihrer Kindheit in Labiau, einem Dorf bei Königsberg in Ostpreussen – und über die schweren Jahre danach. Ihr Vater war Sozialdemokrat, der die politische Entwicklung damals ziemlich realistisch eingeschätzt hat. Seine
politische Einstellung entsprach nicht dem Zeitgeist jener Jahre, und er musste deshalb Nachteile in Kauf nehmen und seine Familie mit Gelegenheitsarbeiten durchbringen: «Nein, der Russe und der Rest der Welt sind nicht unsere Feinde, Hitler ist unser Feind. Wir werden dafür zur Rechenschaft gezogen werden.» Oder als die Wehrmacht 1941 die Sowjet­union überfiel: «Was Napoleon nicht schaffte, das schafft der Adolf auch nicht.» «Wir Deutschen werden dafür büssen müssen.»
Margarethe war eine aufmerksame und gute Schülerin und wollte einmal Lehrerin werden. Sie erlebte Gemeinschaft beim Jungmädelbund – der Hitler-Jugend für Mädchen. Vieles verstand sie zwar nicht – zum Beispiel, als jüdische Schulfreundinnen eines Tages einfach nicht mehr in die Schule kamen, oder als ein Jude sein Geschäft schloss und nach Amerika auswanderte. Der Krieg kam mit anfänglich schnellen Siegen. 1941 griff die Wehrmacht die Sowjetunion an. Margarethe wollte ans Lehrerseminar in Königsberg. Die Eltern erlaubten es nicht. Schlimme Zeiten kämen auf sie zu, und sie würde die Ausbildung nicht beenden können. «‹Nicht jetzt!›, sagte ihr Vater, ‹ich werde bestimmt wieder einberufen, und ihr müsst als Familie zusammenbleiben.›»
Bald kamen die ersten Schicksalsschläge. Der Mann ihrer Schwester war vor Moskau gefallen. Sie hatten ein Jahr zuvor geheiratet und hatten ein zwei Monate altes Baby. Warum sagt man «gefallen», wo er doch getötet wurde? Margarethe verstand es nicht. Nach «Stalingrad» verschlechterte sich ihre Situation mehr und mehr. Margarethe muss­te nach der Schule auf einem Bauernhof ein Pflichtjahr absolvieren. Der Bauer war in der Partei, Ortsbauernführer und beschäftigte auf dem Hof auch Kriegsgefangene. Parteiprominenz war oft zu Besuch. 1944 wurde die Stimmung in der Familie immer bedrückender. Italienische Kriegsgefangene bauten vor ihrem Haus einen Panzergraben, und Vater Paul wurde mit über vierzig Jahren noch in den Volkssturm einberufen. An Weihnachten 1944 erhielt ihr Vater Urlaub, und die Familie traf Vorbereitungen für die Flucht, was streng verboten war. Haustiere wurden geschlachtet, das Fleisch eingesalzen, wertvolle Gegenstände vergraben und vieles mehr. Margarethe erhielt einen wunderschönen, knallroten Angorapullover geschenkt. Es sollte Mutters letztes Geschenk an sie sein.
Vater Paul durfte wie alle Soldaten nicht berichten, wo er eingesetzt wurde. Als der Briefkontakt abbrach, hatte niemand eine Ahnung, wo er sich befand und ob er überhaupt noch lebte. Viele wurden im Chaos des Krieges einfach vermisst, und ihr Tod wurde nirgends registriert.

Panik und Flucht

Margarethe arbeitete bei ihrer «Pflichtfamilie» auf dem Bauernhof. Der Bauer schimpfte über «Fluchtverräter», aber ihr fiel auf, dass hinter dem Bauernhaus ein gepackter Planwagen stand. Die Göbbelsche Kriegspropaganda sprach gar davon, dass die Russen alle Deutschen umbringen würden und entschlossener Widerstand deshalb unerlässlich sei. Bald war der Donner der Kanonen zu hören. Die ersten Granaten trafen die Scheune und den Stall, die bald lichterloh brannten. Tote und verletzte Tiere, die um das Überleben kämpften und in Panik flohen – Pferde, Kühe, Schafe, Hunde, Hühner, Schwäne und Gänse. Überstürzt brach der Treck der Flüchtenden Richtung Süden auf – im Wissen, dass es kein Zurück mehr gab. Die Hauptstrassen waren für das Militär gesperrt, und sie mussten Nebenwege benutzen. Im Durcheinander fand Margarethe keine Möglichkeit mehr, zu ihrer eigenen Familie zurückzukehren, und sie war gezwungen, sich dem Treck anzuschliessen.
Die misslichen Verhältnisse und die Kälte im Januar 1945 verhinderten ein schnelles Vorwärtskommen. Immer mehr Flüchtlinge schlossen sich an, so dass sich ein Zug von 9 Kilometer Länge bildete, der nur langsam vorwärtskam. Niemand kannte wirklich den Weg. So kam es vor, dass sie am Morgen losmarschierten und am Abend wieder am Ort ankamen, an dem sie am Morgen losgezogen waren. Sie waren im Kreis gelaufen. Es war vor allem ein Zug von Frauen, Kindern und alten Leuten. Die meisten Männer waren im Militär. Vor allem Babys, kleine Kinder und alte Personen starben in der Januarkälte und an Hunger in grosser Zahl. Sie lagen im Schnee. Begraben wurde niemand.
Russische Soldaten hatten den Treck bald eingeholt. Nun kam es zu Vergewaltigungen. Jüngere Frauen waren besonders gefährdet. Die älteren Frauen des Trecks versteckten die 16jährige Margarethe am Abend möglichst unter Stroh, wo sie sich nicht bewegen durfte. «Sonst wirst du vergewaltigt», sagten sie. Weil sie gar nicht richtig aufgeklärt war, wusste Margarethe nicht, was damit gemeint war. Sie glaubte, dass sie von den Russen auf eine besonders grausame Art getötet werde, da die Russen, wie die Propaganda behauptete, ohnehin alle Deutschen töten würden. Margarethe wurde mehrere Male vergewaltigt.

Zurück nach Labiau

Zufällig traf Margarethe im Treck die Schwester ihrer Mutter. Sie berichtete, dass sich ihre Mutter und ihre Geschwister noch in Labiau im Elternhaus aufhielten und wahrscheinlich noch dort seien. Nach langem Warten waren sie ohne Margarethe aufgebrochen – aber nach Osten, in der trügerischen Hoffnung, dass die deutschen Soldaten sie beschützen würden. Später gingen sie nach Königsberg, in der Hoffnung, dass es dort sicherer sei. Sie erlebten und überlebten die Bombardierung und die Beschiessung der Stadt. Wiederum mit viel Glück kehrten sie in ihr Haus in Labiau zurück und erwarteten die Ankunft der Russen.
Margarethe verliess den Treck, der weiter nach Süden zog, und kehrte ebenfalls in ihr Elternhaus zurück. Die Familie – wieder vereint – erwartete die Ankunft der Russen. Diese brachten sie nicht um, wie die Propaganda behauptet hatte – im Gegenteil: «Ein russischer Soldat passt wahrhaft ein bisschen auf uns auf. Er bringt uns täglich Lebensmittel. Mal schenkt er uns Kartoffeln, mal ein Stück Fleisch.» Aber sie durften sich nicht frei bewegen. Einige Tage geschah nichts, und Margarethe wurde für Arbeiten an der Strasse eingesetzt. Die Soldaten warteten auf Befehle, vermutete ihre Mutter richtig. «Die Hauptsache – wir sind zusammen.»

Labiau wird «aufgeräumt», die Familie getrennt …

Diese Befehle kamen dann auch. Ein Soldat teilte ihnen mit, dass sie sich auf eine lange Reise vorbereiten sollten. Labiau werde aufgeräumt. Die sowjetische Führung hatte offenbar beschlossen, die Zivilbevölkerung von Ostpreussen – soweit sie nicht geflohen war – zu deportieren und die Arbeitsfähigen in das Lagersystem der Kriegsgefangenen einzugliedern, die die Aufgabe hatten, beim Wiederaufbau der kriegszerstörten Sowjet­union mitzuhelfen.
Margarethe erlebte etwas ganz Schreckliches. Die Soldaten trennten die Familie, zerrten Margarethe auf einen Lastwagen und fuhren einfach los. «Mama! Nein, nein, nein! Lasst mich hier raus!» – Alles Schreien und Weinen nützte nichts. Die Fahrt ging weiter in einem Güterzug in Richtung Ural. Margarethe erzählt: «Das war das Schlimmste, das ich je erlebt habe. […] Ich kannte niemanden, ich war das erste Mal in meinem Leben wirklich allein. Es waren auch keine Gleichaltrigen im Güterwagen.» Sie weinte ununterbrochen – bis eine Frau ihr sagte, dass hier alle um ihr Leben fürchten. Die Versorgung und die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal, so dass viele im Zug starben. Am Morgen schubste Margarethe jeweils ihre Nachbarin, um sich zu vergewissern, dass sie noch lebte. Dann ging die Waggontüre auf, und ein Soldat kommandierte: «Zuerst Tote raus, dawei!»

Zwangsarbeit

Margarethe kam auf eine Kolchose – einen staatlichen, landwirtschaftlichen Betrieb. Dort war es ebenfalls ganz schlimm. «Wir mussten uns Erdbaracken selber bauen, um ein Dach über dem Kopf zu haben. Ich war voller Läuse und hatte die Krätze, wir waren voller Dreck und sahen mit unseren kahl rasierten Köpfen erbärmlich aus. Jede Kartoffel, die bei der Ernte unbeaufsichtigt war, schlangen wir roh und voller Erde und Steinchen herunter.» Nach einigen Monaten ging die Reise noch weiter ins Innere von Sibirien – in das Arbeitslager Kopeisk mit etwa 2000 Gefangenen bzw. Zwangsarbeiterinnen – vor allem Frauen und etwa 100 jugendlichen Kriegsgefangenen. Sie kamen aus verschiedenen Ländern und mussten zusammen mit russischen Arbeitern im Bergwerk Kohle abbauen. Hier arbeitete sie 3 Jahre untertags – ohne von ihrer Familie irgend etwas zu hören und ohne auch nur zu wissen, wo sich ihre Eltern und ihre Geschwister aufhielten.

Das Rote Kreuz gibt Hoffnung

1948 – nach zwei Jahren – bekam sie einen kleinen Lohn, mit dem sie etwas kaufen konnte. In dieser Zeit kamen Leute vom Roten Kreuz. Sie nahmen ihre Personalien auf und sicherten ihr zu, ihre Familienmitglieder ausfindig zu machen. Während des Krieges durften die Soldaten nicht sagen, wo sie eingesetzt waren, so dass nach dem Krieg niemand wusste, wer wo war. Das Rote Kreuz leistete Grossartiges: Bald bekam Margarethe eine Karte von ihrer Schwester – allerdings mit einer Hiobsbotschaft: Ihre Mutter sei bei ihrem Arbeitseinsatz an Hunger und Kälte gestorben. Ein Grab gebe es nicht. Bald kam eine zweite Karte mit der Mitteilung, ihr Vater lebe und befinde sich in Schleiden in der Eifel. Er war verwundet und bald aus der Gefangenschaft entlassen worden und hatte bei einer netten Familie Unterschlupf gefunden. Nun hatte Margarethe nur noch ein Ziel, wieder nach Hause zu kommen – und das war dort, wo ihr Vater sich befand. Als ihr jemand erzählte, dass sie früher reisen könne, wenn sie gut arbeite, leistete sie in der Grube Doppelschichten. «Also wenn wir nach sechzehn Stunden Arbeit wieder über Tag waren, konnten wir kaum noch ‹japsen›, geschweige denn noch gerade auf den Beinen stehen.» 1949 war es soweit – wahrscheinlich weniger wegen der guten Arbeit, sondern es war der politische Entscheid in Moskau, die meisten Lager aufzulösen. Im November 1949 konnte Margarethe – 21jährig – ihre Sachen packen. Es war nicht viel mehr als das, was sie auf dem Leibe trug – und nach drei Wochen Fahrt konnte sie ihren Vater in die Arme schliessen. Es kamen die schönsten Tage in ihrem Leben, erzählte Margarethe. Aus ihrem ursprünglichen Plan, Lehrerin zu werden, wurde nichts. Sie musste Geld verdienen und fand bald Arbeit in einer Papierfabrik. Und sie lernte einen netten Mann kennen, heiratete und bekam zwei Kinder, die später selber wieder Familien gründeten, so dass Margarethe viel Freude mit ihren Enkeln erleben durfte.

Die Macht des Menschlichen

Frau Martinez, die Autorin des Buches, fragte Margarethe, was sie von ihrem Leben halte? – «Die Frage, was aus mir geworden ist, ich sagte dir bereits – eine glückliche Frau – es ist in meiner Seele verankert. Ich bin eine glückliche Frau, weil ich zwei wundervolle Kinder geboren habe. Besonders glücklich macht es mich, dass mein Vater, den ich heute noch sehr vermisse, meine Kinder hat aufwachsen sehen. Das ist ein Glück!»
Der Leser fragt sich unweigerlich, wie so etwas möglich ist. Kann man nach einer solchen Jugend positiv zurückschauen? In den Worten der heute 91jährigen ist keine Verbitterung zu hören, keinerlei Ressentiment oder gar Hass auf die Russen – im Gegenteil. Was mag der Grund sein? Es fällt in den Erzählungen Margarethes auf, dass sie auch in den dunkelsten Momenten immer wieder Menschliches erfahren hat, für das sie offen war und das ihr Halt gegeben hat. Die positive Einstellung des Vaters gegenüber den Russen half ihr in dieser schweren Zeit, die Mitmenschlichkeit, die sie bei den Russen immer wieder erlebte, wirklich zu empfinden.
Oft hatte sie allerdings Grund, zu verzweifeln und mit ihrem Schicksal zu hadern: Auf dem Treck nach Süden haben Soldaten die 16jährige Jugendliche mehrfach vergewaltigt. Ein russischer Offizier setzte sich zwar für sie ein und sagte ihr, dass er die Soldaten bestrafen werde. Am anderen Tag war er jedoch nicht mehr da, da der Krieg noch nicht zu Ende war. Ein anderer russischer Offizier versprach ihr ebenfalls, etwas gegen das Unrecht zu tun. Mehr noch – er gab ihr einen Tip: Die Frauen sollten den Soldaten sagen, dass sie an Typhus erkrankt seien. Davor hätten sie Angst. Das funktionierte.
Auch die Russen hatten viel Gewalt erfahren. Von den fünf Millionen russischen Kriegsgefangen zum Beispiel, die sich in der «Obhut» der Wehrmacht und der SS befanden, hatten nur zwei Millionen überlebt. Margarethe hat dies erst später erfahren und urteilt heute nachdenklich: «Ich erinnere mich sehr lebendig, was uns Mädchen durch die Vergewaltigung passiert ist. Manchmal weiss ich nicht, ob ich dabei an Schicksal, Scham oder sogar an gerechte Handlung an den Mördern all der russischen Menschen denken soll. Wobei – menschlich und gerecht war das nicht.»
Auch im Kohlebergwerk in Sibirien traf sie immer wieder Personen, die ihr halfen zu überleben. Es war eben die «Macht des Menschlichen». Margarethe wurde einem russischen Arbeiter als «Schipperin» zugeteilt. Dass er gross und korpulent war und seine Kleider merkwürdig geflickt waren, machte der jungen Frau Angst, und sie bekam Panik. Der Russe erwies sich jedoch als väterlicher, zugewandter Freund, der sie beschützte und auch für sie sorgte. Der Russe schlug als «Hauer» die Kohle aus den Stollenwänden, die Margarethe auf ein Förderband schaufeln musste. Auch im Frauenlager gab es immer wieder ältere Frauen, die sie im Auge hatten. Sie hatte längst keine eigenen Schuhe mehr und trug Werksschuhe, eine Art Galoschen. Als Schutz vor der Kälte und vor Verletzungen war es jedoch notwendig, die Füsse mit Lappen einzuwickeln, die trocken und sauber sein mussten. Irgend jemand unter den Frauen legte ihr solche Lappen – jeweils sorgfältig gewaschen und zusammengelegt – auf ihre Galoschen. Ganz schlimm in diesen Jahren waren der Hunger und die Kälte. «Ihr» Russe brachte Essen von zu Hause mit und half, so gut es eben ging.
Als sie an Typhus erkrankte, erlebte sie in ihrer Baracke eine Gemeinschaft und eine Fürsorge, die ihr das Leben rettete. Die Frauen verhinderten, dass sie ins Lazarett gebracht wurde (weil sie dort mit Sicherheit gestorben wäre) und organisierten die Pflege selber. Dazu stahlen sie kleine Kohlestücke aus der Grube, die sie zerstampften und ein Hausmittel herstellten – einen «matschigen Brei aus Brot, Wasser und Kohlestaub», und sie sorgten mit der Kohle dafür, dass der Ofen jeden Tag für eine Stunde brannte. Margarethe überlebte.

Maria Josefa Martinez. Margarethes Wolken – Ein Leben, Treibgut Verlag, Berlin 2018. (ISBN 978-3-941175-87-7)

Über den russischen Lagerleiter Nikita Chita, der für ihre Baracke zuständig war, berichtet sie mit Respekt. Er war ein «feiner Mensch». Er war stolz auf seine Baracken, in denen es eine Dusche mit warmen Wasser gab. Das war ganz wichtig, um sich nach der Schicht den Kohlestaub abzuwaschen. Gelegentlich organsierte er die Musikkapelle der Komsomolzen (Jugendorganisation der kommunistischen Partei) und bemühte sich, den Frauen die russische Nationalhymne beizubringen. Oder er «verlor» auf seinen Kontrollgängen seine Streichhölzer, die die Frauen brauchten, um für die kranke Margarethe den Ofen einzuheizen. «Ohne sie hätte ich es nicht geschafft, denn sie hätten mich im Kampf um ihr eigenes Leben auch ignorieren können.» Ganz zentral war der Halt in ihrer eigenen Familie. Die Verbindung zu ihr brach nie ab – selbst nicht in den Jahren, als Margarethe gar nicht wusste, wo sich die anderen befanden. Die «Wolken» am Himmel waren der Draht zu ihnen. «Irgendwo sind mein Vater, meine Mutter und meine Geschwister. Sie sehen diese Wolken auch und denken an mich.» Selbst im Fieberwahn während ihrer Typhuserkrankung sprach sie von ihren «Wolken», über die sie mit ihnen in Kontakt stand. «[…] Ich habe mir immer ganz fest vorgestellt, wie Papa und Mama diesen Himmel jetzt auch sehen und fest an mich denken.»

«Macht des Menschlichen»

Das Buch ist etwas Besonderes. Margarethe hätte eigentlich wie andere Mädchen in die Schule gehen und später Lehrerin werden sollen. Weshalb ist sie nicht zu einer verbitterten Frau geworden, die mit ihrem Schicksal hadert? Nein – sie erzählt sogar, dass sie ein glückliches Leben gehabt habe. – Ich denke, die «Macht des Menschlichen» hat das Schreckliche erträglicher gemacht, ihr Los gelindert, die Verzweiflung in den Hintergrund gedrängt und ihr später auch geholfen, in einer neuen Umgebung eine neue Heimat zu finden. – Das allein genügt aber noch nicht als Erklärung. Margarethe hatte festen Halt in ihrer Familie und im Glauben und war deshalb offen, sich den Menschen zuzuwenden. In diesem Sinn schliesst sie ihren Lebensbericht ab:
«Was aus mir geworden ist? Nach wie vor eine glückliche Frau! Ich bin dankbar für meine Familie! Ich bin dankbar für die Zukunft, die ich hatte.» «[…] Heute wenn ich morgens aufwache, aufgescheucht oder ruhig, schaue ich voller Dankbarkeit und Demut aus dem Fenster und beobachte bei jedem Wind und Wetter die Wolken, erfreue mich am Lichtspiel der Natur, höre den Morgengeräuschen dankbar zu – und dann stehe ich wieder auf.»     •

Das Menschliche an die Macht!

ww. Warum nur immer wieder neue Kriege? – Zeit-Fragen hat vor einigen Wochen das Buch von Heinrich Gerlach «Durchbruch bei Stalingrad» vorgestellt. Gerlach war Lehrer in Lyck, ebenfalls ein Dorf bei Königsberg. Er schildert als Zeitzeuge das Schicksal der deutschen Soldaten in Stalingrad und die Gefangenschaft danach (vgl. Zeit-Fragen Nr. 26 vom 20.11.2018). Margarethe schildert das Los der Zivilbevölkerung, die Schrecknisse der Flucht und die jahrelange Zwangsarbeit. Beide haben ihre Heimat verloren. Beide haben ihre Familie über Jahre aus den Augen verloren und kamen erst 1949 wieder «nach Hause» – in eine Heimat, die sie sich erst wieder neu erschaffen mussten. Sie haben uns als Zeitzeugen zwei wertvolle Dokumente hinterlassen, die uns nachdenklich stimmen sollten. Solche Bücher sind echt und zeigen, wie der Krieg wirklich ist und was für Folgen er hat. Leider gibt es auch heute nach wie vor viele Kriege. Die Medienberichte bleiben oft an der Oberfläche und stellen den Krieg gar als etwas Alltägliches oder als politisch Notwendiges dar. Dies tun auch viele Politiker. Heute wird erneut hochgerüstet. Deutschland soll seine Militärausgaben verdoppeln, verlangen die Amerikaner. Von der Regierung kommt kein Widerspruch. Atomsperrverträge werden gekündigt, neue modernere Atombomben und -raketen werden gebaut, die noch «erfolgreicher» Tod und Verderben bringen und die Lebensgrundlagen zerstören. Neue Panzer treffen noch besser, und neue Kampfflugzeuge bringen ihre todbringende Last noch schneller und präziser zum Ziel. Neue Militärstützpunkte werden im Osten gebaut, als ob es nicht schon genug davon hätte und obwohl die Nato versprochen hat, sich nicht nach Osten auszudehnen.
Politisch wird erneut eine Front gegen Russland aufgezogen. Als Feindbild muss Putin herhalten, und immer wieder wird die Krim genannt. Dabei war es nicht Putin, der auf dem Maidan in Kiew geputscht und mit Gewalt einen Regime change herbeigeführt hat. Zudem hat die Bevölkerung auf der Krim in einer Volksabstimmung sagen können, was sie will. Eigentlich ein demokratischer Ablauf, der sich als Alternative zur Machtpolitik anbietet und leider viel zu wenig genutzt wird. – Warum hat die Bevölkerung in der Ukraine und in den beiden Ostprovinzen Donezk und Luhansk (die sich mit den neuen politischen Verhältnissen nicht abfinden können) nicht schon längst über ein Autonomiestatut abstimmen können? Der Vertrag von Minsk sieht dies vor. Was sind das für Politiker, die das verhindern und sich von der militärischen Gewalt immer noch Vorteile versprechen, obwohl der Krieg – wie schon tausendfach bewiesen – fast immer in die Katastrophe führt? – Margarethe hat es als eine von Hundertausenden erfahren müssen und erzählt es im vorliegenden Buch. Es ist ein Glück, dass eine Zeitzeugin wie Margarethe sich heute zu Wort meldet!
Es stellt sich unweigerlich die Frage: Warum demonstrieren die Jugendlichen, die heute für das Klima auf die Strasse gehen, nicht auch gegen den Krieg, der die Lebensgrundlagen der Menschen noch viel unmittelbarer und direkter bedroht?